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Full text of "Leben August von Kotzebue's"

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. 


Leben 


Auguſt von Kotzze bu e's. 


seben 


YAusuffvon Kotzze bu e's. 








C ramey Fri — Ma Mıhıa 


bohtred 
geben 


Auguſt von Kotzebue's. 





Nach ſeinen Schriften 
und 


nach authentiſchen Mittheilungen dargeſtellt. 


v 
Verlaß Dich nicht darauf, daß der Haufe groß iſt, 
mit dem Du Uebel thuſt; ſondern gedenke, daß 
Dir die Strafe nicht ferne iſt. — 
Jeſus Sirach. VII. 17, 18. 


Leipzig: 
3. A. Brodhaus. 





1820. 


— vI — — 


digen nur ſchlaͤfrige Zuhoͤrer und taube Oh— 
ren macht. Darum erwarte bier nicht der⸗ 
gleichen; auch nicht die Wiederholung deffen, 
was feit mehreren Monaten an hundert Or⸗ 
ten über von Koßebue gedrudt ſteht. Den⸗ 
noch kann nur wenig Meues im Einzelnen 
. verheißen werden: wenn gleid) das Lebens- 
gemälde, wie es daſteht, dadurch eine eigen- 
tbümlihe Neuheit des Kolorits erhält, daß 
der Mann felbft immer redend eingeführt 
wird; weshalb die fämmtliden Schriften 
K—s, (mit Ausnahme der dramatifchen, 
von welchen er. immer behauptete, daß er 
an ihnen nicht felbft fpreche, fondern feine 

Theatercharaktere reden laffe,) fleißig benutzt 

find, wie es Anlage und Plan mit fi 
brachten. 


Vielleicht wird mancher Fehler zu be- 
richtigen, manche Lücke zu ergänzen feyn. 
Beides foll dankbar erfannt werden, wenn 
nur nicht verkannt wird, daß für Sung und 


Alt in diefem Buche viele wohl zu beruͤck⸗ 

fihtigende, fleißig zu erwägende Fingerzeige, 
zu welhen K—s Leben, Wirken und Tod 
anmahnt, redlich gegeben find. — Einige 
Punkte, als die angefchuldigee Autorfchaft 
der Erpeftorationen, blieben abfichtlid uns 
berührt. Vor allem find, nach Anleitung 
der auf den legten Blättern nambaft gemach⸗ 
ten Berichtigungen, in dieſer Schrift manche 
Fehler zu verbeffern, die wohl, nur. der 
fleinern Hälfte nah, der Schuld der unle- 
ferlihen Handſchrift beigemeffen werden duͤr⸗ 
fen. Andere dort nicht angegebene, aber 
leicht zu errathene Fehler, 3. B. etwannige 
Merwechfelung bes m und n, und kleine 
Verſehen gegen die Interpunktion, mögen 
da, mo fie dem Auge des Korreftors ent: 
gangen find, gefälligft berichtige werden. — 


Die eigentliche Würdigung der fchrift« 
ſtelleriſchen, befonders der dramatifchen Ar⸗ 
beiten RS, zu einer vollſtaͤndigen Kritif 


über ihn, lag nit in dem Zwecke biefer 
Schrift. In den fritifchen Blättern Des 
In- und Auslandes find dazu, feit dreißig 
Sahren, fehägbare Materialien niedergelegt, 
welche zu benußen und zu fammeln, zunächft 
ift der Beruf der Afademien der Wiffen- 
ſchaften, deren Mitglied v. K. war, und in 
deren Mitte ftatutenmäßig fein Andenfen 
mit Sobreden begangen werden muß. 


Naͤher lag es, dir, geliebter Sefer! hier 
den gefchichtlichen Standpunfe zu bezeichnen, 
auf welchen. das beutfche Waterland feinen 
entarteten Zögling fallen und die traurigen 
Folgen jenes Todes fich verbreiten fah. 
Nicht etwannige Sorge vor dem meiten - 
Banne der Vehmgeüchte Eonnte den Vers 
faffer beftimmen, das zu verfchweigen, was 
eine Bekanntſchaft mit der Gefchichte fo 
deutlich erfennen laßt, daß die Ereigniffe 

der neueflen Tage und die nad) den unwan⸗ 
delbaren Gefegen der Weltordnung fish Daran 


— — IX — — 


knuͤpfenden Stürme der Zukunft, mit ihree 
ganzen Kataftrophe zu berechnen find. — 
Wohl griff er muthig zur Feder, um bie 
Züge des rafch fortfchreitenden Trauerfpiels 
der Schrift zu verfrauen; doch in der Be⸗ 
fümmerniß feines Herzens verfagte,. mit der 
hervorbrechenden Thraͤne, Das Auge den 
Dienft; und als er hinaustrat, um, wie oft, 
aus dem Sternenlichte neue $ebensfraft zu 
trinfen, da leischteten ihm von den Bergeshoͤ⸗ 
ben die Siegesfeuer der Völferfchlaht (— es 
war am 18ten Dctober —) entgegen. : Ehe 
noch die Siegesfreude, im Ruͤckblick auf die 
glorreichen Tage der Vergangenheit, Raum 
gewann, legte ein Falter, giftiger Nebel ſich 
um die DBerggipfel, verdecte mit ihnen den 
Himmel und die Gottesfterne, und während 
die Irrenden mühfam ihre Obdach fuchten, 
gedachte er der Worte Samuels, im neun« 
zehnten Kapitel feines zweiten Gefchichts- 
buches: „Aus dem Siege des Tages 
ward ein Leid unser dem ‚ganzen ' 


— — X — — 


Volke, — und es ſtahl ſich weg an 
dem Tage, daß es nicht zur Stadt 
kam, wie ſich ein Volk wegſtiehlt, 
Das zu Schanden geworden iſt.“ — 
Mit dieſem Gedanken ſchloß der Verfaſſer 
jammernd die Vorrede, noch ehe der 18te 
Oktober beendet war, im Jahre 1819. — 


Auguſt von Kotzebue's Leben. 


NEE 





Erftes Bud. 





Seine Jugend, bis zu ſeiner Abreiſe nach Rußland. 


ô— —— 


„Todten ſoll man nichts uͤbles nachre⸗ 
den, iſt ein Grundſatz, der ſeine Entſtehung 

wahrlich nur dem Umſtande verdankt, daß die Tod⸗ 
ten fein unter den Fuͤßen liegen, und nieman⸗ 
den im Wege ſtehn. Wenn die Todten ihre tau⸗ 
ſendjaͤhrige Muße zum Buͤcherſchreiben anwende⸗ 
ten, ſo wuͤrde man ihnen mehr Uebles nachreden, 
als irgend einem Lebendigen. So aber glaubt 
man gar nicht, welch' eine ſchoͤne Sache das 
Todtſeyn für einen Schriftfteller if. Die Blu⸗ 
men, die ihm auf dem Lebenspfade nur ſparſam 
blühten, wachfen üppig auf feinem Grabe. Die 
‚ legte Schaufel Erde dedt feinen Budel, wenn er 
einen hatte, und feine Dehler, wenn er welche 
hatte, Nach hundert Jahreñ wen bie Nach⸗ 


DU) 4 — — 


welt, er ſey der geradegewachſenſte Mann und 
tadelfreieſte Schriftſteller geweſen.“) — | 
Ohne das Glüd näher zu windigen, welches 

hier den Entfchlafenen beigemefjen wird, fey es 
verfucht, einen Theil des Fluches zu Iöfen, der, 
über die Nachwelt auögefprochen, das heilige Ge⸗ 
bieth hiftorifcher Wahrheit als eine Narrenbühne 
elender Lobpreifungen bezeichnet. Diefen Bann 
zu brechen, in Hinſicht der Lebendgefchichte eines 
Mannes, der auf feiner Pilgerbahn und durch 
die Art feines Zodes vieled Auffehn erregte, ift 
unbezweifelt der. Augenblid der günftigfte, wo 
die Zeugen feined Lebens noch nicht abgetreten, 
und die Zeugniffe felbft noch nicht vesfchollen find. — 

Die ſchoͤne Sache des Todtſeyns“ kann das 
durch nicht gefaͤhrdet werden; denn wenn, wie 
wir ſo zuverſichtlich hoffen, den Dahingeſchiede⸗ 
nen ein Ruͤckblick auf das Erdenleben vergoͤnnt 
iſt, ſo bleibt doch wohl gewiß die Gluͤckſeligkeit 
des Jenſeits, wie der wahre Werth des Dies⸗ 





- 9) Siehe: Fragmente Über Recenſenten⸗ Unfug, vom 
U. v. Kogebue. Leipzig 1797. Geite 141 und 142. — 


GREREREED 5 m——— 


feits, ewig bebingt von der Gerechtigkeit und 
Wahrheit. — 


\ 

Unter den Männern, welhe Amalia, Her⸗ 
zogin von Sahfens Weimar, aus dem Haufe 
Braunfchweig: Wolfenbüttel, diefe herrliche Frau, 
ihres befonderen Vertrauns würbigte, "gehörte 
ber Legationsrath Kotzebue. Sie rief ihn von 
Braunfchweig nah Weimar, „gebrauchte ihn ald 
Kabinetsſekretair in vielen wichtigen öffentlichen 
und Privats Angelegenheiten, und fchäßte ihn als 
einen thätigen, einfichtövollen, und treuen Diener 
eben fo fehr, ald er von feinen Mitbürgern. 
geachtet wurde. Die Kogebuefche Familie fand 
damals zu dem Braunfchweigifchen Fürftenhaufe 
in vielfachen Beziehungen. Ein älterer Bruder 
des Legationsrathes hatte unter dem heldenmuͤ⸗ 
thigen Ferdinand, bei der alliirten Armee im 
fiebenjährigen Kriege tapfer gefochten, ſich bis 
zum Major hinaufgearbeitet, und durch eine Ka⸗ 
nonenkugel einen Arm verloren. Er blieb in ber 
nähern Umgebung feines Feldherrn, bis er zu 


I — 6 — 
deſſen Schweſter, der Markgraͤfin von Bai⸗ 
reuth, als Geſchaͤftstraͤger ging, in welcher 
Stelle er den Ruhm eines braven, redlichen Man⸗ 
nes mit in die Gruft nahm.*) Eine Schwefter 
biefer beiden Brüder war erfte Kammerfrau "der 
Herzogin Amalia, und ward von biefer, burch 
ſo feltene Eigenfchaften des Geiſtes und Herz 
zend, unfterblichen Fuͤrſtin, mit wahrhaft ſchwe⸗ 
ſterlicher Zuneigung geliebt. — 

Der Legationsrath Kotzebue ftarb [don 1763 
und hinterließ eine noch lebende Witwe, geborne 
Krüger aus Braunfchweig, und mehrere Kinder, 
von welchen, nach dem Tode des Sohnes, defa 
- fen Leben diefe Blätter gewidmet find,- an der 
Seite der würdigen, achtzigjehrigen Mutter ges 
genwaͤrtig noch zwei zu Weimar leben, ein die 
terer Sohn, ber früher Theologie: fludirte, aber * 
einer fehr ſchwachen Förperlichen und geifligen 





*) Diefem Major Kopebue hat be: Neffe den brit= 
ten Theil per jüngften Kinder feiner Saune 
gewidmet. Wodurch der Schriftſteller veranlaßt wur⸗ 
- be, dem Namen bes Oheims das Woͤrtlein von vor⸗ 
zufegen, ift unbefannt. 


„mu 7 zn 


Organifation.halber, nie in Amtsverhaͤltniſſe trat; 
und eine Tochter, bie verwitwet, mit dem Syns 
dikus Gildemeifter, erfi zu Duisburg, dann 
zu Luͤbeck, verheirathet war. Zwifchen biefen Ges 
ſchwiſtern Dem Alter nach mitten inneftehend, "war 
Auguft Friebrih Ferdinand Kogebue ' 
den britten Mai 1761 zu Weimar geboren. — 
Er ſelbſt ſchildert uns fein Sinabenalter in einem 
„mein literarifcher Lebenslauf“ überfchries 
benen Auffage*), der an charakteriftifcher Eigens 
thümlichfeit gewinnt, wenn man ohne der Reihes 
folge der Jahre vorzugreifen, das einleitende Bora 
wort nicht überfieht. und fo erwägt: wie ber 
‚Mann fi felbft in dem Berhättnife zum Leben: 
betrachtet. — 
Er beginnt: „Ich habe als Schriftſteller Su 
*je5 und Böfes erfahren, Beides in reichem Maas. 
fe. Sch bilde mir ein, es koͤnne SJünglingen, 
welche dieje fchlüpfrige Bahn betreten wollen, zu 
großem Nugen gereichen,. wenn fie die Erfahrung 





H Siehe „die jüngften Kinder meiner Laune, von X. 
von Kogebue,“ fünftes Bänden. 1796. Seite 123 ff. 


/ * 


eines Mannes leſen, der zwar nicht am Ziele 
ſteht — denn wie wenige erreichen es! — aber 
doch lange vor ihnen auslief; ber ſich in einen 
Kreis mit ihnen fest und ohne Schminke 
‚erzählt, wo er ftrauchelte, wo er fiel; wo er 

beräuchert oder begeifert, genedt oder getäufcht 
wurde; wo bie Mufe ihm winkte, oder wo er eine 
Backhantin für eine Mufe anfah.” 

„So fammelt euh um mid), ihr Unerfahre: 
nen, bie ihr bie Spigen eurer Stäbe nur erft in 
den. Honig des Parnafjes tauchte, und meint, 
er muͤſſe euch wohl bekommen, weil er ſuͤß iſt; 
laßt euch nieder, und hoͤrt mir zu. Ihr ſeht, 
ich habe es mir be qu em gemacht, meine Seele 
iſt im Neglige, und meine Lippen find geöffs 
net, eben ſo aufrichtig zu bekennen, wo die Eis 
telfeit mich zwidte, als wo das Gefühl für das 
Wahre und Schöne mich durchwaͤrmte.“ 

„Auch will ich mir diefe Aufrichtigkeit gar nicht 
zum Verbienfte anrechnen, denn es giebt Lagen 
des Lebens, in welchen es eben fo leicht wird, 
Gutes zu thun, als feinen Ucberrod anzuziehen, 
und das find gewöhnlich diejenigen, wo man den 


ganzen Tag im Ueberrode herumſchlendern darf; 
wo man fich nur büdt, um eine Blume zu pflüs 
deh, und nie, um einen Handfhuh aufzuheben, 
"oder ein Namendfeft zu verherrlihen; wo man 
mehr Freude über die erfien Maiknospen, oder 
ben erſten Zahn des jüngflen Buben empfindet, 
als über die gnaͤdigen Worte des Gönnerd: Sie 
fpeifen heute bei mir. Wenn man abgefchies 
ben von ber großen Welt in ländlicher Ruhe lebt, 
wenn Zufriedenheit und Genügfamkeit das Herz 
‚jeder Freude, und folglich jeder Tugend Öffnen; 
wenn man nur von wenigen Lieben umgeben ijt, 
‚ bie bed Herzend nie unedle Regungen von den 
Verirrungen bed Kopfes ſchon längft gefchieden 
haben; o dann befennt man gern jedes Unrecht, 
deſſen man ſich fchuldig ‚glaubt ; man tritt mit 
Sreudigfeit vor das Publikum, weil nur bie 
Stimmen der gutmüthigen Beurtheiler in bie 
Einfamkeit wieberhallen, die Stimmen derer, 
welche die Worte des Erzählers nicht verdrehen, 
nicht befpötteln, nicht haͤmiſch deuteln.“ — 
„Wohlan denn! ihr boͤſen Krittler! ihr Ehr⸗ 
abſchneider von Profeſſion! was kuͤmmert euer 


⸗⸗ 


— 40 — 


Bellen den frohen Mann in feiner Einſamkeit? 
bat er doch nur ein Weib und ein paar Freunde, 
bie ihn Eennen und lieben; brum bellt! ihr elen- 
den Söldner! diefed Weib, diefe Freunde werbet 
ihr ihm nicht vom Buſen wegbellen.” 

Wenn ich behaupten wollte, ic ſchriebe die⸗ 
ſes Buͤchlein blos den Juͤnglingen zu Nutz und 
Frommen, ſo wuͤrde ich eben ſo unwahr reden, 
als ein Buchhaͤndler, der ſeine Buͤcherpreiſe blos 
deswegen herabſetzt, um den Liebhabern ver Wiſ⸗ 
ſenſchaften den Ankauf zu erleichtern. Nicht doch, 
lieben Freunde! es ſind Ladenhuͤter, die er gern 
los ſeyn moͤchte, und ſo lag auch dieſe Schrift 
ſchon ſeit fuͤnf Jahren in meiner Seele, ich muß 
ſie herausſchaffen, um Platz zu bekommen. Mir 
ſelbſt verſpreche ich Genuß davon, unbekuͤmmert 
um fremde, vielleicht verwoͤhnte Gaumen, denn ich 
habe uͤberhaupt in meinem Leben nur ein Buch 
und eine Broſchuͤre, andern Leuten zu gefallen, 
geſchrieben ), und das wurden gerade meine 





*) Die Broſchuͤre, wie man weiterhin zu erfahren Ges 
legenheit findet, führt ben Titel: „Bahrdt mit 


— 4 — 


ſchlechteſten Arbeiten. Alle meine Schauſpiele 
hingegen, Alles, was etwa Ruͤhrendes oder Schoͤ⸗ 
nes aus meiner Feder floß, ſchrieb ich fuͤr mich, 
und die Stunde, in der ich es ſchrieb, lohnte 
mir koͤſtlicher, als Publikum und Verleger.“ 
„So ſoll denn auch jetzt meine Phantaſie den 
erſten Schnee wegſchmelzen, der heute vor mei⸗ 
nem eigenen Fenſter gefallen iſt; was kuͤmmern 
mich fremde Fenſter? Nebenher ſoll es mich wohl 
herzlich freuen, wenn auch andere Leute in Win⸗ 
keln der Erde, wo heute am dritten Oktober noch 
kein Schnee faͤllt, mein Buͤchlein gern leſen und 
nicht gewahr werden, daß es beim erſten Froſte 
geſchrieben worden; doch behuͤte mich der Him⸗ 





der eifernen Stirn;“ das Bud iſt das: „vom 
Adel. Das Titellupfer bes lettern iſt merkwuͤr⸗ 
dig: in ben Lüften fchwebt eine Jungfrau, in der 
‚Rechten einen, mit bem ruffifhen Wappen verzierten 
Schild tragend; die Linke gehoben, um zahlreiche 
Blige zu ſchleudern. Gegenüber eine mächtige Eiche, 
an deren Fuße unförmliche Knäblein befhäftigt find, 
fie umzureißen. — Nun ift fehr zweifelhaft: ob bie 
dreuenden Bliße der Eiche, ober den Knaben, oder 
beiden gelten follen? — 


mel vor der gefährlichen Jagd nach Beifall! —. 
Diefem lieblichen Singvogel aufthun, wenn er 
an mein Fenſter pidt, das will ich mit Freu: 
den — und wer thäte es nicht gern! — aber in 
Schlingen mag ic ihn nicht fangen.” 

„Hervor, ihr Zauberbilder meiner frohen Jus 
gend! die Erinnerung an euch ift Faum noch mit 
meinem Ich verwandt. Hervor! umgaufelt mic, 
ihr holden Schatten! — Guter Gott! Taß aus. 
dem Meere der Vergangenheit jene füßen Stun⸗ 
den noch einmal, wie ein dünner Nebel, vor 
meinen Bliden emporfleigen! — Da ftehe ich 
und. fhaue. den Strom hinab, immer weiter und 
weiter führt er meine Blumen, bis fie fern auf 
dem Rüden einer Welle noch einmal ſchimmern, | 
ehe fie untertauchen und verfchwinden.” 

„Haſche diefen Iegten Schimmer! — Sieht 
bu ben Knaben, der mit flarrem Auge an dem 
Munde feiner Mutter hängt, wenn fie an Wins . 
terabenden ihm und feiner Schwelter ein gutes 
Buch vorlieftt — Das warft du! — Siehſt du 
ihn dort wieder, wie er den Stuhl zum Zifche 
macht, und die Fußbank zum Stuhle? wie er 


gierig an einem Romane fehmauft, indeffen Ball 
und Stedenpferd in Winkeln zerſteut liegen? — 
Das warſt du!“ — 

„Meine gute Mutter — Dank ſey Gott! fie 
lebt noch! fie hört meinen Dank noch! — Meine 
gute Mutter entfagte, als eine'noch fehr junge 
Witwe, mandem Reitze und manchem Genuſſe 
des Lebens, um ſich ganz für die Bildung ihrer 
Kinder aufzuopfern. Sie beſaß Gefhmad, Bes 
Iefenheit, zartes Gefühl und einen reihen Schaf 
duldender Mutterliebe; mit diefen Eigenfchaften 
konnte fie ihren Zweck nicht ganz verfehlen. 

„Sie hat mir zwei ober drei Hofmeifter ges 
halten, Kandidaten ber heiligen Theologie, die, 
während fie mit Sehnfucht harrten, daß ein goͤtt⸗ 
licher Beruf ihnen eine Fleine Heerde anvertraue, 
mich ihre Hirtenftäbe weiblich fühlen ließen, und 
Feine Mühe fparten, ein Schaaf aus mir zu mas 
hen. Der eine war ein phyfiognomifcher — ber ans 
dere ein verliebter Theolog; ber eine Eritifirte meine 
Nafe, der andere brauchte mich zum Postillon 
d’amour. Aber was jene verbarben, wußte meine 
Mutter immer wieber gut zumachen. Ein Abend 


— 14 — 


in ihrem Zimmer, eine Vorleſung von ihr, war u 
mehr werth, ald die ganze Pladerei mit Langen 
Colloquis und Luther großem und Fleinem 
Katechismus. Iene ließen ben Papagay ſch wa⸗ 
gen, fie lehrte den Knaben fühlen. Sie flößte 
mir den Gefhmad am Lefen fafl mit der Mut- 
termilch ein. Ich zählte vielleicht Baum fünf oder 
ſechs Jahre, als -fchon oft ein Buch mich von 
meinem Schaufelpferde lockte.“ 

„Das Erſte, deſſen ich mich Iebhaft entfinne, 
und beffen zahlreiche Bände ich, nach oben be 
fehriebner Weife, auf eine Banf gefauert, gelefen 
und wiedergelefen habe, waren die Damals belieb- 
ten Abendftunden, eine Sammlung Eleiner Er- 
zählungen aus verfchiedenen Sprachen, auf deren 
Zitelblatt ein fchlafender Hund zu ſchauen ift, 
mit der Umfchrift: non omnibus dormio. Ich 
weiß nicht, worauf der Schlummer biefes Hun⸗ 
des ſich bezog, aber das weiß ich, daß ich noch 
jetzt an keinem ſchlafenden Hunde voruͤbergehe, 
ohne an die Abendſtunden zu denken.“ 
„Diejenige Erzählung in jener Sammlung, 
welche den erften großen Eindruc auf mich mac. 


— 15 — 


te, mir die erſten Thraͤnen der Ruͤhrung koſtete, 
war die Geſchichte von Romeo und Julia, 
aus wehher Weiße nachher den Stoff zu feinem 
Zrayerfpiele nahm. Sie erfchütterte mich fo tief, 
Daß vielleicht damals fchon der erfte Grund zu 
meiner Vorliebe für rührende Erzählungen in mir 
gelegt wurde. Das zweite, mich anziehende Buch 
war Dom Quirotte, der freilich lange nachher 
von Herrn Bertuch fehr viel beffer überfegt wor⸗ 
den ift, mir aber nie wieder fo viele Freude ges 
macht hat. Ein Kind bringt zu feiner Lektüre, 
"wie zu feinen Spielen, mehr Cmpfänglichkeit, 
miehr Reizbarkeit mit; daher glaubt e3 in beiden 
- ben Zauber zu fehen, den, wenn ich mich fo aus⸗— 
druͤcken darf, nur bie Frifchheit feiner Empfin= 
dungen ihnen leiht, fo wie auch ein halbwelkes 
Blatt fchön ift, wenn das Norgenroth darauf 
glicht. Ho 

— „Empfange meinen Dank, ehrlicher Dom 
Quixotte! und theile ihn mit Sancho Panfa. 
Ihr feyd ein paar gute Gefellfchafter, ich bin gern 
"mit euh in den Wirthöhäufern umbergezogen, 
bis Robinfon Erufoe mir aufſtieß, dieſer Wun⸗ 





. — 46 — 
dermann, ber mich, wie jeden Knaben, mit uns ' 
widerſtehlicher Gewalt an ſich riß, den ich geizi⸗ 
ger verwahrte, ald mein befles Spielzeug; mit 
dem. ich oft auf ben fogenannten rothen Gang, 
auf die Schwelle des Pferdeflalled floh, um fern 
von der Trommel meiner Gefpielen, ungeftört 
mit ihm auf die Biegenjagd zu gehn. Die Glocke 
zum Vesperbrod tönte, ich hörte fie nicht! Die 
Sonne ging unter, ic) las mir in ber Daͤmme⸗ 
zung die Augen trübe. O! wie fehnlich wünfchte 
ich damals, baß mir doch einft dad Gluͤck beſchie⸗ 
den feyn möchte, auf eine wüfte Infel verſchla⸗ 
gen zu werden! wie herrlich fehmedten mir im 
Geifte die Brodkuchen, die Robinfon in der Erde 
buck (badte), und das Ziegenfleifh, das er im 
felbft verfertigten Toͤpfen kochte!“ — 

„Ich fing an, Jagd auf alle die abentheuer: 
lichen Robinfons zu machen, welche die Nachah⸗ 
mungsfucht in meinem lieben Vaterlande hervor: 
brachte; aber wo war einer, der dem Original 
an Kraft, Natur umd Intereffe gleich Tam? — 
Die Infel Felfenburg galt freilich viel bei 
mir; die Erfcheinung des Geiftes, der ſich im 


U) 47 ni R 


Geſtalt einer Wolke ber das Waſſer wälzt, ers 
regte in mir einen angenehmen Schauder: auch 
Robert Pierrot erzwang fi meinen Beifall, 
befonderö da, wo aus ber Höhle mit Todtenlöpfen 
Fanonirt wird; aber ed war doch alled nidyt3 ge: 
gen den ehrlichen Robinfon Grufoe, den ich bes 
wunderte, und feinen Freitag, ben ich herzlich 
lieb hatte, und der mir durch fein Entzüuden, 
beim WBieberfinden feines gebundenen Vaters, 
füße Thraͤnen entlockte.“ 

„Inſel, und beſonders wuͤſte Inſel, war 
damals ein Zauberwort fuͤr mich, an welches ſich 
eine Reihe lieblicher Bilder knuͤpfte. Ich dachte 
zuweilen: warum lerne ich decliniren, und conju⸗ 
giren, und exponiren? Waͤre es nicht beſſer, ich 
lernte ein halbes Dutzend Handwerke, damit ich 
mir kimftig einmal zu helfen wuͤßte? denn wenn 
der Himmel mir meinen brennendſten Wunſch ge⸗ 
waͤhrt, ſo wirft er mich in einem lecken Schiffe 
einſt auf eine Klippe, und laͤßt mir nichts als 
ein Wrack, um mir aus den Truͤmmern eine 
Hütte zu baum. — Wer hätte geglaubt, 
dag ih nad. Verlauf eines Vierteljah— 

| 2; 





— 18 — 


hunderts dieſen Wunſch eben fo bren— 
nend erneuern wurde! Ich bin mit ei—⸗ 
nem liebenden Herzen zur Geſelligkeit 
geboren, und folglich iſt es mir Beduͤrf— 
niß, die Einſamkeit zu ſuchen; denn ich 
will lieber fern von böfen Menfhenle 
ben und fie vergeffen, als fie taͤglich 
ſehn und haſſen.“ — 

Wenn im Verfolg dieſer Mittheilungen der 
Leſer zu dem Zeitpunkte kommt, in welchem Ko⸗ 
tzebue uͤber ſeine Jugend und uͤber ſich ſo redete, 
wird es ſich von ſelbſt ergeben, welche boͤſen 
Menſchen er hier im Sinne hatte. — Er faͤhrt fort: 

„Wenn die Perleninſel und die Inſel Felſen⸗ 
burg, die ſchwimmende und die fliegende Inſel 
meine Phantaſie zu uͤberſpannen drohten, ſo wußte 
meine Mutter, in den Abendvorleſungen, meinem 
weichen Gehirn mildere Eindruͤcke zu geben. Den 
Aeſop las ich gern; mit Gellerts Fabeln und 
Liedern wurde ich bald befreundet; viele derſelben 
wußte ich auswendig. Haller und Bodmer wa; 
ren mir zu hoch; aber Gleim, U; und Hageborn 
‚gefielen.mir, denn ich verfland fie. Sehr früh 


fing .ih an, dieſen Sängern nachzuzwitſchern. 
Ich erinnere mich noch ganz gut meines erften 
poetiſchen Verſuchs. Ich mochte vielleicht kaum 
ſechs Jahre alt ſeyn; das fchließe ich baraus, 
weil ih mein Manufeript hinter dem Spiegel, 
neben der Ruthe verwahrte. Es follte ein länd- 
liches Gemälde werben, wozu ich die Bilder aus 
allen mir bekannten Dichtern zufammengeftohlen 
hatte. Folgende zwei Zeilen Tamen barin vor: 


Es finget die fleigende Eerhe, | 
Es hüpfen die Schäfhen am Berge! — — 


„Sie gefielen mir außerorbentlih, weil fie 
fo luſtig dahin huͤpften. Ich wußte nicht, daß 
ed Daktylen waren, und zwar bie einzigen im 
ganzen Gedichte. „Mehrere. Tage lang zerbrach 
ich mir den Kopf, um bie folgenden Zeilen eben 
fo artig mittanzen zu laffen, aber vergebens! 
Alle die übrigen waren und blieben ſchwerfaͤllige 
Spondaͤen und ich begriff gar nicht, wie es zur 
sing, daß man die Verſe koͤnne nach Gefallen 
zu Buße gehn und.galloppiren laſſen.“ 

„Bald nachber:wagte ich. auch meinen erften 

. 2* 


— 20 — 
dramatiſchen Verſuch. Die. Fabel vom Milch⸗ 
maͤdchen und den beiden Jaͤgern war mir, ich 


weiß nicht wo, in die Haͤnde gefallen; die beliebte 
kleine Oper exiſtirte noch nicht, oder war wenig⸗ 


ſtens mir unbekannt. Ich machte ein Luſtſpiel, 


welches gerade eine Octavſeite lang war. Frei⸗ 


lich fuͤhlte ich nicht, daß es weit laͤnger ſeyn 
muͤſſe, um einem Luſtſpiele aͤhnlich zu ſehn; aber 
verlohnte mich die Kunſt, den Faden fein lang 


zu ſpinnen?“ 

„Indeſſen hatte die Dichtkunſt auch bei mir 
ihre gewoͤhnlichen Wirkungen geaͤußert, das heißt, 
ſie hatte mein kleines Herz für die Liebe empfaͤng⸗ 
lich gemacht. Ich hing mit ganzer Seele an ein 
junges, liebenswürbiges, aber völlig erwachfenes 
Mädchen, welches nachher meine. Tante wurde. 
Am 3ten Mai 1768, alfo an meinem- fiebenten 
Geburtötage, ſchrieb ich in ein Zeichenbuch, auf die 
Teere Rüdfeite einer Zeichnung, einen enthufiafli= 
fihen Liebeshrief, welcher. nicht übel in der afia= 
tifchen Banife figurirt haben würde. Sch machte 
ihr darin zaͤrtliche Vorwürfe, .. (benn fie war fo 


blind, den Oheim dem Neffen :vorzuziehn, )..und 


\ 


— 1 — 


bat fie zuletzt um die einzige Gunſt, „„ihre kleine 
weiße Hand noch einmal zu Eüffen.”" — 
Wie unverkennbar auch das Wohlgefallen feyn 
mag, mit welchem H. v. 8. diefen Zug feiner 
Kindheit erzählt, fo braucht man doch Fein muͤr⸗ 
riſch⸗ firafender Sittenrichter zu feyn,. um mit. 
dem Gefühle der tiefften Wehmuth bier auf ben 
fiebenjährigen Knaben zu bliden, der offenbar 
ſchon dem SHeiligthume der Findlichen Unbefan- 
genheit entriffen und der Herrfchaft des Gefühls 
eines reiferen Alters hingegeben erfcheint. Diefes 
über. ihn verhängte Mißgeſchick blieb felbft dem 
Manne nur infofern unvergeßlich, als theild im 
Verfolg deffelben feiner Eitelkeit gefröhnt, theils 
feine Eigenliebe bei diefer frühen Liebſchaft ver- 
legt wurde. — 
„Meine Mutter wurde biefen Brief gewahr, 
‚ fie fand, daß die Ausdrüde und Wendungen deſ⸗ 
felben die gewöhnlichen Fähigkeiten. meines Al: 
ters übertrafen; fie ergößte fi) daran, und konnte 
ber kleinen mütterlichen Eitelkeit nicht 
widerftehen, bei Befuchen in unferm Haufe, 
das Zeichenbuch hervorzuholen, und den Brief n 





meiner Gegenwart den Gäften vorzulefen, bie 
denn natürlich) immer herzlich darüber. lachten. 
Ich fpielte dabei eine Höchft verlegene Rolle, und 
es ift die erfte tief marternde Empfindung meiner 
Seele, deren ich mich zu erinnern weiß. Sie 
ließ einen bleibenden Eindrud bei mir zus 
ruͤck; je öfter die Vorlefungen wiederholt wurden, 
je höher flieg meine Erbitterung. Ich weinte im 
Holzftalle heiße Thränen ber Schaam und des 
gefränften Ehrgeizes, nahm enblich das verhaßte 
Zeichenbuch aus dem Beinen grünen Eckſchranke, 
in welchem es verwahrt wurde, und warf ed ins 
Zeuer. Seit jener Begebenheit verlor ih in 
Herzendangelegenheiten dad Vertraun zu meiner 
Mutter auf lange Zeit, und Aeltern und Erzieher 
mögen aus diefem Beifpiele lernen, wie borfichs 
tig fie mit zarten Kindern bei ſolchen Gelegen⸗ 
heiten (2) umgehen müffen, und wie gefährlich 
jede Öffentliche Beſchaͤmung ift, wäre fie auch 
nur im Scherze gefchehn.” 

„Die Liebe, und der Hang zur Religiondfchwäre. 
merei, find, wie man weiß, fehr nahe mit einan= 


der verwandt. Auch dieſer ergriff mich einft in 


U) 23 nn 


meinen Kindberjahrenz ich war über alle Maa⸗ 
Ben fromm, und wäre ich fo fortgefahren, fo 
müßte meine Mutter fhon längft die Freude er: 
lebt haben, welche einft der Mutter des heiligen 
Borromaͤus zu Xheile wurde. Kaum hatte ich 
des Morgens mein Lager verlaflen, fo ging ich 
auch ſchon, um ganz ungeflört zu beten, an ei: 
nen heimlichen Ort, den die Ehrbar—⸗ 
Feit zu nennen verbietet. Dort ſchloß ich 
mich forgfältig ein, Tniete nieder und betete, Feine 
auswendig gelernte, fondern aus ber Ziefe bes 
Herzens bervorgepreßte, und mit Thraͤnen gefalbte 
Stoßfeufzer. Ich weiß noch, welche Mühe ich 
mir gab, Variationen in meinen frommen  Seuf: 
‚zen anzubringen, damit Gott nicht glauben moͤch⸗ 
te, ich wolle ihm alle Zage dad nämliche aufti⸗ 
fhen. Aus diefer Urfache waren mir auch Ben⸗ 
jamin Schmolkens Morgen: und Abendandbachten 
trotz ihrer leichten Verfification. fehr zuwider. 
Ich mußte ſie oft in dem Zimmer meiner Muts 
ter vorlefen, und dachte immer babei: Gebete ' 
‚aus einem gedrudten Buche’ könnten Gott. nicht 
wohlgefällig feyn, weil er doch ſchon alles wüßte, 


was darin flieht. Mit geiftlichem Stolze ſah ich 
‚zurüd auf meine Betflunden, in welchen Gott, 
nad) meiner Meinung, immer etwas Neues ers 
‚fuhr. Hu. 

„Sol ich ſagen, was dieſen —* zur Froͤm⸗ 
migkeit in mir erſtickte? — man wird es wohl 
fchwerlich errathen: dad Kirchengehn. An 
jedem Sonntage, Vormittag und Nachmittag, 
trieben die Hofmeifter in Weimar ihre Zöglinge 
vor fich her in die Kirche. Dort durften wie ' 
nicht plaudern, nicht die Köpfe hin⸗ und herbres 
ben, nicht mit den gemalten. Engeln am Platfond 
liebäugeln, fondern mußten fein flillfigen, emfig 
zuhören, und wenigftend die -Pofitionen und bie 
Eintheilung ‚einer fchaalen Predigt auffchreiben, 
oder im Kopfe behalten. Im Winter gefchah das. 
Aufſchreiben mit verfrimmten Fingern, und im 
Sommer, wenn die Strahlen der Sonne fo lieb: 
Lich durch die Kirchenfenfter fchimmerten, jebnten 
wir und hinaus ind Freie.” - 

„In der Schloßfirche zu Weimar habe ich dicke 
und große Langeweile erlitten. Ich fiel endlich) 
auf ein Mittel, mir diefe Trübfal etwas zu ers 


nm 


— 25 — 


leichtern; ſobald ich naͤmlich von der Predigt 
dasjenige weggeſchnappt hatte, was ich wieder 
erzaͤhlen mußte, ſo ſetzte ich mich in einen Win⸗ 
kel, nahm das Weimariſche Geſangbuch, und las 
die Geſchichte der Belagerung Jeruſalems, welche 
in einem Anhange erzaͤhlt wurde, und meiner 
Einbildungskraft reiche Nahrung gab. Das Ge⸗ 
ſchrei des Wahnſinnigen, der auf ben Mauern 
Jeruſalems: Wehe! Wehe! ruft, ſchallte jeden 
Sonntag in meine Ohren, und do keine andere 
Leſebibliothek in der Kirche befindlich war, fo las 
ih die Geſchichte fo oft, bis ich fie faſt auswen⸗ 
dig konnte.“ — | 
„Meine eremplarifche Frömmigkeit war nicht 
allein verſchwunden, fondern ich fing fogar am 
ein Zweifler zu werden; denn ich mochte etwa 
neun bis zehn Iahre alt feyn, als mein Tindlicher 
Verſtand an dem Begriffe von der Allmacht Got⸗ 
tes fcheiterte. Ich fragte nämlich einfl meinen 
Hofmeifter: ob Gott auch einen andern Gott 
hervorbringen koͤnne, der größer und mächtiger 
ſey, ald er felbft? und als mir diefe Trage vers 
neint wurde, zog ich daraus den Schluß: Gott 


ſey nit allmaͤchtig. Das ſchien mir fo Klar, 
‚daß ich nicht begreifen Tonnte, warum die Mens 
ſchen nicht früher auf diefe einleuchtende Wahrz - 
"beit gefallen? und mir nebenher nicht wenig auf 
meinen Scharffinn zu gute that. Mehrere Wo⸗ 
chen hindurch nährte ich dieß ſtolze Gefühl mei: 
ner fich entwidelnden Seelenträfte, yerfuchte auch 
wohl einige Mal, aber vergebens, Mater meinen 
Geſpielen Profelyten zu machen. Der. Eine lachte 
mid) aus ; der Andere hörte gar nicht darauf. Ich 
wurde es bald müde, mein nagelneues Syſtem 
zu predigen; die Lampe verlofh allmählih, da 
fie von der Eitelkeit Feine Nahrung empfing, und 
ed blieb mir nichts übrig, ald ber angenehme 
Eindruck des Bewußtfeyns meines erften Selbft; 
denkens.“ 


„Damals ſtarb in Weimar ein bluͤhendes Maͤd⸗ 
chen von funfzehn bis ſechszehn Jahren an den 
Vocken. Sie war bie einzige Tochter troſtloſer 
Aeltern, und ganz im Stillen, denn ſie wußte 
ſelbſt nichts davon, die Geliebte eines Knaben, 
der zum Juͤnglinge heranreifte. Er war mehrere 


— 11 j 

Jahre Alter ald ich, aber da wir in einem Haufe 
wohnten, und ich. feinen verliebten Entzuͤckungen 
ein gefälliges Ohr lieh, fo gab er fich, troß ber 
Berfchiedenheit unferd Alters, viel mit mir ab: 
Ich begleitete ihn zuweilen des Abends bis unter 
die Zenfter feiner kranken Geliebten, wo wir oft 
flundenlang und ganz gebuldig befchneien und 
beregnen (ef, ob wir gleich nichts, als undeut⸗ 

i liche Schatten wahrnehmen konnten, über welche 
wir uns dann unfere Vermuthungen mittheilten. 
Einmal’ — es ift mir noch, wie heute — fahen 
wir ziemlich deutlich den Schatten einer Perfon, 
die einen Löffel vor fich hertrug, vermuthlic) um 
der Kranken Arznei zu reichen. Mein Gefährte - 
fing auf der Straße bitterlich an zu weinen; mir 
wurbe das Herz weich, ich weinte mit, ohne zu 
wiffen: warum? — fehr natürlich, daß dieſe 
Scene einen nieverlöfchten Eindrud bei mir zu⸗ 
rüdließ, und daß mein Gefühl in dieſem Augen- 
blicke meinem Törperlichen Wachsſthume um einige 
Jahre porauslief. Rauhes Wetter, Nacht, der 
‚trübe. Lampenfchein aus der Krankenftube, ber 
‚Schatten mit bem Löffel, ber auf bie vorgezogene 





— 28 — 


Gardine fiel, der ſchluchzende Juͤngling, der Ge: 
danke: dort ſtirbt ein huͤbſches Maͤdchen, das du 
ſo oft huͤpfen und tanzen ſehen; alles das ſetzte 
meine Einbildungskraft in ſtuͤrmiſche Bewegung, 
und als das Maͤdchen nun wirklich ſtarb, beweinte 
ich ſie trotz ihrem Liebhaber; fand aber bald eine 
Quelle des Troſtes in mir, die fuͤr ihn nicht floß. 
Ich dichtete naͤmlich eine Elegie, und da kein 
erkuͤnſteltes Dichtergefuͤhl, ſondern wahre Empfin⸗ 
dung mich begeiſterte, ſo gerieth das Produkt 
beſſer, als alle meine bisherigen Verſuche. Man 
ſprach im Ernſt davon, die Elegie dru— 
den zu laſſen. Der bloße Gedanke dar⸗ 
an brachte mich außer mir vor Entzüs 
den, unb hätte es in meiner Madt ge 
flanden, das Mädchen ind Leben zurüd: 
zurufen, ich weiß nit, ob ich ed auf 
Koften meiner Hirngeburt gethan has. 
ben würde. Soübtezum erſten Malepie 
allgewaltige Schriftftellereitelfeit ihre 
Zytannei über mih aus. Die Elegie blieb 
indeffen ungedrudt, ich kann mich nicht mehr erin⸗ 
nern, aud welchen Urfachenz aber meinen Schmerz 


wiirde fie getilgt haben, wäre auch das Mädchen 
meine eigne Geliebte gewefen.” — 

Unmittelbar an diefen erften ‚Vorfall, wo 
Schriftftellereitelkeit eine unnatürliche Gewalt über 
Kotzebue als Knabe ausübte, der befonders des⸗ 
halb merkwürdig, weil er wohl der einzige ihm 
felbft Elar geworbene ift, knuͤpfte er die Erzählung 
ber Ereigniffe, die ihn ſchon in zarter Kindheit 
an das -Theater feflelten, und, verbunden mit 
feiner zum dramatifchen Dichter mit großem Tas 
Iente verfehenen Individualität, dahin wirkten, 
daß er nicht allein ein fehr fruchtbarer dramatis 
fcher Schriftfteller wurde, fondern daß auch feine 
ganze Tendenz fich dahin neigte, das Menfchenz 
leben wie eine vielfach zu variirende Theatermaske 
zu behandeln und eitled Wohlgefallen zu hegen, 
wenn ſolches Faſtnachtsſpiel Beifal erwarb. — 

„Der Schaufpieler Abt Fam mit einer herum⸗ 
ziehenden Gefeufchaft nad Weimar, und fchlug 
feine Bühne in der Reitbahn auf. Seit ich ben- 
fen konnte, war in Weimar Fein Schaufpiel ges 
wefen, und folglich meine Neugier ohne Grenzen, 
Mufäus, ber gute vortreffliche Mufäus, der mid 





— 32 — 


ler, Brandes, Boec und der unſterbliche 
Eckhof kamen nach Weimar. 


„Eckhof! du großer und guter Mann! ich 
ſegne deine Aſche! du haft mein Herz und meis 
nen Verſtand gebildet, haft jede edle Empfin⸗ 
dung in mir gewedt, und durch dein göttliches 
Spiel meine Vernunft und meine Phantafie mit 
Ideen und Bildern bereichert, welche ohne dieſes 
Vehikel mir nie fo anſchaulich geworden wäre. 
Oft, wenn ich dich des Vormittags um zehn 
Uhr in einem fchlichten Rode, einer ungefämm: 
ten Peruͤcke und mit einem gebüdten, höchft an= 
ſpruchsloſen Gange nach den Proben wandern 
ſah, bewunderte ih im Stillen in bir den unbes 
greiflihen Mann, der des Abends, wenn er als 
König oder. Minifter auf die Bühne trat, zum. 
Herrfhen geboren fchien. Dort waren deine 
lebendigen Darftelungen für mich eine Schule 
der Weisheit, und noch außer der Bühne lehr⸗ 
teft du, anfpruchlofer Mann! mich bas Verdienſt 
vom aͤußern Prunk ſcheiden. u 


„Als Kichard der Dritte und als berzog | 


— 33 — 


Michel, als Odoardo und als Vater Rode blieb 
Eckhof immer gleich groß, unerreichbar! — 
Man gab woͤchentlich drei Vorſtellungen, und 
die muͤtterliche Erlaubniß, ihnen beizuwohnen, 
hing theils von meiner Auffuͤhrung, theils von 
meinem Fleiße ab. Eine knoͤcherne' franzöfifche 
Gouvernante gebot in jenen Tagen uͤber die 
groͤßten Freuden meines Lebens. Wir laſen und 
uͤberſetzten bei ihr die Werke der Madam Beau⸗ 
mont. Taͤglich gab ſie mir einen Zettel mit 
| naͤch Hauſe, worauf entweder die Worte: bon 
‚ober medioere, oder dad Schreckenswort mal 
geſchrieben fland. Im legten Fall war an fein 
Schauſpiel zu gedenken; meine Mutter blieb ge: 
woͤhnlich unerbittlih. Wie oft habe ih, wenn 
Demoifell Louvel die Feder bereitd eingetaucht 
- hatte, um jenes fatale Wort nieder zu fchreiben, 
wie oft habe ic) ihre fehöne, weiße Hand ergrifs 
fen — das ‚Einzige, was an ihr fchön genannt 
werden konnte — und mit Küffen und Thränen 
fo lange bededt, bis fie das harte Urtheil mil 
verte, und das vermaledeite mal wenigftens in 
ein mediocre umfchuf.” 
3 


— 34 — 


„Meine Leidenſchaft fuͤr die Buͤhne wuchs 
mit jedem Tage. — Ich darf kuͤhn behaupten, 
daß ich unter allen Zuſchauern, groß und klein, 
immer ber aufmerkſamſte war. Zum Beweife 
"mag. der Uniftand dienen, daß ich Leſſings Emi⸗ 
lia Galotti ‘von einem Ende zum andern aus⸗ 
wendig wüßte, ohne das Buch jemals in Haͤn⸗ 
den gehabt zu haben. Ich muß auch zur Ehre 
des damals zu Weimar herrfchenden, durch das 
Beifpiel einer liebenswuͤrdigen Zürftin gebildeten 
Geſchmacks hinzufügen, daß Emilia Galotti ſehr 
oft, und immer bei vollem Haufe gegeben würde. 
— Auch Engels dankbarer Sohn prägte fich, 
ohne Borfag, meinem. Gedachtniffe wörtlich ein, 
blos durch die Kraft feiner inneren Vortrefflich⸗ 
Teit. Ich brachte meine Gefpielen bald dahin, 
diefe beiden Stüde, auf einer Bühne von Bett: 
ſchirmen, mit mir aufzuführen und übernahm 
dann wedhfelöweife alle Rollen.” — 
Diieſes willfährige, aber gefahrvolle Ueber⸗ 
nehmen aller Rollen, zuerſt im Kinderſpiele 
verſucht, dann mit dem fortſchreitenden Alter, 
als Juͤngling und als Mann fleißig wiederholt, 


38 — 


ſcheint ein vorwaltender Zug Kotzebue's gewor⸗ 
den zu ſeyn, daß er ihm ſpaͤterhin, oft ſelbſt 
unwillkuͤhrlich, Folge leiſtete; woher es denn er⸗ 
klaͤrlich wird, daß er bei dem ſchnellen Rollen⸗ 
wechſel, je weiter er im Leben vorſchritt, die 
Haltung der Wahrheit immer mehr verlor. — 
„Nichts gleicht der Ehrfurcht, die ich. damals 
für jeden, felbft mittelmäßigen Schaufpieler hegte. 
Konnte ih mich im gemeinen Leben zu einem 


drängen, ihn reden hören, ober gelang es mir 


gar, felbft ein Wort mit ihm zu fprechen, fo 
glaubte ich mid hochgeehrt. Ich weiß noch, wie 
gerne ich ded Sonntags zu einem gewiflen Hen⸗ 
fel ging, um das Nepertorium ber kuͤnftigen 
Woche zu erfahren, denn Komödienzettel waren 
ungewöhnlid. Zu Haufe fledte ich alles mit 
meiner XTheaterwuth an; einige Gchäferfpiele, 
an Geburtötagen aufgeführt, genuͤgten mir nicht; 
jedes neue Stud mußte fich gefallen laſſen, uns 
ter unfern Streichen zu blüten, und endlich fiel 
mir gar einmal Gerſtenbergs Ugolino in bie 
- Hände, dieſes vortrefflihe Kunftwerf, das nicht 
fo allgemein. befannt ift, ald es zu feyn verbient. 
3* 


t 


Y 
— 36 — 

Ich war entzuͤckt davon, und weil es nur wenige 
Perſonen enthaͤlt, ſo glaubte ich, es ſey recht 
fuͤr unſere Privatuͤbungen gemacht, ohne zu be⸗ 
denken, daß jede dieſer Perſonen einen vollkom⸗ 
menen Schauſpieler erfordert. Ich uͤbernahm 
die Rolle des Anſelmo, den ich mit allem Feuer 
meiner jugendlichen Einbildungskraft herperorirte.“ 

— „Auf die großen pantomimiſchen Ballete 
wurden in Weimar anſehnliche Koſten verwen⸗ 
det. Mit Entzuͤcken erinnere ich mich noch der 
glaͤnzenden Darſtellungen von Idris und Ze⸗ 
nide, Orpheus und Eurydice, Incle und 
Jariko, die Amazonen uf. f. (Die Idee 
zu dem Lehteren war von Muſaͤus.) Was bie 
Schaufpiele auf meine Empfindung, das wirkten 
die Ballete auf meine Sinne, und ich dachte 
bald auf Mittel, auch diefe nachzuahmen. Zu 
dem Ende’fchuf ich mir felbft ein Eleines Thea: 
ter, anfangs nur von. Wachs, dann von Papier 
und endlich von Holz. Wer malen fonnte mußte 
mir Dekorationen pinfeln, Mutter und Zanten 
mußten mir feidene Lappen liefern, um meine 
Puppen zu kleiden. Sie tanzten ihre Solo’s 


— 37 — 


und pas de deux am Drahte, die Blitze von 


semen lycopodii fuhren aus Federkielen in die 
Flamme, und Furz, jedes neue. Ballet, das bie 
Herren Koh und Schüß auftifchten, war gewiß 
„einige Wochen nachher auf meiner Privatbühne 
zu fchauen. Der Gefchmad an diefem Spiel: 
werte pflanzte fich unter den weimarifchen Kna⸗ 
ben fort, in kurzem befaß jeder fein Pleines Thea⸗ 
tee, und lernte von mir den Gebrauch ber klei⸗ 
nen Mafchinerien.” 


„O ſcheltet nicht, daß ich vielleicht zu lange 
bei diefen kindlichen Spielen verweilte! Der 
mächtige Einfluß, den fie auf meine Tünftige 
Beſtimmung hatten, mag meine geſchwaͤcige Fe⸗ 
der rechtfertigen.“ 


„Ich gehe zu der traurigen Epoche uͤber, 
wo ein ungluͤcklicher Brand das weimariſche Schloß 
und mit ihm den Schauplatz meiner Freuden in 
die Aſche legte (im Mai 1774). — Die Ge⸗ 
ſellſchaft wurde nun verabſchiedet und ging nach 
Gotha. Ich weihte ihrer Abreiſe manche Thraͤne. 
Ja, ich muß es noch einmal wiederholen, daß 


— 38 — 


ich jener Epoche den groͤßten Theil mei 
ner Bildung verbante.‘ 

Bei diefer Stelle verweißt K. auf folgenden 
Ausſpruch Voltaire's: J’ai toujours reconnw 
l’esprit des jeunes gens, au detail qu’il fai- 
saient d’une pièce nouvelle, qu’il venaient 
_ d’entendre; et j’ai remarque, que tous ceux, 
qui s’en acquittaient le mieux, ont été ceux, 
qui depuis ont acquis le plus de reputation 
dans leurs emplois. Tant il est. vrai, qu'au 
fond l’esprit des affaires, et le veritable es- 
prit des belles lettres est le m&me; — und 
tnüpft, nachdem er fo für die Anerkennung feis 
ner Zalente und Verdienſte einen befcheidenen 
Zingerzeig gegeben, baran folgende Betrachtuns 
gen: „Aus inniger Weberzeugung fordere ich El⸗ 
tern und Erzieher auf, wenn fie das Glüd ges 
nießen, eine gute, gefittete Bühne in ihren Maus 
ern zu:befigen, ihre Kinder und Zöglinge, fo 
oft als moͤglich, in dieſe Schule zu führen. Ein 
gutes Schaufpiel iſt das ſicherſte und ſchnellwir⸗ 
kendſte Mittel, in zarten Herzen jeden Keim 
des Edlen zu wecken, ihnen Abſcheu vor dem 


— 39 —. 


Laſter und Liebe zur Tugend einzupflanzen. Der 
gewoͤhnliche Einwurf, den man zu machen pflegt: 
die Kinder werden zu ſehr dadurch zerſtreut — 
iſt völlig unbedeutend. Ich habe nie mit 
mehrerem Eifer gelernt, nie fehnellere Zortfchritte 
gemacht, als ba ich die Hoffnung hatte, meinen 
Fleiß am Abend durch ein Schaufpiel belohnt 
zu fehben. Ich verfiel gegentheild in eine Art 
von Zrägheit, als biefer große Reiz verfchwuns 
ben war. — Sollte hier irgend ein Froͤmmling 
auffiehen und mit verbrehten Augen ausrufen: 
„Welch ein gottlofer Menfch! er warnt vor der 
Kirche und preißt dagegen das Schaufpiel an!" — 
dem würde ich mit Achfelzuden antworten: Gu⸗ 
ter Freund! ift eö meine Schuld, daß Predigt 
und Schaufpiel, zwei Dinge, bie zu gleichen 
Zweden erbacht wurden, nicht. beide ihre Be: 
flimmung erfüllen? Was die Sittlichleit des 
Menſchen befördert if mir heilig, es heiße, wie 
es wolle. Könnt ihr durch eine Predigt bie 
nämlichen Wirkungen hervorbringen, fo fol es 
mir fehr lieb feyn. Wahr iſt's, ihr gebt eure 
Predigten gratis, aber dafuͤr laßt ihr und bie 





— 42 — 


(Muſaͤus) erzogen und ein wenig verzogen wurde. 
Was machten wir dort? — Was anders, als 
Plane, um Komödie zu fpielen? — Wir hatten 
den gefhäftigen Müpiggänger gewählt, 
und ich erinnere mi, daß wir viele Zage mit 
Abfchreiben der Rollen zubrachten, ohne zu ahnen, 
daß wir ſchon durch die Wahl des Stüdes eine 
Satyre auf und felbft machten.‘ 

„sn Secunda ging ed fehon etwas befler. 
Zwar ließ man fih auch dort noch manchen 
Zeitverderb zu Schulden kommen, wohin ich uns 
ter andern die Stunden rechne, in welchen wir, 
wir mochten wollen und Fönnen oder nicht, 
Iateinifhe Verſe fehmieden mußten. Der gute 
Muſaͤus unterrichtete fehr wider feinen Willen 
in diefer Kunft. Dagegen aber lernten wir dort 
auch manches Gute, und zwar dad Meifte von 
eben dem vortrefflihen Manne, beflen Name fo 
eben meine Feder ehrt, Bei ihm übten wie 
und im Briefichreiben, und man weiß, daß Mus 
faus Briefe zu ſchreiben verftand. Ferner hatten 
wir in jeber Woche eine poetifche Stunde, um 
beren willen mir der Sonnabend ein lieber Tag 


wurde. Muſaͤus hielt es damit folgender Ges 
Halt: Sobald er in die Klaſſe trat, erkundigte er 
fih, ob etwa einer ber Schüler felbft einen poese 
tifchen Auffaß verfertiget habe? denn gezwungen 
wurbe, wie billig, niemand dazu. : Gewöhnlich 
fanden fich einige ſchuͤchterne Mufenjünger, wel: 
che aufftanden, und mit niebergefchlagenen Bliden 
anzeigten, daß ihre Pegafus gefattelt ſey. So⸗ 
glei räumte ihnen Mufäus den Katheder ein, 
fie traten auf, und durften von der Zeber. bis 
zum Ifop reden, indeſſen Mufdus, die Hände 
auf den Rüden gefchlagen, fchweigend auf und 
‚nieder ging. Hatte der Dichter geendet, fo wurde 
fein Machwert vom Lehrer Feitifirt, doch nie fo 
abfchredend, als feine Herren Kollegen in ber 
großen Schule der Welt zu thun pflegen. — 
Denn keiner mehr da war, der. dad Schulpublis 
cum mit eigenen Gebichten zu unterhalten fich 
erbot fo traten diejenigen auf, bie frembe Ges 
dichte. auswendig gelernt hatten, und fie herſag⸗ 
ten, um fich in der Deklamation zu üben.  Auc) 
hier war aller Zwang verbannt. Es fand einem 
Jeden frei, zum Behufe biefer Uebung zu wäh 


— 4 — 


len, was ihn gut duͤnkte, oder auch ſich gar 

nicht damit abzugeben. Muſaͤus billigte oder 
tadelte die deklamirten Stuͤcke, und gab ſeinen 
Schuͤlern Gruͤnde fuͤr beides. Wir waren gluͤck⸗ 
licher als das Publikum, das ſich ohne Gruͤnde 
behelfen muß.“ 
„Wie ich vormals als Kind mein. frommes 
Gebet nur aus dem Herzen holte, ſo wollte ich 
auch jetzt als Knabe dem Muſengotte nichts Aus⸗ 
wendiggelerntes vorplappern; ich gehoͤrte mit zu 
der kleinen Anzahl derjenigen, die ihr eigenes 
Unkraut auf dem Parnaß ausſaͤten und keine 
fremden Blumen brachen. Noch jetzt beſitze ich 
einige Kleinigkeiten aus jener Epoche, die gerade 
nicht die ſchlechteſten in einem gewoͤhnlichen Mu⸗ 
ſenalmanache ſeyn wuͤrden. — Damals gingen 
die Balladen ſtark im Schwange. Die Alma⸗ 
nache wimmelten von ſchauerlichen Ritter⸗ und 
Geiſtergeſchichten. Es konnte nicht fehlen, daß 
. fie meinen Beifall erhielten und meinen Nach 
ahmungstrieb weckten. Ich reimte alſo auch 
eine Ballade, ganz im Geſchmacke jener Zeit. 
Es wurde darin geſchmaußt gemordet, durch ein 


— 3 — 


Geſpenſt Buße gepredigt, und der verftodte Suͤn⸗ 
der endlich vom Teufel geholt. — Am naͤchſten 
Sonnabend. fonnte ich den Augenblid kaum ers 
warten, um mit dieſem Meifterftlide, das übris 
gens wirklich leicht werfificirt war, die Rebners 
bühne zu betreten. Der wichtige Augenblid ers 
fchien, mein Herz klopfte, ich beflamirte mein 
Machwert mit zitternder Stimme. Aber wie 
fumkelten meine Augen! wie hob fic) meine Bruft! 
Ks Muſaͤus, nachdem ich geendigt hatte, fols 
gende mir unvergeßliche Worte ſprach: „Out, 
recht gut; aus welchem Almanache haben Sie 
das genommen? —“ Man vente ih — nein, 
man kann ſich das nicht denken! — mit wels 
chem freudigen Kigel ich antwortete: Ich babe 
ed felbft gemacht. — „Wahrhaftig?“ fagte Mus 
ſaͤus, „ei, ei! bravo! fahren Sie fo fort!" — 
Sch. war außer mir! ich hätte diefen Augenblid 
für kein Königreich verkauft. Mit glühenden 
Wangen ging ich wieder nach meinem Sige, und . 
da ich fah, daß die Augen aller meiner Mitfchüs 
ber auf mich geheftet waren, fo verbarg ich mein 
Seficht mit flolzer Befcheidenheit in den blauen 





— 46 — 


Mantel, den — ſonderbar genug — alle Schuͤ⸗ 
ler zu tragen verbunden waren. — Von nun 
an hielt ich mich fuͤr einen Dichter. Muſaͤus 
hatte bravo geſagt, Muſaͤus konnte glauben, 
die Ballade ſey aus einem Almanache genommen, 
Produkte, fuͤr welche ich damals große Ehrfurcht 
trug; wer konnte mir jetzt noch meinen Beruf 
zum Dichter ſtreitig machen? — Ich haͤtte nun 
fortfahren, und jeden Sonnabend ein neues Mu⸗ 
ſenkind liefern ſollen, aber es kam mir vor, al® 
- .fey meine Ballade unerreichbar, und als: Tönnte 
ich doch nichts dem ähnliches wieder hervorbrin⸗ 
gen. Ich ruhte daher auf meinen Lorbeern aus, 
"und begnügte mich, die Ballade immer in der 
Zafche zu tragen, um ſie gelegentlich einem Jeden 
vorzulefen, der Luft hatte, fie zu hören.“ 

„Ein Süd für mih, daß Mufäus eben fos 
wohl verfiand, Uebermuth zu Dampfen, als Ta⸗ 
Iente aufzumuntern. Einige. Monate . nachher 
nahte das feierliche Eramen heran, wo Lehrer 
und Schüler ihr Beftes thaten, um vor einem 
. zahlreichen Auditorio zu glänzen. Mufaus wollte 
denn auch, zur Recreation der geflrengen Herrn 


— 47 — 
Eraminatoren, einige Gedichte deklamiren lafſen, 


und forderte befonderd diejenigen bazu auf, bie 
eigene Arbeiten zu liefern im Stande waren. 


Als die Reihe an mich kam, und er mid) fragte: 


womit ich aufzutreten gebächte? war ich flugs 
mit der Antwort fertig: mit meiner Bals 
lade. — „Welche Ballade?“ — Ei, die naͤm⸗ 
liche, die der Herr Profeflor vor einigen Monas 
ten fo fehr lobten! — Ich fprach dies mit einer 
Zuverfiht und Selbfigenügfamteit, bie Mufdus 
durchaus nicht leiden Eonnte. — „Ah was! 
bleibe Er mir mit feiner dummen Ballade vom 
Halfe! ich habe das alberne Ding fchon laͤngſt 
vergeſſen. Mache Er was Neues, was Ver⸗ 
‚nünftiges!" — Ich ſtand verſteinert. Das Ge⸗ 
baͤude meiner Citelkeit ſank in Truͤmmern, bie 
Schaam weinte uͤber den Ruinen. Was war zu 
thun? ich mußte aufſtehen von meinen welken 
Lorbeern, auf denen ich ſo ſanft geſchlummert hatte, 
und mie einen friſchen Kranz zu verdienen ſuchen. 
Es gelang mir auch. Ich waͤhlte aus Millers 
moraliſchen Schilderungen die Geſchichte des uns 
natuͤrlichen Sohnes, der ſeinen Vater eingeſperrt 


— 48 — 


haͤlt. — Dieſe ſchreckliche Geſchichte brachte ich 
in Verſe, und erwarb mir abermals den Beifall 
meines Lehrers. — Außer den Schulſtunden ge⸗ 
noß ich ſeinen Unterricht noch in manchen andern 
Dingen, und dieſe Privatſtunden hatten einen 
großen Vorzug vor jenen; dort war es nur auf 
Geiſtesbildung angeſehen, hier lernte ich ſein 
gutes Herz kennen, feine haͤusliche Tugend lie⸗ 
ben, fein vortrefliches Muſter nachahmen. Taͤgr 
lich wuchs meine zaͤrtliche Achtung für ihn, ob er. 
gleich zuweilen fehr fireng-gegen mich war." — : 

Diefe von Kogebue felbft mitgetheikten Züge 
feines Knabenlebens laſſen tiefe Blicfe in fein In⸗ 
neres thun; je aufmerkffamer man ihn auf feiner 
weiteren Pilgerfahrt begleitet, um fo öfter wird 
man an jene erinnert. Unbezweifelt, war er mit 
einem fehr empfänglichen, regfamen Geiſte u 
der Natur befchenft; ſchon als Kind entwidelte 
er ungewöhnliche Bertigfeiten und Zalente, aber 
mit ihrem Aufleimen bemächtigte fich feines ganz 
zen Dafeyns die ungemefjenfte- Eitelkeit. Fruͤh 
ging ihm die fehönfte Blüthe der Jugend, die 
Tindliche Unbefangenheit, die wahre Reinheit des 


— 49 — 


Gemuͤths verlohren. Nicht die freie Knabenſphaͤre, 
mit ihren wilden Spielen, mit ihren unbeſtimmt 
ins Leben. hineinſtuͤrmenden Luſtgebilden, befluͤgel⸗ 
ten ſeinen Geiſt; er lebte nicht in der frohen Ge⸗ 
genwart, nicht in der anmuthvollen Wirklichkeit 
der Kindheit und noch weniger in der reichen Welt 
einer ſich idylliſch geſtaltenden Zukunft: das Men⸗ 
ſchenleben, wie es in guten und ſchlechten Schau⸗ 
fpielen, in wunderlich verzerrten Abentheuren 
und Romanen erſcheint, Liebeleien, mit denen 
er. exrwachſene, ibn. nedende, ihn verſpottende 
Maͤdchen heimſuchte, Yamilien = Umgebungen, 
die an foldhen Naturverirrungen Scherz und 
Gefallen fanden, und ein eitles Streben, für 
die wildauflodernde Selbfifuht aus diefem ent⸗ 
weiheten Boden Gewinn zu ziehen — dies waren 
04 ſtalten, unter denen Kotzebue zum 
Jungling heranreiſte. — 

Schon in Secunda erneuerte er feine drama⸗ 
tiſchen Verſuche. Die Verſchwoͤrung des Catilina 
bearbeitete er als Trauerſpiel in fuͤnf Akten, „wel⸗ 
ches ohngefaͤhr einen halben Bogen lang ſeyn 
mochte.” Ein ermachſener Mitſchuͤler, der für 

— 4 


— 50 U U U} 


eilnen ſchoͤnen Geiſt galt, erhielt es zur: Durch⸗ 
ſicht, und tadelte daran, daß ſich die Perſonen: 
Herr nannten und zugleich du tz ten. Durch 
ſolchen ſchlechten Vorwurf ſank die hohe Achtung, 
die der Verfaſſer fuͤr den ſogenannten ſchoͤnen Geiſt 
hegte, bis zum Mitleid herab. — Waͤre Eckhof 
noch in Weimar geweſen, gewiß, verſichert Kotze⸗ 
bue, haͤtte er ihm fein Wert in Demuth üuͤber⸗ 
reicht, und ihn gebeten, bie Rolle beö Gicero barin 
zu übernehmen. — 
- Zur Beftdtigung jener Fan vorhin ensgefpro- 
chenen Bemerkung, fährt K. dann fort, das Ge⸗ 
maͤlde feiner Jugend weiter: auszuführen: „In 
jenem Alter, wo der Geift, gleich einem jungen 
Baͤumchen, fid mit jedem Winde beugt, iſt alles, 
was wir hervorbringen, Nachahmung, und ich bin 
Aberzeugt, daß Fein originellee Gedanke aus dem 
Kopfe eines Menfchen Tommen Tann’, ehe und 
bevor er im Stande ift, fein Gefchlecht fortzus 
pflanzen. Alles, was ich damals Tchuf, war 
immer nur Nachahmung reiner letzten Lectuͤre. 
Die Brandesfchen Schaufpiele, zum Exempel, ge: 
fielen, denn auf ber oͤden Steppe unferer bra: 


+ — BE — 

matiſchen Literatur war man froh ein Blümchen 
zu finden, wenn es auch nur ein blaſſes Veil⸗ 
chen war. Ich fchrieb ein Luftfpiel, Enpe-gut, 
Alles: gut, ‚welches, wo ich nicht irre, viel 
Aehnlichkeit mit dem Grafen von Olsbach hatte; 
auch eine Frau Wattel, ganz nah ber Frau 
Bandel gebildet, kam barin vor. Goͤthe bes 
fuchte damals oft unfer Haus — (wenn. ich ihn 
nicht Herr Geheimerath von Goͤthe nenne, 
fo gefchieht es aus der naͤmlichen Urfache, die 
Herr Schulz in feinen mikrologiſchen Aufſaͤtzen 
anfuͤhrt) — er hörte von: meinem Luſtſpiele, 
und war fo herablafiend ober. fo höflich, fich das 
Ding zum Durchlefen auszubitten. Er machte 
meiner Mutter durch dieſen Wunfch eine große 
Freude, und bad war auch wohl feine Ab: 
fit. Ich: habe :nachher nichts wieber bayon ges 
hört und gefehn, .würbe es ihm auch fehr ver 
argen, wenn er. feine ‚Zeit bamit verborben bätte. 
Indeſſen war. biefer geiftreihe Man in meinem 
Kaabenalter doc immer fehr gütig gegen mich. 
Er erlaubte: mir,; in feinem Garten Vögel in 
Schlingen zu fangen, denn ich war bamals ſchon 

| 4* 


—1 — 


ein leibenfchaftliher Jaͤger. Wenn idy.nun des 
Morgens um ſechs Uhr, auch wohl. noch früher, 
hinaus wanderte, um zu.:fehen, ob ich einen 
Krammtövogel oder cin Rothlehlchen erbeutet hätte, 
fo fam er oft zu mir herab, unterhielt ſich freund⸗ 
lich mit mir, und munterte mich :auf zum. Fleiße. 
Er hat daB vermuthlid ſchon laͤngſt vergefien, 
ich aber werde es nie. vergeffenz; denn jedes feis 
ner: Motte war mir hoͤchſt merkwürdig, "und 
machte: einen tiefern Eindrud auf mich, ala. die 
ſchulgerechten Ermahnungen meines Conrectors. 
— Göthe batte damals fein allerliebſtes klei⸗ 
ned Stuͤck, die Geſchwiſter, gefhrieben. Es 
wurde auf dem Privattheater zu Weimar aufs 
gefuͤhrt: er: Jelbſt fpielte den Wilhelm, meine 
Schwefter die Marianne, und. mir — mir wurde 
die wichtige. Rolle bes Poſtillons zu Theile! Man 
vente ſich meine ſtolze Freude, als es mir zum 
erſtenmale ‚erlaubt war, vor. einem :großen Pu⸗ 
blicum die Bühne zu betreten... ch fragte alle 
Menfchen, ob ich meine Rolle gut geſpielt haͤt⸗ 
te? — Die Undanfbaren! ne erinnerten ſich bes 

Poſtillons kaum. — — 


— 53 — 


Haͤtte ſich Kotzebue doch oͤfter dieſes Jugend⸗ 
vorfalls erinnert; er, der ſo oft Rollen uͤbernahm 
und wechſelte, er, der ſelbſtzufrieden umherfragte: 
ob er ſeine Rolle gut geſpielt, und dann die, 
als Undankbare, verlaͤumdete, welche ſich des 
Poſtillons kaum erinnerten, oder die dem Fra⸗ 
genden das Bekenntniß nicht varenthalten konn⸗ 
ten, daß er falſch geblaſen und ſchlecht gefahren 
habe! — 

Bald nachher lad ich auch zum erftenmale 
Goͤthe's Werther. Ich habe Feinen Ausprud 
fuͤr das tobende Gefühl, welches biefer herrliche, 
philofophifche Roman in mir erregte. Es wurde 
dadurch in meintm Herzen eine fo ſchwaͤrmeri⸗ 
ſche Liebe für den Verfajler erzeugt, daß er mich 
haͤtte ins Feuer fenden können, um einen verloh⸗ 
renen Schuhriemen heraus zu holen. — Noch ein 
anderer Dichter voll Sturm und Drang ging 
bei und öfter aus und ein, Herr Klinger, 
ber mit einer fchönen, männlichen Geſtalt ein 
gewiſſes rafches, biederes Wefen verband, bas 
mich zu ihm Jog. Mit ihm und Muſaͤus habe 
ich einft eine Zußreife nach Gotha gemacht, am 


— 4 — 


die ich, ſo lange ich lebe, mit Bergnuͤgen zu⸗ 
ruͤckdenken werde*). Es konnte nicht fehlen, 
daß in dem fruͤhen Umgange mit ſolchen Maͤn⸗ 
nern, meine geringen Talente den Grad der 
Ausbildung erhalten mußten, denen fie fähig 


waren.” — 


„Ich war nunmehr nach Prima hinaufges 
tut, wo ber verſtorbene gelehtte Heinfe mir 
zum erſtenmale Sefchmad an ber Lateinifchen 
Sprache einflößte, die in ben untern Klaſſen 
blos als Gebächtnißwert und fo handwerksmaͤßig 
betrieben wurde, baß es unmöglich war, fie mit 
Luft zu ſtudiren. Heinſe aber las in Privatflun- 
ben den Terenz mit und, und las ihn fo, daß 
der Kern nicht verloren ging. Terenz hat mir 
viele Freude gemacht; das war es aber auch) 
alles, denn die erbärmliche Logik, die man in 
Prima nach einem alten Scholaftifer lehrte, die 
trodene Univerfalbiftorie von Zopf, und was 





*) Siehe Nachgelafſene Schriften bes Prof. Wufäus, 
herausgegeben von X. v. Kotzebue. Leipzig 1791. 
Geite 30. Ä " 


— 56 — 


bergleichen mehr war, erwedte mir ſolchen Edel, 
daß ich in den Schulſtunden faft nichts „anderes 
that, als unter dem Mantel Romane lefen. — 
&o nabte nun endlich die Zeit heran, wo ich 
die hohe Schule zu Jena beziehen follte, und 
ich war noch ‚nicht völlig ſechszehn Jahre alt als 
ich fie wirklich bezog." — 

Dier muß der Kogebuefchen Selbſtbiographie 
Einiges eingefchaltet werben, um nicht ganz un: 
beruͤckſichtigt die. Verhältniffe zu überfpringen,: 
unter welchen er, als frühgereift, burch-feine 
Mutter von Weimar-weg, nah Jena gebracht . 
wurde. — Bei einer: fehr leichten und glüdlichen 
daſſungsgabe, bei großer Regfamleit des Geiſtes 

und einer Gemüthsart, die in Selbfigefäligkeit,. 
ſinnlicher Reizbarkeit und Eitelleit alle. Kbrigen 
Charakterzüge verbunlelte, zeigte K. gar bald, 
daß er unter bem gefährlichiten Himmelszeichen 
geboren war, welches feinen Einfluß: auf einen 
zum Sünglinge heranreifenden talentvollen Kna⸗ 
ben üben kann. Der Stern, welcher Kotzebne's 
Leben, ‘von früher Jugend an, Licht verlieh, 
war der Wis. - Durch ihn: machte er fich: :bes 


die ich, fo lange ich Iebe, mit Vergnügen zu: 


ruͤckdenken werbe*). Es konnte nicht. fehlen, 
dag in dem frühen Umgange mit folchen Maͤn⸗ 
nern, meine geringen Talente den ‚Grab ber 
Ausbildung erhalten mußten, befien fie fähig 
waren. .— | 

„Ich war nunmehr nach Prima hinaufges 
ruͤckt, wo ber verftorbene gelehrte Heinfe: mir 
zum erſtenmale Geſchmack an ber Iateinifchen 
Sprache einflößte, die in ben untern Klaffen 
blos als Gebächtnißwert und fo handwerksmaͤßig 
betrieben wurde, daß es unmöglich war, fie mit 
Luft zu ſtudiren. Heinfe aber las in Privatſtun⸗ 
ben ben Terenz mit und, unb las ihn fo, baß 
der Kern nicht verloren ging. Terenz hat mir. 
viele Freude gemacht; das war es aber auch 
alles, denn die erbärmliche Logik, die man in 
Prima nah einem alten Scholaftifer Lehrte, bie 
trodene Univerfalbiftorie von Zopf, und was 





*) Siehe Rahgelaffene Schriften bes Prof. Mufäus, 
herausgegeben von A. v. Kotzebue. Leipzig 1791. 
Geite 20. Ä ’ 


— .55 nnd 


dergleichen mehr war,. erwedte mir folchen Edel, 


daß ich in: den Schulſtunden faſt nichts anderes 


that, als unter :dem :Mantel Romane lefen.. — 
So nahte num endlich die Zeit heran, wo ich 
die hohe Schule zu Jena beziehen follte, und 
ich war noch nicht völlig ſechszehn Jahre alt ale 
ich fie wirklich bezog.” — 

Hier muß der. Kotzebueſchen Selbſtbiographie 
Einiges eingeſchaltet werden, um nicht ganz un⸗ 


beruͤckſichtigt die. Verhaͤltniſſe zu uͤberſpringen, 


unter welchen er, als fruͤhgereift, durch⸗ſeine 
Mutter von Beimar-weg, nah Jena gebracht 
wurde. — Bei einer: fehr leichten und gluͤcklichen 
Faſſungsgabe, bei großer Regſamkeit des Geiſtes 
und einer Gemüthsart, die in Selbfigefäligkeit,. 
finnlicher Reizbarkeit und. Eitelkeit alle .Kbrigen 
Garakterzuͤge verbunfelte, zeigte K. gar bald, 
Daß er unter dem gefährlichften Himmelszeichen 

geboren war, welches feinen Einfluß: auf einen 
zum: Sünglinge heranreifenden talentvollen Kna⸗ 
ben üben kann. Der Stern, welcher Kotzebne's 


‚Leben, von früher Jugend an, Licht verlieh,. 


war ber Wit. - Dich, ihn machte er fich bes 


— 56 — 


merklich und aͤrndete Beifall, durch ihn gereizt, 
wurde es ihm unmoͤglich, je in Erlernung irgend 
einer Scienz ober Wiſſenſchaft Freude zu finden, 
durch ihn buͤßte ex. früh bie fittliche Reinheit ein, 
die das Jugendleben verherrlihen muß. : Da er 
für immer dem Ernſte des Schulfleißes entzogen, 


‚ nie mit dbemfelben vertraut werben, aus demfelben . 


Gewinn ziehn konnte, fo wurde er mit feinem jugend» 
lihen Muthwillen bald überläftig, ja fogar ver⸗ 
hast, als man bemerkte, daß er auf Nedereien. 
und Spoͤttereien alle feine Fähigkeiten verwens 
bete und bei benfelben eine. Bekanntſchaft mit 
den Verhältniffen zum ſchoͤnen Gefchlechte offen 
barte, bie bei einem Knaben von feinem Alter, 
in :offenbase'Yrechheit ausartete. Die Nachſicht, 
welche die Seinigen ihm’ angebeihen liegen, fand 
eine -befondere Stüge in dem gemuͤthvolleſten 
arglofeflen Satyriker, der je in ber Welt gelebt: 
hat, »in.. Mufäus, der zu nichts weniger, als 

zum; Sugenderzieher gefchaffen war, in Eindlicher 
| Unbefangenheit durchs Leben. ging und aus nichts 
in ber Welt etwas Arges hatte So. war Kos 
gebue aus dem. Kreiſe feines Lebensalters ge> 


— 57 — 


ſchieden und fand eine Nahrung bes Ehrgeizes 
darin, ſich in big. Rreife der Ermwachfenern zu 
drangen. : Mehrere Umſtaͤnde trafen zufammen, 
daß die jungen Leute beiderlei Gefchlechts ſich 
veranlagt ‚fanden, ben unreifen und überreifen 
Knaben aus ihrer Mitte zu entfernen, wie denn 
gewöhnlich die, welche bie Kinderfchuh eben vers 
hoffen haben, am wenigften gern mit benfelben 
Kurzweil treiben. — Hierdurh wurde K—s 
Eitelkeit auf das tieffle verwundet; er hegte nur 
Einen Gedanken — den der Rache; fie ergoß 
fi) in einem. Pasquille, welches bie gröbeften 
Unfittlichleiten ausſprach, und, um den ernfthafs 
teften . Unannehmlicyleiten vorzubeugen, feine 
fehnelle ‚Entfernung von Weimar rathfam machte, 
— So war Kogebue wirklich im fechözehnten Jahre 
frühgereift zu nennen, aber nicht in willen: 
fchaftliher Bildung und Kenntniß, fondern in 
Selbſtſucht und ſchaamloſen Muthwillen; für 
den hoͤheren wiſſenſchaftlichen Unterricht der Uni⸗ 

perſitaͤt war er noch auf keine Weiſe empfaͤng⸗ 
ich, weshalb ſeine Mutter den Verſuch machte, 
da es mit ihm auf dem Weimarifchen Gymnafio 


anf Feine Weiſe gehn wollte, ihm durch Unters 


richt- in Jena die noch mangelnden Sprachlenn®  - 


niffe zu verfchaffen, welche intimer bie Grundlage 
aller: wiffenfchaftlihen Studien feyn muͤſſen. - 

K. erzählt weiter: „Freilich blieb ich anfangs 
auch dort ein halber Schuͤler, und beſuchte noch 
nicht die eigentlichen Brodkollegia. Uebung in 
todten und lebenden Sprachen war -im erften 
Zahre mein Hauptzwed; Seit ich ben Terenz 
Bannte, hatte ich eine hohe Idee Yon der lateis 
niſchen Sprache gefaßt; in Jena wurde fie noch 
vergrößert. Der bamälige Herr Abjunftus Wie: 
deburg, jebt Profeffor zu Helmſtaͤdt, las über 
den Horaz. Die Stunde glei) nad) dem Mits 
tagseffen war freilich unbequem, - befonders in 
den Sommermonaten, und'man mußte ganz fo 
angenehm unterhalten ‚werben, als es dort ges 
ſchah, um nicht zuweilen den Anwandlungen 
des Schlafes zu unterliegen. Wiedeburg drang 
mit philofophifchem : Geſchmack in den Geiſt des 
Dichterd, und wußte eben fo gut die Schönheit 
der Sprache, als bie ber: Gedankenfuͤlle auein⸗ 
ander zu ſetzen.“ | 


U % 59 Uusemsul 


„Das Sranzöfifche hatte ich zwar ſchon von 
Kindheit am getrieben, : aber in Iena wurde ich 
zum’ etflen Male vertraut damit. Boulet, der 
gute alte Boulet, war fein gemeiner Sprach⸗ 
meiſter. Belefen in den beften Schriftſtellern 
feines Jahrhunderts, aus welchen er bie fchönften 
Stellen audgezeichnet hatte, wußte er feinen Uns 
terricht mit Wis und. Laune zu würzen, und 
fein gluͤckliches Gedaͤchtniß war unerſchoͤpflich. 
Ihm verdanke ich die Vorliebe zu der franzoͤſi⸗ 
ſchen Sprache und den Produkten der Franzoſen; 
denn ob ich gleich ein Deutſcher, und zwar ein 
deutſcher Schriftſteller bin, folglich dies Be⸗ 
kenntniß ſeltſam in meinem Munde klingen mag, 
ſo muß ich doch freimuͤthig geſtehn, daß wir im 
Fache der ſchoͤnen Wiſſenſchaften, und beſonders 
in der leichten, faßlichen Art, Geſchichte und Phi⸗ 
loſophie darzuſtellen, noch immer weit hinter den 
Franzoſen zuruͤckbleiben, woran denn freilich auch 
unſere ſchwerfaͤllige, uͤbelklingende Sprache zum 
Theile Schuld ſeyn mag. — Das Italieniſche 
lernte ich von Herrn Valenti, und machte durch 
ihn meine erſte Bekanntſchaft mit Arioſt. — 


— (60 — 


„Auch in Jena blieb meine Liebe für die edle 
Schaufpielfunft nicht ohne Nahrung; denn als 
ich dort ankam, fand ich bereits ein Liebhabers 
theater von Studenten errichtet, und es war 
natuͤrlich mein erſtes Beſtreben, als Mitglied 
deſſelben aufgenommen zu werden. Die jungen 
Damen auf Akademien weigern ſich, guf-folchen 
Studententheatern Rollen zu uͤbernehmen, und 
ich glaube, ſie thun recht wohl daran. Schlimm 
iſt es freilich, daß man dadurch genoͤthigt wird, 
Juͤnglinge in Weiberkleidern auftreten zu laſſen; 
denn obgleich bartlos, behalten. fie doch: immer 
ein linked Anfehen. Meiner Jugend wegen wurbe 
ih zu Frauenzimmerrollen beflimmt, und ich 
kann nicht ohne Lachen: daran denken, daß ich in 
den ſechs Schüffeln bie Frau von Schmerling 
im Reifrocke, und außerdem noch ſo manche 
andere, zaͤrtliche und naive Madchenrole beſpielt 
habe.“ | 

„Nebenher fuhr ich fert, Keime zu. ſchmieden, 
welche ich Gedichte gu nennen beliebte, „und 
ed widerfuhr ‚mir im erſten Sabre: meiner. alades 
mifhen Laufbahn eine Demüthigung und 


main 641 — 


eine Aufmunterung Mit ber erſteren vers 
bielt:e8 ſich folgender. Seftalt :' 
Ich haste meinem loͤblichen Nachahmungss 
triebe zu: Folge, es auch gewagt, Wieland 
nathzuahmen; denn weil feine Verſe ſich fo leicht 
lefen ließen, fo dachte ich, fie müßten. auch 
leicht zu machen ſeyn. Ich: reimte daher in 
zwei Zagen ein Wintermährchen zuſammen, ſchrieb 
es am ‚dritten Tage fauber ad, und fandte «8 
am vierten mit der Poſt gerade an Wieland, 
Ich ſchrieb ihm dabei “einen: ſtolz befcheidenen 
Brief, und machte für niein Mährchen mit vies 
Ver Zuverſicht Anſpruch auf einen: Platz im deut⸗ 
ſchen Merkur. — Man kann leicht denken, daß 
Wieland mehr zu thun hatte, als mir zu ant⸗ 
worten. Das that mir zwar: wehe, indeß war 
ich doch bereit, ihm zu verjeiben, wenn er mein 
Machwerk nur wirklich einruͤckte, ein Umſtand, 
an dem ich gar nicht zweifelte. Ich wartete da⸗ 
her zu Ende jedes Monats mit der groͤßten Un⸗ 
geduld auf das neue Stuͤck vom deutſchen Mer: 
Eur, und durchlief mit“ gierigem Auge das In⸗ 
haltsverzeichniß: In den: erften. Monaten fehle 


— 64 — 


von ſelbſt aufſpringt, ſo thut er beſſer, den ſors. 
den Mufen za entſagen.“ m ER 

„In- Duisburg ging meine. erfte Sorge Das 
bin, ein Liebhabertheater zu errichten. Ich brachtg 
“auch. mit leichter Mühe. einen Haufen junger 
Leute zufanimen, bie ſaͤmmtlich Lufl hatten; Haupt⸗ 
rollen zu fpielen; aber weit ſchwerer hielt ‘es, 
einen fchidlichen. Mag zu finden,. um ein Thea⸗ 
ter aufzufchlagen . Ein dicker Nebel von Bars 
urtheilen lag. noch auf dieſer⸗ kleinen Graͤnzſtadt; 
die. Wenigen, die Geſchmack beſaßen, hatten keine 
Säle zu vermiethen, und wer eirien Saal hatte, 
wollte ihn nicht fo ſuͤndlich entweihen laffen. Durch 
. wen glaubt man wohl, daß und aus dieſer Noth 
geholfen wurde? — durch bie ehrwuͤrdigen Pas 
treß des Menonitenofters! 11" — (Hätten ‚bie 
ehrwuͤrdigen Patres nicht vernünftiger gehandelt, . 
wenn fie der Noth nicht abgeholfen,. ſondern den 
Sedanten feft gehalten haͤtten, daß ‘die Juͤng⸗ 
linge der Univerfität einen’ Höheren Zweck und 
Beruf hatten, als mit Theaterpoffen ihre Zeit 
zu vergeuben, nuglofen Zerftreuungen ſich hinzu⸗ 
geben, folchen zu Unfittlichleiten unb Unordnun⸗ 


65 — 


gen führenden Unfug zu betreiben??? *) — 
„Sie räumten uns höflih und willig ihren Fans! 
gen und. ziemlich breiten Kreuzgang ein, beſuchten 
unfere Proben, ergösten fi) an unfern Schwaͤn⸗ 
den, und erzählten, wie fie felbft ehemals bibli= 
ſche Gefchichten aufgeführt hätten. Ueberhaupt 
muß ich zur- Steuer der Wahrheit bei 
kennen, daß ih unter den Fatholifchen: 
Seelenhirten.nie foviel geifllihen Dänz . 
tel angetroffen habe, als unter den 
Proteſtanten. - Diefe halten fi urploͤtz⸗ 
lich für höhere Wefen, fobald das Be- 
nedicat tibi Dominus! über fie auöges 
fproden worden; jene vergeffen nie; 
daß fie Menſchen find, und wenn fie in 
Blaubendlehren unduldfam ſcheinen, fo 
find fie Dagegen tolerant für menſchli⸗ 
he Schwacheiten Die Hölle iſt freis 
lich auchihr Popanz, aber bei ihnen iſt 
doch noch Erlöfung zu hoffen, und kurz, 
| 5 





. *) Diefe drei Zrogezeichen ſtehen hier als Erwiederung 
der drei Ausrufungs zeichen, die K. bei ber eben mit⸗ 
getheilten Gtelle feiner Gelbftbiographie macht. 41 

5 


— 66 — 


wer einmal verdammt iſt, in Pfaffen- 
bände zu fallen, der fährt mit einem 
Moͤnche doch nod immer beffer, als mit 
einem Superintendenten.” — 

&o hat Kogebue fein Glaubensbekenntniß 
auögeiprochen, den Geſichtspunkt fefigeftellt, nad 
dem fein Leben zu würdigen iſt, indem er als 
Mann (4796, in feinem fünf und breißigften 
Zahre) auf feine Jugend zurüdblidt. In Glau⸗ 
benölchren mag ber Geiſt der Kirche und der 
Keligionslehrer immerhin unduldfam feyn, wenn 
nur dagegen bie menfhliden Schwachheiten 
Toleranz finden; das heißt: wenn man nur thım 
und treiben darf, was jede Sinnesluft Lodendes 
darbietet. — Dieſes ift die feine Moral, welche 
er unzählige Male in feinen Schaufpielen und 
andern Schriften wiederholte, durch die er fich 
in allen Ständen, zumal in den fogenannten 
höheren, fo viele Freunde, Beſchuͤtzer, Bewunde⸗ 
zer erwarb, diefed die Moral, mit ber er, er 
mochte thun, was ihm gelüftete, immer zufrieden 
und led auf dem Theater des Lebens hervors 
trat. —.... 


— 67 — 


„Im Kreuzgange des Menonitenkloſters alfo 
gaben wir zum Erſtaunen, zur Freude und zum 
Skandal des Duisburger Publikums die Neben⸗ 
buhler. Seit die Welt ſteht, iſt vielleicht nie 
ein ſo profanes Stuͤck in einem Moͤnchskloſter 
geſpielt worden, und wer den ganzen Kreuzgang 
ganz voll Damenkopfzeuge ſah, mußte ſich billig 
fragen: wo bin ich? iſt es ein Traum? — Des 
kaͤcherlichſte bei der Gefchichte war, dag ich, 
aus Mangel an Alteurd, zwei Rollen fpielte — 
und weldhe? — Julia und den Junker Als 
Ferland!! Wo Julia mit biefem zufammens 
fommt, da hatte ich weislich Veränderungen ans 
gebracht. Ich fpielte die Geliebte im Amazonens 
babit, und Eleidete mich fchnell um, wenn Pog 
Kinder und Wiegen! ber tölpelhafte Land⸗ 
junker auftreten folte. So mußte jede Schwies 
tigkeit meiner Theaterwuth weichen.‘ | 

„Noch immer war fein Funke von Drigines. 
lität in meiner Seele.” (Jedoch mußte fich 
ſchon damals 8. für fäbig halten, ober wenigs _ 
ſtens eine beflimmte Ahnung der bald eintretens 
den Fähigkeit, fein Gefchlecht fortzupflauzen, ges 

5* 


habt haben; denn er betrieb feine Liebſchaften 
wieder mit wildem Eifer und bezeigte gar große 
Luſt, fich mit einem Srauenzimmer, dem Gegen: 
ftande feiner Huldigungen, zu verloben. Doch 
diefe Dame, nachher fehr glüdlicy mit einem 
alademifchen Lehrer und Geiftlichen verheurathet, 
wies den Thörigten mit gebührender Verachtung 
zuruͤck. „Ein Roman, ben ich in Duisburg 
anfing, glich auf ein’ Haar Sophiens Reifen von 
Sachſen nach Memel. Ich kam damit nur bis 
auf den vierten Bogen. Ein paar andere Pros 
dukte hingegen vollendete ich wirklich, doch leider 
nur um zwei neue Demüthigungen zu erfahren, 
Das erfte war: der Ring, oder Geig ift eine 
Wurzel alles Uebels, ein Luflfpiel in drei 
Alten. Auch hier lag ein abgenuster Stoff zum 
Grunde. — Ich hatte die Verwegenheit, das 
Stüd an Schröder zu fenden, ber ed mir mit 
einem höflichen Briefe zuruͤckſchickte, eben als ich 
mit mir felbft zu Rathe ging, wie groß das 
Honorarium wohl feyn müßte, das ich zu for: 
dern gedachte. Ich zürnte auf Schröber, dei 

feinen eigenen Vortheil nicht befler verſtand 


— 69 — 


überwarf mich -auch ein wenig mit der undank⸗ 
baren bramatifchen Mufe, ließ fie. im Stiche, 
- and: ſchrieb einen Roman von acht oder zehn 
Bogen, der, nach meiner Meinung, dem Wer⸗ 
ther in nichts nachſtand; ja die Geſchichte war 
noch. weit ſchauerlicher, denn der Held ſtuͤrzte 
fih von: einem hohen Berge und. wurde zer⸗ 
ſchmettert.“ 

.„Weygand in Leipzig war damals die Heb⸗ 
- amme aller modifchen Romane. Ihm .fandte ich 
mein Produkt, und überließ ihm das Hanorarium 
nach Verdienſt zu beflimmen. Zweimal in. ber 
Woche eilte ich auf dad Pofthaus, um die erfeufzte 
Antwort abzuholen... Sie kam endlich, und da 
fie blos in einem dünnen Briefe beftand, mir alfo 
: dad Manufeript nicht zurüdgefchidt wurde: . fo 
ſchloß ich daraus, ehe ich den Brief erbrach, daß 
mein Meifterwerk nothwendig bereit unter ber 
Preffe feyn muͤſſe. Aber wie erfchrad ih, als 
ich lad: daß Herr Wengand. fchon ‚für einige Meſ⸗ 
fen mit Verlagsartikeln hinlänglich verfehen fey, 
- and. baß mein Manuſcript mir fogleich wieder, zu 
- Dienften ſtehe, wenn ich. vorher. die Güte haben 


würde, ihm das Poflgeld zu erfegen, denn ich 
Hatte, im vollen Vertrauen auf bie Güte meiner 
BWoare, fie ihm unfrankixt zugefhidt, und er 
glaubte vermuthlich, ich wurde aus väterlicher 
Zärtlichkeit nicht ermangelt, mein Kind einzulds 
fen. Aber da irrte er ſich — Wie? mem Held 
follte nicht allein gratis vom Berge fpringen, und 
feine gefunden Gliedmaßen fo jaͤmmerlich zers 
fchmettern? fondern ich follte auch noch einbüßen? 
— nimmermehr! — Zwar hätte ich mein Manus 
ferigt um fo lieber wieder gehabt, weil ich, als 
ein echtes Genie, nicht einmal ein Brouillon das 
von zuruͤckbehalten, ſondern ben erften Wurf, 
wie er aus meiner Feber gefloffen, abgefandt, 
ohne mich mit bem pebantifchen Zeilen abzuges 
benz: aber — wer jemald Student war, wird 
wiſſen, daß der Mufenfohn nie einen Gulden 
zuviel. hat, und ich befchloß daher, meinen Scheg 
in ven Haͤnden bed Herrn Weygand zu lafien.” — 

Alſo ımglüdlidy in ben. Liebfchaften und im 
ven Austorfchaften kehrte Kogebue 1779 von Duis⸗ 
burg. nach Iena zurüd. Die ihren Sohn fe 
zaͤrtlich liebende Mutter wurde nachgerabe für 


deffen kuͤnftiges Dafeyn beforgt. Hatte fie fruͤ⸗ 
ber auch auf die Theater⸗ und Dichterfpielereien 
des Sohnes nicht ohne mütterliches Wohlgefallen 
bingelächelt, fo war fie doch verfländig genug, 
mit jedem Augenblide ernſter diefe unlge Ver⸗ 
geudung der ſchoͤnſten Jugendjahre zu erwägen. 
Bas follte aus ihm, der, bei dem gluͤcklichſten, 
fo leicht auffaffenden, fi mühlos Alles zu eigen 
machendem Kopfe, eigentlih noch gar nichts, 
als einige Fertigkeit in der franzoͤfiſchen Spras 
die, erworben hatte, ber fih mit nichts au bes 
fohäftigen wußte, ald mit Liebeleien, mit Romas 
nengebilden und mit Theaterrvllen, was fonnte 
aus ihm werben? — Kotzebue hatte die Juris⸗ 
prubenz zu feinem Bünftigen Berufsſtudio ges 
wählt; dieſem fi) num auch ernflich zu widmen, 
wuüurde ihm wiederholt und fehr ernſtlich anem⸗ 
pfohlen. Er liebte feine Mutter, barmm vers 
ſprach er Fleiß und Beflerung, er’ liebte aber 
noch mehr, feinem Geluͤſte zu fröhnen, darum 
kamen alle Ermahnungen und VBerheißungen gar 
bald ins Vergeſſen. Es wurden wiffenfchaftliche 
und namentlid zum Studio. der Jurisprudenz 





gehörige Kollegien angenommen, aber nur wenig 
beſucht; an allen Lehrern hatte Kobebue etwas 
. auszufegen, jeder ernfte Bortrag edelte ihn an. 
„Der alte H—, ber feine Zuhörer durch Zoten 
ergögte,” fo erzählt K. „ber trodene S—, der 
feit einem Bierteljahrhundert in jedem Semefter 
zwei Späßchen vorbrachte, die immer dieſelben 
waren, und über die niemand lachte als er felbft; 
Der weitfchweifige, : gefhmadlofe W—, und der 
biedere, aber ungefittete Sch— waren meine 
Lehrer... Gefchichte hörte ich bei dem feligen 
Müller, der keine Periode hervorbringen Eonnte, 
ohne fie durch die beiden Wörtchen „mit unter‘ 
zu würzen, fie mochten dahin gehören oder nichts 
Logik. und Metaphyſik bei dem Herra Hofrath 
Ulrich, der damals noch feinen überlegenen 
Gegner gefunden hatte. Ich fegte meine Sprach⸗ 
‚ Übungen bei Boulet und Valenti fort, und 
Yebte in den Nebenftunden mit Her, und Sinn 
. für das Liebhabertheater. Damals gebar ich ein 
Trauerſpiel: Charlotte Frank, weldes, fo 
elend ed auch war, mir in unfern Zagen die 
Ehre der Verfolgung zugiehen würde. Kin Fuͤrſt 


— 


Pam 7 


— 73 — 


naͤmlich verliebte ſich auf der Jagd in die Toch⸗ 
ter eines Landpredigers, die Geliebte eines brau⸗ 
ſenden Juͤnglings, raubte ſie, und wurde von 
dem verzweiflenden Liebhaber erſchoſſen. Der 
Fuͤrſt hatte auch eine Art von Marinelli um 
ſich, eine ſehr verſudelte Kopie, im Koſtume eis 
ned Huſarenrittmeiſters; eben fo war ber Predi⸗ 

ger eine elende Nachahmung des Oboardo. — 
Dem fey, wie ihm wolle, es gelang mir, meine 
Mitbrüber zu uͤberreden, das Stüd aufzuführen, 
und ber verftorbene Kapellmeifter Wolf war fo 
‚gefällig, ein allerliebſtes Adagio dazu zu kompo⸗ 
niren, welches gefpielt wurde, während ber Held 
bes Stüudes im Gefängniffe betete, und welches 
natürlich das Beſte von der ganzen Vorftellung 
war, Ich felbft fpielte den Fürften — aber ach! 
als ich am Ende .erfchoffen werben follte, ver: 
. fagte. die Piſtole. Mein Mörder hatte fich auch 
auf diefen Fall mit einem Dolche bewaffnet, ich 
ſtuͤrzte aber beim Abdrüden der Piflole, ehe ich 
noch Zeuer ſah, fogleich tobt nieder; der Held 
warf fih auf mich, da mich ber Schreden fchon. 
getödtet. hatte, und fließ ‚mir. zum. Ueberfluffe, 





. mit feinem Dolche, noch einige blaue Flede. Der 
. Vorhang fiel und der Beifall war fehr karg. — 
Bald nachher wagte ih mich an ein Luftfpiel: 
Die Weiber nah der Mode Es gelang 
beffer, und hatte, ſoviel ich mich erinnere, einige 
wirklich komiſche Züge. Hin und wieder waren 
verfchleierte Stadtanekdoͤtchen bineingewebt, ein 
Umftand, ber dem Dinge mehr Beifall verfchaffte, 
als es verdiente Diefer Beifall kitzelte den 
muthwilligen Juͤngling, und erzeugte vielleicht 
in ihm jenen unfeligen Hang zur Satyre, dem 
er zwar felten, unb wahrlidy! nie aus hämifchen 
Abfichten den Zügel ſchießen laſſen, der ihm aber 
doch als Mann eine Reihe von Jahren verbittert 
bet. Die Satyre ift ein Bienenflachel, der Ges 
flochene leidet wenig baranz ber Stechende aber 
läßt ihn zuruͤck, und fühlt es fein Leben lang. 
Wenn tiefe Schrift auch feinen andern Nugen. 
bervorbringt, ald den, daß fie vieleicht hier und 
da einen Iüngling von ber „gefährlihen Bahr 
abruft, wo zwar fchadenfrohe Zufchauer ihm auf 
allen Seiten Beifall zulächeln, aber hinter ihm. 
ein Kreuz ſchlagen — fo bin ich belohnt.“ — 


— 5 — 


Hier haft du, geneigter Xefer, ein Geftänd: 
niß und eine Ermahnung von einem Schriftflel: 
ler, der in ber Satyre, und befonders im Pass 
quille gar viele Verſuche machte, und, unterſtuͤtzt 
vom ige, im letzteren eine wahre Birtuofität 
gewann. Wenn er fo oft im unzüchtigen Muth 
willen und zu kleinlicher Mache achtungswerthe 
Menſchen dem Geſpoͤtt Preis gab, ‚Stadtanels 
bötchen auf die Bühne bradıte, in Schmähges 
dichten verbreitete, Zwietracht in Familien brachte, 
das Vertraun gefellfchaftlicher Mittheilung ftörte 
and den zum Gegenflanbe feiner : Verfolgung 
Auserfehenen wohlerworbene Achtung raubte, ja 
felbft durch teufelfche Anfchuldigungen zur Vers 
zweiflung brachte — fo leidet nad feinem 
Gefühle der -Seflohene bob nur wenig, 
das Hauptleiden hat ber Spötter zu 
tragen, weil hinter ihm ein Kreuz ges 
fdiagen wisd. Wenn man füch des Zeitpunk⸗ 
tes erinnert, in welchen Kogebue dieſes Ge- 
flänbniß ablegt, (ed. war kurz nach der berüchs 
tigten Geſchichte des Bahrdt mit der eifers 
nen Stirn,) fa. möchte ihm der Vorwurf der 





beiten oft im Verlegenheit geſetzt unb zu br 
genden Ermahnungen veranlaßtz doch dieſe fru 
teten fo wenig, als die nothwendig geworder 
Erinnerungen und Zurechtweifungen bes aka 
mifchen Senats. Ja diefe mußten bis zu t 
Schärfften Drohungen gefteigert werben, - als Koi 
bue in einer hoͤchſt obfcönen Parodie eines | 
liebten Buͤrgerſchen Gedichtd die achtung 
“ wertheften Damen Weimar's an den Pranger 

ftellen fih bemühte. Vom Hofrathe Schü 
als Genfor, verlangte er für dieſes Machwe 
die Erlaubniß zum Druden, und als ihm bie 
mit Recht verweigert wurbe, ließ er fein Gebic 
anderwärtd druden und verbreitete ed zum Kol 
jedes fittlihen Gefühls, der erhaltenen Erma 
nung zum Trotze und zur großen Betruͤbniß fü 
ner Angehörigen. — Selbſt nach fechözehn Ja 
ren hatte ſich das Wohlgefallen über das gelui 
gene Schelmſtuͤckchen noch nicht vermindert, w 
K—s Worte bezeugen: „Es Fam ein Seiltänz 
nah Weimar, ber feine fchöne, herkulifche © 
flalt durch die mannigfaltigſten Biegungen feine 
Körpers in das vortheilbaftefte tie zu ſetze 


. — I — 


wußte. Die Verleumdung ſtreute aus, er habe 
das Herz mancher Dame gewonnen, und mir 
kam dabei die luſtige Idee in den Sinn, Buͤr⸗ 
gers Lied: die Weiber von Weinsberg, zu pa⸗ 
rodiren. Ich muß bekennen, daß ich noch heute, 
nach ſechszehn Jahren, dieſe Parodie fuͤr eines 
meiner witzigſten Produkte halte; aber um ſo 
mehr zog es mir den gerechten Haß der Damen 
zu. Ein gewiſſer B—, der auch für einen Dich⸗ 
ter galt, und ſich nicht wenig darauf zu Gute 
that, wurde auf bringended Begehren der Scham: 
pion der Damen, unb that mir die Ehre an, 
eine Romanze auf mich zu machen, in welcher 
mir in effigie gar jämmerlich mitgefpielt wurbe. 
Eine billige Züchtigung für den Frevel, das 
ganze fchöne Gefchleht anzutaften, wo vielleicht 
kaum eine geftrauchelt hatte.“ 

Er fährt fort: „In meinem achtzehnten Jahre 
wurde.ih Mitglied der deutſchen Gefelfchaft in 
Jena, welches ich damals für eine große Ehre 

hielt, ein Irrthum, von welchem ich Längft zu= 
| rüdgelommen bin. Bon den in diefer Verſamm⸗ 
kung vorgelefenen beiden Auffägen erinnere, ich 


— 586 — 


mir nur noch, daß einer derſelben eine Verthei⸗ 
digung des Kaiſers Julian enthielt, und daß 
ich ſchon damals die albernen Maͤhrchen und 
blutduͤrſtigen Raͤnke der aͤltern und neuern Chri⸗ 
ſten verabſcheute.“ 


| „Einige frohverlebte Sommermonate auf dem 
Klippſteiniſchen Garten gaben einer kleinen 
Sammlung von Gedichten das Daſeyn, welche, 
durch Vermittlung meines Freundes Mufäus, 
bei W— in E— gedrudt wurden*). Ich nenne 
mit Fleiß weder den Verleger, noch den Zitel 
diefer Bleinen Broſchuͤre; denn es koͤnnte irgend 
einem neugierigen Leſer einfallen, ſich das Ding 
kommen zu laſſen, wobei ich traun! nichts ge⸗ 
winnen wuͤrde. Es machte mir aber damals 
unausſprechliche Freude, und ich pflegte ſorgfaͤl⸗ 
tig jeden Katalog, der mir in die Haͤnde fiel, 
nachzuſchlagen, um meine Augen an dem Titel 

meines Machwerks zu weiden. Woher mag es 
kommen, daß die erſten Schritte auf der ſchrift⸗ 


+) Der Titel iſt: Er und Sie. Bier somantifche 
\ Gedichte. Eifenah 1781. 0 


muB 84 — 


ftelleriſchen Laufbahn eine fo ſuͤße Selbſtgenuͤg⸗ 
ſamkeit gewähren? — Um oͤfſentlich zu zeigen, 
daß ich meine Zeit nicht bios mit den fchönen 
Wiſſenſchaften vertändelt hatte, beſchloß ich, im 
neunzehnten Iahre meine afadenifche Laufbahn 
mit der Rolle eined Opponenten bei einer Dot: 
-torpromotion; ging darauf zuräd nach Weimar, 
ſtudirte fleißig die Pandekten, wurde von ber. 
. Regierung eraminirt und zum Advokaten ?reirt. 
Während ich auf Klienten wartete, fuhr ich felbft 
fort, ein eifriger Klient der Mufen zu feyn. 
Sch befang die Weimarfchen Schönen, und gab 
mir alle Mühe, das Andenken an eine gewiffe 
Romanze zu verfilgen, die mir ein oder zwei 
Sahr vorher entfchlüpft war." — 


Wie er die Schönen befang, beweifen bie 
unter dem Zitel: „Erzählungen” gefammelten 
Sedichte*), und das Andenken an die famofe 
arodie fuchte ee durch neue Satyren zu ver: 
drängen, wie denn z. B. bie „die eherne Tafel” 
hberfchriebene Erzählung voll beleidigender Ans 





*) @eipzig bei Kummer. 1782. 
Fa 


U 0) 823 ) 


fpielungen ifl. Merkwuͤrdig bleibt es, daß in den 
fämmtlichen Poefien Kogebues, aus feiner fchöns 
ſten Jugendperiode auch nicht. eine Spur zu fins 
den, nicht eine Ahnung ber fchönen Weiblichkeit, 
deren ibeales Bild fonft fo befeligend des gefühlz 
vollen Juͤnglings Buſen erfüllt. Schon hier er> 
Zennt man bie unaußbleiblichen Folgen früh vers 
lorner Unfhuld und Eindlicher Reinheit. Mit 
wahrer Behmuth hört man ihn, ſich ausſprechen, 
wenn er „an Elvina” fagt: 


„Es war einft eine Zeit, in ber ich unbefangen - 

Und ungeftraft ein jedes Mädchen fah, 

und wo ber Liebe quellendes Verlangen 

Mir nie den Bufen hob. Geſchah | 

Es ja einmal, daß unfre Schönen mid = 

Sn ihre fanften Ketfen zwangen, 

So wurden drum nicht bläffer meine Wangen, 

Und eine Woche kaum verſtrich, 

So war all bas Gefühl vergangen. 

Ich war noch flatterhaft und jung, 

Und hielt bie Mädchen blos für Schlangen,. 

Die unter Blumen uns empfangen, 

Nur mit erborgter Tugend prangen, 

und bann durch einen Häm’fhen Sprung’ 

Uns, unfer Gluͤck und unfre Ruhe fan 
sent. 


emununil 83 mei 
: 


Den erften Sommer, nach feiner Rüͤckkehr 
von Jena, nennt 8. den glüdlichten feines Les 
bens. Er genoß den täglichen Umgang des Bies 
bermanned, deſſen er mit liebenber Verehrung 
öfter und befonderd in dem Auffage gedenkt, ver 
„einige Züge aus dem Leben des guten 
Mufäus, von ber Hand feines Schülers 
entworfen‘ überfchrieben, den nachgelaflenen 
Schriften des originellen Verfaſſers der Volks⸗ 
mährchen, vorgedruckt ſteht. — „Wir fchriftftels 
Ierten," erzählt er, „aus einem Dintenfafle: und 
‚ich fehe noch das gutmüthige Lächeln um feine 
Lippen, den hellen, flarren Blick feines Auges, 
wenn fein Geift in Begriff fland einen witigen 
- Einfall zu erhafhen. — Was Wunder, daß ich 
jest, nachdem ich fchon Wieland und Brans 
des, Goͤthe und Hermes nachgeahmt hatte, 
auch auf den Einfall gerieth, Muſaͤus zu kopi⸗ 
ren. Wittekind in Eifenach ging gerade Das 
mals mit dem Vorſatze fchwanger, ein bänbereis 
ches Werk herauszugeben, eine Sammlung von 
Erzählungen und Gedichten, fir welche er, ich 
weiß nicht mehr, was für einen, alltäglichen Ti⸗ 

6* 


— 1 


gewiſſenloſeſten Serbftfucht wohl mit Recht ges 
macht werden. können. Daß. der eined höherem 
moralifchen Gefühles Faͤhige, wenn: er feinen 
Mitmenfhen durch pasquillantiſche Angriffe bea 
‚geifert, und fo böfe Schuld auf ſich geladen 
bat, in feinem Innern mehr leidet, ald ber una 
ſchuldig Verfolgte und Gebrandmarfte, ift wohl 
unbeftreitbar, aber hiervon redet unfer Autor 
nicht; er will. nichtd von der fich im Innern era 
zeugenden Strafe deö Verbrechens wiſſen, fona 
bern er zeigt mit des faden Entfchulbigung: er 
babe nie. aud haͤmiſchen -Abfichten ben. Zügel 
ſchießen laſſen, nur auf die äußeren Folgen 
feiner Handlungsweife und findet diefe ſehr unans 
genehm und unbequem; barum warnt er daflır. — 
Kobebue machte fih ald Knabe fchon auf 
dem Gymnaflo zu Weimar durch. die. Sucht, mit 


- feinem Wise petulanten Muthwillen zu treiben; 


berüchtigt; dieſes gefährliche Spiel ſetzte er: in 
Jena fort. Fruͤh ſchon hatte er ſich zu folchen 
fehlechten Späßen mit. einem entarteten ‚jungen 
Menſchen verbunden, von’ dem bald noch andere 
ſtrafbare Vergehn bekannt wurden, der deshalb, 


— 77 — 


mit Steckbriefen verfolgt, ſich aus dem Staube 
machte und in Amerika ſtarb. — 

Einige fuͤr Dichtkunſt Neigung habende Juͤng⸗ 
linge verbanden ſich in Jena zu einem poetiſchen 
Klub; Kogebue war Mitglied deſſelben. Man 
kam einige Abende in der Woche zufanımen, um. 
einander Eleine, - felbftverfertigte Arbeiten vorzus 
lefen und gegenfeitig zu beurtheilen. Der Hof: 
rath Schuͤtz uͤbernahm die Leitung der Arbeiten 
und den Vorfig in den Verſammlungen. K. ers 
Sennt die Verdienfte an, die fich Diefer wuͤrdige 
Mann um’ die Eleine Gefellfchaft erwarb; jedoch 
nicht ohne'den ausgeſprochenen Dank mit Schniä> 
bungen zu verbinden. Er ſagt: „Er, Schüß, 
ließ fih zu uns herab, und ftellte und als Res 
tenfent ein Mufter auf, nach welchem das Res 
tenfentenfreicorps, das er jet kommandirt, 
fi) leider nicht gebildet hat." — 

Schuͤtz verkannte Kotzebue's Talente, feinen 
Witz und die gluͤckliche Leichtigkeit, mit der er 
im Verſe und im Dialoge die Sprache behan⸗ 
delte, nicht, wurde aber durch die Perſonalſatyre 
und durch Unſittlichkeit ſeiner eingereichten Ar⸗ 


— 86 — 


neidenswerthe Lage, eine liebende Mutter, ein 
Amtsverhaͤltniß, das ihm zu jeder weitern Be⸗ 
foͤrderung die Hand bot, zu verlaſſen, und uͤber 
dieſe wichtige Veraͤnderung ſeines Schickſals ein 
gaͤnzliches Stillſchweigen zu beobachten, ihn, der 
ſonſt auf ſaine Perſoͤnlichkeit ein ſo ungemeſſe⸗ 
nes Gewicht legt, und deſſen Weiſe es nicht iſt, 
irgend etwas von dem zu verſchweigen, was ihm 
zum Lobe gereichen kann? — — 

Dieſe Betrachtungen, welche der Biograph 
Kotzebue's anſtellt, beantworten ſeine damaligen 
Mitbuͤrger und die tadelloſeſten Zeugen, vollkom⸗ 
men genuͤgend. 

Mehrere Ausſchweifungen, Verirrungen übers 
triebener Selbſtſucht und zuͤgelloſer Erguͤſſe ſeiner 
Satyre, hatten ihn in die unangenehmſten Ver: 
hältniffe verfegtz er hatte feine fchweigenden 
Feinde wieder aufgewedt und fich viele neue ges 
macht, durch Pasquille, in welchen er felbft dem 
Hofe, der herzoglichen Familie und beſonders ber 
edlen, aber auch ihre fchwachen Seiten habenden 
verwitweten Herzogin Hohn fprah. Da Fein 
verfuchtes Mittel gegen ben Störenfrieb fruchtete, 


— 87 — 


keine Ermahnung der bekuͤmmerten Familie etwas 
frommte, ſo wurde ein Prozeß gegen ihn einge⸗ 
leitet, deſſen Reſultat ein auf Landesverweiſung 
lautendes Urtheil war. Ob dieſes foͤrmlich voll⸗ 
zogen iſt, muß bezweifelt werden; gewiß aber iſt, 
daß ſein eigener Verwandte, der Kanzler Dr. 
Schmidt das Consilium abeundi ihm bekannt 
machte und die beſtimmteſte Weiſung ertheilte, 
daß Kotzebue in den Weimariſchen Landen nie ir⸗ 
gend eine Anſtellung fuͤr die Zukunft zu erwarten 
habe. Daß man ihn ohne weitere Strafe oder 
oͤffentliche Ruͤge von dannen ziehen ließ, verdankte 
er der Vermittelung der Freunde ſeiner Familie, 
der Achtung in welcher das Andenken ſeines Va⸗ 
ters ſtand, dem Mitleide das man ſeiner tiefbe⸗ 
kuͤmmerten zaͤrtlichen Mutter ſchenkte, und den 
Vorbitten ſeiner Vaterſchweſter, die als erſte 
Kammerfrau der verwitweten Herzogin, deren 
ganz beſonderes Zutraun und allgemeine Vereh⸗ 
rung genoß. — | 
Daß kbrigens Kogebue, wenn es irgend mög: 
lich gewefen wäre, diefe Vorfälle fo zu flellen, 
als ob ihm von feinen Feinden Unrecht widerfah⸗ 





— BE 


zen fen, Gelegenheit gefuht und gefitnden haben 
würde, bie ihn treffende Madel von fich zu ent: 
fernen und wenigftens eine fcheinbare Vertheidi⸗ 
gung in bie Lefewelt zu ſchicken, dafür bürgt 
feine ganze übrige Lebensweife und fein Schriftz 
ſtellercharakter. — 


Auguft von KRogebue’s Leben. 


3weites Bud. 





Sein Aufenthalt in Rußland. — Beine Flucht 
nah Paris. — Gefchichte des Bahrdt mit 
der eifernen Stirn. 


Der edle Staatömann, welcher als Erzieher des 
gegenwärtigen Großherzog von Sachſen⸗ 
Weimar, diefes ſchoͤnen Vorbildes eines in lis 
beralen Ideen wirkenden Regenten, bis 1778 zu 
Weimar gewohnt und mit Kotzebue's Vater 
und Familie nähere Bekanntfchaft gehabt hatte, 
der noch jet in Regensburg im hohen Alter les 
bende Königl. Preußifhe. Staatdminifter Graf 
von Schlig genannt von Goͤrtz *), fland 
bamald als Preußifcher Gefandter zu Petersburg. 
An ihn war der junge Kogebue, der nun in 


*) Eine intereffante Biographie diefes Neſtor's der jest 
lebenden Staatsmänner, von 3. von Arnolbi, fins 
det man im achten Stücke ber Beitgenoffen (eip— 

- zig, bei Brodhaus. 1818). 





dem koloſſalen nordifhen Reiche fein eigentliches 
Leben beginnen, fich durch Anftellung im öffents 
lichen Dienſt ein Verhältniß bilden follte, ems 
pfohlen. Das Schidfal, welches die äuffere Lage 
der Erdbewohner beftimmt, hatte bis dahin für 
den zum Sünglinge berangereiften Kogebue fo 
viel gethan, daß er ſchon damald, wie auf feiner 
ganzen ferneren Laufbahn, als ein Lieblingäfind 
deffelben erfcheint. — Und wenn er dennoch in 
nicht beneidenswerthen Verhältniffen aus feiner 
Geburtöftadt, aus dem Kreife feiner Samilie und 
Freunde, aus feinem Baterlande fcheiden mußte, 
ſo durfte er die Urſache dieſes Mißgeſchickes nur 
in ſich ſelbſt ſuchen; er war deshalb um 1 
ungluͤcklicher. — 

Der Minifter Graf von Goͤrtz, gern an ſci⸗ 
nen fruͤheren, ſo ſegensreichen Wirkungskreis in 
Weimar erinnert, nahm ſich des Angekommenen 
mit treuer Liebe an; er empfahl ihn an den Ges 
- neral: Ingenieur von Bawr, einen redlichen, ein: 
ſichtsvollen Mann, der in einem großen Wir⸗ 
kungskreiſe lebend, Katharina's befondere Gnade 
genoß, und mit großer Vorliebe für feine Lands⸗ 


— 930 — 


leute, die Deutſchen, junge, hoffnungsvolle Maͤn⸗ 
ver dieſer Nation für den ruſſiſchen Dienſt zu 
gewinnen, immer befliſſen war. Der junge Ko⸗ 
tWZebue empfahl ſich dem General von Bawr 
durch feine Auffere Bildung, durch die glüdliche 
. Leichtigkeit, mit welcher er fchriftlich Gedanken 
entwidelte, und durch feine Fertigkeit in der fran⸗ 
zoͤfiſchen Sprache; er machte. ihn zu feinem Pris 
vatſekretair. Diefe Stelle hatte früher der ges 
- niale, leider auf halbem Wege eigener Bildung 
. verfümmerte J. M. R. Lenz *), deſſen auch Goͤ⸗ 
the in feinem „aus meinem Leben’ gedenft, 
bekleidet; aber nie war er bahin gelangt, zu erken⸗ 
. nen und an fi) zu bewähren, was Göthe fo 
fhön und fo wahr bemerkt: „wie alle Menfchen 
guter Art bei zunehmender Bildung empfinden, 
baß fie auf der Welt eine Doppelte Rolle zu ſpie⸗ 
. len haben, eine wirkliche und eeineibeale, und 
. ba in dieſem Gefühle der Grund alles Edlen aufs 
*) Er ftarb mit zerrüttetem Geifte, in tieffter Armuth 
den 24ften Mai 1792 zu Moskau. Siehe das In: 


teligenzblatt der allg. Lit. Zeitung. Jahrgang 1792. 
:,. Ro. 99. 


— HH — 

zufinden ſey.“ — Lenz blieb immer fuͤr die wirk⸗ 
liche Welt des Menſchenlebens voͤllig unbrauchbar 
und nutzlos, und konnte doch auch nicht ſeiner 
idealen Welt eine harmoniſche Selbſtſtaͤndigkeit 
geben; ſo erregte er denn in ſeinem Amtsverhaͤlt⸗ 
niſſe gar bald die Unzufriedenheit feines nach⸗ 
ſichtsvollen Principals. Dieſes Vorbild und die 
ihm mit auf die Reiſe gegebenen, innigen Era 
mahnungen feiner zärtlihen Mutter, gereichten 
Kogebue zur Warnung. Er widmete fich mit 
aller Anftrengung feinem neuen-Berufe — doch — 
wir. wollen ihn felbft erzählen hören: 

„Ich nahm mir vor, die Dichtkunft ganz an 
den Nagel zu hängen, aber.:naturam si furca 
expellas — zwar verging wohl ein halbes Jahr 
während ich mir felbft Wort hielt, und meine 
Vorgeſetzten wußten nicht einmal, daß ein Dichs 
terfunfe in mir glimmte, oder daß fogar ſchon 
mein Name in dem Leipziger Meßkatalog erfchies 
nen fey. Diefe Befcheidenheit war eigentlich das 
Refultat meiner Beobachtungen, denn ich fing an 
einzufehen, daB man — und zwar mit allenr 
Rechte — in der großen Welt einen fehr gerin: 


gen Werth. auf. a Geſchöpf legt, das zu reimen 
verſteht.“ — 

— Barum nennt K. das, das Reſultat ſei⸗ 
ner Beobachtungen, mad doch zur Ehre feines 
Herzens, in Erwieberung fo großer Zärtlichkeit, 
vieleicht nur dad Refultat des wiederholten Files 
hens und ber vom tiefen Kummer ausgepreßten 
Thranen feiner Mutter war. — 

— „Ein Zufall zog meine Eitelkeit unter dem 
wohlthaͤtigen Drucke meiner Vernunft hervor. 
Der große und biedere General: Ingenieur Bawr 
zeiffte nach Riga, befuchte von Ohngefähr. ben 
Hartknochſchen Buchladen, und fand dort bie 
obenerwähnten Erzählungen. Er ftukte, fragte, 
erfuhr, der Verfaffer fey der nämliche Kotzebue, 
ber jegt unter feiner Anleitung, bei ganz hetero⸗ 
genen, Arbeiten ſchwitzte. Er Taufte das Bud, 
kam zurüd, und ald wir-bei Zifche faßen, ließ 
er fichs unvermuthet bringen. Ich erröthete, und 
fein Beifall blied. die Afche von, dem noch immer 
glimmenden. Zunten. Nach und nach fing ich 
wieber an, meine Nebenflunden, — deren ich. 
damals freilich fehr wenige zählte — ben Mufen, 


führung beflimmt, und das Städ bereits in als 
len Zeitungen angekuͤndigt war, fanbte eines Mors 
gens der Oberpolizeimeifter auf das Theater," und 
ließ es verbieten. Der beflürzte Fiala lief zum 
General Bawr, ber General Bawr fuhr zum 
Oberpolizeimeifter, ihn von der Unfchulb des In⸗ 
halts zu verfiden. Aber — es eriflirte eine 
mir unbekannte Ulafe von-Peter.dem Großen, 
welche biefen Demetrius ausdruͤcklich für einen 
Betrüger erklärte. Wie durfte ich es alfo wagen, 
meinen Helden unter dem Zitel: Zaar von Moss 
au, vor das Yublitum zu fielen? — Aus 
Achtung für den General Bawr gab der Poli: 
zeimeifter zwar bie Aufführung enblich nach; aber 
er fandte einen Offizier zu mir, mit dem Beben: 
ten: mein Stud wenigftend dahin abzuändern, 
bag diefer Demetrius Öffentlich vor dem Volke 
entlarut, und als ein abgefeimter Betrüger aner- 
kannt werde, Vergebens bemonflrirte ich dem 
Offizier, daß er eben fo gut dad ganze Trauer⸗ 
fpiel ins Feuer werfen koͤnne; er befland darauf; - 
ich ſolle nur diefen einzigen, Fleinen Umſtand 
öndern. Der General legte. ſich abermals ins 


i 


‚Mittel, und men begnügte fich endlich mit einer 
feierlich von mir ausgeſtellten Erklärung: daß ich 
für meine Perfon,. ber hohen Ulafe gemäß, voͤl⸗ 
dig von ber Betrügerei des Demetrius: überzeugt 
ey, und daß bie Freiheit, welche ich mir in meis 
‚nem Schaufpiele genommen, blos .eine. licentia 
poetica gewefen. — So wurbe ed denn wirklich, 
trotz aller Hinderniffe, vor einem zahlreichen Pu: 
blikum, deflen Neugierde durch jene Verhandlun⸗ 
.gen. noch mehr gefpannt worben, mit einem Bei⸗ 
fall: aufgeführt, auf den allein meine. Jugend 
Anſpruch machen durfte. — Bald nachher fchrieb , 
ich ein Luflfpiel: Die Nonne und das Kam: 
mermäbchen.. Die Aufhebung ber Kloͤſter, die 
gerade. damals Joſeph den Zweiten befchäfr 
.tigte, und die von: den Englänbern im Texel 
biodirte holländifche Flotte, hatten mir den Stoff 
dazu geliefert. Da diefe Begebenheiten des Tas 
ges damals großes Aufſehn erregten, fo Fonnte 
es nicht fehlen,: e8 mußte gefallen. —. - 

Fuͤr die Erweiterung feiner: Kenntniß de⸗ 
Theaters war der damalige Aufenthaltzu Peters 
burg ſehr geeignet, und K. benutzte ihn ſehr ei 

7 * 


tig, in fofern er. die Bühnen der verfchiedenen 
Nationen, der Ruffen, der: Sranzofen, und befon: 
ders ber. Italiener fleißig beſuchte. Letztere zeich⸗ 
nete ſich durch einen recht vorzuͤglichen Harlekin 
aus und zug ihn daher beſonders an. — „Ich 
verfäumte” (fagt er, in der Flucht nach Paris) 
„trotz dem Sefpötte meiner Freunde, ſelten das 
italieniſche Luſtſpiel, weil man ſich dort immer 
recht ſatt lachen konnte, und lachen mußte, 
was auch die Vernunft dagegen einwenden mochte, 
Die ganze Welt konnte nicht begreifen, wie man 
über das abgeſchmackte Zeug lachen koͤnne; aber 
die ganze Welt ging hin und lachte. Hinterher 
ſchaͤmten ſie fich aber, und, auſſer mir, geſtanden 
nur Wenige ein, daß ihnen das Ding wirklich 
Spaß mache”. — Dieſes Bebenntniß beftätigt, 
Haß die Komid bes: italieniſchen Luſtſpieles K— 
fruͤh feſſelte, wie dieſes ‚auch manche ſeiner Dich⸗ 
tungen beweiſen; jedoch machen letztere es kund, 
daß er nie dahin gelangte, eine klare Anſicht von 
dem eigenthuͤmlichen Weſen der italieniſchen Mas⸗ 
ken und beſonders ihres bntin zu Moalten· — 
a ſort: — oo. 


— 


: „Einer, zwar nur mit fehr geringer. Mühe 
verbundenen, aber. in Rüdficht des Lokals, wahrs 
haft nuͤtzlichen Unternehmung muß ich hier erwaͤh⸗ 
nen. De naͤmlich von dem großen Schwall 
beutfcher Jourmale nur wenige fi) bis nach Pes 
tershutg verirrten, und auch biefe wenigen nicht 
gelefen wurden, weil fie, einzeln genommen, wes 
uig leöbared- enthielten, fo veranflaltete ich zweck⸗ 
mäßige Auszuͤge aus allen. beutfchen- Journalen, 
und gab, .unter dem Zitel: Bibliothef der 
JSourn ale, monatlich einen ſtarken Heft heraus. 
Mehrere Bände von biefer Schrift, bie nach meis 
ner Abreife von einem anbern Unternehmer forts 
gefeßt wurde, find erfchienen. Sie .wurbe von 
dem beutfchen Publikum in Petersburg, und zum 
Theil auch in den Provinzen günftig aufgenom⸗ 
men, und binlänglich unterflüst. — Im Jahre 
4782 entwarfen einige meiner Freunde, bie Eins 
"Muß bei Hofe hatten, ‘den Plan, :mir einen ges 
- wiffen Poften zu verfchaffen, unb meinten, ich 
würde ihnen ihre Bemuͤhungen fehr erleichtern, 
wenn ich ein Bändchen Kabeln und Erz aͤh⸗ 
lungen für junge Zürften fchriebe, und fols 


— 102 —. 


ches den jungen Sroßfürften widmete. Ich hatte 
zwar nie Beruf ober Neigung für. diefe Dichtungs= 
art gefühlts da fie aber ein Vehikel: zu meiner 
Tünftigen Beförderung werben follte, fo beſchloß 
ih den Verſuch zu wagen. Sch theilte biefen 
Entfchluß meinem Verleger in Petersburg mit, eis 
nem guten Manne, ber. von meinen: geringen 
Talenten enthufiaftifc eingenonimen war. Er 
verfprady ohne Bedenken dieſe Fabeln mit typoa- 
graphiſchem Prunke druden zu lafien, und konnte 
die Zeit nicht erwarten, bis er den erften Bogen 
in Empfang.nahm. Saft täglich überlief er mic, 
riß mir die noch naffen Blätter weg, ließ fie 
auf das. ſchoͤnſte Velinpapter drucken, und zu je: 
ber Zabel, wenn fie auch nur eine Oktavſeite 
einnahm,. einen Kupferflich verfertigen. So wurs 
den in der größten Geſchwindigkeit bie erſten vier 
Bogen vollendet. die er mir mit einer triumphis. 
renden Miene beachte, und bie auch, was ben 
äuffern Schmud betraf, einen folhen Triumph, 
wohl rechtfertigten. Aber wie erfchrad ich, als 
ich meine Fabeln num wieder burchging, und mir 
felbft gefichen mußte, daß auch nicht eine einzige 


nn 4103 U) 


darunter fey, welche mehr ald mittelmäßig ge⸗ 
nannt zu werben verbiente. Ich fah nun wohl 
ein, daß ib für dieſe Gattung von Gedichten 
nur. beshalb Teinen Trieb verfpürt hatte, weil 
mir bad Zalent dazu .mangelte, und. ich 
befhloß daher kurz und gut, dem Verleger alle 
feine Koſten zu erfehen, unb bie vier Bogen in 
eme ewige Vergeflenheit zu vergraben. — O ihr! 
die ihr mich oft aut und verftedt ber Eitelkeit 
befchuldigt, mit. meinen Zabeln in der Hand 
ſtrafe ich euch Luͤgen. Ihr Ruͤckkauf koſtete mich 
einige hundert Rubel, aber meine Eigenliebe kei⸗ 
nen Seufzer!“ — 

So weit er ſelbſt. — Was das Todesurtheil 
betrifft, welches er uͤber ſeine Fabeln ausſprach, 
ſo iſt es zu bewundern, daß er zur Erkenntniß 
ihrer Werthloſigkeit ſo ſpaͤt und doch wiederum 
ſo fruͤh kam. Die Ueberzeugung, daß ihm fuͤr 
dieſe Dichtungsart alles Talent mangele, muß 
ſchnell voruͤbergehend geweſen ſeyn, denn, ſo ſehr 

auch alle Welt mit dieſer Behauptung uͤberein⸗ 
ſtimnite, fo bat doc Kotzebue feinen ſpaͤtern 
Schriften häufig Fabeln eingeftreut. — Der res 


bendfte Beweis ungemefjener ‚Eitelleit, welche, 
‚wie häufig bemerkt, ſein ganzes Daſeyn gefan> 
‚gen nahm, liegt unverkennbar in ber. ganzen Art 
und Weife, mit ber er hier ſelbſtgefaͤllig, um eis 
nen Segenbeweis zu führen, auftritt. —. - 
Jene Ausficht zur Erlangung eines gewiffen 
Poſtens fcheiterte, und auch die Freude, unter 
der Autorität feines Chefs bei der Direktion des 
beutfchen Zheaters in Petersburg einen Birkungss 
breis zu hahen, bauerte nicht lange. Schon im 
Jahre 1783 ftarb der. General Bawr *); da & 
nur in deſſen Privatdienften fland, fo wuͤrden 
mit diefem Todesfalle feine Ausfichten für eine 
fernere Dienftlarriere ſehr verbunfelt feyn, wenn 


” Fri Silhelm von Sawr, zu Biber, im ba— 
nauſchen, wo ſein Vater Oberfoͤrſter war, 1731 ge⸗ 
.boreñn, trat 17255 mit guten Schulſtudien ausgeruͤſtet 
in Heſſiſche Mititairdienfte,. war im fiebenjährigen 
Kriege einige Zeit General » Adjutant bes Herzogs 
Gerdinand von Braunſchweig, nahm 1761 
‚als Dufaren s Major preußifche Dienfte und privati⸗ 
firte nad) .dem Zrieden auf feinem Gute zu Boden: 
beim bei Frankfturt am Main. 1769 zog ihn Kar 
tharina II. in ruffifhe Dienfte, wo er im Felde 
den Ruhm eines einfihtsvollen Generals bewährte, 


Bawr nicht, ald einen Beweis, daß fich Koges 
bue feine Gunſt zu erwerben wußte, in: feinem 
Zeftamente feinen bisherigen Sekretair der Gnade 
der Kaiferin befonderd empfohlen hätte. Kathas 
rina ehrte in diefem Vermaͤchtniſſe die Verbienfte 
des Enlſchlafenen und ernannte noch in demſelben 
Bahre ben ihrem Schuge Uebergebenen, zum Ti⸗ 
tularrath, unter Ertheilung des Befehles, ihn in 
ber neuerrichteten Revalſchen Statthalters 
Thaft anzuftellen. Diefem zufolge ging: Kos 
teebue kurze Zeit nachher ald Affeffor bed Öbers 
appellationstribunals nach Reval ab. 

‚ Amtögefchäfte ‚fcheinen in diefem neuen Vers 
bältniffe Kogebue’8 XZhätigleit wenig in Ans 





noch größere Werbienfte aber fi duch AR gung mebs 
rerer Kandle, Wafferleitungen, Kunſtſtraßen, Häfens 
baue und BVerbefferung der Galzwerke erwarb: Die - 
Kaiferin Thägte ihn fehr, ehrte ihn beim Leben durch 
mehrere Gnadenbezeugungen und Ordensverleihungen, 
und ließ zu feinem Ehrengedaͤchtniß, nachdem er den 

: ten Febr. 1783 geflorben, ein marmornes Monus 
ment errichten. — Gr gab eine treffliche Karte von 
der Dioldau in fieben Blättern, und fehr beichrende 
M&moires histor. geogr. sur la Valachie (1778) 
heraus. — 


— 16 — 


fpruch genommen zu haben. Er verlebte ben .ers. 
fin Sommer größtentheils: auf dem Luſtſchloſſe 
Katharinenthal, las mehr als er fchrieb, und: fand 
in ben Familien des Efihlänbifchen Adels, als 
ein lebendiger junger Dann, als ein heiterer Ges. 
fellfchafter die freundlichfie Aufnahme. Sogleich 
wie er bie. erften Fäden der Bekanntſchaft in den 
gebildeten Zirkeln jenes Landes angelnüpft hatte, 
befchäftigte ex fich mit der Bildung eines Privat: 
theaters. Die Schaufpielerkunft machte denn auch 
feit feinem Aufenthalte in Reval wichtige Fort⸗ 
ſchritte. Vor der Zeit feiner Ankunft wurden 
zuweilen von umbherziebenden, mitunter hoͤchſt 
eienden Geſellſchaften, Schaufpiele in Reval, Pers 
nau und andern Städten aufgeführt. Unter ben. 
Revalern weckte er die Liebe für jene Kunſt und 
begrimdete ein Nationaltheater, das ſich auch 
noch erhielt, als er ſchon längere Zeit bie Dis 
rektion aufgegeben hatte. Er wußte den theatras 
lifchen Enthuflafm, der fein eignes Lebenselement 
wor, einem Theile des Revalſchen Publitums 
mitzutheilen. Die Neuheit einer Erfcheinung, wie 
die des Privattheaters, ſprach Viele an, und 


— 407 — 


der ſchoͤne Sinn ver; Mildthaͤtigkeit, den zur. Schau 
getsagen wurde, indem man bie Stuͤcke zum 
Beften der Armen gab,. verföhnte ſelbſt manchen 
Andersdenkenden. Wie aber das Komödienfpiel 
auf. das böusliche Gluͤck fo mancher, Familie eis 
nen. böhffhäblichen -Sinflug hatte, wie mande 
brave Gattin, manche, flille gute. Tochter zu gas 
lanten Damen und Zheaterprinzeffinnen umgebils 
bet wurden, erkannten die Beſonnenern erft, als 
bie Luft an dieſen Beſchaͤftigungen ſchon recht 
weiten. Spielraum gewonnen hatte *). 

. Bon mehreren Seiten her ſchien ſich das Gluͤck 
zu überbieten,: um Kotzebue's Lage zu verfchds 
nem. Er gewann das Herz. eines Mädchens, 
deffen Eörperliche und geiflige Reise feine Wüns 
ſche feſſelten; er war der Lehrer‘ der Geliebten 
| und wußte, ohngeachtet vieles Widerſpruches von 
Seiten der Familie des Fraͤuleins, dahin zu ge⸗ 
langen, daß ihm ihre Hand nicht verſagt werden 





2) Siehe: ‚Ueber den neueſten Zuſtand ber Literatur, 
Gelehrſamkeit, Kuͤnſte u. ſ. f. in Liefland und Eſth⸗ 


land von 3. ©. Petri.“ Im allgemeinen liter. Ans 


zeigen. 1801. Geite 1034 fi. ff. 


A — 


Bonnie; Friederike von Eſſen, die reichbegü⸗ 
Berte Tochter 588 Dberkommandanten, Generals 
leutenants 'umd Mitterd von Effen, ber fi: kath 
darauf mit dem, ihm anfänglich ‚gar nicht zufas 
genden Schwiegerfohne verfähnte, wurde feine _ 
Sattin (1784). Im Jahre 1785 wurde die eh⸗ 
renvolle Stelle eines Praͤſidenten des Gouverne⸗ 
mentsmagiſtrats ber Provinz Eſthland erledigt; 
ber Generalgouverneur Graf Bromne*) ſchlug 
‚ihn dazu wor; und er erhielt fie mit dem Range 
eines Obriftlieutenants. Bon dem Beitpunfte an, 
wo Kopebue zu biefer Präfidentenftelle, mit ber 
der perfönliche Adel verknüpft ift;- gelangte, ſchrieb 
er fih von Kotzebue und. verfhaffte fo feinen 





*) George Reihsgraf van, Browne, Generals 
Gouverneur von Lief: und Efthland, 1698 in Irland 
aus einer ber Alteflen und blühendſten Familien ges 
boren, trat, als Katholil daheim von öffentlichen 
Aemtern ausgeichloffen, im arten Jahre in Ehurpfäls 
ziſche und 1730 in ruffifhe Kriegsdienfte, wo er bis 
1762 ruhmvol unter ben norbifchen Kaiferfahnen focht 

und dann als General» Gouverneur jener Provinzen 
dreißig Jahre hindurch alles Nuͤtliche, Gerechte und 
Edle unermübet beförderte. Er farb 94 Jahr alt, 
den 18ten Sept. 1792. 


ı 


% 


Nachkommen den Familienadel, ein Ziel wonach 
feine Eitelfeit fchon laͤngſt ſtrebte. Um ‚hierzu zu 
gelangen, hatte.er. ſich ſchon an das yreußifche 
Minifterium gewendet, feine Abftammung von 
einer ablihen Familie ber Mark vorgegeben, die 
indem. Dorfe Koſſebuh ihren Sitz gehabt haben 
fol, und darauf das Geſuch, um Verleihung. oder 
Erneuerung des Adels, geflüst *); ex war aber 


von dem Miniſter Grafen von Deraberg abs 





9 Sn den an fich Haft unbebeutenden theolvgiſchen 
Gtreitigkeiten, die auf den Magbeburgifchen Kanzeln 
und Schulftuben, aud in mehr als dreifig Fehde⸗ 
ſchriften, zwiſchen dem Paftor Eramer und dem 
Aıktor Eventus, im Anfange des fiebzehnten Jahr⸗ 
gunderts geführt worben, trat auch für bie Partei 
des legten ein Paſtor Kogebue oder Kortzebur 
vwius (mahrfheinlih ein Vorfahr unferes K., aber 
Sein nobilitirter) auf, beffen ber Alvenslebiſche 
Paſtor Schrader in einer Schrift: Fustes Al- 
venslebienses b. i. Alvenslebifhe Prü- 
. gel unb Knättel auf zwei Pasquillenmas 
Herfhe Stadteſel zu magdeburg,“ alfo ges 
denkt: „Ich habe zween Pillen gemacht, die ih Kos 
gebunio und Evenio in ibre ehrenbiebifhe und ver⸗ 
ı Iäumberifche Haͤlſe, legitime vd Baal 
ſthieben wit hf 


als. wenn. Heuchler und Burigendrefcher. an die 
Thuͤr klopfen. Die Wälder ‚waren von Raubs 
thieren bewohnt, aber die Verlaͤuindung war 
nicht Darunter; Kroͤten und Unken Erochen in 
den Moraͤſten umher, aber. der. Neid gefellte fi 
wicht ga. ihnen. Spaͤt bluͤhte die Ande, noch 
fpäter entfaltete ſich die Mofe, aber Unſchuls 
und Freude waren perennirende Pflanzen. Karg 
gab der Boden feine Fruͤchte, aber die. Wohlthaͤ— 
tigkeit bedarf keines Fuͤlhorns; ein Groſchen iſt 
eine xeiche Gabe, wenn eine mitleidige Thraͤne 
ihn netzt. — Die. Muſen verſchmaͤhten nicht, jene 
Waͤlder zu verſchoͤnern. Die. erſten beiden Schaus 
fpiele, denen er felbft einigeh Werth beilegt, der 
Eremit auf Formentera und Adelheid von: Wul⸗ 
fingen wurden auf Kiekel (dem eben geſchilderten 
Landſitze der Familie Roſen) geſchrieben. Die 
Vorſtellung des Eremiten wurde dort fogar ger 
geben. — — Zr 

Wenn Kopebue an einem Orte feinen Wohn: 
ort aufichlug, fo war das Theater fein.! erfter 
Gedanke und ein Liebhabexrtheater fein erſtes Strez 
benz fo auch zu Reval,u wo es ihm. befonderen 


— u43 — 


Kummer. veranlaßte, daß ber zahlreiche Abel der 
Stadt und der umliegenden Gegend fich, ſelbſt 
nah R—8 Verheirathung, gar nicht wollte für 
das Liebhaberthenter gewinnen laſſen. Er laͤßt 
feinen lebhaften Unwillen barüber „in ber Nachs 
zicht von einem theatralifchen Inftitute, welches 
der Welt bekannt zu werben verdient” (Siehe 
gefammelte kleine Schriften des Hrn. v. 8. Thl. 3) 
auf alle Weife aus, und weiß ſich gar nicht bars 
ein zu finden, nicht barüber zu 'tröften, daß 
‚man den hoben Werth des Liebhabertheaters nicht 
anerkennen will, obgleich ber Ueberfchuß der Eins 
nahme zur Unterflügung ber Hülföbebürftigen vers 
wendet wird; er -flellt officiele Belobungsſchrei⸗ 
ben über dieſe erworbenen Verbienfte der Milds 
thätigkeit zur Schau, und theilt ein Schreiben 
an die Mitgliever des Eſthlaͤndiſchen Minifterii 
(vom 21 Sanuar 1786) mit, worin er die Herren 
Prediger bittet, fie mögten doch „mit der Mutter: 
mild) eingefogene Vorurtheile gegen das Liebha⸗ 
bextheater, um ber bebrängten Witwen und Wai⸗ 
fen willen bekaͤmpfen.“ „Und wie können wir am 
ficherften hoffen,’ fährt er fort, „diefen Wunfch zu 
8 4 


— ti — 


erreichen, als indem wir und an biejenige ehr⸗ 
wuͤrdige Verſammlung wenden, deren Mitglieder 
vermöge der Aemter, die fie tragen, Berather der 
Witwen und Väter der Waifen feyn follen und 
find. Ihr Beyfpiel wird jeden Zweifler überzeus. 
gen, Vorurtheil und Verlaͤumdung werben erſchuͤt⸗ 
tert zurüdbeben. Wir wagen e8 daher, Sie zu 
bitten, unſere gefellfchaftlihe Bühne mit Ihrer 
Gegenwart zu beehren. Xheilen Sie mit uns 
den Segen der Armen, flößen Sie und durch 
Ihre Unterflügung Stolz und Muth ein, und. 
rechnen Sie auf unfern innigften, aus der Fülle 
unferes Herzens firömenden Dank." — Hierauf 
antwortet der Herr Oberpaflor Moier Namens 
des Minifterii fehr vernünftig, indem ex die Eins 
ladung zur Unterftüßung nicht als eine Aufforde⸗ 
rung zum Mitfpielen, fondern nur zum Be: 
fuchen des Theaters nimmt, daß er nicht 
glaube, die perſoͤnliche Gegenwart der Prediger 
im Schaufpielhaufe koͤnne etwannige Vorurtheile 
befehwichtigen; übrigens ſtehe es ia jebem Geiſt⸗ 
lichen, der es gerathen finde, frei, das Liebhaber⸗ 
theater zu beſuchen, ohne deshalb von Seiten des 


— 145 —. 


Minifterii Tadel befürchten zu dürfen. — „Wie 
oft Ernft und Scherz angewandt worden,“ fagt 
v. K. weiter, „bie Feinde unferer Bühne zu bes 
tehren, mag auch das Nachfpiel beweifen, wels 
ches am achten December 1786 auf dem Liebhas 
bertheater zu Reval aufgeführt iſt.“ — Es ift 
üiberfchrieben: Das Liebhabertheater vor bem Pars 
lament, ein Nachfpiel mit Sefang, und hat ganz 
ben Charakter eined Perfonal = Pasquills auf die 
Widerſacher der Liebhabertheaterfreube; Die Gegs 
ner derfelben heißen der Präfident von Guͤlden⸗ 
Falb, die Parlamentördthe Weibermund, Jaja, 
. Dlim und Klatfchfieb, die Vertheidiger dagegen 
Selten und Herz. Das ganze Publitum wußte 
damals in Reval, wer unter jedem Namen ges 
meint ſey. — \ 

Bon Kobebue hegte das Verlangen, nad 
fo fchnell in Rußland gemachten Fortfchritten auf 
der Stufenleiter der Ehrenftellen, Deutfchland 
wieberzufehnz auch dieſer Wunſch wurde ihm 
gewährt, indem er zu einer folchen Reife den err 
betenen Urlaub erhielt. Er fegte mit derfelben 
ernſtere literarifhe Zwecke in Verbindung , - indem 

8 Ä 


— 116 —. 


er theils fuͤr die Ausfuͤhrung der Idee einer Ge⸗ 
ſchichte Heinrichs des Loͤwen Manches ſammelte, 
theils ein Werk vorbereitete, das er uͤber Ehre 
und Schande, Ruhm und Nachruhm, aller Voͤl⸗ 
ker, aller Jahrhunderte zu ſchreiben gedachte. 
Zwar kamen beide nicht zu Stande; jedoch rech⸗ 
nete er es ſich immer zum Verdienſte an, den 
Plan des zuletztgenannten Unternehmens, deſſen 
Ausfuͤhrung ſeine Kraͤfte uͤberſtieg, gefaßt zu ha⸗ 
ben. . Er verfichert ſpaͤterhin, daß ihm das Uns 
ternehmen in anderer Rüdficht fehr nüglich gewor⸗ 
den, denn er habe feine Kräfte daran geübt, meh⸗ 
rere hundert philoſophiſche und hiſtoriſche Werke 
zu dieſem Behufe geleſen, mehrere Alphabete von 
Kollektaneen geſammelt. Nie bereuete er den 
eiſernen Fleiß, mit welchem er uͤber dieſe Idee 
bruͤtete, die unzaͤhligen Stunden die er darauf 
verwandte, und das Einzige was ihm Reue aus⸗ 
preßte, war das Bruchſtuͤck diefes Werkes, über 
den Abel, was er lange nachher aber nicht in 
. feiner urfprünglichen Geftalt dDruden ließ. (Süngfte 
Kinder meiner Laune. Thl. 5. ©. 222). 

Unter dieſen Beſchaͤftigungen, von. welchen 


— 


— 17 — 


befonders die Leitung- des Revalſchen Privatthea- 
ters fehr.zeitraubenb war, unter ven Gentffen 
eines auf dufferen Wohlſtand gegründeten gefelli- 
gen Lebens, mangelte ihm dennoch die Zeit nicht, 
die ‚fchriftftellerifhe Laufbahn mit einer Ruͤſtig⸗ 
feit zu verfolgen, bie mit feinen reifern Jahren 
immer zunahm. Im gegenwärtigen Zeitraume 
beendete er feinen Roman, die Leiden der 
Ortenbergſchen Familie, begann eine Zeits 
ſchrift, für Geift und Herz, die aber wenig 
Beifall fand, und entwarf die bramatifchen und 
Unterhaltungsauffäge, bie er bald darauf unter 
dem Zitel: kleine gefammelte Schriften. 
in vier Bändchen herausgab. Wie veihbar er 
auch gegen jeden Zabel: war, ber gegen feine 
Produktionen ausgefprochen wurde, fo fühlte er 
fi doch für denfelben reichlich entſchaͤdigt, durch 
den Beifall, ven er fich in der Theater⸗ und Lefewelt 
zu verſchaffen wußte, Durch lebendige Darftellung, 
glüdlihe Benugung der Kontrafte, leichtes und 
gewandtes Zufammenreihen der Scenen in der 
Erzählung, wieim Dialog, durch eine fich fchon 

klar zeigende, fehr genaue Kenntniß des Effektes 





Te 4118 — 


auf der Bühne, durch frappantes Sentenzenfpiel 
wie durch Wis, Mutbhwillen und Laune. — 
| Wenn man fo von S—8 Lage und Verhaͤlt⸗ 
niffe überfieht und das Reitzende derſelben für 
den jungen, noch nicht dreißig Iahr alten Mann. 
erwägt, fo muß man fie beneidenswerth finden, 
und wirklich mochten auch Neider genug zu ihm 
binbliden, wirklich mochten fie mandyen Stein 
bes Anftoßes ihm in den blumenbeftreuten Pfad 
werfen. Doch es beftätigt fich immer von Neuem 
bei näherer Beobachtung des Menfchenlebens, daß 
die hoͤchſte Stufe gewährter Wünfche nur zum 
Mißmuthe jühren, wenn nicht innere Wahrheit 
des Charafterd und moralifhe Selbftftändigkeit 
bes Gefühl des Mannes Zufriedenheit fichern, 
gegen verzärtelte Reitbarkeit, gegen den Ueberdruß 
des Gluͤckes und gegen die Unfähigkeit, Misge⸗ 
ſchickk zu tragen. — Im Herbſte 1787 verfiel 
v. K—, ohne daß eine bedeutende aͤußere Veran⸗ 
laſſung nachgewieſen werden konnte, in einen 
Truͤbſinn, der bald zur Gemuͤthskrankheit und 
Melancholie wurde. Alle die gluͤcklichen Verhaͤlt⸗ 
niſſe, die ihm bisher fo reizvoll erſchienen, zeig⸗ 


— 119 — 


ten ſich ihm jetzt unter ben duͤſterſten Farben; 
das noͤrdlichere Klima, mit feiner fchweren Luft, 
feinem längeren Winter und feinen drüdenden Ne⸗ 
bein mochte wirkliches Eörperliches Uebel, wie es 
Häufig zu geben pflegt, mit feiner eingebilveten, 
geiftigen Krankheit! in Verbindung feßen; es war 
leßterer, ald vorwaltender, um fo fchwieriger beis 
zukommen, da von K— nie bahingelangte, gets 
ſtig über fein, nur auf Gefühlen beruhendes Bes 
wußtfeyn die geringfie Gewalt auszuüben, ba 
ihm die moralifche Selbftftändigkeit der Religio⸗ 
fität immer fremb blieb. — Was er felbft, was 
feine Haudgenofien und befonders feine Gattin, 
in diefer Zeit follen gelitten haben, durch ihn, 
ber fih damals aus den gefellfchaftlichen Verbins 
dungen zuruͤckzog, koͤnnen die Augenzeugen und 
er ſelbſt nicht jammervoll genug fehildern. In 
dieſem Zuſtande empfand er heftigen Widerwillen 
gegen jede Art von Thaͤtigkeit; nur die Vorliebe 
fuͤr das Theater uͤbte noch ihre gewohnte Herr⸗ 
ſchaft. Er ſchrieb eine ganze Reihe von Schau⸗ 
ſpielen, unter welchen die beiden genannt zu wer⸗ 
den verdienen, welche, bei den unleugbarſten Spu⸗ 


— 1219 — 


ren von Ueberſpannung, v. Kotzebue's Ruf 
ſehr erweiterten, Menſchenhaß und Reue, 
: und das Kind der Liebe; aufferdem die Ins 
dianer in England, die Sonnenjungfrau, 
Bruder Morig der Sonderling, die edle 
Lüge, u. f. f. — Das zuerft namhaft gemachte 
Stud, vielleicht das charakteriftifchfte von den 
zahllofen Schaufpielen, die er lieferte, fchuf er 
auf der höchften Staffel feines Truͤbſinnes. „Nie - 
fagt er, „weder vors noch nachher, ift mir wieder 
eine folche Fuͤlle von Gedanken und Bildern zus 
geftrömt, und ich glaube, daß es unleugbar Gats 
tungen von Krankheiten giebt, (worunter wohl 
befonders diejenigen gehören, ‚welche die Reizbars 
keit der Nerven vermehren) die die Geifteökräfte 
höher, als gewöhnlich fpannen, fo wie der Sage 
nach, die Franke Mufchel eine Perle anſetzt.“ — 
Der große, fchnell verbreitete Beifall, dem 
v. K. aufder Bühne, wie in der Lefewelt erhielt, 
Tonnte, fo fehr auch feine Eitelkeit Dadurch ges 
fchmeichelt wurde, feine Gemuͤthsſtimmung nicht 
erheitern; denn jenem Preife ftellten fich zahlreiche 
Kritiken entgegen, bie gewöhnlich auf Anerken⸗ 


nung feines Zalentes, aber auf völlige Misbilli⸗ 
gung des davon gemachten Gebrauches hinaus: 
liefen. Vorzuͤglich machten fie darauf aufmerf: 
fam, daß er ald Dichter immer bei verführten 
und gefallenen Mädchen und Weibern verweilte, 
- daß er um neu und originell zu fcheinen, was 
bie Hanblung betrifft, Unwahrfcheinlichkeiten und 
Bizarrerien, in Hinſicht des Wortes aber hochtd- 
nende, unlautere Moral prebigende Sentenzen 
haͤuft, und feinen Beruf darin fegt, dem Eon: 
ventionellen Leben und dem fittlichen Anſtande 
Hohn zu fprechen. Je lauter ſolcher Zabel an: 
geftimmt wurde, je öfter man mit bemfelben dar⸗ 
auf hindeutete, daß durch diefe Mängel von Koge: 
bue'& eigenthümliches Zalent für die Bühne der 
befjeren Frucht beraubt werde, um fo mehr wurde 
er verwundet; jede Misbilligung erſchien ihm 
als jämmerlicher Neid, als fchändliche Verfol⸗ 
gungsſucht. Wer ihn nicht bewunderte und pries, 
gegen ben bildete er fogleich eine fchroffe Oppo⸗ 
fition, und fo begann er eine Fehde mit der ge 
ſammten Recenfentenwelt, die er bis zu feinem 
Tode mit nie erlöfchendem Ingrimm fortfegte. 


Eine Fritifhe Würdigung ber für die Gefchichte 
der Literatur nicht unwichtigen fämmtlichen Werke 
Kotzebue's ift eine befondere Aufgabe, welche mit 
diefer Darftelung feines Lebens nicht verbunden 
werben konnte; Vieles dazu ift bereits in zahl⸗ 
reihen einzelnen Auffägen beigebracht, Wieles, 
in der Stimme des Publitums über ihn aufbe> 
wahre. — Nur Eines mag bier, mit näherer 
Beziehung auf feinen Charakter und auf feine 
Lebenögefchichte, bemerklich gemacht werden, das 
mit man fich deſſen ununterbrochen erinnere: von 
Kobebue, der Menfch, ver Schriftfteller, der Dicha 
ter erfcheint als ein Schooskind des Glüded, in 
forgenfreieer Muße, in erwünfchten häuslichen 
und freundfchaftlihen BVerhältniffen, in’ auöges 
breitetem Rufe und großem Beifalle des Publis 
kums — aber dies alles genügte ihm nicht, konnte 
ihm keine Zufriedenheit verleihen; in.ihm lebte 
die Ahnung eines höheren Gute und das ver- 
gebliche Streben nad) diefem unerreichbaren Et: 
was, wurde bie Geiffel feines Lebens. — Es 
war Ahtung, wahre, auf moralifchen Werth 
‚gegründete Achtung, die er fo fehnfuchtövol zu 


— 123 — 
erlangen wuͤnſchte, die aber nach den durch Feine 
Zruggeftalt zu beflechenden Gefegen ber ewigen 
Gerechtigkeit immer von ihm floh; wie er auch 
ſeine Role wechſeln oder fefthalten mogte: die 
Achtung feines Zeitalters erreichte er 
nie — - 


Zur Wiederherftellung feiner noch immer lei⸗ 
denden Gefundheit, erhielt er, in Mitwirkung 
des von der großen Kaiferin perföulich fo hoch⸗ 
geſchaͤtzten Bimmermann’s zu Hannover, dem 
9. K. auf feiner erſten Reife nach Pyrmont näher 
bekannt geworben war, einen einjährigen Urlaub, 
den er benußte, um Deutfchland wieder zu ſehen 
und im Sommer 1790, ‚unter Zimmermanns 
ärztlicher Leitung die Heilquellen Pyrmonts wie: 
der zu gebrauhen. DB. 8. erzählt in ber 
SFlucht nah Paris, ©. 43: „Ich diene der 
Kaiferin von Rußland. Diefe große und gute 
Frau gedachte mitten im Gewimmel ihrer Siege und 
Schlachten eines einzelnen kranken Dienerd, deffen 
Geſundheit ſchon feit Sahren litt, und den bie 
feuchte Falte Luft des baltifchen Meeres zu tödten 


# 


drohte. Sie ſchenkte mir ein Jahr, um mid) zu 
erholen. — | 

Seine Sattin, in naher Hoffnung neuer Mut: 
terfreuden, begleitete ihn bi Weimar, zu iht 
fehrte er nach Beendung der Kur mit dem Ans 
fange des Septembers zurüd, und bort ik feiner 
Vaterſtadt traf ihn das harte Schidfal, dieſe 
Gattin an ben Folgen einer fonft glädlichen und 
ſchnellen Entbindung, in ben legten Tagen des 
Novembers durch den Tod zu verlieren, nachdem 
fie ihn zum Vater einer gefunden Zochter gemacht 
hatte. Daß dieſe ſchmerzliche Kataftrophe auf 
ihn, den nervenfchwachen, höchftreizbaren, kaum⸗ 
genefenen Dann einen heftigen Einbrud machte, 
war fehr natürlich, und wedte das Mitleid jedes 
gefühlvolen Herzens, aber die Art und Weiſe 
wie er in der eben genannten Schrift feine Liebe 
zur. Verflorbenen und feinen Schmerz über ihren 
Verluft ausfprach, ließen an der Lauterfeit und 


Wahrheit beider zweifeln, fo großen Gefallen auch 


mitunter empfindfame und hyſteriſche Damen an 
dieſem literarifchen Zodtenopfer fanden. Wenn 
man durch die Lektüre. des Buches zu zweifeln 


— 4135 — 


‚beginnt, ob v. K. die Darftellung feiner Empfins 
dungen bei dem Krankenbette feiner Gattin und 
auf der nach ihrem Tode porgenommenen fchnellen 
Reiſe nach Paris mit Wahrheitsliebe entworfen, 
ober wie die gewählte Rolle eines Schaufpiels 
behandelt habe, ob er überall einer wahren Liebe 
- fähig gewefen fey und ob er diefe für feine vers 
fiorbene Gattin empfunden habe — fo find e8 
gerabehin feine eigenen Worte, die foldye Zweifel 
erweden. So erzählt er ſchon in der Vorrede: 
„Noch ift es Fein Jahr, ald ich mir den Scherz 
‚erlaubte, ihre (feiner Gattin) am erften April 
einen kritzlichen, unleferlihen Brief zu fchreiben, 
als komme er von einer armen Witwe, bie mit 
‚ein paar halbnackten Kindern, in einer ziemlich 
„weiten Entfernung von der Stadt, auf einem 
Falten Boden verfchmachte, und ihre Hülfe anflehe. 
Es war ein Falter, windiger Tag, meine 
‚gute Friederike war bamald nicht einmal 
‚ganz gefund, aber fie fuchte in Eile alte Wa 
ſche und Kleider zufammen, und ließ anfpannen, 
Ich lief voraus an den bezeichneten Ort, ich fah 
den Wagen. von Weitem kommen, er hielt ſtill 


— 116 — 


vor einem Haufe am Ende der Vorſtadt. Ih 
erſchrack und glaubte. meinen Scherz verrathen. 
Ach nein!fte war ausgefliegen, um Semmeln zu 
kaufen für die hungrigen Kinder, welche fie ans 
zutreffen glaubte. So trat fie in das ihr bezeichs 
nete Haud, einem Schnupftuh voll Semmeln, 
und zwei Rubel zwifchen den Fingern, halb ers 
froren, und doch weniger unwillig über meis 
nen graufamen Muthwillen, als darlıber, 
daß fie wieder wegfahren follte, ohne eine gute 
hat ‚vollbracht zu haben. In Gottes Augen 
war fie vollbracht! Nie wird der erfle April wies 
berfehren, ohne Zhränen in meinem Auge zu fins 
den! Nur diefen einen Zug gab ich euch untes 
taufenden. Sol ein Weib habe ich befeilen — 
und verloren! Ach! darum fcheltet nicht, dag ich 
von ihr rede und nichtö anders reden möchte!” — 


Iſt ein Mann, der mit den heiligften Gefühs 
len, mit bem fehönen Sinne des Mitleids eines 
geliebten Weibes, mit Daranfegung des Verlu⸗ 
fleö ihrer Gefundheit und ihrer Achtung, einen 
„graufamen Muthwillen" treiben, jene durch 


s 


— 117 — 


Aprilnarrenſtreiche entweihen Tann, iſt der fähig 
je zu lieben oder geliebt zu werben? — 

Dann erzählt v. K — bie an ſich in Feiner 
Hinfiht merkwürdige. Krankheitögefchichte feiner 
Frau mit einer technifchen Genauigkeit, die ganz 
zwecklos fo oft das fittliche Gefühl beleidigt und 
Edel erregt. Man höre ihn (S. 11. ff.) „Herr 
Hofrath Star? war fo gütig, gleich mit mir 
zu kommen, in fünf Stunden war ich hin und 
ber (von Weimar nach Iena) gefahren. Er fand 

" meine Frau fehr Frank, aber noch lange nicht ohne 
alle Hoffnung, und ich holte zum erftenmale 
wieder freien Athem. Ausleerende und ſchweiß⸗ 
treibende Mittel wurden vereinigt. Mein armes 
krankes Weibchen war jebt fehr eigenfinnig und 
muͤrriſch. Sie wollte fih, zum Beifpiel, die La⸗ 
vements, die man ihr verorbnet hatte, von Nies 
manden fonft beibringen laffen, ald von mir; ich 
that es alfo zum erflenmale in meinem Leben 
mit zitternden Händen, Hofrath Stark gab mir 
einige Anweifung dazu, die Liebe that das Uebrige 
ed ging recht gut, meine Frau kuͤßte mich daflır. 
Seitdem that ich es immer. D wie leicht wird 


der Liebe alles! Ich hoffe nicht, daß je jemand bei 
dieſer Stelle ſpotten wird. Wer anders als gut⸗ 
muͤthig daruͤber laͤcheln koͤnnte, den wuͤrde ich 
bitter beladen, und für ihn wurden biefe 
Blätter nicht geſchrieben. — In gleichem Zone 
redet er Seite 28 und 29 wo „eine freiwillige 
ſtarke Ausleerung eine Hauptſtuͤtze ſeiner wieder⸗ 
kehrenden Hoffnung iſt,“ und er dennoch, nach 
dem Rathe der Aerzte, von Neuem „Lavements 
bereiten laͤßt und bereits am Bette ſteht, ſein 
neues Amt: zu verwalten.” — 

Gutmuͤthig laͤcheln, nicht bitter belas 
chen, darf man, wenn v. 8. am Kranfenbett 
(S. 9.) ausruft: „O ſeliger Augenblick! Ich las 
ihr eine Scene aus meinem Schauſpiele vor, das 
ich eben unter der Feder hatte, denn ihr Lob 
oder Tadel, ihr unverborbenes Gefühl war immer 

der Prüfftein meiner Arbeiten. Was ihrem 
Auge Feine Thräne entlo.dte, das ſtrich 
ich weg. Ach! weflen Gefühl wird in Zukunft 
mich leiten! Mein Genius hat mich verlaf: 
fen und mein Feuer ift erlofhen! — „Oder 
wenn ee (5. 19.) vom Krankenbett ein wenig 


hinaus ins Freie geht und verfichert: „koͤnnte ich 
alles befehreiben, was ich auf diefem Wege gebacht, 
aapfunden, gebetet, geflwchtet und gehofft habe, 
es müßte ein bided Buch werden.” — 
„Bon Kogebue’8 Gattin liegt im ben letzten 
Zügen, und num — werben wir durch eine Scene 
hberrafcht, die einen Beweis giebt, daß Manches 
im wirklichen Lehen wahr ift, was in ber poeti= 
tiſchen für ungereimt gelten würde. Führte ein 
Romanenfchreiber einen Mann auf, ber feine Gattin 
zärtlich, ja ſchwaͤrmeriſch zu lieben verfichert, 
und doch in: dem Augenblide des beginnenden 
Todeskampfes, in: die Kutfche fich febte, und 
ſchleunigſt nach Paris führe, um dort die grands 
et petits Spectacles ber Reihe nach zu befuchen, 
fo wuͤrde jeber dieſes für- unfinnig, charakterlod 
und unnatürlich halten *) — und doch berichtet 
v. x. — fo und nicht anders von fich ſelbſt. 
Vielleicht mindert, vielleicht vergrößert dieſe auf⸗ 


' 





®) Eben diefe Anſicht ſprach ſchon die Eiteratur « Fels 
tung aus, bei ber Recenfion der Flucht nad Par 
sie. 1792. Gthd go. Seite 222 ff. 


9 


— 130 70 — 


fallende Charafterfonderbarkeit noch folgende Nach⸗ 
riht (©. 33): „Ich hatte‘ ſchon feit länger als. 
acht. Zagen einem alten treuen Freunde auf einem. 
Spapiergange gefagt, daß ich alle meine Beſin⸗ 
nung verlieren würde, im Falle das Schickſal 
Das größte Unglüd, den Berluft meines theuren 
Weibes uͤber mich verhängen würde; ich hatte 
ihn gebeten, auf diefen Sal für mich zu denfen 
und zu handeln, um wenigflend meinen unmüns 
digen, mutterlofen Kindern einen Vater zu erhal 
ten, der felbft feit drei Jahren fein Grab immer 
offen zu fehen glaubte; ich‘ hafte ihn gebeten, fo=: 
bald dad Leben meiner Frau ohne Rettung vers 
Ioren ſey, in höchfter Eile eine Poftchaife anfpans 
nen zu lafien, und mit mir in die weite Welt 
gu fahren, wohin ex wolle, nur fo weit weg al8 
Möglich von dem Orte, wo alle meine Freuden 
farben und die Ruhe meines Lebens begraben 
hiegt. Er verfprach ed, und hielt Wort, in dies 
fer fchredlihen Stunte. Er ging felbfl, meine 
| Frau noch einmal zu fehn, er fah ihren legten To⸗ 
deskampf, kam eilig zuruͤck, hoffnungslos zu dem 
Hoffnungstofen, und fchidte nach der Poſt.“ — 


— I — 


So nimmt der Scheidende (S. 52.) auf ewig 
Abſchied von der Vaterſtadt, Die die Freuden des 
"Knaben und die Leiden des Mannes fah, und 
zuft aus: „In bie erhielt ich das Dafeyn — in 
dir verlor ich ed wieder! Hoffnung und Fröhlich- 
keit geleiteten mich in beine Shore, ‚ die Verzweif⸗ 
lung trieb mich hinaus!" — 

. Dann erhält der Leſer gar fluͤchtige— Reiſe⸗ 
bemerkungen, bie, der Titel: „Flucht nach Pa⸗ 
ris“ zu. rechtfertigen ſcheint, kurze Nachrichten 
von den Wegen, von den Diligenzen, von den 
Reiſegeſellſchaften, von den Gaſthoͤfen — und 
vorzuͤglich von den Theatern, auf recht ſonderbare 
Weiſe durchwebt mit Exklamationen an ſeine Frie⸗ 
derike, bald wirklich Gefühl zeigend, bald wider⸗ 
waͤrtig ſtoͤrend, bald in bombaſtiſche Uebertreibun⸗ 
gen ſich verlierend, oder durch Verletzung des kon⸗ 
ventionellen Wohlſtandes beleidigend, oder nicht 
ſelten fauniſche Luͤſternheit kundgebend. Den 
Zoſten November war er in Mainz, ben 13ten 
December in Straßburg und ben 18ten in 
Paris. Hier einige Stellen, die charakteriftifch 
find: . „Man fandte mir heute (zu Mannhoeim, 

9*r 


ben 9ten Nov.) ein Gedicht von umbekanntker 
Hand, auf die geſtrige Vorſtellung des Kindes 
der Liebe, des Inhalts: die Kunſt habe die Na⸗ 
tur auf ein Meiſterſtuͤck eingeladen, und die Na⸗ 
tue habe geantwortet: das müffe von mir ver 
fertigt, und von Iffland, Bed und ber Witchöft 
gefpielt werden. Dergleichen geobe Schmeicheleien 
find unausflehlih eckelhaft. Ueberhaupt iſt es 
fonderbar, daß jeder, ber meine Bekanntfchaft 
macht, gleich meint, er müfle mit einem Lobe 
meiner Stüde gegen mic) vebütiren. Muß man 
fi) denn einem Dichter immer mit vollem 
Maule näheren, wie ben morgenländifchen Koͤ⸗ 
nigen mit vollen Händen? Wenn die Leute nur 
wüßten, wie einem babei zu Muthe, und wie 
jämmerlich verlegen man ift, immer die gewöhns 
lichen Gemeinfprüche berftottern zu müfjen: „ich 
bitte gehorfamft! Sie erzeigen mir viel Ehre! 
- Ihr Beifall ift mir eine Aufmunterung u. f. w.“ 
Man glaube indeſſen ja nicht (— Wem wäre bies 
wohl je eingefallen —) daß mir bie Achtung ber 
Menfchen gleichgültig ſey; nur mit ihren Hof 
worten follen fie mich verfchonen” — (Seite 63). 


„Der Buchhändler Amand König zu Straßs 
burg läßt jetzt eine Ueberfegung meiner Adelheid 
son Wulfingen bruden, beten Berfaflerin eine 
gewiffe Mabame de Rome in Paris iſt. Diefe 
Ueberfegung gab er. mir mit nach Haufe, um fie 
durchzublaͤttern, ünd die Lektüre der franzöfifchen 
Adele de Wulfing bat mir viel Spaß ges 
macht. Es ift alles franzöfirt" — (Seite 80). 

„Diefe Art Gefangenfchaft (im verfchloffes 
wen Wagen der Diligenze) hat mir manche Her⸗ 
zensbeklemmung verurfacht, denn ich kann nichts 
"weniger leiden, als fo eingefperrt zu fen. Will 
man einmal p—fjen, fo ift das eine fchredliche 
Weitläufigkeit, ehe der Kondukteur (der den Was 
gen auffchließt,) gerufen wird; che er bie Huͤlfe⸗ 
tufende Stimme vernimmt; ehe er dem Poflillion 
den Befehl, flille zu halten, ertheilt; ehe er von 
feinem hohen Site berabfteigt, die Xhür zu oͤff⸗ 
nen; ehe die fämmtlichen Gepreßten fich auf eis 
nige Augenblide noch harter zufammenprejien, um 
ben einen Nothleidenden binauszulaffen, wobei 
fie natuͤrlich oft fchiefe Gefichter ziehen; che die 
Bank aufgehoben wird, welche den Eingang vers 


— 4344 — 
bollwerkt; ehe der Tritt heruntergelaſſen wird, 
auf welchem man zur Erde hinabſteigt: — nein, 
lieber haͤlt man fein bischen Waſſer drei Stunden 
länger an ſich, und wagt alles, ehe man fich 
entfchließt, einen fo gewaltigen Aufruhr zu erres 
gen’ — (Seite 55). | 
„Man findet (in den franzöfifhen Gaſthaͤu⸗ 
fern) nirgends Defen, nirgends geheigte Zimmer. 
Man wird ſogleich in die Kuͤche geführt, wo 
ein gutes Kaminfeuer brennt. Wer glüdlicher 
Meife unter den erften Eintretenben ift, und ſich 
überhaupt auf das Herzudrängen verfteht, nun 
ber kann das Vergnügen genießen, feinen H— 
oder fein Vordertheil zu wärmen, denn beides 
auf einmal ift nicht möglich, und das iſt wieder 
ein neuer Vortheil für den Schnupfenliebhaber, 
fo wie auch der Fußboden dieſen feltfamen Leu⸗ 
ten nicht wenig zu flatten kommt, da er nirgends 
gedielt, fondern überall mit Badfteinen auögelegt 
ift, welche eine kalte Näffe ſchwitzen. Dieſer 
Schweiß ift es jedoch nicht allein, der die Fuß⸗ 
boden negt, fondern man findet in jeder Küche 
noch fo viel nebenher gegoffen, gefprüst, ges 


ſpuckt, von Hunden gep—t, daß man feines Gleich⸗ 
gewichts ziemlich gewiß feyn, oder das Schlitts 
fhubfahren gut verfiehn muß, um ficher darauf 
zu wandeln — (Seite 88). Am fchlimmften ift 
ein armer, mit feiner Gefunbheit entzwe:ter Menfch 
daran, der ſich etwa gewöhnt hat, gewiſſen uns 
terirdifchen Gottheiten, die einft bei Den Römern 


in großem Anſehn flanden, jeden Morgen jein 


Opfer zu bringen. Das ewige Rütteln des Fuhr⸗ 
werds wird ihm Verflopfungen verurfachen; ift er 
etwa gewohnt, diefe durch eine Zaffe Kaffee und 
eine Morgenpfeife zu bekämpfen, fo wird ihm 
‚entweder gar feine Zeit dazu gejtattet, oder, ges 
fest auch, er bricht fi von feiner nächtlichen 
Ruhe eine Stunde ab, flebt eine Stunde früher 
auf, als alle andere, um diefes große Bebürfnig 
zu:befriedigen, deſſen Bernachläffigung, wie Mons 
taigne fagt, einen. Seneca zum Narren machen 
Tann, wo foll er Kaffee hernehmen?“ — | 
„Wäre ich nicht im Mittelpunfte aller 3er: 
flreuungen (in Paris), fo würde ver heutige Tag 
mir fehr traurig verfließen, denn es ift der 
Stiftungstag unfers Liebhabertheaters. 


[ 


‚Heute ift in Reval Iubel und Freude, heute vor 

« einem Jahre wurde meine Sonnenjungfrau zum 
erftienmale dort ‚geipickt. Meine theure Friederike 
machte die Amazili, der Kranz im Haare 
ſtand ihr ſo gut — o Gott! welch eine ſchmerz⸗ 
liche Ruͤckerinnerung!“ — (S. 105). 

„In den Logen (des Theaters, denn dies iſt 

Hrn. v. KAs Flut > Biel) rings umher glaͤnz⸗ 
ten viele, fehr viele, größtentheild kuͤnſtlich 
ſchoͤne Gefihter. Ach! nirgends eine Friederike! 
nirgends ein Geſicht, das den vollen Ausbrud 
der Güte, fo in jedem Zuge trug, ald das Ih⸗ 
tige!" — (Seite 115). 
„Pſyche (ein Ballet) an ber Zoilette, wo 
die Liebeögätterchen allenthalben gleichfam hervor: 
wuchſen; Pfyche als Schülerin der Zerpfichore 
das alled hat theild ſtark, theild fanft auf meine 
Sinne gewirkt, die Tänzerin, welche Pſyche dar⸗ 
flellte, war ein reizendes Gefchöpf, und konnte fo 
viel Unfchuld beucheln, als fey fie in ihrem Les 
ben nidyt Tänzerin ber ‚großen Oper in Paris 
geweſen“ — (S. 117). 

„In bie Loge, welche wir eingenommen hatten, . 


(lichen fi) au ein paar Zreudenmäbchen ein, 
. Da ich diefer Klafje von Dirnen einmal erwähne, 
fo muß ich bei ber Gelegenheit fagen, daß ich 
auch noch nicht eine gefehen Yabe, die fähig wäre 


einen Mann von nur: etwas zartem Sefchmade 


zu reigen. Die Zrechheit hat jedes Geficht ges 
ftempelt, und der Pla im Auge, den vielleicht 
einft, in früheren Jahren der Unfchuld, Liebes. 
götter bewohnten, dient jegt der Siechheit zum 
Krankenbette. Dicke Schminke dedt die fahle 
Bläffe, ſchwaͤrzlich blaue Saͤcke hängen unter 
den matten Augen. Das if das treue Bild derer 
die ich bis jegt fah, und ich babe viele gefehen, 
denn im Palais royal fchwärmen fie Haufenweife 
herum. Uns gegenüber, in einer Loge, faß heute 
auch eine, die Mannskleider angezogen, aber e8 -. 
weiölich fo eingerichtet hatte, daß man fie augens 
blidlich für das, was fie war, erkennen mußte. 
Sie hatte Recht, denn ihre Alltagögeficht wurde 
Durch den blauen Frack mit rothem Kragen ſehr 
gehoben. — Wieder aufunfere Nachbarinnen in 
der Loge zu kommen, denn die guten Kinder 
hatten ein Auge auf und geworfen. Sie faßen 


— isgss — 


vorher in der Loge neben uns, mochten aber 
woͤhl gehoͤrt haben, daß wir deutſch mit einander 
ſprachen, mochten uns für ein paar fremde Ni- 
| gauds halten, unk geſellten ſich daher zu uns. 
Stoff zum Geſpraͤch fand ſich bald. Die Eine 
frug, ob wir Englaͤnder waͤren? — Ja, antwor⸗ 
tete mein Gefaͤhrte. Ich bemerkte darauf, daß 
die Fragerin zwar ſehr gut franzoͤſiſch ſprach, 
aber es fehr langſam zu ſprechen affektirte. Ich 
frug fie um die Urſach. — Monsieur, ſagte fie, 
je ne suis pas francgaise, je suis allemande. — 
Aus welcher Gegend Deutfchlands? — de Vien- 
ne, war die Antwort. ine drollige Lüge, denn 
wir plauderten immerfort deutfch unter einander 
und fie nahm es ganz treuherzig für engliſch. 
Ich mußte mich auf die Zunge beißen, um ihr 
nicht ind Geſicht zu lachen. Vermuthlich glaubte 
ſie unfer Zutiauen zu vermehren, inden fie ſich 
fetbft-für eine Sremde gab. Wenn wir ftill ſchwie⸗ 
den, fo hörte ich fie unter einander reden, von 
Diefem und jenem Zraiteur und NReflaurateur, wo 
man des Abends vortreffli foupire.. Das war. 
ein Avis au lecieur. Sch fuhr aber nach Haufe 


— 1139 — 


und aß mein einfaches Aepfel⸗Kompot“ — 
(Seite 128 ff.) 

Eine Menge Freudendirnen zierten abermals 
dieſes Spektakel, und waren zum Theil fehr zus 
dringlich. Cine davon ftedte meinem Gefährten 
ihre Addreffe in die Hand, die ich zum Scherz 
genau kopiren will: Mille Adelaide, au palais 
royal Nro. 88 par le derriere. — Wer Luft hat 
fie zu befuchen, der mag es thun“ — (Seite 134). 
„Die Unverfchämtheit der Zreudenmädchen 
‚lernte ich an dieſem Abend erft recht fennen. Sie 
waren heute alle außerorbentlich geputzt; man 
hätte die geringfte unter ihnen für eine Dame 
genommen. Zwei junge hübfche Dinger, welche 
Arm in Arm gingen, verfolgten uns unaufhoͤrlich, 
und fchlugen und eine partie quarree vor. Um 
. fie los zu werben, fagte ich der einen, ihre Ge: 
fährtin fey nicht hübfch genug. — Mais, fagte 
fie, elle est tr&s bien composce. — Während ‘ 
diefes Gefpräches drängte ſich eine dritte zwifchen - 
uns, und raunte mir fehr fehnell ins Ohr: vou- 
lez vous venir, me voir? — Das nahmen .die ' 
andern beiden, die ſchon lange auf und Jagd ges 





macht hatten, ſehr übel. Comment Madame! 
fagten fie der Neubinzugelommenens vous. nous 
enlevez nos hommes? — Um ihrem Streite 
bie Realität zu benebmen, ließen wir fie alle drei 
fiehn, und nerfchwanden im Gebrange, Eine 
Bierte hatte und vermuthlich deutfch reden hören, 
und drängte fi) nun beftändig an und heran, 
indem fie das Wort deutfch! deutſch! in einem 
Sehe Eomifchen Accente ausfprach, welches fie ira 
gendwo aufgefchnappt haben mochte. Eine fünfte 
endlih, welche mein Gefährte im Schauſpiele 
hatte kennen lernen, ein niebliches, kleines Ding 
von kaum ſechzehn Jahren, drollig und lebhaft, 
lud uns mit ſo ausgelaſſener Luſtigkeit zum Sou⸗ 
per ein (verſteht ſich auf unfere Koſten) daß 
wir uns entſchloſſen, mit ihr zu gehn, um doch 
einmal zu ſehn, wie es bei einem ſolchen Maͤd⸗ 
chen ausſehe und auf welchem Fuß fie lebe.“ — 

Doch genug und vielleicht ſchon bis zum hoͤch⸗ 
ſten Widerwillen zuviel, von der Art und Weiſe 
wie der Hr. v. K., der uͤber den Tod ſeiner 
Gattin im tiefſten Seelenſchmerz verſunkne Wit⸗ 
wer, ſich mit den Freudenmaͤdchen zu unterhal⸗ 


— 444 — 


ten und wo es ihm etwa rathſam dumkt, feinen 
Begleiter ald Suͤndentraͤger vorzufchieben weiß. 
Aber Rogebue’s moralifche Seelenftärke kann mit 
Leichtigkeit folche Ertreme vereinigen und fich vor 
Ach felbft, wie vor bem gleichgefinnten Leſer rechts 
fertigen: „Ich,“ fagt er, „einem Freudenmaͤdchen 
gegenüber! Einem hübfchen närrifchen Mädchen 
bas um uns her gaufelte, und durch jebe ihrer 
Bewegungen Begierden zu weden ſuchte — — 
Ach! wer fo geliebt hat, al& ich, ber barf fi 
Bahn unter Lais und Phrynen wagen. Ein 
Gedanke an meine Friederike — o wie Elein 
und albern, wie edelhaft und langweilig kam 
mie alleö rings umber vor. Ein Gedanke an 
dich! vielleicht bat bein Geift mich umfchwebt! 
wohl mir! ich darf deine Gegenwart nicht fcheuen, 
ſelbſt bei einem Freudenmaͤdchen. — — D id 
Kann das nicht befchreiben, wie mir zu Muthe 
ik; aber meine Empfindungen find wahrlich 
edel! und fo verachte ich den, der vielleicht dem 
Bund fpöttifch verzieht, wenn er lieft, daß ich 
bei einem Freudenmaͤdchen war — — (Seite . 
4182 ff ff.). De findet man dann ben pfycholos 


— 4422 — 


giſchen Schluͤſſel zu dem ſchnellen Wechſel ber 
Empfindungen, wovon Ein, in ber großen Oper 
verlebter Abend ‚wieder ein recht :auffallendes Bei⸗ 
ſpiel giebt. Zuerſt wird Gluck's Alceſte ges 
geben, da arbeitet feine. kranke Phantafie Aehn⸗ 
lichkeiten und Beziehungen zu fuchen. — „Sa, e8 
ift vielleicht Lächerlich, aber nicht lachens⸗ 
würdig: ich fah im Admet mich felbft! Admet 
trank, ich auch; fein Weib opfert das Leben. für 
das Seinige: ich reife, um meine Gefundheit wies 
“Ver berzuftelen, meine Frau begleitet mich aus 
Liebe, und — verliert. ihr Leben auf diefer-Reife) 
Hat fie fih. nicht auch Fir mid geopfert?” — 
(Seite:217). — Aber bei dem: Ballete, Zele- 
mach und. .Pfyche, welhes man ald Nachfpiel 
giebt, verweilt. die Franke. Phantafie," bei ganz 
andern Aehnlichkeiten und Beziehungen. „Tele⸗ 
mach erhält, wie Piyche,. alle Sinne in einer 
lieblichen fröhlichen Spannung. Wie die huͤbſchen 
Mädchen umherwimmeln, wie göttlich fie tanzen, 
‚wie wollüftig, und doch grazienvoll jede ihrer 
Bewegungen, welcher füge Wirwar, welche Grup⸗ 
ven! — Für ein Raffinement. von Koketterie 


— 11 — 


halte ich es, daß die Unterhofen der Damen von 
fleeiſchfarbener Seide gemacht find‘ (Seite 220). 
Darf man von v. K— dad rühmen, was er an 
einer reisenden Schaufpielerin, „die Eleine, liebe, 
unſchuldige Rofe Renaud“ preil’t? — Er fagt: 
„Wenigſtens hat fie die Uniform der Zugend, - 
die Sittfamfeit noch nicht abgelegt, und fo 
lange fie die Uniform trägt, fo lange glaube ich 
und will ed durchaus glauben, fie fey im Dienfte 
ber. Tugend“ — (Seite 239). 

Nachdem der Leidtragende fo bis zum Item 
Sanuar 1791 fein Tagebuch fortgeführt hat, vers 
zeichnet er mit einemmale, „daß er nicht Längen 
in. Paris bleiben mag’ und giebt zwölf Urfachen 
an, bie ihm den Aufenthalt verleiden. Wer bie 
erſte und die legte hört, kann die dazwifchen lies 
genden, als gleichartig, leicht: errathen. „Wenn 
ich,” erzählt er, „auch ein Sahr lang hier wohnte, 
fo würde ich doch nie zu Haufe feyn, und mo 
ich nicht zu Haufe bin, da gefällt es mir nicht. 
Eine Menge Kleinigkeiten, deren jede einzeln gen 
nommen, nichts bedeutend ift, machen im Ganzen: 
mir. den Aufenthalt unbehaglich. — Ich. pflege. 


a — 


bes Morgens vor ſechs Uhr aufzuftehen. In 
Deutfchland Tann ich mein Fruͤhſtuͤck zu jeder 
Stunde haben, hier muß ich warten, bis eö dem 
Garçon auf dem Kaffeehaufe gefällig if, aufzu⸗ 
ftehen, und an mich zu denken, und das gefchieht 
nie vor halb neun Uhr, alfo drei Stunden fiße 
ich nüchtern, und weil ich das nicht gewohnt bin, 
fo macht mird unangenehme Empfindungen. — 


— — „Und enblih zwölftens: man mag ſich 


noch fo fehr vorfehen, fo wird man hier und bort 
and. überall um fein Geld geprellt, und fo geob, 
ſo Sewifien= und Schaamlos geprelt, daß bie 
tiefe Verachtung, welche man für ſolche Menſchen 
fühlen muß, endlich zur läfligften und drüdends 
fien Empfindung wird. 

So giebt v. K. in feiner Flucht nad Varis 
von Seite 285 bis 292 (erſchienen 1791) die 
Veranlaſſung feiner ſchnellen Abreiſe an; in ſei⸗ 
nem literariſchen Lebenslaufe, den er im fuͤnften 
Bande der juͤngſten Kinder ſeiner Laune, fuͤnf 
Jahre ſpaͤter, 1796, mittheilte, erfaͤhrt man eine 
ganz neue Veranlaſſung der Ruͤckreiſe, nach der 
jene zwoͤlf Urſachen als unwahres Geſchwaͤtz 


— ME — 

erfcheinen. Er ſagt (Seite 227.): „Der Kummer 
über den Tod meines guten Weibes trieb mid 
in die weite Welt. Sch floh nah Paris, und 
ohne einen Win! unferes Gefandten, 
würde ich mich ein halbes Jahr lang in 
die Wellen dieſer Hauptſtadt begraben 
haben." — 

Den Aten Januar um 6 Uhr fährt v. K. 
mit der famofen Diligence von Paris ab, wun⸗ 
dert fih an den Ufern der Marne, „daß jenes 
Land nicht Schaaren von Idyllendichtern hervors 
bringt,” und gelangt den 12ten nah Mainz, 
fürs .erfte das Ziel feiner Reife. Das Klima ift 
dort fanft und mild, die Gegend rings umher 
göttlich ſchoͤn, und der Umgang, für den er gern 
“allein lebt, fehr angenehm. „Die Herren Koch, 
Chrift und Porfd find die Vertraute und Liebs 
linge ihrer Kunfl. Den Erfteren fieht man nur 
zu felten, weil man ihn immer zu fehn wuͤnſcht. 
Die Sanfte Madam Porfch, die fchalthafte 
Madam Mende und Madam Eunite, die ges 
borne Gurli, find Zierden diefer Bühne. Webers 
haupt wird. man felten auf einem Theater fo viele 

10. 


weil ed eine nicht wohl abzuleugnende Sache iſt; 
aber er troͤſtet ſich mit dem Gedanken, daß er 
wenigſtens bie naͤmliche Perfeftibilität beſitze, 
und daß jener nur, entweder durch eine koſtbare 
Erziehung, oder durch gluͤckliche Situationen, ihm 
den Vorſprung abgewonnen; er fuͤhlt ſich daher 
geneigter, die Gaben des Zufalls zu verzeihen. 
Das Gefühl hingegen, dieſes Geſchenk der 
Natur, kann er, ohne ſich ſelbſt zu demuͤthigen, 
keinem dritten in einem höheren Grabe zugeſtehn. 
Wenn ihm alfo eine Erfcheinung: aufftößt, die er 
mit feinem bischen Gefühle nicht: umfpannen 
kann, fo nennt er fie ohne Umflände Erdich⸗ 
tung, und rettet feine Eigenliebe durch ein Ach» 
felzuden. Alles das hätte ich früher bebenten, 
und mein. überftrömendes Gefühl in meine Bruft 
einkerkern follen. — Eine andere Gattung von 
Menſchen leugnet die Wahrheit ſolcher Empfin- 
dungen aus Bosheitz fie fühlt, daß die tiefe 
Trauer eines Gatten ihm Mitleid und Liebe er- 
. wirbt, Schäge, welche die Misgunft einem ver: 
haßten Feinde fo gern rauben mögte. Daher 
die fcheelfüchtigen Recenfionen dieſes Buches, das, 


— 449 — 


man mag ſagen, was man wolle, eines der We: 
nigen ift, die allein dad Herz biktiet hat, Dies 
{en Stempel trägt es an der Stimm, und ich forz 
dere unfere.erften Dichter heraus, etwas Aehn⸗ 
diched zu fohreiben, wenn fie nicht in einer aͤhn⸗ 


lichen enge Am. Nu 


- Sn ben fo eben bezeichneten Zeitpunkt bes 
9. Kotzebueſchen Lebens fallt die Erſcheinung eis 
ner Zlugfchrift, die für Kogebue, für die Entwis 
delung feines. öffentlichen Charakters, für das 
Urtheil feiner Zeitgenoffen über ihn, von größter 
Wichtigkeit ift, und ald ein Wendepunkt feines 
Lebens fchon deshalb für ihn fehr folgereich wurde, 
weil von hier an alle feine Bemühungen, eine 
auf Anerkennung des fittlihen Werthed gegrün= 
dete Achtung zu erlangen, fcheiterten. Da bie 
Aufmerkfamteit des Publitumd auf diefed Libell 
und feinen Urheber, ald ein herrliches Zeugniß, 
wie die Stimme des Volkes und die ewige Ge: 
rechtigkeit moralifhe Verbrechen beftrafen, nicht 
allein in dem Augenblide feiner Erfcheinung, fon: 


— 1600 — 


bern mehrere Jahre hindurch fixirt war, ba durch 
diefe Schrift die Ehre und bas Gluͤck fo vieler 
Männer geflört und felbft manches Leben verkürzt 
wurde, da fpäter diefe Erfcheinung oft in Erin: 
nerung gebracht, aber nie im Zuſammenhange er⸗ 
zählt ift, da mehrere hierher gehörige Dokumente 
zu literarifchen Seltenheiten geworben find, da 
Kogebue, in den Tagen feines Glanzed jeden 
Hinblick auf dieſe Geſchichte fo forgfältig zu vers 
wirren ſich bemühte, fo fol hier eine vollftändige 
Darftellung derfelben, ald ein Beitrag zur Liter 
targefchichte des achtzehuten Jahrhunderts, ver⸗ 
ſucht werden. — 


Geſchichte ber Schrift: 
Doftor Bahrdt 
mit | 
ber eifernen Stirn. 


An Ende des Jahres 1790 wurde, ohne Nam⸗ 
haftmachung des Verſenders, durch die deutſchen 


Buchhandlungen eine Drudfchrift verbreitet, die 


den Titel führt: 
Doftor Bahrdt mit der eifernen 
Stirn, oder die deutſche Union ge: 
gen Bimmermann. Ein Schaufpiel 


in vier Aufzügen von. Freyheren 


von Knigge. 1790. 

Die Zitelvignette (wodurch die felten gewors 
dene, und jest in Auktionen oft mit mehreren 
Zhalern bezahlt werdende Originalausgabe, fich 


— 110 — 


von den mehrmals veranſtalteten Nachdruͤcken un⸗ 
terfcheidet,) zeigt eine Geierkralle und eine Loͤ⸗ 
wentage, die von entgegengefeßten Seiten aus 
Wolken kommend, in einander greifen, und bie 
Ueberfchrift haben: Vis unita fortior. Nach dem 
Zitelbigtte folgt eine „Zueignungsepiftelan 
den Herrn Schaufpieldireftor Groß> 
mann, die ſchon vorläufig den Zwed Unterneh: 
merd, den Ritter von Zimmermann *) zu Hans 


‘ 





*) Sohann Georg von Zimmermann geb. zu Brugg, 
im beutfhen Theile des Kantons Bern, ben sten 
Dec. 1728, erhielt eine großartige wiſſenſchaftliche 
Bildung zu Goͤttingen, unter der Leitung feines uns 
fterblihen Landsmannes Albreht von Dallers. Er 
wählte ben Beruf bes Arztes, und erlangte ale fols 
her gar bald vielen Ruhm, wie er benn zugleid 
als Schriftfieler durch feine Werke, über die Reitz⸗ 
barkeit; von ber Erfahrung in der Arzneis 
tunde; vom Nationalſtolz, wie dusch feinen 
erſten Berfuh, über die Einſamkeit, allgemeine 
Aufmerffamkfeit und Bewunderung erregte. 1768 
ward er als Lönigl. Leibarzt und Hofrath nad Han: 

nover berufen, Viele Regenten und Zürften gaben 
ibm Beweife der Hochachtung und Katharina, li 
ernannte ihn, mit dem fie einen lebhaften Briefwed- 
fel unterhielt, zum Ritter des Wladimir Ordens, 


— 153 — 


nover an feinen vielen literarifchen Gegnern zu 
rächen, andeutet, und als ber einzige, nicht mit 
den frecheften Boten durchwebte Theil des Pas⸗ 
quils, hier flehen mag; fie lautet: 

— „Gott zum Gruß! mein lieber Großmann! 
wenn Gott anders mit und beiden etwas’ zu thun 
haben wid. Ich bin fehr ſchwach und krank, 
mein letztes Stündlein naht, und da geht es mir, 





damals für. einen Gelehrten eine große Auszeich⸗ 
nung; indeß genoß er wenig Lebensfreude, denn 
manche Eörperliche Uebel, ein lokaler Schaden, uns 
gewöhnliche Reitzbarkeit feiner Nerven, Familienlei⸗ 
den und immer mehr überhandnehmende Hppochonbrie 
förten den Frieden feines Daſeyns. Mit feiner Ce⸗ 
leberität, die noch baburh wuchs, daß Friedrich 
der Einzige, ihn an fein Krankenbette berief, 
wuchs feine Eitelkeit und ber Unwille feiner Neider 
und Gegner; beiden gab er felbft die Waffen in die 
Hand, durch die berächtigt gewordenen Fragmente 
über Friedrich II, wo er fi beſonders dem entgegen 
ftellte, was man bamals Aufklaͤrung nannte. Ueberall 
ſah er nur Zeichen der Vernichtung der chriſtlichen 
Religion und ber Fuͤrſtengewalt. — Fruͤher, als. 
ſein Koͤrper, erlag ſein Geiſt den duͤſteren Gebilden, 
die ihm die Wirklichkeit und die Phantaſie zeigten. 
"Die Erſcheinung bes Bahrdt m. d. e. St. vollen⸗ 
dete fein Ungläd, — Er flach 1795 zu Hamover. — 


— 44 — 


wie es unſeres Gleichen. gewöhnlich zu gehen 
pflegt:. das Bischen Gewiſſen rührt fih. ‚Alle 
die alten Gefchichten, zum Beifpiel die Eheteus 
feleien in Göttingen (und wer vermag die Sterne 
am Himmel zu zählen?) ſtehen rabenſchwarz vor 
meiner Seele.“ | 

„Unter andern, mein lieber Großmann! — er 
weiß wohl — haben wir uns ſchwer an dem 
braven Zimmermann verſuͤndigt, wenn wir uns 
des Abends, nach dem Eſſen mit einander hin⸗ 
ſetzten, und mit dem Viertelpfunde Witz, welches 
uns Gott verliehen hat, einen unerlaubten Wu⸗ 
cher trieben. — Da habe ich nun alle meine 
Kraͤfte zuſammengerafft, um wieder gut zu ma⸗ 
chen, ſo viel ich kann, und hoffe, da Zimmer⸗ 
manns Großmuth mir aus tauſend Beiſpielen 
bekannt iſt, er werde mir alle meine Thorheiten 
verzeihen, auf daß ich ruhig ſterben koͤnne. — 
Die heilige Lavaterſche Salbung, welche hier in 
Bremen herrſcht, wo ich ſeit kurzem Droſt ge⸗ 
worden bin, bat viel zu meiner Belehrung bei: 
getragen. Ihm, lieber Zreund! rathe ich, fobald 
er morgenfruůb aus dem Bette auffieht, fich des 


— 15. — 


muͤthiglich in Zimmermanns Behaufung zu ver⸗ 
fügen, damit dieſer wahrhaft ‚große und gute 
Mann, die Hand auf feine Fahle Glabe lege, und 
ihm alle feine winzigen Albernheiten verzeihe. Nur 
unter diefer Bedingung, und da wir immer alte 
Freunde und Spieögefellen gewefen, babe ich ihn 
in diefer Iufligen Komedia nicht felbft mit aufs 
treten lafien, wie ed ſich doch gar eigentlich ges 
bührt hätte. Nehme er fich in Zukunft aber wohl 
in Acht, und fey er Feine von den fchmußigen 
Sliegen, die fich nicht entblöden, ihr Häuflein 
auf. einen blanten Spiegel zu feßen. — — Ge: 
febrieben zu Bremen. Am Tage des Erzengels 
Michael, 1790, von dem. Erzfchald Knigge.” 
‚Die dann verzeichneten fpielenden Perfonen 
finds Doktor Bahrdt, mit der eifernen Stirn, 
der. gute Biefter, ber wohlgezogene Gedike, 
der:iunge Büfching, der uneigennübige Cams 
pe, der feinlachende Trapp, ber Achfelträger 
Boje, der artige Klodenbring, der Meine _ 
geile MondEorrefpondent Lichtenberg, ber blinde 
Ebeling, der Heerflihrer Nicolai, der Eeufche 
Käftner, ber arme Teufel Quittenbaum, bet 





— 156 — 


Leipziger Magiſter, Aſſiſtent des Vorigen, Mom- 
sieur Liserin, der Sopfprediger Schulze, der 
Heine, tapfere Mauvillon, der verkfappte 
Blantenburg, Doktor. Luthers Geiſt, Gold⸗ 
hagens Geift, Ritter .von Zimmermann, 
Heinrich, deſſen Bedienter, Chor von Zeitungss 
fpreibern unter Anführung ded unbedeutenden 
Ettingers, bie Schulräthe Stuve und Heu- 
finger, der Marionettenprincipal Schinf u. f. 
w. Aufwärter, Huren, Hinmlifhe Heer: 
fhaaren u. f. w. | 

Sm erften Aufzuge finden fich Die genannten 
Perſonen einzeln auf Bahrdes Weinberge ein 
und vereinigen fih, von Neid und Misgunſt 
Durchdrungen, gegen Zimmermann gemein: 
ſchaftliche Sache zu machen; im zweiten wird dad 
Buͤndniß durch einen feierlichen Schwur befiegelt, 
im dritten rühmt jeber der Verfchworenen, "was 
er gegen Zimmermann thun, wie er ihn in feinen 
Schriften angreifen will, und im legten, dem 
vierten Aufzuge, uͤberſchrieben: „Apotheoſe des 
Dr. Bahrdt mit der eiſernen Stirn und ſeiner 
Mitverfchwornen” erhält. Zimmermann bie gegen 


— 1597 — 


ihn gerichteten Schmähfchriften und — fendet fie 
auf den Abtritt. Ein Epilogus beſchließt das 
Ganze. Hier die lebten Reime: 


„Friſch auf! ihr beiffiges Geſindel ! 
Packe nun jeder fen Bündel, 
und kehre wohlgemuth nad) Haus, 
- Denn die luſtige Farce iſt aus. 
Die Peitſche wird hier an ben Nagel gehängt, 
Und zuweilen mit Del ein wenig eingefprengt, 
Damit fie fein geſchmeidig bleibt, . 
Wenn euch der Kigel noch einmal treibt. 
Dann holen wir fie wieder herunter, 
Und ſchwingen fie luſtig, tapfer und munter.‘ 


Daß diefer an ſich höchft dürftigen Fiktion in 
fofern Teine Wahrheit zum Grunde legt, als 
wie jeder mit der Piterargefchichte jener Tage 
einigermaaßen Bekannte weiß, nie eine Verbrüs 
derung ober Union flatt gefunden haft, um Zim⸗ 
mermannd Ruhm zu vernichten, daß vielmehr 
jene Schriftfteller, die ihn angriffen, jeder für 
ſich, nad) ganz verfchiebenen Veranlaffungen ges 
gen Zimmermann - auftraten und daß feine vielen 
‚Gegner unter fich zum Theil fehr feindfelig gegen 
einander dachten, iſt entſchieden; eben fa wenig 





— di — 


kann auf der andern Seite geleugnet werden, daß 
weder vor⸗ noch nachher in beutfcher Sprache 
jemals irgend etwas gefchrieben und gebrudt ifl; 
wo bie größte fittliche Verworfenheit fo zur Schau 
getragen ift, als im Bahrdt mit ber eifernen 
Stirn. Der verabfcheuungswärdigfte Schmug 
ber verworfenften Bordellfcenen, die gräßlichften 
Boten, die Gräuel, welche der Entartefte zu vers 
beden fi bemüht, find hier zufammengehäuft 
und offen mit frehem Wohlgefallen dargelegt, 
auf eine Weife, die um fo mehr allen Glauben 
überfteigt, ba die als fpielende Perfonen genanns 
ten Schriffteller mit einer genauen Kenntniß ihrer 
Perſonalitaͤt dargeftellt find. — 

Wenn fih fo der Verfaſſer diefer Schand: 
ſchrift — es wird nicht zu viel behauptet — 
als ein, jedes fittlichen Gefühl Berlorenhabender 
fund giebt, fo darf man doc) nicht verkennen, 
daß er fo viel Wig zeigt, eine fo entſchiedene 
Fertigkeit durch charakteriftifche Züge feine Perfon 
zu vergegenwärtigen, eine Leichtigkeit in der Kari⸗ 
Fatur= Zeichnung und ein Talent für die ſchmutzig⸗ 
fe, jede Schranke verfchmähende Satyre — und 


\ 


— 19 — 


daß man, wider Willen, oft an Xriftophan«s 
kecke Manieren erinnert wird. &chon die bezeichs 
nenden Beiworte der fpielenden Perſonen find 
unübertreffbar gewählt. Das große Auffehn, 
welches die Farce erregte, fand zum Xheil feinen 
Grund in dem beleidigten fittlichen Gefühle jedes 
Leſers, in der tiefen Verachtung eines Verbrechens, 
bad den Menfchen zum Auswurf der Schöpfung 
macht; es flieg jenes Auffehn noch ‚dadurch, daß 
mit dem DBorwurfe- der fchändlichften Laſter hier 
eine Menge von Männern Öffentlich gebrandmarkt 
wurden, die als Gchriftfteller vielen Ruhm in 
Kunft und Wiffenfchaft erlangt hatten. Wie jes 
bed Blatt der Schandfchrift Infamien häufte, fo 
ſprach auch ſchon der Titel eine der größten auß, 
indem hier Knigge, ein Mann von vielfeitigen 
Verdienſten, ald Schriftfteller geliebt, als Staats⸗ 
bürger auf einem bedeutenden Ehrenpoften ftehend, 
ald der Berfaffer genannt wurde. Knigge 
lebte, dies war bekannt, mit Zimmermann in 
nichtö weniger alö freundfchaftlichen Verhältnifien, 
er hatte mit letzterem literarifche Streitigkeiten, 
die, veranlaßt durch angefchulbigte politifche Meis 





nungen, fogar bis zum Injurienprozeffe gebiehen. 
Hiernach ſchien ed zwar unerflärlich, daß er auf 
eine folde Weife, um Zimmermannd. Gegner zu 
züchtigen, die Feder ergreifen ſollte! jedoch fagten 
andere dagegen: Sinigge hat- fi bereits durch 
mehrere humoriftifch = fatyrifche Schriften befannt 
- gemacht, fein Muthwille hat ihn ſchon zu mans 
chem literarifchen Schwante verleitet, er hat hier 
bie Miene eines Verehrers Zimmermanns anges 
nommen, um ihm auf biefem Wege bie boshafs 
teften Schläge zu verſetzen; eine fo hingefprochene 
Bermuthung war in jenen Tagen der aufgeregten 
Gemüther hinreichendy im den Augen Mancher 
das verläumbderifche Vorgeben biefer neuen, aufs 
gedrungenen Unterfchrift zu beftätigen. — 

Indeß die allgemeine Stimme die Ausmittes 
Iung, und Beflrafung des Urheber dieſes Fres 
vels forderte, und bie polizeilichen Beflimmungen 
vieler Länder die weitere Verbreitung des drama⸗ 
tifhen Schandgemäldes zu verhindern fi bemuͤh⸗ 
ten, fand die Churfuͤrſtlich Hannöverfche Regies 
rung zuerft eine nähere Veranlaſſung in jener 
Dinfiht. ernflliche Schritte zu thun. 


— 161 — 


Unter die mit den ruchloſeſten Schmaͤhungen 
und Beſchuldigungen beſudelten Perſonen des 
Bahrdts mit der eiſernen Stirn gehoͤrte 
Klockenbring, ein Mann der zu Hannover in 
geachteten, glüdlichen Verhältniffen lebte, mit 
bes Zufriedenheit feiner Vorgeſetzten im» öffents 
lichen Amte die Polizei der Stadt verwaltete, 
mit Zimmermann in gutem Vernehmen fland 
and nie etwas wiber ihn gefchrieben hatte. Dies 
- fer Dann — man erfuhr nie, auf welche Vers 
enlaffung — war bier unter die Feinde Zims 
mermanns geftellt, und mit der verabſcheuungs⸗ 
wuͤrdigſten Bosheit ald Menfch und als Officiant 
der gräuelvollften Lafter beſchuldigt. Solches 
Unglüd erfchütterte ihn fo, daß er auch bald 
barauf in eine völlige Verflandeszerrüttung vers 
fiel und flarb; er zeigte ber hannöverfchen Res 
gierung das Dafeyn des firafwürdigen Pasquills 
beshalb officiell an, weil in bemfelben viele vers 
diente unbefcholtene Männer, von benen befons 
ders mehrere unter dem Schube ber Hannövers 
ſchen Regierung lebten, pasquillantiſch angegrifs 
fen waren, weil e& ihm befonders in bem Ber 

11 


— 41 — 
hältniffe zu feinem Amte die größten Verbrechen 
andichte und endlich, weil die ihm gemachten Be- 
ſchuldigungen von der Art wären, daß felbfl' bie 
churfuͤrſtliche Regierung dadurch in ein ſehr boͤ⸗ 
ſes Licht geſtellt ſey. 

Sofort warb von der Regierung bes Juſtitz⸗ 
Sanzelei aufgegeben, Alles aufzubieten, um auf 
dem Wege gerichtlicher Unterfuchung ben Verfaſ⸗ 
fer berauszubringen. Im Publiftum trug man 
ſich mit verfchiedenen Vermuthungen; mande 
hielten Zimmermann felbft fähig, der Verfaſſer 
des Pasquills zu ſeyn; doch ſprach zu feiner . 
Vertheidigung die von ihm nie verleugnete Ach⸗ 
tung für Anſtand und fittlichen Werth, andere 
Glaubten, daß denn doch wohl Knigge der Vers 
faffer ſeyn Eönne, wenn auch ber Drud ohne 
feine Mitwirkung erfolgt ſeh, noch andere richte 
ten ihren Verdacht auf Dr. Bahrdt, auf Maus 
villon zu Braunfchweig, auf den damals fehr 
_ beliebten Schriftfteller Friedrich Schulz zu Mi⸗ 

tau, den Berfafler des Moris und ber Leopol⸗ 
Dine, und auf andere. : Auf den wahren Ver: 
fafler dachte niemand; viele unfhuldige Menſchen 


— 163 — 


wurden in biefe Geſchichte gemifcht, in gerichtliche 
Unterfuchungen gewickelt, und um bie Ruhe ihres 
Lebens gebradit: 

Der Ohrifllieutenant Mauvillon zu Braun⸗ 
ſchweig, bekannt durch ſeine literariſche Verbin⸗ 
dung mit Mirabeau, hatte ziemlich laut geaͤu⸗ 
fert: „er fey für fi), nach perſoͤnlicher Ueberzeü⸗ 
sung, über ven Verfaffer des „Bahrdt“ gar 
nicht in Zweifel," dieſes wieberholte er auch ak⸗ 
tenmäßig, als er auf Requifition der Hannoͤver⸗ 
ſchen Regierung von ben Braunfchweigfchen Mis 
litaie = Gerichten, den 19ten Iahuar 1791 vers 
nommen wurde. - Er erklärte hier: „Vor dem 
Publilg, dem eigentlichen und einzigen Richter 
ber gelehrten Streitigkeiten geffaue ich mich den 
Verfaſſer der bemeldeten Schrift fo deutlich zu 
erweifen, daß alle diejenigen, die gewohnt find, 
Schriften zu unterfuchen, fogleich fagen werden: Ja! 
er iſts! — Ich getraue mich eben da, diefe höchft 
gründlichen Bermuthungen, durch Data zu verflärs 
ten, die diefelben zu einem folchen moralifchen 
Beweiſe erheben würden, bei bem ein jebes Ge: 


muͤth fich felbft in einer fehr wichtigen Angeles 
41* 





— 44 — 


genheit, voͤllig beruhigen wuͤrde. Aber derglei⸗ 
chen vor Gerichte vorzutragen, ; empfinde ich 
einen unuͤberwindlichen Wiberwillen *)." — Auf 
diefe zwar ablehnende, jedoch die Aufmerkfamteit 
in der That erfi recht. fpannende Audfage, erfolgte 
von Hannover eine neue Requifition, wonach 
Mauvillon angehalten wurde, feine gründlichen 
Vermuthungen und gefammelten Data über den 
Urheber jener Schrift, wie ex es mittelft koͤrper⸗ 
lichen Eides zu befräftigen ſich getraue, anzuge- 
ben; worauf denn M. zu ben Alten gab: 
„Des Obrifilieutenants Maupillon’s 
gründliche Bermuthung und gefammelte 
Data, nah weldhen er feſt überzeugt ift, 
daß der VBerfaffer der Schrift: Bahrdt 
mit ber eifernen Stirn, ober bie beut- 
[de Union gegen Zimmermann, kein an- 





9 Siehe: des Herzoglich Braunſchweigſchen 
Ingenieur⸗Obriſtlientenante Mauvillon 
8gerichtliche Berhoͤre und Ausfagen, den 
Berfaffer der Schrift, Bahrdt mit ber 
eifernen: Stirn besseffent, Bruimfäneig 
3793. Geite 10. | J 


— 5 — 


derer Menſch iſt, als der Herf Hofrath, 
Leibarzt und Kitter von gimmermann 


ſeibſt, 


auch gleich darauf, in der eben genannten Schrift 
dieſe Deduktion ſeiner Vermuthung dem Publiko 
vorlegte! Geht man die Gruͤnde der Vermuthung 
‘und die gefammelten Data durch, ſo laͤßt fi: im 
der Entwidelung und Zufammenftellung verfelben 
ein gewiſſer Scharfiinn, aber auch ein wider 
Zimmermann fehr gereiztes Gemüth nicht verken⸗ 
"gen. Manche leidenfchaftlihe Schritte: die jener 
"gegen feine: Widerfacher gethan, Gleichheit der 
Ausdruͤcke in de’ Zimmermannſchen Schriften unb 
in dem Pasquille, bie fhon von 3. vorgetragene 
Idee von einer Verbrüderung, welche gegen ihn 
geſchloſſen fey, mehrere. Zehlfchritte, zu denen 8. 
duch ungemeſſene Eitelteit und Eigenliebe vers 
"leitet war, eine genaue Kenntniß von allem, was 
je gegen Zimmermann gefchrieben, wie der Urs 
heber deffelben u, f. f. waren die Wahrfcheinlich 
keitsgruͤnde die Mauvillon aufftellte, und bie er 
dahin mit einem Eide zu bebräftigen fich bereit 


erklärte, daß er fie für entfcheibend halte, um 
vermittelft derfelden zu der moralifchen Ueberzen⸗ 
gung ber auögefprochenen Behauptung zu- gelan: 
gen. Er fügte hinzu (S. 106): „Es ift aber 
Fein juriftifher Beweis. Es bleibt. immer moͤg⸗ 
lich, daß ein Anderer: der Verfaſſer ſey.Ich habe 
indeß auch. feinen juriftifchen Beweis verfprochen, 
und ber hat auch von mir nicht.geforbert werden 
Eönnen. Ich habe mich anheiſchig gemacht, den 
Verfaffer: vor dem Publiko fo deutlich zu erwei: 
‚fen, daß Ieder, der gewohnt iſt, Schriften zu 
prüfen, fagenfol: Ja! er iſts! — und das glaube 
ich gethan zu haben. Ich berufe mich desfalls 
Iebiglich auf das Zeugniß bed Publikums.” — 

. . ‚Hiergegen erklärte Herr von Zimmermann, 
im 45flen Stüde des Hamburger unpart. Korves 
fpondenten 1791: — „ohne mein Vorwiſſen er: 
fhien Bahrdt m. db. e. St. — Ganz Hannover 
hatte. diefe Schrift ſchon gelefen, als ich diefelbe 
zum erftenmale ſah, und mit Schreden und Bes 
trübniß. ihren Inhalt erfuhr. Man wünfchte diefe 
Schrift unter Henkers Hände zu bringen. In 


— 167 — 


öffentlichen Blättern behandelte man den Verfaſſer 
als den ſchaͤndlichſten Buben, ber je gekebt habe; 
man fagte, bie geringfte Strafe bie .er-.verbiene, 
ſey Staupenfhlag und Brandmark. Diefe jour 
naliſtiſchen Rechtsſpruͤche waren ergangen und 
allgemein bekannt; und nun ſchrieb Herr D. L. 
Mauvillon ein Buch, um zu beweiſen: ich ſey 
der Berfaſſer bes Bahrdt ıc. — Auf eine 
ſolche Beſchuldigung muß ich antworten, da ein 
Dffisier fie deuden läßt, da ein Officier vor ei⸗ 
nem Kriegögerichte fie auszufpredhen wagt! Meine 
ganze, fehr Eurze, völlig hinreichende Antwort: 
gab ich heute, unaufgefordert der koͤnigl. Juſtitz⸗ 
Kanzelei zu Hannover mit diefen Worten: 34h 
bin willig unb bereit, den-fhauderhafz 
teften Eid zu fhwören, daß ich weder 
mittelbar, noch unmittelbar den aller 
geringften Antheil an der Schrift des 
Bahrdt mit der eifernen Stirn habe, 
und daß ich von dem ganzen Inhalte die: 
fer Schrift nichts wußte, bis ich dieſel—⸗ 
be gebrudt in meinen Händen ſah.“ — 
Indeß fo dem in diefer Sache unfchuldigen 


— 168 — 


Zimmermann auf das Uebelſte mitgeſpielt wurde 
hatte die hannoͤverſche Juſtiz⸗Kanzelei erfahren, 
daß die Schmähfchrift bei Henning in Graitz 
im Boigtlande gebrudt war, daß die vorhin naͤ⸗ 
ber bezeichnete Titelvignette son dem ſich damals: 
in Weiner aufhaltenden Kupferfiecher Lips ge⸗ 
fiohen, ımb bei. ibm vom Rath Friedrich 
Schulz aus Mitau beftellt fey. Da biefe That⸗ 
fachen unmittelbar auf bie Entdeckung des Ver⸗ 
faffers des Pasquilles führen mußten, fo wurde: 
Herrvon Kogebue, in befien Auftrage Schulz 
die Berfertigung jener Vignette beforgt hatte, ban⸗ 
ge, man mögte hinter das verübte Schelmftüd und 
feinen Urheber kommen, er bot alle Schleichwege 
bed Betruged auf, um die Sache zu verwirren 
und fo unentdeckt dDurcchzufchlüpfen. — Kogebue 
fürchtete eine gerichtliche Reauifition nad) Mitau 
zu Schulz Vernehmung, die auch bald nachher 
wirklich erfolgte. In biefer Angft des böfen Ges 
wiſſens fchrieb er an legtern, er möchte, wenn er 
gerichtlich befragt würde, nicht die Wahrheit fagen, 
fondern vorgeben, er habe den Auftrag an Lips 
von einem Buchhändler Gauger in Dorpat bes 


kommen. Er, v. K., wolle Ham Schulz eis 
nen falichen antebatirten Brief von Gauger 
verfchaffen, worin der Auftrag zur Beforgung 
der Vignette enthalten fey, und biefen Brief 
möchte er vor Gericht probuchren. — Hierbei 
blieb Herr. von Kotzebue noch nicht ſtehn; er bes 
wog einen ganz unbekannten Menfchen in Reval, 
Schlegel mit’ Namen, bervorzutreten, fich fuͤr 
den VBerfaffer des Bahrdt mit der eifernen Stirn 

‚amdzugeben, und dieſes falſche Geſtaͤndniß durch 

eine Revalfche Notariats⸗ Urkunde zu bekraͤftigen. 


Diefer Traugott Friedrich Lebrecht 
Säleget zu Reval gab ſofort bei Nicolovius 
zu Königsberg (1794) eine Erklärung: des 
Verfaffers der Schrift: De. Bahrdt mit 
Der. eifernen Stirn, heraus, die, wer Kobes 
bue's Redeweiſe einigermaaßen kennt, unmits 
telbar zu der Vermuthung fuͤhrt, daß ſie aus 
R—8 Feder gefloſſen ſey, wie denn auch, der 
Lage der Sache. nad), diefer Verdacht ganz liegt. 
— Hier läßt denn: Herr von Kogebue ben 
Schlegel erklären, dag er um Zimmermann, 


ber fein Lieblingsſchriftſteller ſey, an feinen Geg⸗ 
nern zu rächen, in- einserfeöhlichen Stunde ben 
Bahrdt'zc. gefchrieben und durch Vermittelung 
feiner Freunde zum Druck befoͤrdert habe; „aufs 
fer ihm, dem Endesunterſchriebenen, 
babe Feine Ehriften =. oder; Deiftenfeele, 
fein Schaufpielbihter und fein Hanna 
veranereine Sylbe an erwaͤhnter Schrift 
geſchrieben oder eingefhaltet.” — Wenn 
der Schmutz des Pasquilles ſelbſt allen Glauben 
uͤberſteigt, ſo uͤherbietet die Frechheit, mit der 
Kotzebue Schlegeln die erlogene Autorſchaft 
behaupten laͤßt, jede Vorſtellung. Er ſchließt: 
Ich. erwarte daher ruhig und geduldig mein 
Schickſal. Werde ich geflraft, fo ſtrafe ich wie⸗ 
der; das beißt: ich: ſchreibe eine neue Komedie 
in der es noch weit Infliger hergeben foll, als in 
der erſten; benn wahrlich! man bat mir. indeflen 
ſchon wieder Stoff genug zum Lachen . gegeben: 
Was die fchriftftellerifchen Züchtigungen- betrifft, 
fo achte ich deren nicht, denn ich bezahle auch 
mit gleicher Münze, und danke Gott, ber mir 
Waffen in die Hände gegeben. hat, eben fo ſpi⸗ 


— 474 — 


$ig,.gld die ber Herren zu Braunfchweig,: Göte 
fingen, Hannover uf hr). > | 
. , &p glaubte. fi, von. Kogebue wohl. verwahrt 
zu haben, und ſich im weislich bereiteten Verſteck 
des :verubten Muthwillens erfreuen, zu Tünnen, 
doch des Verbrechens Sicherheit, = wirb- fo oft 
sine Klippe, an ber Das Raubſchiff ſcheitert. — 
Indeß von. mehreren Seiten darauf hingewiefgg 
wurde, daß _ Schlegel gar nicht ber Mann ſey, 
der xin ſolches den frevelften Wie, viele Bekannt: 
ſchaft mit der neueſten Kiteratun, genaue Font 
„' . 3 

> Schon unterm zıten Nov. 1792 warb bei Anzeige 
dieſer Erklärung im 93. Gtüde ber Königsberger 
BZeitung, fowohl’bie Frechheit des H. Schlegel, 
‚2 18 bie Unwahrſcheinlichkeit feines. Grfäntniffes be⸗ 
merklich. gemacht, und darauf hingewieſen, daß mit 
»dem beigebrachten Notariats⸗ Inſtrumente im Grunde 
nichts bewieſen ſey, als daß Schlegel ſich als Ver⸗ 

. feſſer des Manuſcripts dieſer Erklaͤrung bekannt habe. 
-, „Mas aber die Autorſchaft des Bahrdt m. db... St. 
4, betrifft, fo wirb mit Recht erwähnt, daß bie: Bermus 
thung des Gegentheils (Schlegel fen nicht. Berfaffer 
befielben) auf ſtaͤrkeren Zeugniſſen beruhe, als auf 

. ein Notariatsinftrument, das zwar bad, was ein 
andbderer ausfagt, aber nicht die innere Wahrheit der 


Ausfoge bezeugen kann. — 





niß der Perſonal“⸗ Verhältnilfe der beutfchen 
Schriftfleller beweiſendes Pasquill fchreiben konnte, 
indeß Schulz erfuhr, daß Kotzebue, wad dies 
ſer aber ableugnete, alles aufbiete, jeden noch 
übrigen Verdacht der Autorſchaft auf ihn: zu:fchies 
ben, wies Schulz den ihm gemachten Antrag, 
eiu falſches Zeugniß abzulegen, mit Abſcheu zie 
ruͤck; er fchidte den dazu aufforbernben Brief des 
Herin von Kogebue nad -Deutfchland mit der 
Bitte, ihn jedermann, ber daran Intereſſe finde, 
leſen zu Taffeh, nur bat er, davon keinen Gebrauch 
vor Gerichte zu machen *). — 

Ko gebtte'war in dem felbſtgeſtrickten Nege 
gefangen; die ganze Schmach ber ſchaͤndlichen 
Pasquilicreiberen, die daran gereihten Vergehen 
und bie‘ Strafen der Geretigei mußten ihn 





” Im "zooften Stk: bes bemb. aorreſ⸗, meauese, 
vom ı6ten Dec. 1791 heißt es: „Es kann ihm er⸗ 
wiefen werben (dem Auguft v. Kogebue) baß er felbft 

der Berfaſſer jenes ſchmutigen Produktes iſt — er: 
wieſen durch geinen eigenhaͤndigen Brief, in Pyrmont 

Geſchrieben. Auf eben ſolche Weiſe kann ihm auch 
erwieſen werben, daß er ſchon vor fleben Monaten 
die Abfiche hatte, welde ex -jege ausführt, einen 


— 13 — 


treffen, da verfuchte es durch neue Winkelzlige 
fi rein zu brennen, wenigſtens in Privatmittheis 
Jungen. In einem Schreiben an feine Mutter, 
die verwitwete Legationdräthin Kotzebue zu 
Weimar, welches im Intelligenzblattg der allges 
meinen Literatur » Zeitung abgebrudt wurde, ließ 
er fih, alfo vernehmen: 

„Ihre Heftigkeit, lichte Mutter! bei Gelegen⸗ 
heit der fasalen Schrift: Bahrdt mit der eis 
fernen Stirn, hat mich empfinblich gekraͤnkt. 
Alles was ich Ihnen ſchon im Monate April, 
von Mainz aus, über die Sache fchrieb, iſt buch⸗ 
ſtaͤblich wahr, und ich wieberhole Ihnen hier den 
feierlichfien Schwur, bei Gott, Ehre und Ges 
wiflen, daß von allem, was in jener verhaßten 
Schrift den moraliſchen Charakter eines Menſchen 





unbedeutenden Menſchen zu bewegen, ſtatt feiner bie 
Schande jener ſchimpflichen Autorfhaft auf ſich zu las 
den. Diefe Umftände find nun gerichtlich zur Sprache 
. gekommen; bie Inquifition gegen ihn wird fortges 
fegt, und bis bie Aeſultate derſelben Öffentlich bekannt 
werben, hält man es für Pflicht, dies bem Publiko 
vorläufig anzuzeigen.” (Dee Ginfender nennt fi 
nicht, weißt aber nach, wo er zu erfragen If). 


genheit, . völlig beruhigen würbe. Aber bergleis 
den vor Gerichte vorzutragen, empfinde ich 
einen unüberwindlichen Widerwillen *).” — Auf 
diefe zwar ablehnende, jeboch die Aufmerkfamteit 
in der That erſt recht: ſpannende Ausfage, erfolgte 
von Hannover eine neue Requiſition, wonach 
Mauvillon angehalten wurde, feine gründlichen 
Bermuthungen und gefammelten Data über ben 
Urheber jener Schrift, wie er es mittelſt Eörper- 
lichen Eides zu befräftigen ſich getraue, anzuge⸗ 
ben; worauf denn M. zu den Akten gab: 
„Des Obrifllieutenants Mauvillon's 
gründliche Bermuthung und gefammelte 
Data, nad welchen er feſt überzeugt iſt, 
daß der VBerfaffer der Schrift: Bahrdt 
: wit der eifernen Stirn, ober die beut- 
[de Union gegen Zimmermann, fein an- 





2) Giche: bes Herzoglih Braunſchweigſchen 
Ingenieur⸗Obriſtlientenante Mauvillon 
gerichtliche Berhͤre und Ausfagen, den 
Berfaffer ber Schrift, Bahrbt mit ber 
eifernen Stirn betreffend. Brammfhweig 
2795. Geite 10. ' 


1 


derer Menſch iſt, als der Herr Hofrath, 
Leibarzt und Kitter von gimmermann 


ſelbſt,“ 


auch gleich berauf in ber eben genahitten Schrift 
dieſe Deduktion feiner Bermuthung dem Publiko 
vorlegte: Geht man bie Grimde der Vermuthung 
‘und die gefammelten Data durch, ſo laͤßt fi: im 
"der Entwidelung und Zufammenftellung berfelben 
ein gewiſſer Scharffinn, aber : auch: ein: wider 
Zimmermann -fehr gereiztes Gemüth nicht verken⸗ 
nen. Manche leidenfchaftliche Schritte: die-jener 
‚gegen feine: Widerfacher gethan, Gleichheit der 
Ausdruͤcke in dei Zimmermannſchen Schriften unb 
in dem Pasquille, die fhon von 3. vorgetragene 
Idee von einer Berbrüberung, welche gegen ihn 
geſchloſſen ſey, mehrere. Fehlſchritte, zu denen 8. 
‘durch ungemeſſene Eitelfeit und Eigenliebe vers 
leitet war, eine genaue Kenntniß von allem, was 
je gegen: Zimmermann gefchrieben, wie. ber Urs 
heber deffelben u. f. f. waren die Wahrfcheinlich- 
Teitögrände die Mauvillon aufftellte, und bie er 
dahin mit einem Eibe zu befräftigen fich bereit 


erklärte, daß er fie für entſcheidend halte, . um 
vermittelft derfelben zu der moralifchen Ueberzen⸗ 
gung ber auögefprochenen Behauptung zu gelan: 
gen. Er fügte hinzu (S. 106): „Es ift aber 
Fein juriflifcher Beweis. Es bleibt. immer mög: 
lich, daß ein Anderer: der Verfafler ſey. Ich habe 
indeß auch feinen juriflifchen Beweis verfprochen, 
und ber hat auch von mir nicht.gefütbert werben 
tönnen: Ich habe mich anheifchig "gemacht, den 
Verfaſfer vor dem Publiko fo dentlich zu erwei⸗ 
fen, daß Jeder, der gewohnt iſt, Schriften zu 
prüfen, fagenfoll: Ia! er iſts! — und das glaube 
ich gethban zu haben. Ich berufe mich desfalls 
Iebiglich auf das Zeugniß des Publikums.” — 

. En . ..$ 
BGBiergegen erklärte Herr von Bimmermonn, 
im 45ften Stüde bes Hamburger unpart. Korves 
fpondenten 1791: — „Ohne mein Borwiflen er: 
fhien Bahrbt m. d. e. St. — Ganz Hannover 
hatte. diefe Schrift ſchon gelefen, als ich diefelbe 
zum erftenmale ſah, und mit Schreden und Bes 
trübniß. ihren Inhalt erfuhr. Man wünfchte diefe 
Schrift unter Henkers Hände zu bringen. Im 


— 167 — 


Öffentlichen Blättern behandelte man.ben Verfafler 
als den ſchaͤndlichſten Buben, ber je getebt habe; 
man fagte, bie geringfte Strafe bie .er-.verbiene, 
fey Stauyenſchlag und Brandmark. Diefe jour 
naliſtiſchen Rechtsſpruͤche waren- ergangen und. 
allgemein befannt; und nun fchrieb ‚Herr O. L. 
Mauvillon ein Buch, um zu beweifen: ich. fey. 
ber VBerfaffer bed Bahrdt ıc — Auf eine 
ſolche Befchuldigung muß ich antworten, ba ein 
Dfficier fie drucken läßt, da ein Officier vor ei⸗ 
nem Kriegsgerichte fie auszuſprechen wagt! Meine 
ganze, ſehr kurze, voͤllig hinreichende Antwort: 
gab ich heute, unaufgefordert der koͤnigl. Juſtitz⸗ 
Kanzelei zu Hannover mit diefen Worten: Ich 
bin willig und bereit, den ſchauderhaf— 
teſten Eid zu ſchwoͤren, daß ich weder 
mittelbar, noch unmittelbar den aller⸗ 
geringſten Antheil an der Schrift des 
Bahrdt mit der eiſernen Stirn habe, 
und daß ih von dem ganzen Inhalte die: 
fer Schrift nichts wußte, bis ich dieſel⸗ 
be gebrudt in meinen Händen ſah.“ — 
Indeß fo dem in diefer Sache unfchuldigen 


Simmermann auf dad Uebelſte mitgefpielt wurde 
hatte die hannöverfche Iufliz = Kanzelei erfahren, 
baß bie Schmaͤhſchrift bei Henning in Graitz 
im Voigtlande gedruckt war, daß die vorhin naͤ⸗ 
her bezeichnete Titelvignette von dem ſich damals 
in Weimar aufhaltenden Kupferſtecher Lips ge⸗ 
ſtochen, und bei. ibm von Rath Friedrich 
Schulz aus Mitau beftellt fey. Da diefe That: 
fachen unmittelbar auf die Entbedung des Vers 
faffers des Pasquilles führen mußten, fo wurde 
Herrvon Kogebue, in beffen Auftrage Schulz- 
die Berfertigung jener Vignette beforgt hatte, ban⸗ 
‚ge, man mögte "hinter das verübte Schelmflüd und 
feinen Urheber kommen, er bot alle Schleichwege 
des Betruges auf, um die Sache zu verwirren 
und fo unentdeckt durchzufchlüpfen. — Kogebue 
fürchtete eine gerichtliche Reauifition nach Mitau 
zu Schulz Vernehmung, bie auch bald nachher 
wirklich erfolgte. In diefer Angft des böfen Ge⸗ 
wiffens fchrieb er an letztern, er möchte, wenn er 
gerichtlich befragt würde, nicht die Wahrheit fagen, 
fondern vorgeben, er habe den Auftrag an Lips 
von einem Buchhändler Gauger in Dorpat bes 


— 1469 — 


 Iommen. Er, v. RR, wolle Ham Schul; es 
nen falſchen autedatirten Brief von Gauger 
verfchaffen, worin der Auftrag zur Beforgung 
der Vignette enthalten fey, und biefen Brief 
möchte er vot Gericht produciren. — Hierbei 
blieb Herr von Kotzebue noch nicht ſtehn; er bes 
wog einem ganz unbelannten Menfchen in Reval, 
Schlegel mit Namen, bervorzutreten, fich für 
den Verfaſſer des Bahrbt mit der eifernen Stirn 
auszugeben, und dieſes falfche Geſtaͤndniß burch 
eine Revalfche Rotariatös Urkunde zu bekraͤftigen. 


Diefee Traugott Friedrich Lebrecht 
Sqhlegel zu Reval gab ſofort bei Nicolovius 
zu Koͤnigsberg (1791) eine Erklaͤrung des 
Verfaſſers der Schrift: Dr. Bahrdt mit 
der eiſernen Stirn, heraus, die, wer Kotze⸗ 
bue's Redeweiſe einigermaaßen kennt, unmit⸗ 
telbar zu der Vermuthung fuͤhrt, daß ſie aus 
K— Feder gefloſſen ſey, wie denn auch, ber 
Lage der Sache nach, dieſer Verdacht ganz liegt. 
— Hier laͤßt denn Herr von Kotzebue den 
Schlegel erklaͤren, daß er um Zimmermann, 


ber fein: Lieblingsſchriftſteller ſey, an feinen Geg⸗ 
nern zu rächen, in eineerfröblichen Stunde ben 
Bahrdt ꝛc. geſchrieben und durch Vermittelung 
feiner Freunde zum Druck befoͤrdert habe; „aufs 
fer ihm, dem Endesunterſchriebenen, 
babe Feine Chriſten- oder Deiftenfeele,; 
fein Schaufpieldihter und fein Hanna 
veraner eine Sylbeanerwähnter Schrift 
gefhrieben oder eingefhaltet.” — Wenn 
der Schmutz des Pasquilles ſelbſt allen Glauben 
überfteigt, fo uͤherbietet die Frechheit, mit ven 
Kogebue Schlegeln bie erlogene Autorfchaft 
behaupten läßt, jede Vorftellung. Er fchließt: 
„Sch erwarte daher ruhig und; gebuldig mein 
Schickſal. Werde ich geftraft, fo ſtrafe ich wies 
ber; dad beißt: ich fihreibe eine neue Komebie 
in der es noch weit Iufliger hergeben fol, als in 
der erſten; benn wahrlih! man hat mir indeſſen 
fhon wieder Stoff genug ‚zum Lachen gegeben: 
Bas die fchriftftelleriihen Züchtigungen betrifft, 
fo achte ich deren nicht, benn..ich bezahle auch 
mit gleiher Münze, und danke Gott, ber mir 
Waffen in die Hände gegeben. hat, eben fo pi: 


— 474 — 


tdig, als die ber. Herren zu Amer Goͤt⸗ 
tingen, Hannover u. ſ. 9). — | | 
. Sp glaubte fi, von Kogebue — verwahrt 

zu haben, und ſich im weislich bereiteten Verſteck 
bes veruͤbten Muthwillens erfreuen; zu koͤnnen, 
doch des Verbrechens Sicherheit, = wird fo oft 
sine Klippe, ‚an der dad Raubſchiff fcheitert. — 
Indeß von. mehreren. Seiten darauf: hingewieſer 
seurbe, daß Schlegel gar nicht der Mann ſey, 
bey:tin: ſolches den frevelften Wig, viele Belannt- 
Sshaft mit der neueſten kiteratur genaue Kenntr 
395 —F 

BE Schon unterm zıten oo. —* ward bei Anzeige 
ieſer Erkidrung im 93. Stuͤcke der Koͤnigsberger 
Zeitung, fowohl”die Frechheit des H. Schlegel, 
ols die Unwahrſcheinlichkeit feines: Srfkäntniffes be⸗ 
merklich gemacht, und darauf hingewieſen, daß mit 
dem beigebrachten Notariats⸗ Inſtrumente im Grunde 
nichts bewieſen ſey, als daß Schlegel ſich als Ver⸗ 

.. x. fager des Manuſcripts dieſer Erklärung bekannt habe. 
-. Mas aber bie Autorfchaft des Bahrbt m. b..e. St. 
i-. betrifft, fo wirb mit Necht erwähnt, daß bie: Bermu: 
thung des Gegentheild (Schlegel fen nicht. Berfaffer 
deffelben) auf ſtaͤrkeren Beugniffen beruhe, als auf 

ein Rotariatsinftrument, das zwar bad, was ein 


anderer ausfagt, aber nicht die innere Vahrheit der 
Ausfage bezeugen Fans, — 








niß - ber: Perfonal’= Verhältniffe der deutſchen 
Schriftfteller beweiſendes Pasquill fchreiben konnte, 
indeß Schulz erfuhr, DaB Kotzebue, wad die: 
fer aber ableugnete, alles aufbiete, jeden noch 
uͤbrigen Verdacht der Autorſchaft auf ihn zu ſchie⸗ 
ben, wies Schulz den ihm gemachten Antrag, 
eiu falſches Zeugniß abzulegen, mit Abſcheu zu⸗ 
ruͤck; er ſchickte den dazu auffordernden Brief des 
Herrn von Kotz ebue nad) Deutſchland mit ber 
Bitte, ihn jedermann, ber daran Intereſſe finde, 
leſen zu kaſſen, nur bat er, davon keinen Gebrauch 
vor Gerichte zu machen *). — 

Koſtz ebne war ‘in beni felbſtgeſtrickten Netze 
gefangen; die ganze Schmach der ſchaͤndlichen 
Vas quiuſchreiberey, die daran gereihten Vergehen 
und die Strafen der Gerechtigkeit van ihn 

*) Im "ooften Sie: bes Hamb. Korrefp., Beilage, 
som ıöten Dec. 1791 heißt es: „Es Bann ihm er: 
wieſen werben (dem Auguſt v. Kogebue) daß er felbft 
der Berfaſſer jenes ſchmutigen Produktes iſt — er: 
wieſen durch feinen eigenhänbigen Vrief, in Pyrmont 
8geſchrieben. Auf eben ſolche Weiſe Tamm ihm auch 
erwieſen werden, daß er ſchon vor ſieben Monaten 

die Abſicht hatte, welche ex jege. ausführt, einen 





— 13 — 


treffen, da verfuchte er durch neue Winkelzuͤge 
fi rein zu brennen, wenigftens in Privatmittheis 
lungen. In einem Schreiben an feine Mutter, 
die verwitwete Legationsräthin Kotz ebue zu 
Weimar, welches im Intelligenzblatte der allges 
meinen Literatur = Zeitung abgedrudt wurde, ließ 
er ſich alfo vernehmen: | 

„Ihre Heftigkeit, liebſte Mutter! bei Belegen. 
heit ber fatalen Schrift: Bahrdt mit ber ei: 
fernen Stirn, hat mich empfinblich gekraͤnkt. 
Alles was ich Ihnen ſchon im Monate April, 
von Mainz aus, über bie Sache fchrieb, iſt buch⸗ 
ſtaͤblich wahr, und ich wieberhole Ihnen hier den 
feierlichfien Schwur, bei Gott, Ehre und Ges 
voiffen, daß von allem, was in jener verhaßten 
Schrift den moraliſchen Eharakter eines Menſchen 





unbebeutenden Menfhen zu bewegen, flatt feiner bie 
Schande jener fchimpflichen Autorſchaft auf ſich zu la⸗ 
den. Diefe umſtaͤnde find nun gerihtii zur Sprade 
gekommen; bie Inquiſition gegen Ihn wird fortges 
fegt, und bis die Keſultate berfelben Öffentlich bekannt 
werben, hält man es für Pflicht, dies dem Publiko 
vorläufig anzuzeigen.” (Der Ginfender nennt ſich 
nicht, weißt aber nad, wo er zu erfragen If). 


— 4174 — 


antaſtet, kurz, von allem, was die hannoͤverſche 
Requifition veranlaßte, nichts aus meiner Feder 
gefloſſen und nicht flieſſen konnte. Ich habe den 
‚Hrn. Kl— (Klockenbring) damals (wennehr?) 
zum erſtenmale nennen hoͤren: ich habe nicht in 
Goͤttingen ſtudirt, und mein zehnjaͤhriger Aufent⸗ 
halt in Rußland hat mich überhaupt fo auſſer aller 
Verbindung gebracht, daß ich von bein Privatle- 
ben aller jener Gelehrten, Bahrbt ausgenommen, 
welchen Pott geſchildert hatte, überhaupt nichts, 
am: wenigften jemals flandalofe Anekdoten erfahs 
ten habe. Auch wiffen Sie bag eine folche Anek⸗ 
botenjdgerei nie meine Liebhaberei gewefen. — 
Ya, werben Sie fagen, man hat dir aber die 
Materialien geliefert, und du haft fte eingekleidet? 
— Auch das nicht. Ich kann feierlich beſchwoͤ⸗ 
ten, daß ich an den mir überfandten Manuferip: 
ten, bie ich noch verwahre, nicht geändert, 
wie ber. Augenfchein noch täglich beweifen koͤnnte, 
wenn ich einen unmwürdigen Gebrauch von dem 
in mich gefegten Vertrauen zu machen fähig waͤre. 
Hatte ich denn alfo wohl Unrecht, zu hoffen, 
man werde nicht mir jene gehäffigen Dinge zur 


— i5 — 


Ekaſt legen? — Aber ich hätte freilich gar keinen 
Theil nehmen, auch nicht mit den unſchuldi⸗ 
gen, hödiftens muthwilligen Poffen mich befaffen, 
ih Hätte nie fuchen follen, es zum Drude zu 
befördern. Sie haben Recht, und ich habe es 
fchon taufendmal bereut, ohngeachtet ich den Bes 
wegungögrund, der mich dazu vermochte, nie bes 
zeuen kann und werde; dem ed war die reinfte 
Freundſchaft nad Dankbarkeit. Auch bin ich 
wohl hart genug beftraft durch Ihren Zorn, durch 
alle die Verlaͤumdungen, ‚die ich uͤber mich erge= 
ben laſſen muß, durch das falfche Licht, in wels 
chem iich bei vielen meiner Freunde erſcheine, durch 
den Verluſt der Liebe des Publikums, und durch 
den natuͤrlich daraus entſpringenden Mangel an 
Luſt, etwas zu arbeiten. Glauben Sie mir, liebe 
Mutter! Rouſſeau hat wohl ganz recht, irgend 
wo zu ſagen: daß vom Publiko gekannt 
ſeyn, eine ſchwere Buͤrde iſt. Heute ſteigen wir 
wie eine Rakete in die Luft, und morgen traͤmpelt 
die ganze Welt mit Füßen auf uns herum. Wie 
oft habe ich als Juͤngling nah Ruhm gehaſcht! 
Ich Thor! ich verkaufe Ihnen heute mein ganzes 


Bishen Ruhm für ein Dugend Stuͤck milchende 
Kühe, die ich eben jegt auf meinem Landgute nöthig 
habe. Das Publitum hat mich undankbar behan⸗ 
delt. Es verdankt mir manchen Genuß, vieleicht 
auch manche Befferung bed Herzens; denn ich war 
immer bemüht, die Tugend liebenswürbdig zu fchils 
bern, und felbft der übrigens gerechte Vorwurf: 
ich habe manches zu beftreiten geſucht, was nicht 
immer Vorurtheil fey; trifft wenigſtens nicht mein 
Herz, fondern höchfiend eine.noch zu jugenblich 
raſche Einbildungsfraft. Kaum aber erfährt dieſes 
Yublitum, welchen Antheil eine vielleicht ſchwaͤr⸗ 
merifche Freundſchaft an jener verhaßten Schrift ge- 
nommen, ald es nicht Worte, nicht Zeitungen, nicht 
Journale genug finden kann, um mich zu verläftern, 
Geduld! die Liebe des Publikums war mir fehr 
werth, hat mich aber nie eitel gemacht; von ihm 
verkannt zu feyn, fhmerzt mich fehr, 
wird mich aber nie ganz niederdruͤcken. Ich fühle, 
welchen Werth ich in mir ſelbſt trage; und trog 
allem, was fchon über mic) ergangen ift, und ver⸗ 
muthlich noch ergehen wird, werden Sie mich nie: 
mals vermögen, als Angeber aufzutreten; die Rolle 


— 17T — 


iſt zat zu.bäßlich, .. Lieber möge man mich noch laͤn⸗ 
ger in ganz Deutfehland zerreißen. Wer mich ges 
am dennt, weiß doch, was sr zu glauben: hat, und 
daß ich wohl einmal einer leichtfinnigen, aber Feiner 
ſchlechten Handlung fähig war. Erlauben Sie mir, 
in Zukunft über-diefe unangenehme Mates 
sie ganz zu fhweigen. Nur dies eins muß ich 
noch hinzuſetzen: auch Sie fcheinen zu glauben, 
Zimmermann, felbflihabe um die Sache gewußt? 
Kher.ich. ſchmoͤre Ihnen bei allem, was mir heilig 
ik, und fo.wahr ich an das Dafeyn eines Gotteä 
glaube, daß Z. vor dem Drude ber Schrift nicht 
die geringfte Vernuthung davon hat Haben: koͤnnen. 
Im Gegentheile werben Sie diefen wahrhaft edlen 
Mann bewundern, wenn ich Ihnen ſage, daß ein 
ziemlich witziges Produkt, weiches im vorigen Fruͤh⸗ 
ihre zu. feinen: Vertheidigung gefchrieben: wurde; 
yad.iı Frankreich gedruckt werden ſollte, wogu bes 
witd ‚alle Anftalten getroffen'waren, nur allein 
durch ihn. unterbrüdt wurde" — 

1:80 fehrieb der Sohn der Mutters vie: bekuͤm⸗ 
merte Mutter — wie lricht ift ein liebendes Muttets 
herz zu taͤuſchen! — glaubte in dieſem Briefe des 

12 


Sohnes Entſchuldigung zu finden, ;ließ ohne deſſen 
Wiſſen, dieſen Brief abdrucken und geichnete fo. bem 
ſchon fo manches Verbrechens in dieſer Sache ſchul 
digen, als einen ruchloſen Heuch ber. Wie 
gefliſſentlich dort alles unter einander geworfen, 
Vieles zweideutig geſtellt und auf Entſchuldigungs⸗ 
gründe provocirt iſt, die niemand anerkennt, liegt 
am Tage; die groͤßte Schande aber erwuchs v. K. 
aus der oͤffentlichen Bekanntwerbung des kindlichen 
Sendſchreibens, bie er in feiner weiten Entfernung 
ſich gar nicht ald möglich. bachte. Gerade in dem 
Zeitpunkte, wo er diefen Brief an die Mutter ſandte 
(ob wenige Zage vors ober nachher, laͤßt fich nicht 
angeben, da er ohne Angabe des Datums im 14ten 
Stud des Intelligenzblattes ber allg. Lit. Zeitung 
1792, Seite 120 bid 112 abgedrudt ſteht,) nöthigs 
ten Schritte, gu welchen Friebrih Schulz zu 
Mitau in Berfolg ber gerichtlichen Unterfuchung 
ſich veranlaßt fand, den Hrn. v. Kogebue das 
Bekenntniß in die Welt zu fhiden: Er, Auguft 
vonKogebue, und Fein Anderer fey wirt; 
licher und wahrer Berfaffer bes Bahrdt 
mis der eifernen Stirn. — Aber er hätte 


— 11 — 


wicht der ſeyn möüflen, für welchen er fih immer 
und gab, werm er felbft dieſes Geftändniß fo ganz 
einfach follte abgelegt haben, ohne wieber jemand 
vorzufchieben, Bar Kie Schuld mittragen mußte. Er 
fagt naͤmlich: „daß alled, was jene verhaßte Schrift 
anPerfiflage; Scherz. und hin und wieder an Muth⸗ 
willen enthält, mir zugebört, bekenne ich. — Alles 
hingegen, was jene Schrift an ehrenrührigen Anek⸗ 
doten enthaͤltz Alles was den moralifchen Eharaks 

ter der darin auftretenden, Perfonen antaſtet; Als 
led was bie Herrn Klodenbring, Lichtenberg, 
Kaͤſtner, Mauvillon, Campe, Trapp, Ebe⸗ 
ling u. f.f. betrifft, Fury Alles, was die Requifi 
tion Hannoͤverſcher Seits bewirkt hat, ruͤhrt wörts 


lich von einem Manne her, ber mein Freund war, 


und dem es Gott verzeihen möge, daß er mich in 
diefe unangenehme Gefchichte verwidelt hat, — Er 
allein mag verantworten, was er ſchrieb, und wenn 
ex jet zu feiner Entfchuldigung anflhrt, er habe 
bie Schrift vor bem Drude nicht wiedergefehen, fo 
hebt Dies doch die Thatfache nicht auf, daß ex, was 
er ſchrieb, wirklich zum Druck beſtimmt hatte *).“ 
*) Siehe aus. deutſche Bibl. Band 112. Seite 219. 
12* 





Nun fordert Schlüßlich Herr. von Kotzebue biefen 
Mann auf, ſich zu nennen, weil er ihn fonft ſelbſt 
Sffentlih: namhaft machen wuͤrde; dieſe Auf⸗ 
forderung erließ. ber. Marin; Ger fo eben.an feine 
Mutter gefchrieben hatte: nichts könnte ihn bewegen 
die gar zu haͤßliche Rolle eines Angebersizu 
übernehmen.. Bon ſolchem Vorwurfe befreite ihn 
denn ber. hier‘ Angeklagte und Herausgeforberte 
ſcheinbar 3 es war ber Leibme dikus Markarb: 
in Oldenburg; aber er. zuͤchtigte den Herausfor⸗ 
berer dagegen bed Verbrechens der. Berläumbung, 
indem er inden Zeitungen ımter feinem Namen: ber. 
kannte, mehrere fcanbalofe Auekdoten Herrn v. Bor 
tzebue mitgetheilt zu. haben, indeß ſey zwiſchen 
ihm und K. kein beſtimmter Gebrauch verabredet. 
Nie habe er geahnet: man koͤnne ſo roh hingewor⸗ 
fene Dinge in Druck geben; der Misbrauch, wel⸗ 
cher durch denſelben entſtanden, falle einzig und al⸗ 
kein Kotzebue zur Laſt, von weichem ber. ganze Plan 
des Pasquills, die Ausführufig deffelben, das Zo⸗ 
tenhafte und auch. befonderd der Einfall herrühre, 
einen fremden Verfaſſer⸗Namen (Knigge's) auf ben 
Zitel gefegt zu haben. — . | a 


“ 


— 181 — 


So lag dieſe ſeit Jahr und Tag die deutſche ge⸗ 
lehrte Belt in Allarm geſetzt habende Angelegenheit, 
und Kotz ebue uͤberzeugte ſich endlich, daß zur Vers 
minderung der ihn treffenden perſoͤnlichen Schande, 
die ſich mit jedem neuen Winkelzuge vergrößerte, 
mit jeber neuen Züge die Berworfenheit feines Cha⸗ 
rakters und feiner Hanblungöweife beutlicher.an das 
Licht ftellte, für den Augenblid nichts richtiger fey, 
als eine Begnadigung von der Strafe zu erlangen, 
bie ihn unfehlbar, nach dem .Antragerber hannoͤ⸗ 
verfchen Reauifition, am Schluffe der zu Keval 
begonnenen Unterfuchung, treffen mußte. Er reif’te 
alfo ſchnell nach Peteröburg, er bot alle nur zu ‚ers 
langende Fürfprachen und Empfehlungen auf, und 
warf fich, um Begnabigung flehend, in einem güns 
ftigen Xugenblide zu den Füßen der Kaiferin. Ka⸗ 
tharina IL ſprach ihn; er fpielte feine Rolle gut 
und erlangte bie Gewährung feiner Bitten. um ſo 
leichter, da die Kaiferin, ‘wie befannt, perſoͤnlich 
fo große Achtung und entfchiebenes Wohlwollen für 

Bimmermann hegte, da K— die an Zimmers 
mann verübten literarifchen Frevel mit den ſchwaͤr⸗ 
zeften Farben zu malen, und hie Herauögabe des 





— ji — 


ber ber Schandfchrift machten, ift wohl:. vomA—8 
Aufmerkſamkeit ward burch daS für. habende Ins 
terefie, auf deſſen Widerſacher gerichtet; er er⸗ 
Sannte die ſchwachen Seiten -berfelben und bekam, 
durch die ihm mitgetheilten. ſtandaloſen Anekdoten 
aus dem Privatleben jener Mäyner, Anregung der 
inuner hegenden Luſt an Perfanalfatyre,. dem Kigel 
ungezligelter Frechheit zu genügen; es hatte auſſer⸗ 
dem Kotzebue in der Schriftftellerwelt, "während 
fein Publitum ihm Beifall fchenkte, fo. manche feine 
Eitelkeit bart verleende Strafe erbulden muͤſſen; 
fo trieb eö ihn denn, auch einmal den beruhmteften 
Schriftſtellern einen rechten Streich. verfeßen zu 
koͤnnen. So entftanb das Pasquill, fo brachte er 
ed ind Publikum, fo fuchte er fih aus dem Vor⸗ 
wurfe verübter Schlechtheit, durch neue Schlecht: 
heiten zu retten. Er.bewährte in dieſer Gefchichte 
eine Perfönlichkeit, die mit feinem übrigen Leben in 
völliger. Webereinftimmung fleht. Befriedigung ber 
Eitelkeit und Selbftfucht machte er zum einzigen 
Zweck feines Daſeyns, und zu Diefem einen Zwecke 
war ihm jedes Mittel willlommen und geheiligt — 
alle feine Schriften geben davon zahllofe Beweife — 


Er ſelbſt wurde "ein Opfer folder: fittlihen Vers 
ferung. — Wie der Menfch ohne moraliſchen Werth 
fi in den Irrgewinden bed Wiberfpruches verliert, 
bald fo unklug fein’ eigenes Berderben bereitet, bald 
recht pfiffig und liſtig ſeine Abficht, auf krummen 
ober geraden Begen.zu erlangen weiß, davon giebt 
es auch hier gar lehrreiche Beifpiele. 

Schon ift von den Briefen an Friedrich 
Esel) ind an die Mutter Kotze bu ocin diefer 
Hifiht berichtet; befonders der letztere macht wir: 
N eine folche Erbärmlichkeit kund, daß man an 
dem welterfahrenen Autor ganz irre. werben muß. 
Doc folche unglaubliche Zeugniffe feines Mangels 
an Veberlegung findet man mehrere in ben verfchies 
denen Erklärungen, die er über diefe Sache in den 
Zeitungen gab, ehe er noch die eigentliche 
Autorfhaft auf fihb nahm. Da wundert er 
fi denn immer darüber; daß man fo einfältig fey, 
das ſchaͤndliche Pasquill für etwas mehr, als für 
eine unfchuldige Hoffe zu nehmen, und er begreift 
gar nicht, warum man ihm nicht den Gefallen thun 
will, das Schelmſtückchen in den erſten vier 
Wochen zu vergeffen; —. er hat die Beſin⸗ 


— 184 — 


ber ber Schandſchrift machten, iſt wohl: von K—s 
Aufmerkſamkeit ward durch das fuͤr Z. habende Ins 
tereſſe, auf deſſen Widerſacher gerichtet; er er⸗ 
kannte die ſchwachen Seiten derſelben und bekam, 
durch die ihm mitgetheilten ſtandaloſen Anekdoten 
aus dem Privatleben jener Männer, Anregung der 
immer hegenden Luft an Perfonalfatyre; dem Kigel 
ungezügelter Frechheit zu genuͤgen; es hatte auffers 
dem Kotzebue in ber Schriftftellerwelt, "während 


fein Publikum ihm Beifall fchenkte, fo. manqhe feine 
Eitelkeit hart verletzende Straſe er 
ſo trieb es ihn denn, «a 





— 15 — 


Er ſelbſt wurde ein Opfer ſolcher fittlihen Ber: 
irrung. — Wie der Menſch ohne moralifhen Werth 
fich in den Irrgewinden des Wiberfpruches verlierz, 
bald fo unklug fein eigenes Verderben bereitet, bald 
seht pfiffig und Kiftig feine Abfiht, auf krummen 
ober geraben Wegen zu erlangen weiß, bavon giebt 
es auch hier gar lehrreiche Beifpiele. 

Schon ift von ben Briefen an Friedrich 
Schulz und an bie Mutter Kogebue in biefe 
Hinficht berichtet; beſonders ber Iegtere macht wer! 
lich eine * Erbaͤrmlichkeit kund, bog mar = 

. nen Autor ganz irre —— 





— 186 ums 


nungskraft fo. weit verloren, daß er nicht erwägt, 
wie folche wieberholte Aeuſſerungen, ihn felbft .erft 
recht verdächtig machen, und. die Aufmerkſamkeit 
der Prüfenden auf dad Corpus delicti zurückſuhe 
rn. — Man hoͤre ihn N: . 

„Es if wahr, daß ich das Manuffript nach 
Leipzig gebracht, und mir vergebens viel Mühe 
gegeben, einen Verleger dafür zu finden. Es ift 
fhon manche Pofle in der Welt gebrudt worden; 
ich ſehe gar niit ein, warum man gerabe diefe 
Poſſe für etmas wichtiges zu halten beliebt. — 
Es ift wahr, daß ein: befannter Gelehrter aus 
Mitau, auſſer der Beſtellung der Vignette, kei⸗ 
nen Theil an ber Sache hat; es ift wahr, daß 
ih ihm gefchrieben, er folle, wenn er befragt 
werde, den wahren Zufammenhang der Sache 
nicht entdecken; denn ich fehe gar nicht ein, wars 
um man jedem m unbefngten dreger **) Rebe fehen 





*) Hamburger unpartheilfcer. Rorzefponbent Re. 202. 
Beilage, vom 20ſten December 1791. 

s*) Alſo bie kaiſerlich⸗ ruſſiſchen Iuftigbehörben waren 
ihm, dem kaiſerlich⸗-rufſiſchen Staatsbiener, unbe⸗ 
fugte Sragert31 — 


_— 487 — 


ſollte? Es ift endlich wahr, daß die Leute fi 
laͤch erlich machen, wenn fie noch länger vom 
einer. Pofle ſchwatzen, bie, eben weil fie eine ofs 
fenbare Poſſe it, wohl Thorheiten zurhtis 
gen, aber Feines Menſchen Ehre antaften 
konnte, und folglich in den erfien vier Wochen 
vergefien ſeyn ſollte.“ | 
u . (Unter. A. v. Kotzebue). 
" Rein! find Thorheiten gezüchtigt, fo ift es, 
Der Zucht wegen, moraliſch nothwendig, daß 
die Züchtigung nicht in den erften vier Wochen 
vergeſſen werde. — Und noch eins: man ers 
kenne die Krechheit, für welche die Sprache Feine 
Bezeihnung bat, mit ber v. K. noch am Jahres⸗ 
fehluffe 1794, auf der Zeitungsbühne bintreten 
umb verkünden ann: „Die Poffe, — fo nennt 
er bie Schandthat, — habe Feines Menſchen 
Ehre angetaftet. — Daß doch bad Publitum 
biefesmal fo verflodt war, feinem Lieblinge nicht 
zu glauben, feinen Weiſungen und Ermahnungen 
nicht Folge zu leiften! — / 
Doc, wer fih dem Böfen einmal verfchries 
ben hat, dem erfcheint er, wenn auch ſpaͤt und 


unter Schwefelgeflank, doc) endlich. — Bon Kos 
gebue’8 Rettung — nicht die Chrenrettäng, 
fondern jene, die nichts mehr iſt, als Befreiung 
von der Strafe bes pofitiven Geſetzes — beru⸗ 
hete auf die zu erlangende Begnabigung der Kais 
ferin; biefe zu bewirken, . durfte Fein Mittel uns 
verfucht gelaffen werben. Es war bamals, man 
erinnere ſich der Zeitgefchichte, die Epoche der 
feanzöfifchen Revolution, wo alle Regenten, be: 
fonders die despotiſch⸗ monarchifchen,: einen wilden 
Sturm ber Leidenschaft gegen: fi) anbringen fa= 
ben, ber zugleich die damalige Stellung bed: Adels 
zum Volke zu ergreifen drohte." Katharina, 
die kluge Helbfiherrfcherin, Bannte an den throns 
erfchuͤtternden Lieblingsideen von Freiheit‘ und 
Sleichheit Feinen Gefallen finden; aber fie bethaͤ⸗ 
tigte immer, baß fie großes Wohlgefallen "habe 
an der preifenden Verherrlichung vielgelefener 
Schriftfteler. — Kotz ebue, ihr Unterthan und 
Beamter, auf dem deutſchen Theater beliebt und 
als Schriftſteller vielgeleſen, war, nach ſeinen 
politiſchen Meinungen, ſehr verdaͤchtig: denn, 
wenn er in feinen Schauſpielen Fuͤrſten auf bie 


— 111 — 


das Sieges geſchrei ihrer Krieger. — Siehe dal 
ich wollte nicht loben, und mein Herz hat mich 
hdingeriſſen. Da Wahrheit macht ſich Luft, Nas 
Konen = Dank läßt fich nicht einkerlern.. Millionen 
ſprechen durch meine Stimme! ich bin felbft groß 
indem ich KRatharinens Größe verkündigel" — 
- .&o fchrieb Kogebue, uͤberſandte fein Werk 
der Kaiferin, erſchien dann felbfi, flehte um Gna⸗ 
. Be; und warb, wie fchon berichtet iſt, — begnas 
digt. — In diefer Hinficht war alfo der Verfaffer 
des Bahrdt mit ber eifernen Stirn gluͤcklich durchge⸗ 
kommen; Dagegen übte das beutfche Publikum eine 
gerechte Strenge gegen’ ihn; wenn man fichs auch 
ganz. gern gefallen ließ, daß er in feinen Stüden 
auf der Bühne Kurzweil trieb, fo warb doch bei 
jeher Selegenheit feirt Name nie anders, ald mit 
Der größten Verachtung genannt, und dieſes wirkte 
Denn doch auch auf dert: bisher gehabten Beifall, 
aufiwelchen wohlgefällig: hinweiſend, er fi oft 
die Miene gegeben, als ſey ihm Schriftſteller⸗ 
und Kecenfentens Lob oder Zabel völlig gleiche 
gültig. Diefe ihm, als berüchtigten Ver⸗ 
faffer des Bahrdts mit ber eifernen 


daß die Kriechexei wieler Schriftfieller und Wort⸗ 
führer in. feinem Zeitpunkte, bei Teinem Volke 
ben Grab der Vollendung erhalten Babe, als bei 
ven Franzofen unter Bonapartes Regimente 
aber man geftehe, geirrt zu haben, ober beweife 
daß Kotzebue "übertroffen morden::fey. — Bon 
mehreren. hierher gehörigen Stellen, nur eine; 
er ſagt Seite 44 und 45: 2. 

. „Unfete große Kaiferin — deren Ramen- ehe 
meine ſchwache Feder zu: erhaben ift, und deren 
Lob aus dem Munbe eines gluͤcklichen Untertha⸗ 
nen, wie Schmeichelei Hingen würde — hat dem 
Adel alle feine Vorrechte beftdtigti: unb größere 
verliehen. Sie Hat den ruſſiſchen Staat in- eine. 
Monarchie verwandelt, ben Adel dem Throne 
näher gehoben, und die Herzen durch Gnade ge: 
feffelt.. Ihr Herz iſt immer offen, wohlzuthm, 
und ihre Hand hat verlernt, zu- firafen. Geben 
if ihre Freude, Unterthanen⸗ Gluͤck ihr Reichthum. 
Liebe und Ruhm ſind im Streite, welche von 
beiden ihren Triumphwagen ziehen ſoll; aber Liebe 
iſt ſtaͤrker als Ruhm, und der Segen gluͤcklicher 
Menſchen ſteigt ſchneller zum Himmel empor, als 


„An das Publitum von Auguft von 
Kogebue (Diefes Blatt wird in allen Buch+ 
handlungen Deutfchlands gratis ausgegeben). — 

„Es ift kühn, den höchften Richter, das Pu⸗ 
blikum, noch einmal mit einer Sache zu behelligen, 
von welcher vor zwei Jahren fo manche gelehrte 
und ungelehrte Zeitung ſprach, und über welche 
im großen und kleinen Städten, in großen und 
Beinen Geſellſchaften einflimmig geurtheilt wurde: 
ich meine die berufene Gefchichte der unglüdlichen 
Broſchuͤre: Doktor Bahrdt mit der eifer- 
nen Stirn. Doch erwarte ich von jedem ehr: 
lichen deutſchen Manne, er werde mir willig fein 
Dhr auf eine Viertelftunde leihen, wenn ich ihm 
fage, daß ed für die Ruhe meined Lebend noth> 
wendig ift, mein “Herz Über biefe für mich fo 
traurige Begebenheit *) zu erleichtern.” 

„Manche werden dies Blatt aus Neugierde in 
die Hand nehmen; Manche, und die Meiften, mit 





*) So lange, als bie Begebenheit im Gange war, hielt 
es Kotzebue für nichts als eine Poſſe; jetzt, ba fie 
gefchloffen ift, heißt fie ihm: eine traurige Be⸗ 
gebenheit. 

13 


— 194 — 

Vorurtheilen gegen mich*); beide Gattungen von 
Leſern werden nicht finden was ſie ſuchen. Mein 
Zweck iſt einfach redlich, und moͤchte meine Hand 
vertrocknen, und nie wieder ein ehrlicher Mann 
Freund zu mir ſagen, wenn irgend eine unred⸗ 
liche Nebenabſicht meine Schrift Teitet **). 

„Als ich im Jahre 1790 in Pyrmont war, fiel 
mir die häßliche Brofchüre „Bahrdt an Zim- 
mermann, beutfch gefprocen” in die Hän- 
de “r). Schon lange hatte ich im Stillen gefeufzt, 


*) Sollte ein generelles Mißtraun gegen Kobebue 
wohl Borurtheil zu nennen ſeyn? 
++) Diefe Art, ſich zu vermeſſen und durch Herbeirufung 
von Strafen, bie ihn treffen follen, feinen Worten 
Bürgfhaft zu geben, kennt der Lefer fchon aus den 
vorhetgemachten Mirtheilungen. 
ræes) Der eigentliche Titel iſt: „Mit dem Herrn [von] 
Zimmermann, Ritter ac. ıc. beutfhgefpro- 
den von D. @. 3. Bahrdt, auf Teiner ber 
dDeutfhen Univerfitäten weder ordent—⸗ 
lihen noch aufferosbentliden Profeffor, 
Leines Hofes Rath, keines Ordens Rit—⸗ 
ter x. 2c. (118 Seiten); diefe Schrift iſt derb, 
. ja gar grob, aber es find Beine Unflätereien, Feine 
Bordellſcenen barin. Auch ſtellt fih Bahrdt, der 
von Zimmermann angegriffen war. mit feinem Na⸗ 
men, als Mann gegen den Mann. 





— 195 7 — 


über alle bie Hämifchen Angriffe, auf einen Dann, 
ber den gebildetſten Geiſt mit ber fchönften Seele 
verbindet, einen Mann, den ich meinen Freund 
nennen darf. - So ‚grob und ungefchliffen war er 
noch von feinem gelehrten Streiter behaudelt 
worben, als jest von dem. verfiorbenen Doktor 
Bahrdt *). Wer einen Freund, der noch übers 
dies gerechte Anfprüche auf Dankbarkeit machen 
darf, geduldig mißhandeln. fieht und fchiweigt, 
der verdient feinen Freund zu haben **). 

„Noch ehe ich Zimmermann Tannte, liebte ich 
Ihn, um ber froben Stunden willen, bie feine 


*) Dr. Bahrdt flarb zu Hulle ben 23ften April 1792. 
ee) Hier tft, wohl zu merken, nicht von koͤrperlichen 
Mißhandlungen, onbern von. literarifhen Zaͤnkereien 
die Rede, bie 3. buch feine Fragmente über 
Friedrich ben Zweiten größtentheils ſelbſt ver⸗ 
anlaßt hatte; es ſtand hier ber Schriftftellee gegen 
den Schriftſteller und es war am vernünftigften, in 
fofern Leine guͤtliche Vermittlung moͤglich ſchien, bie 
Etreitenden es unter fih ausmaden zu laffen, 
ohne daß durch Ginmifchung eines unbefugten Dritten. 
ber Unfug no unnüg vermehrt wurde. Die von 
v. 8. in Anfprud genommenen Berdienſte res 
ger Freundfdhaft, find Alſo wieder bei Lichte bes 

Sehen, — eine Schalksmaske. 

| 13* 


— LOG — 


Schriften meinem -Geifte gewährt hatten. Als ich 
ihm felbft kennen Iernte, Trank und muthlos, da 
nahm er fih meiner wankenden Gefundheit fo 
freundlich und uneigennüßig an, und verfchaffte 
mir zweimal, durch die verdiente Gunft, mit wel⸗ 
cher meine Monarchin ihn beehrte, Zeit und Ruhe, 
Leib und Seele zu pflegen, daß ich ein Ungeheuer 
feyn müßte, wenn ich es je vergeſſen Tönnte, 
Seinem Rathe ald Arzt verbante ich meine wie 
derkehrende Gefundheit, feinem” Freundestrofte 
Geduld und Muth. Nie werde ich daher bereuen, 
was ih fuͤr ihn thun wollte*), wohl aber das, 
was ich that. “ 

Gerade in dem Zeitpunkte, als ich meine Ver⸗ 
bindlichkeit gegen ihn am ſtaͤrkſten fuͤhlte; gerade 
in dem Zeitpunkte, als mein ganzes Weſen ſanft 
erſchuͤttert wurde, wenn ith nur ſeinen Namen 
ausſprechen hoͤrte, erſchien Bahrdts grober An⸗ 





4) Wenn dieſes Wollen darin beſtand, uͤber Zimmers 
manns literariſche Gegner herzufallen, ſo war dies, 
es mochte ausgefuͤhrt werden auf jede beliebige Weiſe, 
immer eine Narrheit, oder tine Schlech t⸗ 
heit, ober" beibes. 


— 59 — 


griff, wurde von allen Badegaͤſten verſchlungen, 
von Manchem mit Wohlgefallen belaͤchelt, — 
und, ich knirſchte. Der Gedanke flog durch 
meine Seele: tritt auf und raͤche deinen Freund! 
Der Gedanke reifte ſchnell zum Entſchluß. Bis 
hierher habe ich mir nichts Tadelswerthes vorzu⸗ 
werfen; ich wuͤrde mir Vorwuͤrfe machen, wenn 
ich anders gedacht und empfunden haͤtte *).“ 
Aber jetzt ſtehe ich vor dem Steine des Anſto⸗ 
Bes: die Art und Weiſe, wie ich meinen Entſchluß 
ausführte, kann und mag ich durch nicht befch oͤ⸗ 
nigen. Ich Elage niemand an, ald mich felbft; 
eine unglüdliche Verfettung von Umftänden; aͤhn⸗ 
Yicher Eifer und mißverftandene Gefätligkeit von 
einer Seite, ein unbefonnener Gebrauch berfelben 
von der andern; die Eränkliche Reitbarfeit meiner 
Nerven, die mir oft eine grüne Brille auf bie 
Nafe fehte; das zuweilen überfprudelnde Juͤng⸗ 
lingsalter, das nur zu oft meine gefunde Urtheils⸗ 


*) Das Publikum, weldhes als Schiedsrichter aufgerus 
fen war, entſchied auf ganz entgegengefegte Weile, 
aus Gründen bie &. 195 Anmerkung 2. bereits ange: 
geben find. | 


— IE — 


fraft gefangen nahm — Alles das kann mich 
nicht entfchuldigen, ich weiß ed; auch iſt Ent⸗ 
fhuldigung weahrlid nicht bie Abſicht diefes 
Blattes *).“ 

„Ich reifte von Pyrmont ab mit haͤßlichen 
Materialien beladen, und das gluͤhende Dankge⸗ 
fühl für meinen Freund ließ mir keine Zeit, fie 
Baltblütig auf der Wage ber Gerechtigkeit und 
Menfchenliebe zu wiegen. Im acht Tagen war 
die unglüdliche Brofchüre fertig **). Zimmermann 





6) Wenn nicht zur Beſchoͤnigung und Entſchuldigung, 
warum ift denn biejes alles mit feinen räthfelhaften 
Anfpielungen gefagt? — Und was haben biefe Worte 
wenn man fie auch als Entſchuldigung gelten Laffen 
möchte, mit den fchändlichften Bordellſcenen mit dem 
Graͤuel unnennbarer Voͤllerei und mit ben durch vier 
Alte fortgeführten Gemälden der Unzucht und Boten 
zu thun? — 

%) Die Eurze Gebährzeit fol wieder entſchuldigen und 
klagt hart an; benn ein nicht in der fittlichen Ver⸗ 
worfenheit zu Haufe feyender Mann, Eönnte bie ges 
nannte Zahl von Jahren zubringen, er würbe Teinen 
ähnlichen Kreis von Laftergemälden zufammen zu ftels 
len im Stande ſeyn. Die perfönliche Schande des 
Verfaffers liegt nicht in den eingewebten,, flandalofen 
Anekdoten, fondern in freierbacdhten Situationen und 
in ber ſchmutzigen Art ber Ausmalung berfelben. 


’ — 49 — 


"wußte nichts darum. Auſſer Weimar hat fie vor 
bem Drude niemand gefehen. Aber in Weimar 
fah und las fie ein Mann, der nachher oͤffentlich 
behauptete, fie nicht gefehen und gelefen zu haben, 
und ber doch damals felbft hülfreiche Hand lei⸗ 
ſtete, ſelbſt fogar einen Einfall dazu herlieh, der, 
wie ich glaube, der fchlechtefte in der ganzen 
Brofchüre if. Hätte diefer Mann, den ich das 
mals für meinen Freund hielt, und für deſſen 
Talente ich Achtung hegte, mich nur mit einem 
Worte auf die Folgen meiner Handlung aufmerf: 
fam gemacht — ich wage e& zu behaupten, fie 
wäre unterblieben, oder boch auf eine ganz ans 
dere, weit unfchuldigere Art vollzogen worden. 
Aber freilich: hatte er Leine. Verbindlichkeit dazu, 
und ich werfe ihm auch nichts weiter vor, als 
fein nachheriges zweideutiges Benehmen, wozu 
feine Roth ihn drang. Denn daß ich jemals ge: 
gen irgend Jemand ihn für den Verfafler ausge: 
geben haben follte, ift eine Fable Unwahrheit, durch 
welche er fein liebloſes Verfahren nur zu befchö- 
nigen fucht *). Doch genug davon.” 





*) Diefe Stelle geht auf den Rath Friedrich Schul 


— 20 — 


„Die verhaßte Broſchuͤre Wwar'nun einmal ges 
Tchrieben und zum Drud-weggefandt. Noch das 
mals, in den erften Tagen ihrer Exiſtenz, als 
noch wenige Eremplare im Umlduf waren, und 
als ich Gelegenheit hatte, das Urtheil einiger ach» 
tungswuͤrdigen Männer über. die Erſcheinung ders 
felben zu hören; noch damals hätte ich viel— 
leicht Zeit und gewiß guten Willen genug 
gehabt, die Verbreitung der Broſchuͤre zu unters 
druͤckken ); aber das Schidfal hatte befchloffen, 
die ungluͤcklichſten Begebenheiten meines Lebens 





zu.Mitau, ber, wie fchon erwähnt ift, bei feinem 
Aufenthalte zu Weimar, bie Titelvignette zu dem 
Bahrdt ac. bei Lips beftellte- — Er beſchuidigte 
Kogebue’n, biefer habe ihn als Verfaſſer des Pass 
quills genannt; Kogebueleugnetdies: aber Schulz's 
Behauptung hat mehr biftorifche Wahrſcheinlichkeits⸗ 
gruͤnde fuͤr ſich, als die Kotzebueſche Verneinung, denn 

. Kogebue hat ſich in dieſer Geſchichte viele ſonnen⸗ 
klar bewieſene, und zuletzt ſelbſt eingeſtandene Luͤ⸗ 
gen zu Schulden kommen laſſen; von Schulz find 
bergleihen Schaͤndlichkeiten nicht bekannt: er zeigte 
vielmehr gegen die ihm von v. K. angefonnenen Bes 
trügereten reblichen Abſcheu. 

%) Da Herr v. X. feinen böfen Willen durch Vers 
fertigung und Verbreitung ber Schandſchrift bethäs 


l 


— NG — 


$ dem Jahre #790 an einander zu reihen. 
. Meine geliebte unvergeßliche Gattin flarb den 
Tag nachher, als ich das erſte gebrudte Exem⸗ 
Hlar empfangen hatte Der gerechte Kummer 
raubte mir jede Kraft der Befinnung für fremde 
Dinge Ich floh nad Frankreich, und kam erſt 
einige Monate nachher in mein Vaterland zuruͤck.“ 
„Das Uebel war gefhehen. Ich fing an zu 
fühlen, was ich gethan hatte, und feufzte ver- 
gebens mit jemem alten Dichter: 
O Qupiteri being mir bie entflohenen Zeiten zuruͤck!“ 


„Die heftigfte Verfolgung begann nunmehr. 
Man begnügte fih nicht, in taufend Schriften 
den Verfafler als ein Ungeheuer darzuftellen, fon: 
dern man machte auch die Sache an hundert Dr: 
ten zugleich gerichtlich anhängig. Ich table dies 
Verfahren nicht, und befenne, daß ich unfchuldig 
beleidigt, vielleicht das Nämliche gethan hätte, 
Aber ich hoffe man wird es auch nicht unbil- 





tigte, fo ift es ein vorgebliches Bemuͤhn, Vertraun 
erwecken zu wollen, zu ben Verheißungen feines gu⸗ 
ten Willens, ben er nicht bethätigte. 


— MM — 


lig finden, daß ich, ald es ben Verfolgern end: 
lich gelang, auf einem ungefeßmäßigen Wege, 
fogar bis. zum Throne meiner Monarchin durch: 
zudringen, alles aufbot mich, zu retten. So find 
einige Verſuche, durch welche ich meine Verfolger 
zu täufchen hoffte, hinlaͤnglich durch die 
Nothwehr entſchuldigt *).“ 


*) Hier erſcheint bie Dialektik bes Hrn. v. K. in ihrer 
ganzen Eigenthümlichkeit. -Die, nad einem vernünfs 
tigen Gefchäftögange, ven der hanndverfchen Regie⸗ 
rung an-mehrere auswärtige Behörden erlaffenen Re⸗ 
quifitionen, zur Mitwirkung bei ber Ausmittlung 
bes Pasquillanten, find ihm bie heftigften Ver: 
folgungen; biernady fol man es night unbillig 
finden, daß er, als auch die ruſſiſchen Behoͤrden 
von der Kaiferin befehligt wurden, die Nachforſchun⸗ 
gen gerichtlich zu betreiben, (dies beliebt er, einen 

. angefegmäßigen Weg, zu nennen) Alles auf: 
bot, fih zu retten, das heißt Betrug auf Betrug 
bäufte, und biefes Gewebe von Schändlichkeiten ftellt 
er in bie Kategorie der hinlaͤnglich entfhul: 
bigten Rothwehr. — Griftirte hier ein Angriff 
gegen Hrn. dv. Kogebue? Wer griff ihn an? Gegen 
wen hatte er Nothwehr zu üben? — Ein ſchaͤndliches 
Verbrechen war begangen, er hatte ben Verdacht ges 
gen ſich, die gejeglich » gerichtliche Unterfuhung ließ 
die Entdedung des Verbrechers nicht mehr bezweifeln, 


— 20 — 


„Ich war endlich fo gluͤcklich, der Monarchin 
ſelbſt die wahren Umſtaͤnde der Sache ohne Huͤl⸗ 
le (2) vorzutragen. Sie unterſchied den guten. 
Willen von dem böfen Erfolge, den untadelhaften 
Zwed*) von ber tabelnswürbigen Ausführung 
besfelben, und verzieh, indem fie befahl, daß in 
ihrem Reiche nie wieder gerichtüich davon die 
Rede ſeyn ſolle.“ | 

„Anderthalb Jahre find nun verflofien, feit 
ich von biefer Seite völlig beruhigt bin, und 

feine gerichtliche Procedur mir ferner droht. Es 
war nöthig dieſe Zeit verflieffen zu laſſen, damit 
es nicht fcheinen möchte, als thäte ich aus Furcht 
einen Schritt, ben ich heute blos auf Antrieb 
meines Herzens thue. Aber Gott ift mein Zeus: 
ge**), und mehrere meiner Freunde wiflen es 





und num will ber Verbrecher Nothweehr geübt Has 
ben, indem er durch neue Verbrechen bie Ent 
deckung bes fräher begangenen Verbrechens unmöglich 
zu machen, fid) bemüht. Wurbe nicht die perfönliche 
Schuld, wie die gefeglihe Strafe bes erften Verge⸗ 
bens, durch die barangereihten entfchieben vergrößert ? 

H Siehe Seite 195 Anmerkung 2. 


**) Da v. K. zum Beifpiel in dem Briefe an feine Muts 


aus meinem Munde, daß ich gleich damals, von 
meinem Unrechte überzeugt, den Vorſatz faßte, 
ben Beleidigten Genugthuung zu geben, fo viel 
in. meinen Kräften ſtuͤnde.“ | 

„Sch habe wegen diefer Begebenheit, der ums 
gluͤcklichſten meines Lebens, fo viel gelitten, als 
je ein Sterblicher leiden kann; ich habe geprüfte 
Freunde verloren, und bie Liebe des Publikums 
eingebüßtz ich habe taufend heimliche Nadenfchläge 
empfangen *), und taufend hämifche Anekdoͤtchen 





ter,.auf das Zeugniß Gottes prodocirte, um feinen 
Lügen ein vhetorifches Gewicht zu geben, fo Tann 
. bier biefer Redeform Keine größere Bedeutung beige⸗ 
meffen werben, als wenn v. Koßebue cine Verfis 
derung durch feine Eavalier = Parole beftätigt hätte. 
— Das nadfolgende Gelübbe, ben Beleidigten Ge: 
nugthuung zu geben, ift offenbar lächerlich), weil die⸗ 
ſes fo wenig in feinen Kräften fland, als es in ben 
Kräften eines Mörders fteht, den Ermordeten wieder 
ins Leben zuruͤckzurufen. | N 
*) Die taufend heimlichen Nadenfhläge erhielt v. R 7 
wenn er fie wirklich empfing, in Ermwieberung ber 
taufend heimlichen Nackenſchlaͤge die er ausgetheilt 
hatte und in ſeinem ferneren Leben auszutheilen be⸗ 
fliſſen war. Was die haͤmiſchen, auf ſeine Rechnung 
erfundenen Anekdoͤtchen betrifft, ſo iſt es hoͤchſt eigen 


— 105 — 


find auf meine Rechnung erfimden. worden. Man 
bat ſich durch Iächerliche Recenfionen an meinen 
Schriften geräht, andere haben meinen moraliz 
fchen Charakter, nicht ohne Schein, verunglimpft. 
Die Edleren haben gefchwiegen, und ihr Schwei- 
gen ift mir druͤckender geweſen, ald das Wüthen 
der Heinen Geifter. Niemand hat die fchlaflofen 
Nächte gezählt, in denen meine eigenen Borwürfe 
mich peinigten, und niemand hat die bittere Em; 
pfindung gemeffen, welche mir oft jede. Freude 
vergällte. Genug! ich bin überzeugt, daß ich 
feinem ald mir felbft Schaden zuges 
fügt *), und daß noch nie, feit die. Welt fleht, 
eine literariſche Unbefonnenpeit © r hart ges 
buͤßt iſt.“ 

„Nicht um wieder zu gewinnen, was ich ver⸗ 
lor; nicht um Recenſenten mit mir auszuſoͤhnen, 





daß bei der ganzen Geſchichte immer, beim Lichte bes 
ſehen, die Wirklichkeit ſchaͤndlicher war, als bie 
hamifcherfundenen Anekdoͤtchen. — 

E So fuͤhlt der Selbſtling nur das eigene Mißbehagen 
begangenen Frevels; vor dem, ſeinem Mitmenſchen 
zugefuͤgten Ungluͤcke verſchließt er geſunentuich die 
Ausen. — ern ge 


die unverföhnbar find, und beren uneble Rache 
ich verachtes; nein! blos um die Ruhe meines 
Herzens zu befördern, und meine eigene Achtung 
vor mir felbft wieder herzuftellen, trete ic) jegt 
Öffentlich auf, und wende mich an Euch, Ihr 
alle, bieich unfchuldig beleidigt habe, verzeiht 
mir! Der Süngling konnte fehlen, aber er mug 
fich nicht fchämen, zu befennen, daß. er gefehlt 
bat. Wohlan! ich fchäme mich deffen nicht, wie 
auch Haß und Schadenfreude. fchief und haͤmiſch 
barüber urtheilen mögen. Es iſt traurig in bie 
Verlegenheit zu gerathen, einen ſolchen Schritt 
thun zu müflen; aber es wäre noch weit trautis 
ger, ihm nicht raſch und ohne Rüdfiht auf Ver: 
bältnifje zu thun. Hier in meiner ländlichen Eins 
famteit, wo nur Gottes Auge mid) fieht, mein 
Herz mein Verfahren billigt, und einige geprüfte 
Freunde mir Beifall lächeln; hier fol nichts mid) 
abhalten, mein Unrecht freimüthig zu bekennen. 
Und reicht auch Feiner ber Beleidigten mir die 
Hand, wendet auch Bein Herz fich wieder zu mir 
fo babe ich doc gethan, was ich thun mußte. 
Vergeffen werde ich dieſe unglüdliche Begeben⸗ 


— 107 — 


beit nie! Doch von heute an mit minderer Bit: 
serkeit daran zuruͤkdenken.“ — 


„Gefchrieben zu Jewe, unweit Narva, 
den Arten Auguft 1793." 


Den Schluß diefer Darftelung made eine Be- 
merfung, die Herr von Koßebue im zweiten 
Theile des merfwürdigiien Jahres feines 
Lebens, Seite 231 ausſpricht; in diefen Worten 
ift nichts verändert, als ber Name des, gegen 
den fie gerichtet find: dort wurden fie gebraucht 
damit fie einem glüdlichen Abentheurer und Bal- 
Iettänzer Chevalier und feines Gleichen zur 
Lehre dienen; hier, damit fie in gleichem Sinne 
den Geſichtspunkt feftftellen, nach welchem porſte⸗ 
hende vollftändige Erzählung ber Gefchichte bes 
Bahrdt mit der eifernen Stirn durch fich felbft 
gerechtfertigt wird: „Kalt, wie es ſich ges 
bübrt, habe ih das Strafamt der Pu— 
blicität verwaltet. Der gefeglichen Be- 


— 208 — 


firafung Tonnte eine glüdlihe Kombis 

"nation der Umftände den Herrn von Ko—⸗ 
- gebue (im Originale flieht Herrn Chevalier) 
entziehen, nicht fo der heilfamen Pus 
blicität, die früh oder fpät den glüdliz 
hen Verbrecher ereilt.“ — | 


Auguſt von Kotzebue's Leben. 


220 





Drittes Bud, 





Mainz — Seine Ruͤckkehr nah Rußland. — | 
Seine Theaterdireetion zu Wien. — Das merk: 
würdigfte Jahr feines Lebens. — 


44 


Die Behauptung, daß Auguſt von Koßebue’s 
Leben eigentlich mit der Gefchichte des Dr. Bahrbt 
mit der eifernen Stirn, gefchloffen fey, hat viel 
Wahres; denn, ob er gleich nachher noch ein vol⸗ 
les Viertel = Jahrhundert lebte und wirkte, fo 
bezeugt doch dieſe letzte Hälfte feiner Wallfahrt 
fortwährend eine fehr nahe Berwanbtfchaft mit 
ber Handlungs unSinnesweiſe feines frühern 
Lebenslaufes. — 

Was zunaͤchſt fein perfönliches Dafeyn bee 
trifft, fo iſt zwar nicht zu erkennen, daß er in. 
Demfelben von jekt an eine” gewiffe Vorficht feſt⸗ 
zuhalten fich bemäbte, um im Kreife des häuslis 
hen Lebens eine gemüthlihe Ruhe, die er in 
ber Schriftſtellerwelt für immer eingebüßt hatte, 

4& 


— 212 — 


wiederzufinden. Wie das reifere Alter uͤberall 
eine Neigung zur Gemaͤchlichkeit offenbart, fo 
firebte v. K., für den naͤchſten Kreis feiner Um⸗ 
gebungen, als Gatte, Vater, Freund und Guts⸗ 
herr eine Haltung zu gewinnen, die ſein Leben 
angenehm machte. Er gefiel ſich in ſolcher Ruhe 
und blieb ihr ſo lange getreu, als ihn perſoͤnlich 
nichts Lockendes oder Unangenehmes beruͤhrte; 
trat aber ſolcher Fall ein, wurde das Feuer einer 
Leidenſchaft durch ein Ereigniß geweckt, ſo ver⸗ 
lor er ſchnell alles Gleichgewicht. Die Erfuͤllung 
mancher ſchwieriger Pflichten z. B. die der Er⸗ 
ziehung ſeiner Kinder, wußte er ſich ſehr leicht 
zu machen; andere wurden ihm von ſelbſt erleich⸗ 
tert, durch den pekuniaͤren Wohlſtand, welcher 
unter allem Wechſel des Schickſals zunahm — 
Die Mißhelligkeiten des ehlichen Lebens, von 
welchen ſeine erſte Ehe nicht frei war, denen er 
durch die Flucht nach Paris ein ſchriftſtelleriſches 
Suühnopfer zu bringen verſuchte, wurden durch 
die Beobachtung mehrerer Decenz leichter ausge⸗ 
glichen. — 

Doch der Geſchichte feines fermeren Lebens 


— 413 — 

Joll nicht vorgegriffen, fonbern m nur bemerküch ge⸗ 
macht werden, daß v. K. nach einer eigenen Ver⸗ 
kettung ſeiner Thaͤtigkeit, mit dem im vorigen 
Abſchnitte beſchloſſenen Zeitpunkte ſeines Lebens, 
das Beſte und das Schlechteſte, die Graͤnz⸗ 
punkte ſeines Talentes und des Mißbrauchs deſſel⸗ 
ben, gegeben hat — Das Kind der Liebe — 
Menſchenhaß und Reue — Bahrdt mit 
der eiſernen Stirn. — Indem wir ihn auf 
feiner Bahn begleiten, wollen wir nicht unterlafs 
fen, wieberholt und defjen zu erinnern, was un 
nach feinem Tode einer feiner vertrauteren Bes 
kannten fo dringend anempfahl: „Laßt und," fagt 
er, „ben Öegnern nicht Berbanımniß um Verdamm⸗ 
niß zurüdgeben. Sie kannten feine Fehler, aber 
fie kannten ihn nicht ganz. Gerade feine beffere 
Seite war die der Welt verborgene ).“ — Kein 
geringer Vorwurf für einen Mann, der mit fo 
vieler Publicität lebte! — 

— V. Kotz ebue ging von Paris nach Mainz, 
wo er eine vom Gotha aus ihm werthe Geliebte 





©) Literariſches Wochenblatt 4ter Band. Kro. 1. 


— 244 — 


mit der er in fleißigem Briefwechſel ſtand, zu 
finden und in ihr: eine Reiſegeſellſchafterin bis 
nah NiederfachTen zu erhalten hoffte. Jedoch 
noch ehe er ankam, hatte die achtungswerthe Fa⸗ 
milie, ber, ohne hiervon etwas zu ahnen, das 
auf ihren flüchtigen Präfidenten hoffende Fräulein 
anvertraut war, letztere in die Heimath gefchidt, 
unter ehrenfefler Begleitung eines zur Meſſe reis 
ſenden Kamelotwebe.s. Da fich unter den leicht= 
finnig zuruͤckgelaſſenen Papieren auch die Liebes⸗ 
briefe Kogebue’san feine „göttliche Lotte” 
befanden, fo wurden ihm biefe bei feiner Ankunft 
zu Mainz, nicht ohne ernfte Rüge feines Betra⸗ 
‚gend, Kberreicht. Er benahm fich einfach; ohne fichts 
bare Verlegenheit geftand er das Liebesabentheuer, 
— und ging feinen Gang fort. — Solche Anek⸗ 
boten, wo ber verführerifche Präfident, ‚um die 
Worte einer Geliebten zu gebrauchen, „mäßig: 
ruchlos und bezaubernd den Schönen zu ben Fuͤ⸗ 
Ben lag’ — koͤnnten zahlreich beigebracht werden, 
wenn es bier nicht vollfommen genügte, dieſe 
Seite feines Lebens leicht zu berühren, bie ihm 

befonderd deshalb hier zu gerechtem Borwurfe 


— 215 — 


dient, weil fie die früher geaͤußerte Vermuthung 
beftätigt: die Betrübniß des an Zärtlichkeit übers 
firömenden Gatten, in ber Flucht nad) Paris, war 
nichtö ald eine Rolle, die er auf dem Schrift⸗ 
ftellertheater, zur fonderlichen Erbauung empfind> 
famer Seelen, ganz. gut zu fpielen verfland. — 
Die vereitelte Zuſammenkunft mit ber goͤttli⸗ 
chen Lotte ſtoͤrte Kotzebues Erwartungen eines 
genußreichen Aufenthalts zu Mainz durchaus nicht. 
Er lebte dort mit dem Theater und für daffelbe, 
er freute fi) der bort angetroffenen „vielen huͤb⸗ 
ſchen Gefichter," und fchrieb, bis zum Sommer 
bes Sahres 1791 hier verweilend, den weiblichen 
Jacobiner-Klubb, den Papagai, ben Suls 
tan Bampum und den Spiegelritter; auch 
bearbeitete er, nach einer franzöfifchen Handfchrift, 
08 „philofophifhe Gemälde Ludwigs 
des XIV., welches zu Straßburg in bemfelben 
Jahre gedrudt wurde Im lesteren glaubt er 
gezeigt zu haben, daß ihm jebe Art des Despo⸗ 
tismus gehaͤſſig fey . Er erzählt: „Mein Bers 


'*) Siehe: bie jüngften Kinder meiner Laune, a 5. 
. &eite 232. ff. 





— 216 — 

leger in Straßburg ſchickte mir das Werk im 
Manuſcripte zu, und die Korreſpondenz, die ich 
mit ihm darüber führte, wurde erbrochen, ehe fie 
in meine Hände kam. Ich befchwerte mich des⸗ 
halb bei unferm Minifter in Frankfurt; er nahm: 
ſich meiner an, allein man behauptete in Mainz, 
bie Briefe kaͤmen bereitd erbrochen an, und ich 
habe nie erfahren koͤnnen, wer mir eigentlich die 
Ehre anthat, mic für einen Spion, ober vers 
kappten Sacobiner zu halten. Es ſcheint über: 
haupt mein Schilfal zu feyn, Daß, indeß Herr: 
Huber und Conſorten mich für einen Verfechter 
des Despotismus ausfchreien, die Despoten hin⸗ 
wiederum mich, ald einen gefährlihen Demos 
fraten, ihrer mißtrauifchen Aufmerkſamkeit wuͤrdi⸗ 
gen. Ich Eönnte feltfameBeifpiele bavon anführen, 
wenn man alles dürfte, was man kam.“ — 
Schon damals, wie fpäterhin, wo v. K. ſich 

es zum eigentlichen Berufe machte, über Alles 
und befonderd uͤber politifche Gegenftände und 
flaatswiffenfchaftlihe Angelegenheiten zu fprechen. 
wurde er in mande Kollifionen verwidelt und 
308 fi die Mißbilligung aller Parteien zu, ins 


ben er inkonfequent fi dem Spiele augenblidtis 
her Neigungen, Meinungen und. Anfichten bins 
gab. Schon damals ließ er ben Irrthum abs 
nen, nach welchem er fich einbilbete: es ließen 
fih die Völker mit ihren heiligen Rechten, mit 
ihren frommen Begehren eben fo leicht befriedigen, 
wie ein fchauluftiges Publitum vor dem aufger 
rollten Theatervorhange mit pomphafttönenden, 
aber hoͤchſt frugalen Inhalts feyenden Sentenzen. — 

Kogebue befuchte während jener Zeit Hus - 
bers Haus oft und gefiel fich in dem Umgange 
bes durch Zalent und Sitten angenehmen Mans 
ned. „Unerwartet war ed mir, fagt er in ber 
oft erwähnten Selbftbiographie, ald Herr Hus 
ber*), duch die Herausgabe feiner Fleinen 
Schriften, die Maske des Necenfenten abnahm. 





* Ludwig Kerbinand Huber, geb. zu Paris 
1764, geft. zu Ulm 1804, als baierfher Landes = 
Direktionsrath, hat fi in der deutſchen Literatur 
einen beliebten Namen erworben, als geiftuoller Er⸗ 
zähler, als ausgezeichneter dramatifcher,, politifcher 
und Eritifcher Schriftfteller. Unvergeßlicy feinen Freun⸗ 
den, bewährte er in allen Verhaͤltniſſen feines Lebens 
ben Ruhm eines Biedermanns. Mit Aufopferung 


Er, in deſſen Gefellfchaft ich fo mande frohe 
Stunde genofien; er, befien Talent ich bewun> 
derte und deſſen Umgang ich liebte; er, ber mie 
perfönliche Zuneigung zu widmen ſchien; er, ber 
troß der Geringfchägung, bie er für meine Schrifs 
ten affectirt (2), meiner Sonnenjungfrau einſt 
die Ehre anthat, fie durch eine vortreffliche Scene 
zu bereichern, von welcher ich wünfchte, daß er 
fie druden ließe; er, mit einem Worte, von bem 
- ich mit der freundfchaftlichften Umarmung fchied: 
er bohrte mir einen Dolch in den Rüden! — 
(diefe harte Revensart heißt in v. Kotzebue's eis 
genthümlicher Schreibweife nicht mehr und nicht 
weniger, als, ber leichtverlegbare Schriftfteller . 
wurde darüber fehr aufgebradht, daß Huber an 





ber glänzendften Ausfichten warb er unter Anftrengung 
und Selbftverläugnung der Retter, Pfleger und Vater 
der Familie George Korfter’ds. — In feiner no 
lebenden Witwe, Sherefe Huber, geb. Heyne 
aus Göttingen, zuerft verheyrathet mit &. Korfter, 
verehrt Deutfchlanb unbezibeifelt eine feiner trefflichs 
ſten Schriftftellerinnen, der nicht die Sucht, ſich auf 
literariſchem Markte überall hören zu ıaffen, ſondern 
ein höherer Beruf, die Feder darreicht. — 


— 210 — 

der ſchriftſtelleriſchen Tendenz des Eitlen keinen 
Sefallen finden konnte, und hierüber freimuͤthig 
mit Gruͤnden unterſtuͤtzt, in den Recenſionen der 
v. K—ſchen Werke Rechenſchaft ablegte. —) 
„Ich will gern glauben, daß das Recenſiren mit 
einem vorher geflogenen freundfchaftlihen Umgange 
nichtd gemein hat, aber ich muß doch bekennen, 
daß ed mir unmöglich wäre, einen Menfchen in 
ben Augen der Welt herabzufegen, bem ich uns 
ter vier Augen Beweife meines Wohlwollend ges 
geben. — Guter Gott! wenn ber Beifall des 
Publikums einem fehönen Mädchen gleicht, um 
befien Befig fich felbft Brüder entzweyen koͤnn⸗ 
tm — 0! fo entfage ich ihm mit Freuden! — 

Den Schlüffel zu jener Möglichkeit, in ben 
Augen der Welt, die Schriften eines Mannes 
herabzufegen, dem er Beweiſe des Wohlwollend 
gegeben und von dem er folche empfangen, hat 
erfi fpdterhin v. K. gefunden und, wie befannt, 
. in feinem Freimäthigen und in feinem literariſchen 
Wochenblatte davon vielfachen Gebraudy gemacht. 
Noch von einer hierhergehörigen Seite kamen 
v. Kotzebue und Huber in nicht harmonifche 





— 220 — 


Beruͤhrung, ba in jenen. Tagen das ofterwähnte 
Dasquill, Bahrdt mit.der eifernen Stirn, vielfach 
befprochen wurde. Damals ähnete noch niemand 
den wahren DVerfaffer, deh Kotzebue im Ges 
fpräche immer leife, aber gefliffentlih in Schug 
nahm; Huber in feinem Maren feflen Sinne 
von Recht und Unrecht, fprach wiederholt ein eis 
fernes Urtheil aus, über den Verfaſſer jenes 
Schandwerkes; dv. K. vernahm ed fanft, feine 
große Neigbarkeit mit der Furcht, entbedt zu 
werden, befchwichtigend. — vertraut wurben 
beide nie. — 

:  Kogebue ging bald darauf, als bie famofe 
Vaterfchaft des Pasquils anfing ruchbar zu wer⸗ 
ben, nad Rußland, da ohnehin fein Urlaub beens 
- bet und feine dortige Gegenwart zu Bewirtung 
der Begnabigung, im Falle der Entdedung, fo 
nothwendig war. Wie er in diefem Verhältniffe 
gecht eigen für fich fein Werklein über den Adel 
fchrieb, defien Wirkung wohlberechnend, ift bereits 
geſagt; doch hat er ſich darin gefallen, feinen 
Lefern in dunkelen Hindeutungen glaubhaft zu 
machen, als babe ed damit eine. ganz andere, 


— 21 — 


nach ihrer Wichtigkeit gar nicht auszuſprechende 
Bewandtniß. So verfichert er: „Ich Tönnte vies 
Les darüber fagen, aber ih darf nicht. Wenn 
man wüßte — und man wirb ed vielleicht einſt 
erfahren — in weldyen zweideutigen Ruf einer 
gewiffen Gattung, meine vor= und nachher 
beharrlich geäußerten, aber mißgedeuteten Gefins 
nungen, mich gefeßt hatten; wenn man wüßte, 
wie felbft meine vertraulichfte Privatkorre⸗ 
ſpondenz mir gefährlich wurde; wenn man 
wüßte, welche Aufforberungen und von wem 
ich fie erhielt; wahrlich! man wuͤrde biefes Pros 
dukt aus einem andern Geſichtspunkte beurtheilen; 
man wuͤrde nicht blos den Schriftfteller, fon= 
dern auch den Bürger und Vater babei im 
Auge behalten. Indeſſen geftehe ich gern, daß 
ich mir eine übelverfiandene Gefälligkeit zu Schuls 
»en kommen laflen, und der Kritit manche Bloͤ⸗ 
Sen gegeben habe. — (3. Kinder meiner Laune 
Thl. 5. ©. 236 und 237.) 

Nachdem er in Eſthland wieder einheimifch 
geworden war, übernahm er auch feine Stelle 
wieder, ‚ohne dadurch geftört zu werben, im feis 


nen fchriftftellerifchen Arbeiten, feinen Beſchaͤfti⸗ 
gungen mit bem Theater, feinen wieberholten 
Auöflügen auf das Land, und in der Bewirthe 
fchaftung der Befigungen, die er theils aus der 
Berlafienfchaft feiner verflorbenen Gattin, theils 
durch andere eigene Erwerbung befaß. Ale diefe 
Berhältniffe boten ihm manchen Genuß dar, ber 
nur dadurch. in den nächften Umgebungen bed ges 
felfchaftlichen Lebens geſtoͤrt wurbe, daß v. K. 
bei den ununterbrochen fehr eifrig betriebenen Huls 
digungen der Damen, zu oft Vorfiht und Deli⸗ 
Zateffe aus den Augen feste, und hierdurch nicht 
felten in Berlegenheiten verwidelt wurbe. Hierin 
haben denn auch die ärgerlichen, zum Xheil fehr 
übertriebenen Läfterungen ihre Veranlaffung, die 
Hear von Maffon gegen v. K— ausſtieß. 
Solche Geſchichten und Klätfchereien zogen ihm 
manche Unannehmlichkeiten zu; befonders-, da er 
fur; nach feiner Heimkehr nad Efihland, den 
Stand eines betrübten Witwer mit dem eines 
Ehemannes vertaufcht . hatte. Er heyrathete 
bas Fräulein Chriftel von Krufenftern, eine 
nahe Verwandte bes. berühmten Weltumſeglers, 


— 13 — 


and erhielt eine Gattin, die, mit vieler Bildung . 
des Geiftes, jedem, ber fie näher kennen lernte, 
befonderd deshalb höchft verehrungswerth erfchien, 
weil fie in ihrem Berufe ihr hoͤchſtes Gluͤck fand, 
und ald Hausfrau, ald Mutter, als forgfame 
Hflegerin ihres, an abgemefjene Lebensweife, 
häusliche Bequemlichkeit, behagliche Wohlhaben⸗ 
beit und an Entfernung aller unangenehmen Eins . 
drüde immer mehr fi) gewöhnenden Gatten, 
große Verdienfte fih erwarb. 

Auch mit dieſer zweiten Bereprathung nahm 
d. Kotzebue's Wohlftand zu, welcher ohnehin infeiner 
literarifchen Thaͤtigkeit eine ergiebige Hülfsquelle 
hatte. Diefe glüdliche Lage, verbunden mit der 
Neigung zur dußeren Unabhängigkeit, beflimmten 
ihn 1795 feine Präfidentenftelle zu Reval nieders 
zulegen. Er erhielt diefen gefuchten Abſchied mit 
der Ernennung zum Kollegien » Affeffor. 
Da er öfter über den ihm beigelegten Rang zu 
seben fich veranlaßt fand, fo fen bier rücfichtlich 
defien bemerkt, daß er als Präfivent den Rang 
eines Obriftlieutenants hatte. Da aber fehr folz 
gerecht in Rußland der Rang bes Amtes, von 





demjenigen, den ber Titel giebt; verfchiebem, 
And Hr. v. K— nur mit, dem Titel eines Rathes 
‚der den Hauptmanndrang ertheilt, nach Reval 
Zum, fo würde er bei feinem Rüdtritt in den 
Privatfland, diefer Klaſſe wieder zugefallen. feyn; 
wenn er nicht mit der Verabſchiedung avancirt 
und zum Kollegin: Affeffor, ber den Majorsrang 
Bat, ernannt wäre. 

Da fih Kotzebue's Ruf burch die Autor: 
Schaft des Bahrdt mit der eifernen Stirn, wenn 
auch auf-eine nicht beneidenswerthe Weife, fehr 
erweiterte, fo war er, beguͤnſtigt durch Muſſe 
und Talent, gar gefchäftig, den Beifall, welchen 
feine dramatifchen Arbeiten auf der Bühne fans 
den, Durch zahlreiche neue Gaben für die Schaus 
Iuftigen, feflzubalten und fich zu fichern. Ein 
immer audgebreitetered Bürgerrecht gewannen 
feine Stüde auf den Xheatern Deutfchlands; 
ausländifhe Schriftfteler verpflanzten Kotzebue's 
Schaufpiele, unter dein Beifallgeklatfch des Pu⸗ 
blikums, auf ihre Bühnen, fein Name war bes 
kannt in Frankreich und England, in Italien und 
Spanien — ja, wie er felbft-verfichert fogar in 


den aflatifchen Provinzen Rußlands. 8 ärndtete 
feine Eitelkeit aus biefer Rüftigfeit gar reichen 
Gewinn, aber auch vielfeitige Anregung eines fo 
oft fich erneuerhben Kummers. Wie häufig feine 
Schaufpiele auf den Theatern gegeben, in wie 
viele Sprachen fie auch Üüberfegt werben mogten, 
die :-Bteude hieruͤber genügte feinen ' Winfchen 
nichts er hatte im feinem Vaterlande gefehen und 
ſah beim Hinblick auf daſſelbe taͤglich, wie ſich 
Gelehtte, Schriftſteller und Dichter daſelbſt mit 
irn: Verdlenften Achtung erwarben, wie fie 
werthgeſchaͤtzt und' von ihren Zeitgenoffen mit 
Verehrung ihre Ramen genannt wurden; biefe 
unbefriedigte Sehnfucht nad) Achtung, von eis 
nem beſſeren moralifchen Gefühle geweckt, bezeich⸗ 
net Kogebue’3 ſiterariſchen Lebenslauf; und ſtimmte 
ih, bei mancher fehlgeſchlagenen Bemuͤhmg, 
ben. immer wachen Tadel zu beſchwichtigen, end⸗ 
lich feindſelig gegen die Ihm entgegenſtehende deut⸗ 
ſche Schriftſtellerwelt. Beſonders gegenwärtig 
trafen ihn die Nachwehen der Schriftſtellerver⸗ 
brechen hart. Die bei dem beruͤchtigten Pasquille 
offen: dargelegte Smmoralität, Schaamloftgkeit, 
15 


Völlerey und Unzucht glaubte man- zur Waffnung 
gegen den von ihm anderweitig errungenen Beis 
fall, auch in feinem. Leben und. in feinen uͤbrigen 
Schriften, nachſpuͤren, warnend. ‚zur Sprache hrin⸗ 
gen zu, müflen — daher,/ wie verfchteden auch 
bie. Anfichten, der Schriftfieler waren, . bie Kos 
vebue's Namen und feine Schriften nannten — 
immer -fpra Verachtung, Geringſchaͤtzung, Miß⸗ 
gunft,. ſelbſt Neid über ihn das Urtheil. Der auf 
allen Bühnen gefeierte Schriftfteller, der im.ase 
ftändig, vornehmen äußeren Verhältniffen lebende 
Mann, des. fpdterhin ‚von den. Großen der Erde 
fo auögegeichnet Begünftigte, blieb inuner ein Ger 
genftand der Öffentlichen Mißbilligung, under ſelhſt. 
forgte durch leidenſchaftliche Anregungen, Necke⸗ 
zeien und offen dargelegte Züge ber. verletzten Ei⸗ 
telfeit, daß diefe Stimmung, fich. immer verjüngker 
Er gewann nie das Bewußtfeyn,: bag sin dieſem 
fein Leben beunruhigenden Zwiefpalte. die aufge⸗ 
wedte Nemefiö ihre Gewalt uͤbe; er ahnete nie; 
daß die Nationalftimmung. feiner Landsleute: über 
ihn, ‚über feinen, Charakter, über feinen Schrift» 
ſtellerwerth, von ben. unwandelbaren Geſetzen ber. 


motaliſchen Nothwendigkeit beſtimmt wuͤrbe — 
und fo erſchien ihm der vielfach Aber ihn oͤffent⸗ 
lich ausgefprochene Tadel immer nur als boshafs 
ter Recenfentemmfug. Dieſe ihnr ſo unbehagliche 
Stimmung mit Refigastion ſchweigend zu tragen, 
war feine Sache nicht; das wirklich und fcheihs 
bar ihm. in der Reccuſentenwelt zugefügte Unrecht 
glaubte er durch einen Fräftigen Schlag rächen 
zu -müflen; mm das verwundete Gemuͤth deſto 
leichter zu verbergen, verfuchte er mit lachender 
Miene mi die Schranken zu treten, Indem -er feine 
Fragmente über Rerenfenten s- Unfug 
(1797) in die deutſche Lefewelt ſchickte. Er fchlug 
wit einer Sliegenwebel in ein Weſpenneſt; er 
ſtrafte nicht das Ungeziefer, ſondern jagte es auf 
zu neuem Leben und Muthwillen. Er beginnt 
dieſe Fragmente mit einem „Manifeft, enthal⸗ 
tend die Kriegserklaͤrung.““ 

„Ich Kotzebue "durch die Gnade der Muſen, 
Schauſpieldichter * Deutſchen, thue hiermit 
kund und zu wiſſen allen keſern mit oder ohne 
Brille, daßd: 

„Da ich von den unterthanen des Alten 

. 45* 


— JUN — 


thigen Feind — fo ſehr er mir auch an. Zahl 
und allerlei ſaubern Huͤlfsmittelchen überlegen iſt 
— zu einem gerechten und ehrenvollen Frieden 
zu zwingen. Gegeben zu Friedenthal, den alten 
Juli 176." — . 

Dann: .fucht er fich gegen Misverftanb zu 
verwahren und beflimmt, „gegen welche Hohn⸗ 
ſprecher er feine Hirtenfchleuder richtet; nicht 
die. Kritik in wiffenfchaftlichen Faͤchern will 
er herabfegen, fondern die Altagskritikafter im 
Sache ber ſchoͤnen Wiſſenſchaften Alfo: „Euch 
treffe meing@eiflel,;ihe Afterrscenfenten, die ihr 
ſo ſelten urthheilt, und fo. gern verurtheilt; fo 
oft in dem Werke nur bie verhaßte Perſon 
des Autors tadelt; ſelbſt bad Oute, was ihr nicht 
ableugnen koͤnnt, gefliſſentlich verkleinert; haͤmiſche 
Seitenblicke auf den Charakter des Verfaſſers 
werft; Gift aus ſeinen unſchuldigen Worten ſaugt; 
immer uͤber verletzte Moralitaͤt ſchreit, die doch 
blos der. Schild iſt, hinter: dem: ſich euer Neid 
verkriecht; end) Alle, die ihe euren einfeitigen Ges 
ſchmack dem: Puhlikum zum Richtfchnee. aufbringen 
wollt; keck abfprecht, ;wahy weil es euch an Gruͤn⸗ 


— HH — 
ben wiangelt, Ted hochtrabende Kunſtworte 
täufcht, Die ihr ſelbſt wicht verſteht; Bier einem: 
befreundeten Dünmmtopf fanft ftreichelt; und. dort 
einen angefeinbeten Mann von Genie wüthend 
begeifeert :such Alle treffe meine Geiſſel!“ — 
Darauf folgen denn Febzehn „Proben von Als 
bernbeiten ix der Irnaiſchen Literature 
zeitung," die oͤfter den Schein. ber Albernheit 
auf denjenigen werfen, ‚ber burch Tolche. Beweife 
feine Schmaͤhungen rechtfertigen zu wollen, bes 
fangen. genug Hy -fo halt. ih:v. K. 3. B. am 
lLängfien bei dem wierten Proͤbchen auf, . in wel⸗ 
dem Ihm:der-- Stein des Anftoßes der: iſt, baß 
das erſte Stüd.bee. Schillerſchen Horen, fehr 
ſchnell, ausfuͤhrlich und lobertheilend recenſirt wirb; 
Auch iſt er daruͤber ſehr ungehalten, daß die 
Unterhaltungen deutſcher Auſgewan⸗ 
derter, deren Verfaſſer (Goͤthe) damals noch 
nicht bekannt war, deren Inhalt ihm das fadeſte 
Geſchwaͤtz, die albernſten Geſpenſterhiſtorien duͤn⸗ 
tem, hervorgehoben werden. Doch jerſt im vier⸗ 
ten, Frogmente „üben die. Kritselsien der 
Recenſenten, meine Shanfpieke betref: 


U} 233 


fewb,.ifl v. K. eigentlich auf dem Anmmelplatze, 
wo er dem beengten Herzen: Luft zu: machen ver⸗ 
fucht. Er weiß. die gegen: feine Schaufpiele ger! 
machten Ausſtellungen ‚Leicht ebzufertigen: viele: 
Recenſenten haben geſagt, ed.fehle jenen am. Hal⸗ 
tung und Konſiſtenz; ee bemeift aus Sulzers 
Zheorie der Wiſſenſchaften wit: wenigen Worten‘ 
bad Gegentheil; : andere haben gefagt: feine Stuͤcke 
beleidigten Moralitaͤt und Sittlichkeit, wie er 
denn auch beſonders gern gefallene Maͤbchen und 
Weiber auftreten: laſſe. Er vertheidigt fich⸗ 
„— Nur bie ſchaͤndlichſte Verlaͤrmdung konnte, 
um mir wehe zu thun, dieſen Kroͤtengift auf mich 
ausſpritzen. Lange vorher, ehe ich auf der Spies 
gelbahn der dramatiſchen Kunſt umherwankte, 
ſchrieb Beaumurchais feine Cugente, und Gem⸗ 
mingen feinen dentſchen Hausvater, zwei 
ſch oͤn e Stuͤcke, deren Hauptperſonen liebenswürs 
dige gefallene Maͤdchen ſind. Damals fiel es 
keinem ein, die Naſe daruͤber zu ruͤmpfen. Und 
wäre es Dem auch in der That wohl unmoraliſch, 
zu glauben‘ dapı ein⸗g ofalle nes Maͤbchen doch 
wohl rin gatas Maͤdchen feyn: koͤnne? — Habe 


ich denn jemals. die Entfhuldigung ofnet 
BSchmanheit mit der Verthoaidigung bes 
Unſatt bich keit nermiſcht? — (dieſes Wi wiedir 
ein Geſtaͤndnißjener bequemen Moral, der der 
Bequemlichkeit halber, ausgebreiteter Beifall gar 
nicht entgehen kann. Iſt nicht: Eutſchuldigung, 
Bemaͤntlung des Laſters, das zur. liebenswuͤrdi⸗ 
gen Schwachheit geſtempelt wird, unendlich ver⸗ 
derblicher als eine offene. Vertheidigung der Uns 
ſittlichkeit?) —Heabe ich jemals reinen Fehltrint 
zur Tugend erhoben? — aber wenn ein zeuiger 
Sch aͤch er noch: Anfprud auf dad Paradies mine 
chen durfte, fo iſt es doch wohl kein Verbrechen, 
ein: reuiges gefallenes Mädchen intereffant zu 
ſchiidern?“ — (Seite 27 u. 28.) Dane theils 
u. 8. vier Anekdoten mit, wo feine gefallenen 
Mäpchen auf die Zufhauer gar erbaklichen Ein⸗ 
druck Zentacht, und eine volllommene Buße bewirkt 
haben folen. :Der Vorwurf, daß die Kotzebue⸗ 
ſchen Stuͤcks: gefährlihe Grundſaͤtze gegen den 
Gaaat:enthielten, iſt am leichteſten zu: befeitigen; 
sahen Virfaffer iberall, fein ganzes: Beben hin⸗ 
derch mit Orunbſaͤtze n nie ins Reine kommes 


— 23 — 
Yonnte, umb: ba: hierbei de Unverſtand oft hörbar 
wunde, daß man ihm bie Worte als periänlkhe 
Meinung aufbürbete, bie erıben .auf- eh 
tar ann Perſonen in den mund legte. — En 


—ES greift in dieſen regnent ie. 
Recenfenten Unfug v. 8. ganz: befonders. an;.:did 
ecenfehten feiner Werke: iu ber Literaturzeitung, 
befonbers Hm: Huber, gelegentlich Hrn. Friebr. 
Schulz zu: Mitau, und baum auch ven Freihertn 
Knigge, : won welchem letztern es ihn ungenein 
kefsemdet,; baß: er feine Perſon haſſe und ſich 
von ihm. beleidigt glaube (S. 36.) als ob dieſer 
ande fo fern liegt, nachdem v. Kotzeb ae ihn. 
auf dem Titel des Bahrdt mit der eifernen: Sturm 
genannt unb dort gebrandmarkt hatte. Doch er 
kommt gleich felbſt auf dieſes unangenehme WM⸗ 
pitel (S. 37.): „durch die verhaßte Broſchüre, 
Die im JZahre 1790 meine Feder entweihte, hatte 
Ks das Ungluͤck, mehr als Eine jener gewaltigen 
Leidenſchaften zu weden. . Zwar. muß:ich mit 
Hochachtung bekennen; daßunter den Beleibigien 
feibſt, nur wenige ſich unedle: Macht ſerlaubten; 


— DIE — 


aber daB Geſchrei ihrer Protekteurs und Protägse, 
ihrer Vettern und Verwandten, ihrer - Freunde 
und Bewunderers- bas Klaffen ver kleinen Gei⸗ 
fer, die, wenn bie Schriften eines Rannes 
Aufſehn erregen, mit Berlangen nur auf den 
esften Ton der Mißbilligung warten, um fogleich 
einzuſtimmen; Alles das bildete eine mächtige 
Partei gegen ni Das alfo war die erfie Quelle 
aller der Bitterfölten,- die mir feit ſechs Jahren 
in ſo reichem Maaße zugemeflen worden. Aber: 
es giebt noch eine andere, aus ber fie alle, und 
zu allen Zeiten ſchoͤpften, und die, wie bie Schwe⸗ 
felhoͤhle zu Pyrmont, einen giftigen Dampf aus⸗ 
haucht, der Alles. erflidt, was zu viel eben hat 
— Diefe Duelle heißt Neid! — fie waͤlzt ihr 
Waſſer über jedes Blümchen, das von Kunfkliebe 
. erzeugt, und vom Publikum gepflegt würdet" — 


Nun iſt er auf dem eigentlichen Punkte, wo 
er feinen Herzendergießungen freien: Lauf laͤßt, 
Ah. Plagend, aber wohlgefaͤlligeͤmit Pope, 
Molierr, Boileau, -Racine, Woltaire ü. ſ. f; zu⸗ 
ſanmenſtellt, mit ihren Worten gagen ben! Reit - 


ze 2860 — 


zu Felhde zieht, und bann dieſes Fragment, um 
ein nenes zu: beginnen, alſo ſchließt: „Da ſteht 
das enthullte Geheimniß. Wahrlich! ihr koͤnnt 
mir auch nicht. einen Schrifißeller nennen; deſſen 
Werke fchnelle und große Wirkung: auf die Zeit⸗ 
genoffen hervorgebracht haben, ber nicht, fo lange 
er lebte, von hämifchen Recenfenten angebeilt, 
gerfegt, zerriſſen, zerflüdelt, zarbridelt und bes 
geifert worben wäre: Wie leicht ließen fich noch 
Yundert Beweife dafür anführens aber. wozu? — 
fie haben, Voltaire und die. Propheten Helvetius, 
Bacine, Moliere, Dorat, Rouſſeau; wenn fie 
biefe nicht hören wollen, fo, wuͤrden ſie auch nicht 
hören, wenn ein Engel ‚vom Himmel zu ihnen 
redete.“ — 
Unverfensber gefiel fich Herr von Koßebue 
fo fehr in der Gefellfchaft der ſchon verftorbes 
nen franzöfifchen Klaſſiker, daß er es nicht uͤber 
fich gewinnen konnte, einen: Blick auf die leben: 
ben. deutſchen Klaſſiker zu. werfen, die nicht von 
haͤmiſchen Recenſenten angebellt, zerfetzt, zerriſſen 
zerfällt, zerprickelt und begeifert. wurden, ſon⸗ 


bern mit ı ber: umgetheilten Anerkennung: großes - 
Berdienſte, die entſchiedene Achtung ihrer Zeitges 
noſſen beſaßen; wie hätte er, der Ein Beiſpick 
folthes Glaͤckes vergeblich ſuchte, ‚fonfh‘ feine Zeit⸗ 
genoſſen, einen Klopſtock, Johannes Muͤller, Goͤthe, 
Herder, Schiller n. ff. uͤberſehen koͤnnen? Dody 
gerade im. dieſem verbimlchem. Bliche "offenbart 
ſich die Befangenhrit des vom Neide: zerrifienen 
Gentuͤthes; ‚ben bie perſoͤnliche Berehraing, wel⸗ 
cher ſich ſolche Mämmer, feine Landsleute und 
Zeitgenoſſen, erfreuten, war das koͤſtliche von 
ihm fo ſehnfuchsvol begehrte Gut, welches zu 
Grreichen, ihm, wie fchon bemerklich gemacht ift, 
umnerbittlich verfagt blieb. — Nur voruͤbergehend 
vermag er ſich zu tröften, inbem er wieberholt, 
daß jedes hervorſtechende Talent ein. Gegenſtand 
bed Haſſes ſey, und nicht undentlich zu verſtehen 
giebt, daß die Größe des letztern ihm beſonders 
darum fo befchwerlich falle, weil. der VHaß mit 
der eminenten Groͤße ſeines Talentes in einem 
nothwendigen Wechſelverhaͤltniſſe ſtehe. Fuͤr den 
ſchlimmſten Fall aber ignorirt er sie ihm verfügte 
Achtung und verweit bie ſcheellehenden Recen⸗ 


— 235 — 

(unten. auf den Beifall, welchen das Ein⸗ und 
Ausland ſeinen Stuͤcken giebt ) — Auf bieſem 
Ehrenthron "gewinnt er eine ſichere Haltung und 
ſchleudert feine‘ Blitze auf Huber, gegen den ber 
größte. Theil. des Buches Über Recenſenten⸗ Unfug 
gerichtet iſt, am den in vielfachen Wariatigner 
namentlich apoſtrophirt wird, und bem er, mit 
ben übrigen Recenſenten⸗ der: Literaturzeitung, 
um. Sohle ‚folgendes Aurdohtien auf den * 
gieht: ae Be 
ve AB: Begeray ſtarb, man ‚unter fehiek 
Verlaſſenſchaft · einen alten: · Guibthaler, ſorgfaͤltig 
in: Papier gewickelt, und folgender Seftalt: von 
feiner. eigenen. Hand Überfchriebend. . "iu u 

„Dielen. Goldthaler habe ich feit: zwanzig: 


Dahren verwehrt, um baflız ein Fenſter auf benz 


Greve : Plob. zu miethen, wenn emmal € ein: De: 
gent eehangen wird — 


9 ©: % n ſo betefen in der fradzoſiſhen eiteratur hat 
wahülcheinlich nie in SER felner ſelbſt ſich der Worte 

un Gpgm forg?s erinnert s:,Ce qui -fais lo'succks do 
| ‚ quantite d’ouvragps, est le rapport, qui se trouve 
entre ia mediocrit# des’ iddes de Pauteur er Ia 


unmsuditæaim des:icdkes du publice - 


u ’ 


a:. Doch jened. feindfelige Geftirn, welches ben-ig 
anderer Hinſicht fo. gludlihen Autor verfolgte, 
wurde durch dieſe Schutz⸗ und. Zrubfchrifs.nichk 
heſeitigt: Huher: machte den Empfindlichen im⸗ 
wer neuen Aerger, er mochte von ihm reden, ober 
über ſeine Werke ganz. ſchweigen. Die feindſelige 
Spannung zwiſchen/ beiden ſchien fortwaͤhevnd zu 
wachfen,; als HNuber hoͤchſt unerwartet von · Ko⸗ 
gebue.(damabd: in.Mien) einen Brief erhielt, 
des Inhalts: sexi leihesan einem chromifchen, benz 
Gruin Schnell antgegenführenben Uebel .C-7;, apın 
einer. foichen, das Leben A-—8 bedrahenden Krank 
beit. ahnete im: Wien :niemmb etwas. —); ein, 
ſchmerzliches Gefühl möchte er fo geru.nor var 
feinem Tode getilgt fehn: das, von Huber vers 
kannt zu ſeyn. Letzterer habe als. Recenſent ihn 
hart hehandeltʒ vieſes Unrecht ſolle ausgeglichen 
fen; v. K.moͤchte fo gern Hubers Verſoͤhnung 
und Achtung mit ins Grab nehmen. — Huber 
nahm freudig und: treuherzig die dargebotne ‚Hand, 
geſtand, daß Leidenſchaftlichkeit ihn ſelbſt uͤber 
bie, Grenzen ber: Balligkeit geführt haͤtten, und 
erbot ſich, als Suͤhne des. erkannten. dehlers, 


— 240 — 


dieſes oͤffentlich zu erklären: . Kotzebue nahm 
dieſen Vorſchlag nicht anz aber es blieb von da 
an, bis zu Hubers Tode, zwiſchen ‚beiden ein 
freundſchaftlicher, bald haͤufigerer, bald ſeltener 
Verkehr, der ſelbſt nicht geſtoͤrt wurde, als v. . 
einſt den flüchtigen Gedanken hegte, mit. H: in 
eine ſehr nahe Familienverbindung zu treten, ged 
gen deſſen Ausfuͤhrung ſich der Letttere entſchirden 
erklaͤrte. — Die Berföhnung..beiber, ‚was auch 

u. K. zu dam’ erſten Schritte bewegen: machte; 
war aufrichtig;⸗er blieb ven: da an innner gegen 
Huber gleich theilnehmend ainb einfach, beſuchto 
ibn noch zweimal anf ſeinen Reiſen, und dußerig 
nie falſchen Rüdhalt, ober brüdende Anmaßung. 
— Mit Vergnügen verweilt dar Biograph bei 
siefem Buge aufrichtiger Verſbhnlichkeit. Wis 
oft ini Leben, beſiegt bie Jeſtigkeit widendacci⸗ 
ger. Leibenſchaft ¶die Daun traulicher Verbia⸗ 
dungen! — Mona 
ı Während v. Kotz ebue auf ſeiner Schrift 
ſtellerbahn Neid hegte und. wedte, umb. durch Die: 
gefcheiterten Bemühungen, höhere Achtung zu ge⸗ 
winnen, oft ſehr verflimmt murde,- bildete ſich im 


feiner Seele der größte, ihn: bis zur ruft verfols 
gende Unmuth gegen einen Mann, der gerade das⸗ 
jenige in recht reichem, herrlichem Maaße beſaß, 
was ihm ſo wuͤnſchenswerth war und immer un⸗ 
erreichbar blieb. — V. Kotz ebue wußte nichts 
und wollte nichts von dem wiſſen, was auch 
wohl ber gemeine. Menſchenverſtand von Goͤ⸗ 
theꝰs hoher Kuͤnſtlereriſtenz begreift; aber er ſah 
den Mann, wie er, eint wahrhaft wunderbare 
Erfcheinung in.der Literhtur, daſteht, überall Ehr⸗ 
furcht gebletenb, und mit feinen Kunſtbeſtrebun⸗ 
gen felbft da Bewunderung erweckend, wo.Weus 
ſchiedenartigkeit ber. Fähigkeiten .und Anſichten 
getheilte Stimmen laut: werden laffen; er fah Dies 
Ten Mann in der geliebten Vaterfladt, bie er ſelbſt 
einſt meiben- mußte, von wo aus ihn: mancher 
Hiefagrwundende Pfeil ‚traf, wo er noch. gegen 
märtig, ‚wenn. ei: das beutfche Athen befuchte, 
aufjer dem Kreife feiner Familie, nicht wohlges 
litten war, — hier fah er ihn, ander Seite bes 
- Megenten, deſſen Stolz. und Freude er iſt, in 
geber Beziehung. bed Lebens das Bilb einer ideds 
den Vollendung. — V. K. fo. hoͤchſt empfindlich 
16 





‚gegen unangenehme Eindruͤcke, verfuchte in ver⸗ 
fchiedenen Momenten feined Lebens, auf entgegen- 
gefenten Wegen ſich von biefem Verdruße frei 
zu machen, indem’ er bald Goͤthe's Kunftwerke 
nach feiner:Weife lobte und alle Mittel aufbot, 
mit Goͤthe in ein freumdliches .perfünliches Ver: 
haͤltniß, in eine ‚gute. literarifche Kameradſchaft 
su Tommen, „bald feine Pfeile. gegen ihn abs 
ſchoß. — Keines von ‚Beiden fruchtetet denn 
Goͤthe fchritt, wie gefliffentlih Kobebue ihm 
‚auch entgegen, kam, ohne irgenb eine Beruͤck⸗ 
fichtigung ſtets unbefangen. einher. Solches 
serutfachte: denn immer ‚neue Wunden; v. K. 
glaubte "gerechte Beſchwerde über erbuldeten 
Hochmuth erheben zu koͤnnen; er fann auf Rache 
und verfuchte; füch auf ein hohes Pferd zu feben. 
Beine eigenen Stüde genoſſen ja auf dem Theater 
‚für die Gegenwart ein auögebreitetered Bürgers 
recht, als die Goͤt he'ſchen, mithin hielt er fich 
hefugt und machte. fi mismüthig ein: eigeneb 
Geſchaͤft daraus; Goͤthe's dichteriſche Produktionen 
a, ſchmaͤhen, damit der Vielbewunderte doch 
aicht ungenedt davon Time, Da Kotze bue⸗ 


— 243 — 


elbſt bei feinen Theaterdirektionen fo manche Wis 
derwärtigfeit erfahren hatte, fo griff er ſpaͤterhin 
Goͤthen auch als Diretor des Weimarfchen 
Hoftheaters oft an, fuchte in feinen Zeitfchriften 
dahin gehörige Klätfchereien aus Weimar zu 
yerbreiten,. und vermittelft feiner ertigleit zum 
pasquillantifchen Wige für die müffigen Zuſchauer 
heſtens zuzuſtutzen. ‚Auch mit diefen Verſuchen 
wollte es ihm nicht glüden, denn Goͤthe's Ruhm 
blieb ungefaͤhrdet. Nicht einmal ber. Feindfchaft 
Gäthe’s:tonnte-fih v. K. rühmen, denn jener _ 
entwürdigte ſich nie, öffentlich etwas zu erwies 
bern, und igmorirte mit Tonfequenter Ruhe die 
fehdeluſtige Betriebſamkeit des immer fertigen 
Autors. — — 

" Riöht viel beher ging es v. 8. mit ben ans 
dern großen, in allgemeiner Werehrung lebenden 
Dichtern feiner Waserfiadt, welche jedoch nicht in 
dem Stade, wie. Goͤthe, ihm Kummer. machtenz. 
denn ihr Ruhm:ſchien zuweilen von ber. Berherta 
kung Goͤthes, vollig Aberfiralt. .. .. 

Dieſe aͤußerſt geneiste Stimmung es | 
wurde och ‚ergpölerkn als, marhere: durch⸗ 

| 


— 244 — 


das Stubium ber Kantſchen Philoſophie und" an⸗ 
geregt auch Goͤthe's und Schillers Beſtre⸗ 
bungen, bie neuern Kunftanfichten fich beftimmter 
entwidelten. . Eine ‚wiffenfchaftliche Kritik flellte, 
nach den unfterblichen Vorbildern der antiken 
und der romantifchen Poefle, die Forderungen 
auf, welche, abgeſehn von dem momentanen Bei⸗ 
falle ber. Menge, das Schöne in: dem Gebiete 
der Nedeform ewig bedingt. Hier fah denn v. K. 
geoße Gefahr für den einzigen Rüdhalt, aus 
weichen er biöher alle Angriffe der Recenfenten 
zuruͤckzuſchlagen - verſuchte. Immer verwies er 
af den Beifall der Menge, auf die Leichtigkeit, 
mit: ber er Thraͤnen und Gelaͤchter zu erregen 
wußte; nun mit einem Male follte die Stimme 
bes. großen Publikums nicht mehr über - feinen 
Dichterberuf entſcheiden, :anb..bererlangte: Preis 
einen. höchftuntergeorbneten Rang erhalten. Sol⸗ 
hen. Drohungen‘ von ber. fogenammten neuen’ 
Sch ul ekonnterer heffen Sache nie das Schweis 
gen war, nicht ohne. heftige Gegenrede verwirk⸗ 
licht fühen: ¶Man erwage nun· noch, daß v.-K. 
bei kainan Bigenftenbe durchẽ Wengwifſenſchaft- 
t 


/ 


— 240 — 


fie Prüfung zu einem gebiegenen Urtheil gelang⸗ 
te, daß die ihm verhaßte neue Schule: ihre neuen 
Anfichten ihm ſehr unserftänblich ausfprach, daß 
fie viele. bisherige Autoritäten verfpottete, auch 
wohl Gefallen daran fand, ihre ernften Beſtre⸗ 
"Dungen auf ereentrifche Weiſe anzubeuten, daß 
endfidh -diefe verhaßten Neuerer in: Göthe den 
Heros der geſammten mobernen Kımft fahen, daß 
Sie: feine Verherrlichung fich zum beiligen Berufe 
machten; — man wirb es fehr folgerecht finden, 
Bag der Kampf gegen Die neue Schule ein ſtehen⸗ 
ver Artilel in dem Iournale des tebenb Kope 
bue”s wurbe. 

Der erfte Wurf, den er gegen bie: berzuglich 
fen Wortfuͤhrer der neuen Schule, gegen Die 
Gebruͤder Schlegel und gegen Tieck unternahm, 
war beebyperboreifhe Efel, ein-padquillen- 
artiges.2uflfpiet, in welchem v. Kogebue feinem 
lebhaften Unwillen freien Lauf ließ.‘ In ein recht 
grelles Licht ſtellee er hier einzelne aus. dem Zu⸗ 
ſammenhange geriffene Behauptungen der genann= 
ten Männer, machte die Ironie zum Ernfte, den 
Ernſt zum Scherze, und aͤrndete, nach geläufiger 


— DIE — 


Berechnung, jeden möglichen Gewinn davon, daß er 
den Karikaturen feiner Buͤhne die Worte ſeiner Geg⸗ 
ner in den Mund legt. Alle Nuͤancen des Dia⸗ 
logs und lebendige Gewandcheit des Witzes ftehen 
ihm zu Gebote, da der "Genius des. Pasquills 
ihm in Satyrgeftalt zur Seite ſteht. Er mußte 
aber gar bald erfahren, daß bie von ihm gebrauch⸗ 
ten Baffen, von feinen. Gegnern zu feines. eiges 
nen Zuͤchtigung angewendet wurden, wo ‚benz 
fein Groll gegen bie neue Schule durch Schle⸗ 
gel's „Ehrenpforte und Zriumphbogen 
für den Theaterpräfibenten von Kokes . 
bue” und durch Nederereien aller Art, fortwähs 
rend Nahrung erhielt. — 

Doch, um nicht * die Bekrachtung der 
fi) ununterbrochen in Kotzebue's Leben an ein- 
ander reihenden. literarifchen Fehden, feine pers 
fönlichen Schilfale aus den Augen zu verlieren, 
Tehrt der Biodraph zu denfelben zurüd. — V. K. 
Iebte nach der Nieberlegung. feines Prafidenten = 
Amtes auf feinem Landfig Friedenthalin Eſth⸗ 
land, ſich und den Mufen, in fo ‚günfligen Ver⸗ 
haͤltniſſen, daß nur ein feindſeliger Geiſt raſtloſer 


— 247 — 


Unruhe ihn dieſer Lage entreiſſen, und auf eine 
neue, ſehr dornenvolle Laufbahn locken konnte. 
Er erzählt 9: Zwei Jahre verfloſſen durch 
Liebe, .Freundfchaft und Ruhe verfchönert. Da 
flarb Alringer in Wien**). Die Direktion. 
bes Hoftheater8 glaubte mich tüchtig, feine Stelle 
zu erſetzen; fie fchlug mir Bedingungen vor, die. 
eben fo lukratif, als ehrenvoll waren; und ich: 
verließ Friedenthal, um unter einem milden Sims 
. melöftriche, zwar Liebe und Zreundfchaft, Doch 
nicht Ruhe wiederzufinden. — Die erfle Trage 





*) Giche: Ueber meinen Aufenthalt in Bien 
von Auguſt v. Kotebae. Leipzig 1799. . 


2) Johann Baptiſt von Alringer, ber Saͤnger 
bes Doolin von Mainz und bes Bliomberis, geb. zu 
Wien 1755, bafelbft geft. 1797, verfah in ben letz⸗ 
ten drei Jahren feines Lebens die Stelle eines Ger 
kretairs bei der Direktion des Laiferlihen Hofthea⸗ 
ters. — Frauͤher bekleidete er bie Stelle eines Hofe 
advokaten, um die Streitigkeiten derer, bie fih an 
ihn wandten, gütlich beizulegen, wofür er ben Lohn 
in ber That ſelbſt fand; denn fein bebeutendes Ver⸗ 
mögen. feste ihn in den Stand, jebes übernommene 
fremde Geſchaͤſt, feinen Grundfügen gemäß, völlig 

unentgeldlich zu verrichten. — | | 


— 248 — 


iſt hier: worin beſtanden meine Pflichten? — 
Die vornehmſte derſelben, die mir der Herr Ba⸗ 
son von Braun bereitd in feinen Briefen an 
mich auferlegt‘. hatte, war: ein Fritifches Journal 
über die Wiener Hoftheater .zu.. fehreiben, von 
welchem er fidy mehrere gute Wirkungen verfprach. 
- Die Übrigen Obliegenheiten, beren damals er: 
wähnt wurde, waren fehr geringe; fle befanden 
in Korrefpondenz, Aufficht über die Bibliothek 
u. f. fe Der Baron von Braun endigte mit ben 
fehmeichelhaften Worten: „„ich folte fein Freund 
feyn und ihm überhaupt mit Rath und That an 
die Hand. gehn." — Gerade. diefer humane 
Zon war ed, ber mir Lufl und Muth gab, die 
befchwerlihe. Winterreife von: 300 Meilen mit 
meiner Familie anzutreten, nachdem ich zuvor bie 
ausdruͤckliche Erlaubniß meines Monarchen zu 
biefem Dienftwechfel erbeten und erhalten hatte. 
Da feit meiner fruͤheſten Kindheit das Theater 
bald Leidenſchaft, bald Beſchaͤftigung, immer we⸗ 
nigſtens Liebhaberei bei mir geweſen war, und 
ich ſowohl theoretiſch, als praktiſch, mir viele 
Kenntniſſe daruͤber geſammelt hatte: ſo kam ich 


— 249 — 
mit der. Hoffnung nach Wien, in einem mir an⸗ 
genehmen Wirkungskreife nüglich ge werben. Was 
hätte.mich auch fonft wohl bewegen- können, meist 
liebes Kriedenthal zu verlaſſen? — Nahrungsfor⸗ 
gen brüdten mi nicht 5 Eigennutz habe ich nie 
gekannt. Jene Hoffaungen wurben noch ‚Ichhafs 
ter burch die perfönliche Bekanntfchaft des Bu⸗ 
son von Braun in mir ertegt. Mein Herz dringt 
mich, bier Öffentlich, im Angefichte von Deutſch⸗ 
land, das dankbare Zeugniß abzulegen: daß ich 
in ihm. gefunden, was feine Briefe verſprachen, 
daß er mich nie ben Worgefehten, aber befto öfter 
ben Freund fühlen lafien; daß er vom erſten Aus 
genblicke bis zum legten, bei Sturm und Sons 
nenſchein, fich gegen mid gleichgeblieben; baß er 
mich immer mit freundſchaftlichem Vertrauen, mit 
zarter Achtung, mit feiner Sreigebigkeit behandelt 
hat. — Ich hatte den Tag nach meiner Ankunft 
bie Ehre, Sr. Majeſtaͤt dem Kaiſer vorgeftellt 
zu werben, und Habe ſeitdem noch. einigemale 
das Gluͤck genoſſen, mich diefem deutſchen Bie- 
Dermanne zu nähern. — Zaft möchte ich in die⸗ 
ſem Augenblide bebauern, daß ex mich mit einer 


— DE — 


Penfion begnadigt hat, weil dieſer Umſtand den 
Verdacht der Schmeichelei auf meine Worte wer⸗ 
fen: koͤmte. Aber nie habe ich mein Lob verkauft 
und nie wuͤrde ich dieſem Bewußtſeyn, weder 


— für den’ Preis von 1000, noch von Millionen 


Gulden entſagen. Sch koͤnnte und wuͤrde ſchwei⸗ 
gen, da nichts mich zu reden zwingt. — Es iſt 
daher die reinſte, aus Vernunft und Herzen flie⸗ 
ßende Ueberzeugung, mit: ber ich behaupte: daß 
Stanz ber Zweite einer ber reblichiten und 
gerabeftnnigften Männer in feinen Staaten ifl. 
Die ausgezeichnetfie feiner Tugenden ift Gered= 
tigkeit. Er übt fie gegen ben Bettler, wie 
. gegen den Fürften, und zweimal wöchentlidy kann . 
jeber ihm feine Noth perfönlich vortragen. Niex 
mand fragt den, der zum Kaiſer gehn will: was 
wollen Sie bei dem Kaifer? — Jeder darf ihm 
‚fein Anliegen felbft. an fein ebled Herz legen, und 
obwohl man leicht begreift, wie manche alberne 
und weitfchweifige Bitten, wie manche thörichte 
Bünfche bei ſolchen Aubienzen vorkommen moͤ⸗ 
gen, fo ſteht dennoch der Monarch, mit unermuͤd⸗ 
licher Gebuld, fünf bis ſechs Stunden lang, und 


— 2531 — 


hoͤrt freundlich und gefaͤllig einen Jeden an. 
Wohl dem Bittenden, dem Gerechtigkeit und 
Billigkeit zur Seite ſtehn! er iſt des Erfolgs ge⸗ 
wiß *). — Seine Gegenwart floͤßt Zutraun ein. 
Sr hat etwas. ſe Gerades, Dres ñ in ſeinem 


gs 


9 Dieſe herrliche —*? nach Ser es ben Wewohs 

. ‚nern ber Deſtreichſchen Staaten ˖ möglich: iſt, ihren 
Regenten wödentlih zweimal ſelbſt zu ſprechen, 
fuͤhrte zuerſt Joſeph der Zwette ein; der fes 
gensreihe Erfolg derſelben hat ſich vielfach bewaͤhrt. 
„86 Liegt ja..fhon darin ein unendlicher Zauber für 
den Bittenden, wenn er feine Wünfche dem Regen⸗ 
U gen feines Yalerlandes von Miimb zu Munde, vom 
Hertzen zum Herzen vortragen darf / und img Vertraun 
auf ſeinen unmittelbaren Ausſpruch, oder wenigſtens 

auf eine unmittelbare Beſtaͤtigung der Reſolution, 
ſeine Beſcheidung erwarten kann. Dagegen iſt es ein 
harter Fluch für eine Nation, wenn ihr Regent un⸗ 
zugaͤnglich iſt, wenn der Buͤrger nur zu ihm gelan⸗ 

gen kann, nach vorgegangener genauer Befragung 
und Prüfung der Hoͤflinge und der Soldaten, wenn 

der Regent fremde Geſichter nicht leiden kann und 
dadurch ſehr leicht in eine ungnaͤdige Verlegenheit ver⸗ 
ſetzt wird. — Die verhaͤngnißvollen Folgen ſolches 
übeln Mißſtandes koͤnnen nie beſeitigt werden durch 
erbauliche Relationen von manchen loͤblichen Privat⸗ 
eigenſchaften derer, die die Geburt u bie Shronen 
feste. — 


Benehmen; man fieht es ihm gleich an, daß er 
es reblich meint; und wenn er dem, der vor: ihm 
flieht, etwas. Angenehmes ſagt, fo iſt es nie ein 
feines hoͤfliches Kompliment, ſondern immer etwas 
berzliched Gutgemeintes. — Was Wunder, daß 
ich ihn aufrichtig liebe, und daß der Augenblick, 
in dem ich. ihm vorgeſtellt wurde, meinen Muth 
unb meine Hoffnungen noch ſehr belebte. — Uns 
ter ſolchen gluͤcklichen Vorbedeutungen begann ich 
meine Laufbahn. Meine Geſchaͤfte waren anfangs 
weniger bedeutend. Die Regie wurde mir nicht 
auf einmal, ſondern nur nach und nach uͤbertra⸗ 
gen, um den bisher beſtandenen Ausſchuß nicht 
zu kraͤnken.“ — 

Die heiteren Ausfichten, ‚mit Denen v. K. 
ſeine neue Laufbahn zu Wien begann, verfinſter⸗ 
ten ſich bald. Eine dortige Wochenſchrift, die 
Wahrheit in Maske, fing an, ihn „mit 
Sumpfwaffer zu befprigen.” 3 erfchien eine 
Beichreibung des Theaters im Xhierreiche, in 
welcher fein Vorgänger mit dem Elephanten, er 
felbft aber mit dem Wolfe im Schaaföpelze ver- 
glichen wurde. Den 47ten April wurbe bei ber 


— BB — 


Feier des Feſtes be Wiener Freiwilligen das 
Dorf im Gebirge mit großem: theatralifchene 
Pomp gegeben; e&: miäfiel. „Es fließ hier meh⸗ 
reres zuſammen: Kuͤnſtlerneid, Parteien, bie fi. 
an einander. rieben, entgegengefegte Meinungen 
von alberlei Gattungen; kurz eine Menge Urſa⸗ 
chen, bie. zum Theil fo zart find, daß ich 
fie nicht wohl berühren Tann." (v. K. in bee 
genannten Schrift... 9.22.) Die ihm zur erſten 
Bernfspflicht gemachte Herausgabe eines kritiſchen 
Journals, gedieh nicht weiter, als bis zur Ans 
kimdigung. „Vom Anfange an hatte ich mich,“ 
(diefes find feine eigenen Worte), „mit dem 
hoͤchſten Widerwillen "zu dieſer zeitfreffenden 
und undankbaren Arbeit verſtanden. (Und doch: 
hatterner ein Amt. geſucht, war freiwillig in: 
baftelbe getreten ,. weiches ihm diefe Unternehmung 
ausdruͤctich zur Pflicht machte.) „Da aber der’ 
Baron von Braun fih fortdauernd viel Nuͤtzli⸗ 
AWErdavon: verſprach, fo rüftete ich mich zur 
Ausführung: ut Geduld und Standhaftigkeit. 
Die Ankuͤndigung machte einiges: Aufſehn. Viel 
angeſehene und kluge Laute prophegeieten mir end⸗ 


— 254 — 

lofen Verdruß. Ich hatte mir das ſchon ſelbſt 
prophezeiet, zuckte die Achſeln und ſchwieg.“ 

€ Dieſes Achſelzucken kam jetzt wohl zu fpdt!:—) 

„Gluͤcklicher Weife für mi, war-ich es nicht 
allein, den jene gutmeinende, mit Dem Geiſte des. 
Publikums bekannte : Männer, von diefer Idee 
abzuleiten fuchten. Auch der Baron Braun 

wurde von mehreren Seiten auf. manche dar⸗ 

aus entfpringende Inkonvenienzen aufmerffan ge⸗ 
macht. — Dies wirkte auf ihn, wie ed auf mid) 

gewirkt hatte, und theild dieſe Gründe, theils 

auch, wie ich mir fchmeicheln darf; die Neigung 
zu mir, aus welcher der Wunſch entfprang, mir 

hen wahrfheinlichen Verdruß zu erfparen, bewo⸗ 

gen ihn endlich, am 2often April, einem. min ums 
vergeßlichen Tage, mich van bey Verbindlichkeit, 
ein ſolches Journal zu fchreiben, gänzlich zu bes 
freien, — Diefe Begebenheit wäre nun ins Klare. 
gefebt. Der. Kefer fieht, wie einfach und. natuͤr⸗ 
lich fie zufammenhängt, und wie: albern, es war, 
zu glauben: daß ich, der ic meine Zeit weit 

angenshmer. und. portheilhaftex: benutzen 
konnte, durch den blotzen Sigel. zu Bsitifiven, mich 


— 255 — 


haͤtte verleiten laſſen, mir ſelbſt eine ſolche Laſt 
aufzubuͤrden. — Die Idee war nicht allein auf⸗ 
gegeben, ſondern auch bereits vergeſſen, als ei⸗ 
nes Tages der Baron Braun von dem Redac⸗ 
teur der: Hofzeitung erſucht wurde, ihm, wo 
möglich, flatt der bisherigen kurzen und trodenen 
Titel » Anzeigen von. neu aufgeführten Stuͤcken, 
etwas längere, beurtheilende Nachrichten zu⸗ 
kommen zu laſſen, welche. er jeberzeit im erſten 
Blatte der Zeitung, gleich nach ben officiel be⸗ 
Janntgemachten Artiteln, werde abdruden lafien, 
Der B. v. B. freute fich, unvermuthet. ine Ge 
Vegenheit zu finden, feinen zur Vervollfonmuung 
ber- Bühne gehegten Wunſch dennoch, wenigſtens 
theilweiſe, realifirt zu ſehn, und hoffte, daß, wenn 
ich bei Abfaſſung dieſes Artikels anonym bliebe, 
und mit moͤglichſter Schonung und Beſcheidenheit 
zu Werke ginge, das Gute erreicht werben winde, 
ohne meiner Kuhe nachtheilig zu feyn. Ich übers 
aehm,.ohne mich, zu nennen ‚ ‚bie Theater⸗ Anzei⸗ 
gen in der Hoftetung. Ob ich bie zweite Bor: 
ſchfift der Beficheidenheit und Schonung 
erfüllt habe, darüber erwarte ich von dem unpar⸗ 


— 256 — 


thehfchen. Leſer daſſelbe Zeugniß, welches mie 
mein eigenes Gewiſſen giebt, Man ſehe nur zum 
Erempel, mit.welcher faft beifptellofen Scho⸗ 
nung ich das Schaufpiel:..det Tag der Er 
loͤſung« behandelt babe ). Dieſe Krititen 
erregte: einen: Lärm, den. man felbft mit angefez 
ben haben muß, um ihn glaubli zu finden. — 
Es gehört ganz die awögebreitete Bekanntſchaft 
mit -Theaterfabalen dazu, um fich nicht "Darüber 
zu wundern. Daß der Neid. nit immer dabei 
ein ruhiger: Zuſchauer blieb, iſt in ber Ordnung: 
Er breitete unter andern: im. Herbfle 1798 eine 
Berläumdung aus, die nicht allein in Wienfehe 

weit um: fih griff, ſondern auch in vielen 
Zeitungen mit ellger Schadenfreude verbrritet 


| Se Ze 





F Seifſpfelloſe thonnig!de der aeheclen 
‚von Theaterſtuͤcken an ſolchem Orte, wie, die Hof⸗ 
zeitung, iſt immer. offenbare Ungerechtigkeit, 
Sn diefem einen gegebenen Beiſpiele, welches rü@: 
fichtlich des Tones ber übrigen Kritiken gär: nichts 
entſcheidet, liegt eine. Selbſtanklage und eine Selbſt⸗ 
verurtheilung; dieſes Beiſpiel zeigt deutlich wie das 
Spiel der Patteien in v. KH’ Kritiken bin mach⸗ 

1. Agſten Hebol finden maßte- Tun uns ee, 


wurde. — Es entſtand nämlich plaͤtzlich bas 
Gerücht, ich fey arretirt, auf einer Feſtung eins 
geiperrt, oder uͤber bie Gränze transportirt wors 
den. Warum? — das wußte man nicht; barum 
befümmerte man ſich auch nicht. Genug, es 
ſollte ſo ſeon. — Dies ſonderbare Geruͤcht hatte, 
wie ſich bei einiger Nachforſchung ergab, in den 
niederen Staͤnden angefangen, war aus dieſen 
zu den hoͤheren uͤbergegangen, welches ſonſt um⸗ 
gekehrt zu ſeyn pflegt. Aber eben dieſer Um: 
ſtand verräth feinen Urſprung.“ — | 


„Es war überhaupt ein Kunftgriff einer ges . 
wiſſen Gattung von Menfchen, wenn fie mir 
auf Feine andere Weiſe beikommen Eonnte, meine 
politiſchen Grundfäge verbächtig zu machen, um 
mich mit bem ehrlofen Beinamen eines Jakobi⸗ 
nerd zu brandmarken. So wie man vor ein 
paar hundert Jahren nichts weiter beburfte, um 
einen Mann von Kopf zu verfchreien, und das 
hic niger est ihm anzubeften, als bie beweis⸗ 
Iofe Befchuldigung, er fey ein Ketzer, fo ift 
jetzt an bie Stelle bes Kegers ber. Iakobiner 

17 


mai ‚258 U] 


getreten *). - Der Begriff von biefem, wie von 
jenem, ift unbeflimmt, dunkel, vieldeutig, und 
eben daher fo außerordentlich bequem für kleine 
Menfchen, die Luft haben, . zu verläumben. Es 
ift bei. diefem, ‚fo wie es bei:jenem war, fo leicht, 
— 
Beſchuldigungen dieſer Art Haben immer in Deutſch⸗ 
laand vieles Gedeihen, in ben neueften Zeiten aber 
einen ausgezeichnet zafchen Wechſel gefunden. Erins 
nere dich, geneigter Leſer, nur der letzten Jahre: 
wenn du, vor 1812, in dem groͤßten Theile Deutſch⸗ 
lands an dem franzoͤſiſchen Joche keinen Gefallen 
fandeſt, ſo hießeſt du: ein brittiſcher Spion, ein 
Berraͤther, ein Tugendbuͤndler; wenn du ben Kopf 
ſchuͤtteln mußteſt nad bes Wiedervereinigung mit 
dem geliebten, angeborenen Regenten, fo viele Arm⸗ 
feligteiten hervorgerufen, und die Verkuͤndiger der 
wiebererfangten Regentenhtuilb im @efolge einer jäms 
merliken, hohen Polizei einherzichen zu fehen — 
- fo galteft du für einen Franzoſenfreund; wenn du 
das allgemeine Streben ber Voͤlker, nad einem ver- 
befferten Zuſtand des bürgerlichen Lebens, als einem 
- wefentlichen Zug bes heutigen Zeitgeiſtes erkennſt, 
fo nennt”man dich einen Aufruhrprebigers wenn bu 
den, hoͤchſten Orts vielfad angeregten, Unfug der 
Jugend beläcdelft, weil er, ohne bas auf ihn gelegte _ 
officielle Gewicht, fo leicht mit verfländigen Mitteln 
zu leiten gewefen wäre, — fo bift bu ein Mitoers 
* ſchwonner bes Dolhbundes/ ⸗ — — 


«Beweife daflır zu finden; denn ein geicheibter 
-Mann wird doch irgend einmal ein Wort gefagt | 
‚haben, das fich, fey ed auch noch fo unſchuldig, 
nach boöhaftem Belieben. deuten ließe.” — 
: Von der Wiener geheimen Polizei meint er 
(5. 29), daß man den an ber Spitze derſelben 
‚fiehenden humanen und aufgeklärten Mann, 
‚den Grafen Saurau, nur zu kennen brauche, 
um den Berfafler eines, in Betreff jener 'nadhe , 
theilige Thatſachen aufitellenden, Artikels in den 
: Staatö= Anzeigen zu verachten. — Hierbei ift 
:zu erwägen, baß ber vornehmen Leuten oft fo 
:wilfährig beigelegte Lobſpruch, daß fie human 
und aufgeklärt feyn ſollen, gleichfalls unbeftimmt, 
‚dunkel, vieldeutig und. für Tleine Menfchen 
bequem ift, wohlfeil und doch. freigiebig zu loben. 
„Beil es aber gefchehen. Fönnte,” fährt v. K 
‚fort, „daß auch in. Zukunft an biefem ober: je 
nem Orte meined kuͤnftigen : Aufenthalts, böfe 
Buben fich abermals jenes abgebrofchenen Kunft 
griffes bedienen möchten, um mic den Macht: 
habern verdächtig zu machen; fo ergreife ich diefe 
günftige Gelegenheit, um bier, .ein für, allemal 
17* 


— 260 — 


zu erklaͤren: daß ich aus mir wichtig ſcheinenden 
Gruͤnden die monarchiſche Regierungsform fuͤr 
die beſte halte, und bis an meinen Tod feſt an 
ihr hangen zu wollen, hiermit feierlich verſichere! — 
daß dieſer veiflich erwogene: Entfchluß durch bie 
Zeitgefchichte der legten zehn Jahre in mir noch 
mehr befefligt worden! — daß, fo glänzend 
auch jede andere Theorie ſeyn mag, ich body 
überzeugt bin, baß bei dem Webergange zue 
Praxis aus dem fehimmernden Irrlicht eine ver= 
zehrende Fackel wird; — daß man bei. fchlechten 
Theorien Alles kalkulirt, nur die Leiden= 
haften der Menfchen nicht, welche doch gerade 
da ben meiften Spielraum gewinnen, — daß id) 
ben Republiten ihre glänzende Epoche nicht be= 
neide, weil ihr Glanz gewoͤhnlich im umgelehr- 
ten Verhaͤltniſſe mit ihrer inneren Glüdfeligfeit 
ſteht; es find Schaufpieler, die auf der Bühne 
Millionen. verfchenten, während fie zu Haufe 
Salz und Brod eſſen; — daß ich glaube, auch 
die befte Revolution koͤnne hoͤchſtens nur kom⸗ 
mende Gefchlechter beglüden, und baß ich ben= 
jenigen für einen bedaurungswuͤrdigen Schwärmer 


— 261 — ⸗ 


halte, der feine gegenwärtige Ruhe, fein Ver⸗ 
mögen und Leben aufopfert, um feinen unbes 
Tannten- Kindeölindern eine noch fehr problemas 
tifhe Gluͤckſeligkeit zu verfchaffen; — baß ich 
aus allen biefen und mehreren für mid, fehr 
überzeugenden Gründen mich nie, auch nur auf 
- bie entferntetefte Weife, in irgend eine Art von 
Revolution mifchen würde, ohne vorher ein Rare 
oder ein Schurfe geworben zu ſeyn.“ — 
Nach diefer politifchen Abfchweifung kommt 
v. K. fogleih auf die Begebenheiten, welche 
ſchon nach fünfoiertel Iahren und im neunten 
Monate ber übernommenen Theaterregie die Aus⸗ 
führung des Entfchluffes, fein Amt nieber zu 
legen, bewirkten. Er erzählt, daß die Auffrifchung 
eined alten Wiener Theatergeſetzes, zu Folge 
deſſen puͤnktlich alle Drei Wochen ein neues großes 
Schaufpiel geliefert werben follte, viele Zufrie⸗ 
derheit im Publito, deſto größere Unzufriebenheit 
unter ben Schaufpielern veranlaßt habe; — daß 
biefe Unzufriedenheit durch feine Bertheilung 
der Rollen, durch die auf feine Vermittlung 
engagirten neuen Gchaufpieler noch fehr geſtei⸗ 


— 2 — 
gert, und daß fo unter den Schaufpielern ein’ 
Zeuer der Feindfchaft wider ihn erzeugt Tey, 
welches, unter immer neuen Verlaͤumdungen, 
endlich ausbrach. Die Schaufpieler und Schau⸗ 
fpielerinnen bilveten zwei Partheien, deren größte, 
bei weitem zahlreichfte, den feindfeligen Sinn ges’ 
gen v. K. überall hervortreten ließ, und fich mit 
manchen Befchwerden an den Director des Then 
terö, den Baron von Braun, wandte; häufig 
‚ zwar nur mit allgemeinen Klagen, öfter aber 
auch unter Anflhrung fpecieler Urfachen der 
Unzufriedenheit. Bei näherer Nachfrage ergab 
fih denn auch leicht, daß die gegenfeitige Span: 
nung nicht das Werk augenblidlicher Leidenſchaft 
und Aufregung war, fondern, Daß die gegen 
v. Kotzebue aufgebrachten Mitglieder ſchon feit 
Monaten ein genaued Tagebuch führten, worin 
jedes unziemliche Wort, jede von K. erbuldete 
unbill nach Tag und ‚Stunde verzeichnet war, 
Doß, da v. 8. Kein gleichförmiges Betragen 
feftzubalten im Stande war, da er, in allen 
perfönlichen Beziehungen fehr veigbar, fich fo 
leicht von der Gewalt des erſten Eindrucks hin 


reißen ließ, in jenem Suͤndenregiſter manche 
wenigftens auf Unbefonnenheit hinweifende Anek⸗ 
Dote verzeichnet fland, iſt nicht. zu bezweifeln; 
doch hatte Herr. v. Kogebue der Negie des 
Theaters mit dem. beften Willen vorgeflanden und 
fih Feine wefentlihern Fehler zu Schulden 
kommen laflen; weshalb er, fobald er von den 
feindfeligen Umtrieben näher unterrichtet war, - 
fofort auf eine genaue Ausmittlung und Unters 
fuhung der wider ihn erhobenen Beſchwerden 
antrug. Er felbft veranlaßte, daß ſchnell, ohne 
‚weitere Vorbereitung und Machinationen, jedes 
Mitglied der Hoffchaufpielergefelfchaft tiber bie 
Urfachen ber Unzufriebenheit vom Herrn v. Braun 
befragt und: zu Protokolle vernommen wurde. 
Diefe Maafregel wirft ein günftiges Licht auf 
den. Berläumbdeten und beweif’t.fein gutes Ges 
wiflen; doch zugleich auch feine. Unüberlegtheit 
und. feine Unfähigkeit, eine gute Abficht tadellos 
durchzuführen. -. Bei der Vernehmung der Unzus 
friedenen enthielt fich Herr von Kogebue nicht 
nur nicht, ununterbrochen nerfönlich gegenwärtig 
zu ſeyn, ſondern ex führte ſogar eigenhändig das 


— MA — 


Protokoll. Solche argen Verſtoͤße gegen bie 
erſten Begriffe einer partheiloſen, freien Unter⸗ 
ſuchung fallen theilweiſe dem Herrn Baron von 
Braun, doch "ganz beſonders dem ehemaligen 
Präfidenten eines Juſtiz⸗Collegii (der Gpuver- 
nementös Magiftrat zu Reval ift der Zuftizapels 
Yationshof der Provinz Eſthland) fehr zur Laſt. 
Die Zolge der Verhandlungen war bie, welde 
man leicht errathen kann: dort, dem Herinv. K. 
gegenüber, der neben dem Heren von Braun 
bie Geber führte, fagten bie einzeln herbeiges 
zufenen Schaufpieler nichts Wefentliches aus, 
und verloren fich höchftens in allgemeine Aeuße⸗ 
zungen der Unzufriedenheit, weshalb ihnen Tein 
Vorwurf zu machen, am wenigiten der harte, 
welchen Engel als das Refültat feiner Erfah: 
zungen öfter audfprach, wenn er behauptete: 
man könne häufig in einer Schaufpielergefellfchaft 
alle Lafter realifirt finden, nur die nicht, zu 
welchen perfönlicher Muth gehoͤrt. — 

Oft trifft man den Herrn v. K. in Situatios 
nen, wo man gar nicht begreifen Tann, daß ein 
fonft vernünftiger Mann mit fo befangener Blind» 


— DO — 


beit feinen eigenen Standpunkt verkennen kann. Cs 
bedarf wohl keines Beweiſes, daß die Nieder⸗ 
legung der eigentlichen Klagepunkte wider ihn 
geſtoͤrt, vielleicht unmoͤglich wurde, da hier 
ſeine Gegenwart ſo ſtoͤrend ſeyn mußte; doch er 
ſelbſt findet, immer mit ſich zufrieden, in dieſer 
Unziemlichkeit einen froͤhlichen Beweis ſeines 
guten Gewiſſens. Seite 36 der Vertheidigungs⸗ 
ſchrift ſagt er: „Daß ich ſelbſt bei der Unter⸗ 
ſuchung gegenwaͤrtig war, ſollte, ſtatt der haͤmi⸗ 
ſchen davon gemachten Auslegung, vielmehr dem 
Baron Braun als ein Merkmal feiner feinen 
Schonung verdankt werben (!), da er Alles in 
ber Stille abzuthun wünfchte, und folglich kei⸗ 
sen Fremden zur Aufnahme des Protokolls ges 
brauchen mochte.” (Diefes ift fo ein v. Koges 
vue'ſches Motiv; die Zroietracht felbft war offens 
kundig genug, und die Unterfuchungsverhandlungen 
mußten ed, man konnte es zuvelaͤſſig vorbers 
fehen, fchnell werden. Es waren partheilofe 
Perfonen genug davon unterrichtet, man hatte 
mithin nicht nöthig, einen Fremden ald Pros 
tocollfuͤhrer zuzuziehn; es iſt nicht denkbar, daß 


Hoftheatrals Direktion eingereichten Vertheidigung 
‚bat Herr von Kogebue dringend um feine Ent»: 
laffung und erhielt fie noc, vor dem Jahres⸗ 
ſchluß 1798, indem mit dem Neujahre 1799 ein 
neuer Ausfhuß errichtet und dieſem die Regie 
ber kaiſerlichen Hoftheater übertragen wurde. 
Dem BVerabfchiebeten verlieh der Kaifer die. Vers 
fiherung: eines lebenslänglichen Jahresgehalts 
von 1000 Gulden, und ernammte ihn zugleich 
zum Paiferlichen Hoftheaterdichter, mit der beſon⸗ 
dern Erlaubniß, feinen Aufenthaltsort nach Bes 
lieben zu wählen. Die einzige Verpflichtung, 
welche ihm diefe Ernennung auferlegte, war, 
Daß er feine dramatifchen Arbeiten den Wiener 
Hoftheatern jedesmal zuerſt, nicht aber alle in 
zuzuſenden ſich verband. — 

So ſchied von Kotzebue von Win; Er 
ruft der veichen Kaiferftabt, die er mit fo großen 
Hoffnungen betrat und unter fo manchem Vers 
druſſe verließ, dieſen Abfchied zus: „Ich werde 
vielleicht Wien nie. wiederſehen; aber unvergeßlich 
bleibt mir die Aufnahme, bie ich daſelbſt in dem 
beſten Haͤuſern gefunden; unvergeßlich hie zus 


— 


vorkommende Gaſtfreundſchaft des Einen; die 
biedere Herzlichkeit des Andern; die feine Geſel⸗ 


Ugkeit des Dritten; hier zwanglofe Freude, dort 


ungefuchter Witz; hier die gefehmadvolften Luft 
barkeiten, dort bie feineren Vergnügungen der 
höheren Bildung; überall Sittlichkeit in der 
zarteften Vereinigung mit Grabheit, dieſem ei⸗ 
genthümlichen Charakter ver Deftereicher. — O, 
wenn ed in Wien feinen Staub und keine . 
Tagebücher (man erinnere ſich des von dem. 
Schaufpielern Über Kotzebues Betragen bei ber 
Zheaterregie geführten Tagebuches) gäbe, wo 
fände man einen reizendern Aufenthalt!" — 
Diefes Lob Wien's, welches in feinen Haupt⸗ 
gügen jeder unpartheiifche Beobachter beftätigen 
muß, erinnert an nähere Erkundigungen, bie 
man über Kogebue’s Schidfale, fpäterhin, als 
Nie Aufregungen der Leidenſchaften fich gelegt 
hatten; während eined längeren bortigen Aufent= 
haltes einzuziehen Gelegenheit fand. Fortwaͤh⸗ 
rend hatte v. K. dort feine Freunde und Ver⸗ 
ehrer, wie feine Wiberfacher und Gegner: die 
ungünfligen Urtheile und die Lobfprüche vorur⸗ 


theilsfrei gegen einander abgewogen, muß- man 
als entſchieden annehmen, daß er das ſchwierige 
Geſchaͤft der Theaterregie mit redlichem Willen 
und großem Eifer, zur Vervollkommnung der 
Hoftheater zu wirken, uͤbernahm, daß er viele 
Kenntniß des deutſchen Theaterweſens im Allge⸗ 
meinen mitbrachte, und ohne ſich durch Hinder⸗ 
niſſe irre machen zu laſſen, manches Nuͤtzliche 
und Gute bewirkte. Dagegen wurde er in die 
erzaͤhlten Unannehmlichkeiten verwickelt durch die 
ihm mangelnde Kenntniß der ſpeciellen Cabal⸗ 
und Perſonalverhaͤltniſſe, durch die Leichtfertig⸗ 
keit, womit er ſich dem Vertraun und dem Miß⸗ 
traum hingab, durch die in fich tragende Eitel⸗ 
feit und duch Unvorfichtigkeiten, zu denen ihn 
feine Reigbarkeit nur zu oft hinriß. Je mehr 
Sinn Herr v. Kogebue für die Zreuden eines 
genußreichen „geſellſchaftlichen Lebens hatte, um 
ſo mehr gefiel er in dieſer Hinſicht in den Wie⸗ 
ner ‚Birkeln, die ben gebildeten Fremdling mit 
fo großer Wilfährigkeit in ihre Mitte aufnahs 
men. — Unmittelbar nach feinem Rüdtritte von 
ber Theaterregie erließ der Baron von Braun 


— 270 — 


xin Cirkularſchreiben an bie Hofſchauſpieler, im 
welchem er des Herrn von Kotzebue's ehren⸗ 
voll gedenkt, mißbilligend der wider ihn gemach⸗ 
ten Raͤnke, erwaͤhnt und ſeinen Verluſt mit allen 
Zeichen der Freundſchaſt beklagt. 
Fuͤr den vielfach gehabten Verdruß ſuchte ſich 
Herr v. Kotzebue zu entſchaͤdigen, indem er 
im Fruͤhling und Sommer 1799, in ber Ge= 
ſellſchaft feiner Familie ‚. Erholungsreifen durch 
das füdliche Deutſchland machte, und dann nach 
ſeiner Vaterſtadt ging, die immer fuͤr ihn ſo 
vielen Reiz hatte. 


Hier in Weimar, wie immer, in großer lite⸗ 
tarifcher Thätigkeit, in der Nähe feiner würdigen 
Mutter," an der fein Herz mit kindlicher Liebe 
hing, ſchien er ein erwünfchtes Aſyl gefunden 
zu haben — doch nur auf kurze Zeit. — Welch 
eine reiche Folge wunderlicher Bilder iſt bad 
Leben diefes Mannes! — 


Gegen das Ende des Jehres 1799 gebich im. 
Herrn v..Kogebue, durch eine ſteete Unruhe: 


N 


im aͤußern und innern Leben umhergetrieben, ber 
Entſchluß zur Reife, Weimar zu verlaffen und . 
die ruffifhen Stasten wieber äu-befuchen. Je⸗ 
Der vernünftige Mann wieberrieth ihm die Auss 
führung. folhed. Planes, bei der damaligen 
Lage ber Dinge, da Kaifer Paul bekanntlich eine 
allgemeine Sränzfperre angeordnet, und einen mit 
(ehr harter Behandlung in Verbindung flehenden 
Verdacht gegen: alles vom Auslande Kommende 
taufendfältig. gezeigt hatte. Beſonders wider: 
wöärtig waren,-wie bekannt, dem Kaifer Schrifts 
#eller, welche, wie Kotzebue, über alles mit⸗ 
zuſprechen die Gelegenheit ſuchten, und als Pas⸗ 
quillenſchreiber beruͤchtigt waren. K. beharrte, 
der Warnungen ungeachtet, bei feinem Vorſatze 
und fand die. Motive Diefer gefahrvollen Reiſe 
in dem feiner Gattin angeblich ſchon bei der Ab⸗ 
reiſe aus Rußland gegebenen Berfprechen, fie 
nach drei Jahren in die Arme ihrer Verwandten 
und Freunde zurückfuͤhren zu wollen, in der 
Sehnfucht, feine in Petersburg zuruͤckgelaſſenen 
Kinder zu. umarmen, und in ber Nothwendigkeit, 
über feine und feiner Frau dortige‘ Beſitzungen 


Unorbnungen zu treffen, die eine perföntiche Ge⸗ 
genwart nothwendig machten. Nur vier Monate 
foßte die Reife dauern, Durch den ruffifcher 
Sefändten zu Berlin, Herrn von Kruͤdner, 
bewarb ſich Herr v. K. nach jenen Zwecken ſei⸗ 
ner Reife um die erforderlichen Paͤſſe. Er er⸗ 
hielt eine ‚günftige Antwort mit dee Aufforderung, 
den beabfichtigten Weg der Reife ungefäumt ana 
zuzeigen, bamit den Schwierigkeiten, die, ohn⸗ 
geachtet des Paffes, auf der Gränze flattfinden 
würden, durch einen ausbrüdlichen Befehl vors 
gebeugt werben koͤnnte. — Diefe Anzeige fhidte 
er fofort ein, und barauf benachrichtigt, daß die 
Päffe in Berlin zum Empfang bereitet, beganız 
er am 10ten April 1800,. in Begleitung feiner 
Frau und drei Feiner Kinder, von Weimar aus 
das ungluͤckliche Reifenbentheuer, welches er felbft 
in zwei Bänden, unter dem Titel: „Das merk 
wüuͤrdigſte Jahr meines Lebens," Befchries 
ben hat. Wie nothwendig, wird fi ‚die nachz 
folgende Erzählung mit möglichfter Treue jener 
- Darftellung anfchliegen und fortwährend auf 
diefelbe verweifen, — 


Here von Kogebne kommt ach Berlin, a 
findet dort Freundesbriefe aus Lieflanb: und: Pe⸗ 
tersburg, die ihn warnen, : „wohligusbebenten, 
sb auch dad Klima feiner Geſundheit. zutraͤglich 
| 3z er dringt in ben Geſandten, ihm aufrichs 

tig zu fagen, eb wohl die‘ Erlaubniß zur Ruͤck 
zeife, nach vier Monaten, Schwierigkeiten haben 
Sinne; Herr von Krüdner raͤth ihm, nochmals 
nach Peteräburg zu fchreiben und ſich vorher: der 
Erfüllung dieſes Wunſches zu vergewiſſern; buch 
beides nimmt ©. K. auf die leichte Achſel und 
reiſ't von Berlin ab, mit. einem Waffe verſehen, 
der im Namen und auf Befehl des Kaiſers aller 
Reuffen auögefertigt war. (Thl. 1. Seite 9) 
Auf der. Reife neue. Warnungen, die fortwaͤh⸗ 
zenb unberuͤckſichtigt bleiben. Er paffitt die preuß.⸗ 
zuflifhe Graͤnze, wird von einem: Koſaken nach 
Polangen begleitet, dort arretirt und unter Be 
ſchlagnahme feiner Papiere nach Mitau trans⸗ 
portirt. Da er von feiner Familie nicht: getrennt 
wird, ermuthigt:sä fih, nachdem ber. erſte Schrei 
vorüber, und hof; der Kaifer: werke ihn aus 
feinen Papieren ganz kennen lernen, 

18 


— Wi — 


Hofrath Schtf chekatichin, ben v. K.in uͤbler 
Stimmung, mit den graͤßlichſten Farben ſchildert, 
und eines gar hohen Grades von Beſtialitaͤt bes 
ſchuldigt, übergeben. Die Thatfachen, welche Hr 
v. 8. in bem ganzen Berichte feines Zufammens 
lebens mit jenem Hofrath erzählt, zeigen dagegen 
von einer fehr glimpflichen Behandlungs = Weife 
diefed. Mannes; dennoch iſt der Gefangene gegen 
den Vollzieher des unangenehmſten Auftrage® 
hoͤchſt erbittert und meint: „daß bie Wahl eines 
Begleiters für mich auf feine Perfon gefallen, 
war gewiß micht die Schuld des Kaifers, der 
ihn ſchwerlich kannte; denn ich denke, dieſer ges 
bildete Monarch würde aus mancher KRuͤckficht 
mich mit einem ſolchen Manne nicht gepaart 
haben.’ (Thl. 1. S. 50.) So fehr- wurde Hr. 

v. K. durch die fpdter erfolgten Faiferlichen Gna⸗ 
—— verwoͤhnt, daß er keinen andern 
Gedanken hegen konnte, als den, der Kaiſer 
muͤſſe die Abſicht gehabt haben, ihm waͤhrend 
feiner: Gefangenſchaft und Reife einen Aufſeher zu 
geben, der, mit der groͤßten Geiſtesbildung, auf 
die angenehme Unteraltung des alle Rüdfihten 


— 277 — 


ber Zartheit in. Anſpruch nehmenden Gefangenen 
Sorge trage, ſich in jede feiner. Launen ſchicke, 
und ihn, wenn xs ihm gefällig wäre, ſogar ent⸗ 
dichen laſſe. — 

. Man behandelte ihn mit großen Schomung; 
biefe „egards,“ die man für ihn. hatte, ſetzt 
er natürlich nicht auf die Rechnung bes „gefühls 
Yofen Herrn: Hofrath6," fondern.;meint, fie 
wären gewiß. van höherer Hand geboten warden; 
welches, wenn es erwieſen werden koͤnnte, ‚in der 
That eine große Merkwuͤrdigkeit wäre, denn von 
ben „egards,“ :bie.ber Kaiſer Paul fonft beftäns 
big gegen bie nach Sibirien Verwiefenen kenhachs 
ten ließ, find außer der Anute und dem Nafeaufs 
fhligen im Auslanbe ‚keine bekannt. geworben, 
( Thl. 4. Seite-62,) : Ungeachtet . auf:die Bes 
ſchleunigung der Abreife .gebrungen ‚purbe, gab . 
man ihm doch Zeit, fich ein. bequemes Fubrwerb 
onzufehaffen, rieth ihm, fich mit Gelde zu verfors 
gen, Wäfche und, Betten mitzunehmenund andere . 
Reifebedürfniffesugupaden. — Die Kammerfrau, 
ber v. K. bei feinen. ferneren Erzählung. oft dank⸗ 
bar gebenft, die Wingige, deren, Herz beim 


Abfchiede niht krampfhaft zuſammen⸗ 
gefhnürt 'war, ‘die daher weinte (Theil, 1. 
©. 63.7, beforgte des über ben Schmerz bee 
Trennung Untröftlihen Reifeequipage, aber vers 
nachläffigte DieBefolgung jener-vorforglichen Rathz 
ſchlaͤge theilweife, doch in Hinſicht der Hauptfachen 
muß fie. weht nichts vergefien haben, fonft würde 
ie Dienſtherr nicht verfehlen fie in dieſer Schrift 
als eine liebloſe Seele an ben Pranger zu flellen, 
wie weiterhin fo vielen wiederfährt. Im. Gegens 
theil: heißt. fie in der Inhaltsanzeige des zweiten 
Thells: „Die odelmuͤthige Kammerjungfer 
Katharina & eng mann“ und gelegentlich wird 
erwähnt, daß ohngeachtet ber oͤftern Klagen über 
Entbehrung ‚aller nöthigen Lebensbeduͤrfniſſe, ber 
Wagen ſehr gut verforgt gewefen: feyn muß, bis 
auf die Liqueurs, die der Hofrath austramt, und 
das nothwendigſte Silbergefchler, welches unge⸗ 
fährbet die ganze Hin⸗ und Ruͤcreiſe mitmadjte, 

Den Schmerz des Abſchiedes fchildert v. K. 
auf: das Ruͤhrendſte. Die Geſellſchaft beſtand 
aus dem uͤbelbezeichneten Hofrath und aus einem 
Senatskourier, Aleranber Schuͤlkins, be 


eine wahre, aber gutaräthige Veſtie genanut wird. 
(Zhl. 1. Seite 58.) 

Als der Tchredliche Augenblick ber Zremung 
. vorüber war, ermuthigte fich der bis dahin vom 
Schmerze VBernichtete wieder; er. hoffte, im Ver⸗ 
traun auf feinen „ſchuldloſen Lebenswan⸗ 
der’ von der Zukunft das Beſte (Seite 67.) — 
Die Reife ging in der Nacht. von. Mitau nah 
Riga; bei der Weiterreife bemerkte Hr; v. 8. 
nach kurzem Schlummer, bei anbrechendem Tage 
zu feiner großen Beſtuͤrzung, daß ber Wagen 
die ihm bekannte Heerſtraße nach Petersburg ver⸗ 
laſſen, und einen ihm unbekannten Weg, der Duͤna 
entlang eingeſchlagen habe. Seine Beſtuͤrzung 
flieg bis zur Verzweiflung als ihm auf. ber. naͤch⸗ 
ſten Station der Senatskourier heimlich Yertraute, 
er werde nicht nach Petersburg, ſondern neck 
Tobolsk geführt; doch. ließ ex Sich: von biefer 
empfangenen Ungluͤckskunde gegen den Hofrath, 
„ber ſich eben fo. wenig auf Menfchengefichter, 
als auf Kuckuckteier verſtand,“ (Thl. 1. ©. 72.) 
nichts merken; durch das Rütteln bed Wagens 
zu einiger Beſtumig gekommen, erwachte ber 


Gebanke can: Fin chto Dieſe zu vollfuͤhren, rech⸗ 
nete er auf die thaͤtige Unterſtuͤtzung feiner. hier 
in Liefland:wohnenden Bekannten, und als erfle 
Zuftucht: richtete» er fein Augenmerk auf. Das: dem 
Kammerheren von Beyer gehoͤrige und von ihm 
bewohnt werdende Gut Stockmannshof, bei wel⸗ 
chen ‚die. Heerſtraße vorbeifuͤhrte. Er beobachtete 
deſſen Sayligenan und. wußte durch fein dringen 
bes Verlcagen den: Hofratbi'gir. beflimmen, baß 
anf berindchfien Doftklation, an der Graͤnze Lies 
lands Nachtlager gehalten: wurde. LUmgeben: von 
waldigemäpägeln, lag, wenige hundert, Schritte 
vom Poflhanfe, noch zu Stedimannähof gehörig 
ein: Krug, worman übernechtete.. Früher zurüde 
gehalten durch umucherlei Lebenszeichen der wachen 
qhenden Hausbewohner, entfcrlüpfte endlich u Km 
ww: zwei Uhr feinen ſchlafenden Waͤchtern, durch⸗ 
irrte, gequaͤlt von Hunger und Durſt, von Furcht 
vor den Verfolgern, von Gewittern, Regen, Ha⸗ 
gel, von» Sonsenhige und. von den Gebilden 
aufgeregter: Phantafte, den Tag Uber die. Gegend, 
und. erftihte um elf Uhr muͤhſam Stockmanns⸗ 
hof. Die Erfcheinung des Fluͤchtlings ſetzte den 


— OB — 
menſchenfreundlichen Beſttzer in die Aräßte Der: 
legenheit, beſonders. da jener, nachdem .er- ben 
Heißhunger geftilt; :Hälfe und Rettung von dem 
Kammerherrn forderte, indem ihn dieſer auf eines 
feiner: entfernten: Guͤter ſchicken und dort verber⸗ 
gen: fol. Herr: von Beyer und ſeine Gemahlin 
ſchwankten, was Bier" zu machen fen... als ein 
Freund des Hauſes (den v. K. Proftenius 
vennt und ihn, ba er: ſich feinen Planen wider⸗ 
ſetzte; auf feine Weiſe, in ein widerwuͤrtiges 
Licht ſtellt; er hieß Brescius, und war, nach 
unpartheiiſchen Zeugniſſen, ein rechtſchaffener, ed⸗ 
ler, allgemeingeachteter, ruhiguͤberlegender Rann 
wie auch ſchon daraus. vermuthet werden Fan, 
daß er ber vertrante Hausfreund':einer: Familir 
war, die Hr. 9. K— als hoͤchſtverehrungéwerth 
fchildert --) bewies, daß der Plan der Rettung 
bei der gegendaͤrtigen Lage der Dinge völlig und 
ausfuͤhrbar ſey daß, ohne Hrn. v. 8; zu retten, 
die ganze Familie des Hauſes in das größte Un: 
gluͤck geftürzt wirbe;;: „Schon fey,",faigt er, „bet 
Oofrath, den Flüchtäng ſuchend, in, veefloffenen 
Tage wieder auf dem: Gute gemefen, und von 


— 182 ou \ 
dort nach Riga geeilt; nachdem er bie: ganje Ges 
gend. aufgeboten, unter dem Verſprechen nam⸗ 
bafter "Belohnung die Einfangung bes Entflohes 
nen :anbefohlen, und zu derſelben alle möglichen 
Maasregeln getroffen habe. An ein Berheimlis 
chen Kußebue’6 fey um ſo weniger zu gedenken, 
ba das ganze herrſchaftliche Domeflifenperfonale ‘ 
bereits feine. Ankunft wiſſe; dagegen fey des Un⸗ 
glücklichen: Rettung am ſicherſten zu bewirken, 
wein man zögernd :&je Zeit benutze; ber Gou⸗ 
‚verneur. von. Riga, ber General Rehbinder, 
ein Verwandter bed. Haufes, muͤſſe unbezweifelt, 
bes. Vorfall wegen, nach Petersburg betichten, 
und dieſe Gelegenheit möge-&— zu feiner Vers 
theibigung benutzen. — Kotzebue blieb dabei, feine 
Rettung zu: verlangen, ohne das namenlofe 
Elend, welches eine fchuldlofe. Familie, bei 
bem Mißlingen des Berfuches nothwendig tref⸗ 
fen mußte, irgend einer Berüdfihtigung zu 
würdigen. Die vom Hofrath vorgezeigten kai⸗ 
ferlichen Befehle machten, ohngeachtet ber fort= 
dauernden gaftfreundblichen Bewirthung zu Stods 
mannshof, für. die Nacht eine nähere Aufmerk⸗ 


— 283 — 

ſamkeit auf bie Perſon bes Hrn. v. 8-5 nothe 
wendig, bie er. aber ſehr übel nimmt und bem 
Herrn Brescius zum großen Verbrechen ans 
zechnet. Ja Hr. 0.8. verfichert: „Sch. verfichere 
auf meine Ehre, daß ich an der Stelle bes Hrn. 
von Beyer, felbit mit den zarteſten Begriffen 
von Unterthanenpflicht, die Vorficht nicht fo weit 
getrieben Haben würde.” — (hl. 1. ©; 124.) 
Der Berichluß der Fenfterladen ift- ihm. beſonders 
unangenehm; es. fcheint ihm binlänglich, - wenn 
vor Zhür und Fenſter eine Wache” geftellt: wäre. 
„Hatte ich,” fügte er hinzu, „Lift und Gluͤck 
genng, dieſe Wache zu hintergehen, fo. war Herr 
bon Beyer (nad Kotzebue's Meinung) auffer als 
fer Verantwortung; benn wer Tonnte von ihm 
fordern, daß er in feinem Haufe ein Magazin 
von Riegeln und Ketten für Staatögefangene m 
Bereitſchaft Halten ſollte? — Ah Proftenius! 
Proſtenius! auch das war gewiß bein: Werk! 
du wollteft, daB es in meinem Schlafzimmer eben 
fo finfter ausfehen ſollte, als in deinem mitleids 
Tofen Herzen. ZH 1. S. 125.) — 
Am Morgen 'fehrieb v. K. Briefe an ben 


— 484 — 


Kaiſer, au den Grafen Pahlen, am den oͤſtreich⸗ 
ſchen Geſandten zu Petersburg, und an ſeine 
eigene: Frau; indeß erhält:.er Nachricht von der 
Ankunft :des Hofraths und des Senatskouriers. 
Beide treten ein und machen ihm, nach eigenem 
Geſtaͤndniſſe, gar keinen Vorwurf, behandeln 
ihn nach wie vor, ob feine Flücht, wäre fie nicht 
verhindert worden, beiden gleich das größte. Uns 
glirck zugezogen haben wuͤrde, zuvorkommend 
freundlich und: hoͤflich; fie begnuͤgen ſich, ihm 
nur das bei fich führende baare Geld, was jedoch 
fein Eigenthum bleibt und nur in Verſchluß ge⸗ 
nommen wird, abzunehmen, um fo den Vexrſuch 
einer zweiten Flucht zu erſchweren. Diefe letztere 
Maaßregel. wird fo ſchonend ausgefuͤhrt, daß er 
ein Sackchen wit hundert Rubeln, das ihm ein 
Maͤdchen heimlich reicht, verborgen behalten 
kann — — und dennoch wind ber Hofrath, ber fo 
bei. einer. ſchweren Pflichterfüllung zarte Menfchs 
lichkeit übte, von Hrn. 9.8. mit ſchnoͤder ‚Vers 
achtung hingeſtellt. | 

In Stodmannshof mit vielen Veweiſen der 
thaͤtigſten Menſchenfreundlichkeit ausgeſteuert, mit 


— 288s — 
Pelzſchlafrock, Tuchmantel, Schlafmuͤtzen, Stier 
feln, Lebensmitteln und andern Reiſebeduͤrfniſſen 
beſchenkt, ging dann bie Reife mit verdoppelter 
Borficht ſchnell ihrem traurigen Ziele entgegen. 
Wenn in den Pofthäufern übernachtet wurbe, 
traf man Vorfichtsmaaßregeln, zur Sicherung 
ber Perfon des Gefangenen; man ftellte Wachen, 
verſchloß die. Benfterladen u. f. f. melches jener 
„gewaltige Anflalten” nennt. — V. K—s Ges 
fundheit litt ſichtbar, die Zeichen der Theilnahme 
welche fein Auffeher bewies, mißt jener in feind= 
licher Verblendung, nicht dem Menjchengefühle 
nur ber Beforgniß bei, die dem Hofrathe der 
Gedanke der Berantwortlichkeit machen fol. Da 
Vegterer zu. einem abzufendenden kurzen Rapporf 
längere Zeit verwendet, entſcheidet v. K. daß 
er Fein großer Sefchäftsmam, „mithin zu nichts 
zu gebrauchen fey, als zum Büttel,. ber die Vers 
sirtheilten auf den Richtplag ſchleppt.“ (Thl. 1- 
Seite 154.) 

: ‚Die Reife führt über Polozk, Smolensk, nad) 
Moskau, wo des Gefangenen zunehmende Entz 
bkraͤftung einen zweitägigen Anfenthalt nothwendig 


— WE — 
neuem Schreien, daß der. Laiferliche Beſcht das 
Zobolokꝰſche Gouvernement. nicht ‚aber; bie Stadt | 
Tobolsk zu feinem Aufenthalte anweife, weshalb 


. ber angenehmen Lage und des guten Schlages 


der Einwohner wegen, bad. 43% Werfte oder 64 
deutfche Meilen weit zur Seite gelegene Kurgan 
zu - feinem Fimftigen Wohnorte gewaͤhlt wird; 
Da ihm indeſſen vergoͤnnt bleibt, zu feiner Er⸗ 
holung mehtere Tage in der Gouvernementsſtadt 
zu verweilen, ſo wird ihm die Freude, ſich uͤber 
die großen Augen zu beluſtigen, die .der nım ſeine 
Auffehenfamttionen beendet. habende Hofrath macht, 
als er fieht,. daß fo viele Menfchen: in Tobolsk, 


ihm, dein Herrn von Koßebue „ven: Hof mas 


hen; (Thl. 41. ©. 219), und bie Verfiherung 
verläutet,. „baß mehrere feiner (bed Hrn: v. 8.) 
Stüde.. anf dem Zobolöfifchen Theater geſpielt 
werben, freilich elend, aber doch mit großem Beia 
fall, vaß daher feine (des Hrn. v. K—s) Anz 
kunft in ber Stadt mehr Senfation gemacht habe, 
als wenn ber: KRaifer ſechs Generale en 
Chef hingeſchickt var “(he 1. 
Seite. 224.). — : Br 


Unter To erheiternden Abfpekten benutzt v. K 
och die Zeit’ feines bortigen Aufenthalts zur 
Ausarbeitung eines Memorial an ben Kaifen, 
worin er ‚bittetihn feine Schuld. wiffen zu lafs . 
‘fen, damit er fh vertheibigen koͤnne, und um 
Begnabigung .Mpht. — Die Beforgung beffelben 
uͤbernahm der Gouverneur; der Beförderung ber 
Kaufleute. übergab er zehn. Briefe anfeine zuruͤck 
gelaffene Gattin. Nachdem er ſich mit den Le⸗ 
bensbeduͤrfniſſen mancher Art verfehen, von einem 
Freunde ſich Buͤcher geliehen, und einen Bedien⸗ 
ten genommen hatte, deſſen eigentliches Hand⸗ 
werk Betruͤgen war, ber gut baden: und kochen 
konnte, überall Beſcheid wußte und den -Kuppfer 
fpielte (Thi. 4. ©. 249.), trat er den 13ten 
Inni a. St. feine Reife zu dem Orte feiner Bes 
flimmung an; wo er,' na ben Empfehlmgen 
des Gouverneurs mit der zuvorkommenden Hetze 
Aichkeit aufgenommen wurde, bie zwiſchen Uns 
glüdsgefährten ſo natuͤrlich iſt. Schnell richtete 
fh v. K. fo gut ein; als ed die Srtlichen Vers 
haͤltniſſe irgend verflatteten. Seite Lebensorbnung 
befchreibt er folgender Geftalt:: „Morgens um 

19 


— 290 — 


ſecht Uhr-fland ich auf, und wendete eine Stunde 
‘am, ruffiſche Vokabeln auswendig zur lernen; denn, 
da von allen Bewohnern des ganzen Stäbchens 
niemand eine. andere. Sprache,. ald bie: ruffifche 
verfland, fo war es für mic hoͤchſt nothwendig, 
daß ich ſie beſſer zu erlernen ſuchte. Dann fruͤh⸗ 
ſtuͤkte ich, wu ſchrieb mehrere Stunden an der 
Geſchichte meiner Leiden. Nach dieſer mir faſt 
lieb gewordenen Arbeit ging ich, gewoͤhnlich in 
Schlafrock und Pantoffeln, eine Stunde am To⸗ 
bol ſpatzieren, wo ich mir einen Gang gerade 
von.zwei Werften abgemeſſen hatte, und wohin " 
ich durch ‚die Hinterpforte gelangen Tonnte, ohne ' 
jemanden zu begegnen. Bei meiner Zurüdtmft 
las ich. noch .eine. Stunde im Seneca; dann vers 
zehrte ich mein frugaled Mittagsmahl, warf mich 
aufs Bett, ſchlummerte, und las dann in Pallas 
der Gmelins Reifen, bis Sokoloff Fam, mich 
zur Jagd abzurufen. Nachher tranf er gewoͤhn⸗ 
li Thee mit mir, wobei wir unfere Schidfale 
wiederholten und einanber unfere Hoffnungen mits 
theilten, oder unfere Furcht gegenſeitig mit ſchwa⸗ 
chem Glauben befämpften. Wem er fort war, 


v . 
.%* 


— 291 — 


las ich wohl noch eine Stunde im Seneca, ſpielte 
dann. eine Weile grande patience mit mir ſelbſt 
und ging enblichwmehr oder weniger ſchwermuͤthig 
Schlafen, je nachdem — faſt fchame ich mic, es 
zu gefteben — das Spiel mehr oder weniger 
guͤnſtig für mich ausgefallen war." — (Thl. 1. 
S. 298.) „Da ich immer ein felßenfchaftlicher 
Jaͤger gewefen bin, fo gab mir die Erlaubniß 
zu jagen einen fehr angenehmen Zeitvertreib.” — 
(S. 305.) „Ein anderer, mid oft angenehm 
zerftreuender Zeitvertreib waren meine Spaßiers 
gänge am Tobol. Es gab da einige Waſchplaͤtze 
wo die jungen Mäbchen aus der Stadt fich vera 
fammelten-, und nach dem Wafchen auch ſelbſt zu 
baben pflegten. Diefes Baden wurde bei ihnen 
zur bewunderungswuͤrdigen gymnaflifchen Uebung: 
fie fchwammen obne alle Anftrengung über den 
- Zobol hinuͤber und wieder herüber; fie gaben ſich 
oft, lange auf dem Ruͤcken liegend, den Wellen 
Preis; ſie ſchaͤckerten mit einander im Waſſer, 
bewarfen ſich mit Sandklumpen, verfolgten ſich, 
tauchten unter, ergriffen einander und warfen ſich 
um; kurz, fie trieben es oft fo arg, daß die un: 
19* 


— 12 — 


kundigen Zuſchauer alle Augenblicke fuͤrchten muß⸗ 
ten, ein Paar von ihnen auf immer unterſinken 
zu ſehen. Alles dieſes geſchah uͤbrigens mit der 
größten Decenz. Da nur bie Köpfe aus dem 
Waſſer herdorragten, fo wußte man oft lange 
nicht, ob Knaben oder Mädchen darin ſchwammen. 
Den Bufen fehen zu laffen, konnten fie freilich 
nicht verhuͤten; und das fehien ihnen auch ziem⸗ 
lich gleichguͤltig zu ſeyn. Wenn fie aber bes 
Spieles muͤde waren, und nicht laͤnger im Waſ⸗ 
ſer bleiben wollten, ſo betrugen ſie ſich ſehr 
ſchamhaft, und baten den neugierigen Zuſchauer 
entweder fo lange, bis er ſich gutwillig entfernte, 
oder, wenn dieſer zuweilen mit boshafter Scha⸗ 
deufreude dennoch ſtehen blieb, fo zogen die Maͤd⸗ 
chen am Ufer einen dichten Kreis um die Nackende 
die aus dem Waſſer hervorkam. Jede warf ihr 
dann ein Kleidungsſtuͤck zu, und in einigen Au⸗ 
genblicken ſtand ſie zuͤchtig gekleidet unter den 
uUebrigen. Immer waren dieſe Maͤdchen munter 
und muthwillig; immer lachten und ſchaͤckerten fie. 
Der Stabtooigt, ein großer Verehrer des ſchoͤnen 
Geſchlechts, Fam zuweilen gegen Abend zu mir, 


— 1 — 


blos um ſich an mein Fenfter zu feßen, und bie 
fänmtlichen Schönheiten von Kurgan, welche im: 
mer von Zeit: zu Zeit Waſſer holten, vorbei paf- 
firen zu fehen. Er nannte mir dann eine nad 
der andern, rühmte auch mehrere als gutwillig; 
und die verſchaͤmte Freundlichkeit, mit ber fie 
ihm zuzuniden pflegten, bewies, daß er aus Er; 
fahrung ſprach.“ — (Thl. 1. &. 306.) 

Mit den,: durch die ganze Kobebuefche Ber 
fihreibung des merfwürdigften Iahres feines Les 
bene fortgehenden Hinbeutungen auf ein unendlich 
zaͤrtliches ehliches Verhaͤltniß, bildet das ‘öfter 
wiederkehrende Verweilen bei ſolchem, große Luͤ⸗ 
ſternheit verrathenden, „zerftreuenden Zeit: 
vertreibe“ einen ſeltſamen Kontraſt. Wie heiß 
er auch die Sehnſucht zu feiner Gattin ſchildern 
mag, fo verfäumt er doch Feine Gelegenheit, mit 
Bohlgefallen ſich andere Schönen, bie ihm auf 
dem Lebenswege begegnen, zur Kürzweil dienen 
zu laffen, und darüber mit einer -wohlgefälligen 
Ausführlichkeit zu reden. Beſonders ift es, nach 
feinem Geftändniffe, die boͤſe Langeweile, bie 
feine Aufmerffamteit den Srauenzimmern zuwen⸗ 


— 204 — 


det. So erzaͤhlt er z. B. von ſeinem Aufenthalte 
in Kaſan, der ihm ſehr langweilig verfloß (Seite 
490.): „Eine einzige Beine Zerfireuung gewährte 
mir ein fehr huͤbſches junges tatariſches Weib, 
die Frau eines alten Zataren, der unter uns 
wohnte; nicht als ob ihre Tugend und- Schönheit 
mich im mindeften intereffirt hätten, fondern weil 
mir bie tatarifchen Sitten fo neu waren. Kin 
tatarifches Weib oder Mädchen: muß: nämlich, 
fo oft fie eine fremde Mannöperfom gewahr wird, 
fliehn oder ihr Geficht verhüllen, : Nun hatte die 
arme junge Zrau fehr. oft etwas in einer Art 
von Vorrathskammer zu, ſchaffen, welche quer 
über dem Hofe, meinem Fenſter gerade gegenüber, 
war. Wenn fie nun ihr.Gefchäft vollendet hatte, 
und mih am Fenfter erblidte, fo zog ſie ſich 
zuerſt ſchnell zuruͤck, und wartete ab, ob ich nicht 
das Fenſter bald verlaſſen würde. Dauerte ihr 
aber ihre Gefangenfchaft zu lange, fo’ bebedte 
fie fih mit einem Tuche, ober, wenn fie keins 
bei der Hand hatte, auch wohl nur mit ben vors 
gehaltenen Armen, was ihr zuweilen fehr fauer 
wurbe, da ſie gewöhnlich allerlei geholt, und 


— 115 — I 
folglich die Haͤnde nicht frei hatte. Zuweilen 
verſuchte ſie auch, ſich des Zipfels ihres Halstu⸗ 
ches zu bedienen; dann gerieth aber wohl gar 
ihr Buſen in Gefahr gefehen zu werben. Wenn 
fie diefe Gefahr in aller Geſchwindigkeit verhüten 
wollte, fo fiel ihr etwas aus der Hands fie mußte 
fi) büden, ed aufheben; und fiehe dat Geſicht 
und Buſen ſtand indeffen den ungeweihten Blicken 
offen. Es iſt unmoͤglich, mehr Schamhaftigkeit 

mit mehr Koketterie zu. verbinden, als dieſe junge 
Frau; und zu einer andern Zeit wärben’ wich ihre 
Peinen Kuͤnſte ſehr ergögt haben — 
Indeß Herr v. Kogebue: feinen : Gewuths⸗ 
8* durch Wiederholung einiges. Stellen. aud 
feinen Lektüre, dem. Seneca, ſchildert, bruͤtete & 
einen neuen Plan zur Flucht aus, def Tür den 
. . Ball berechnet war, daß feine geliebte-&attin 
ihm nachkaͤme; dann wollte er eine zunehmende 
Kraͤnklichkeit und Geiſteszerruͤttung affektiren, 
endlich den Verdacht erregen, als habe er ſich 
in dem Tobol erſaͤuft; dies follte nach Petors⸗ 
burg gemeldet, er ſelbſt vergeſſen werden, damit 
er dann heimlich mit, ſeiner zuruͤckkehrenden Frau 


— 106 — 
nach Eſthland reiſen und von dort uͤber Schwe⸗ 
ben nach Deutſchland gelangen koͤnne. — Doch 
eine guͤnſtige Wendung des Schickſals verhuͤtete 
das Beginnen und Mißglüden dieſes abentheuer⸗ 
lichen Planes. 

Er lebte unter ben "guten Kurganern, bie 
ihn mit vffenen Armen und Herzen aufnahmen, 
um fo glüdlicher, da fie ihn gar bald. auch als 
Schriftfteler: bewundern lernten; nicht ald ob er 
dort in Sibirien zu neuen Werken Zeit und Luft 
und Muße gefunden hätte, nein! ein glüdlicher 
Zufall ließ damels gerade, erwinfchter Weiſe, 
in der Moskauer Zeitung den auögezeichnetes 
Beifall verkuͤrdigen, welchen die Kotzebne'ſchen 
Schaufpiele bei den Goglinden genoffen. Bl. L 
8.322) . . 

Ehe er noch irgend eine Wirkung feines 
Memorials an den Kaifer erwarten Eonnte, dus 
dert fich plöglich die Scene. — Schon am ten 
Juli a. St. erfcheint ein vom Gouverneur abs 
gefsndter Dragoner mit ber officiellen Bekannt⸗ 

machung, daß zu Tobolsk ein Senatds Kourier 
angekommen und ben kaiſerlichen Befehl zu Kos 


— 297 — 
gebue's Surhäberufung Überbracht babe We 
anerwarteter bie Verbannung war, um fo größer. 
iſt nun die Freube, das Entzüden über die Bei 
gnabigung. Aus: Gefälligkeit gegen bie, bie leb⸗ 
baftefte Theilnahme beweifenden, guten Kurges 
mer, wohnt v. 8. an bem Zage ber Erlöfungss 


botfchaft noch einem Kicchenfeite bei, wo dd 


Heilige eines benachbarten Dorfes dem Gtabts 
heiligen von fech6 huͤbſchen Bauermaͤdchen ent 
gegengefragen wird (Xheil II. S. 13.); dann 
eilt er im geſtreckten Galopp am folgenden Tage 
gen Tobolsk. Unterweges nöthigt ihn eine zer⸗ 
brochene Wagenachſe in einem tatarifchen Dorfe 
zu verweilen. Er vertreibt ſich die Zeit, indent 
ee der jungen Frau feines Wirthes einen Spiegel 
vorhaͤlt, (S. 22.), über die Vielweiberei Erkun⸗ 
bigung einzieht und erfährt, daß für die Männer 
bei derfelben ber Vortheil flatt findet, eine junge 
rau nehmen zu koͤnnen, wenn die fchon habende 
alt wird, und daß, wenn bie Eine brummt, bie 
Andere lacht. Durch die eingeftreute Bemerkung, 
daß dies für die Männer fehr gut fey, nur nicht 
für die Weiber — wobei er feine „huͤbſche Wirthin 


— 298 — | 
. anfiebt, gewinnt das junge Weibchen;“ denn fit 
“bringt ihm freiwillig Eier. (Theil II. ©. 24 
und 25.) - Endlich, als das Fuhrwerk wieder in 
Stand gefekt, trennt man ſich mit gegemfeitigem, 
berzlihen Wohlwollen (S. 29), und. der Gluͤck⸗ 
liche trifft den Yten Juli zu guter Zeit in To⸗ 
bolsk ein. Er eilt zu. dem Gouverneur, wirb 
liebevoll bewillkommt, abes nievergefchlagen, dort 
Beine Nachricht von feiner Frau und. feinen Kin⸗ 
dern zu finden. Der gefchriebene Befehl des 
General: Profurators fagt: daß der v. K. augens 
blilich.-in- Freiheit zu feßen, nach Peteräburg 
gu fenden, und auf Koften der Krone mit allem, 
was er. brauchen und verlangen werbe, zu vers 
feben fey. — Hieraus, wie aus ber dem Kou⸗ 
zier ertheilten Specials Inftruttion, exrſieht er, 
dag man in Peteröburg von feiner Unfhuld voͤl⸗ 


- Big. überzeugt feyn müffe; denn ed war. ja: bes 


fonderd anempfohlen, für ihn auf. der Reiſe 
Sorgfalt zu tragen. „Dazu hatte man aber,‘ 
fo erzählt v. 8. ©. 32, „eben nicht ben rechten 
Mann gewählt; denn Herr Carpow (fo heißt ' 
der Kourier) war ein ungezogner junger Menfch, 


fo bequem und faul, wie ein Schooshunb * 
Er befümmerte fih um nichts; ihm war es gang 
gleichgültig, ob wir fehnell oder langfam fuhren. 
Auch hatte.er.gar nicht dad, Leuten feiner 
Art fonft fehr eigene Talent, die Pofihalter, 
Poftilione u. f. fe Dusch ein herrifches, ins 
folentes Weſen, durch Schimpfen und, 
Drohungen anzufpornen. Das merkte 
man ihm überall fogleih an, und feine 
nie zu erfchütternde Indolenz ftellte in ber Folge 
‚meine Geduld auf harte Proben. Sonft. war er 
‚ein recht guter Menſch, ein verborbener Apothes 
Terburfche, der nortrefflich hinter den Dfen taugte, 
um bei feiner Mama Butterbrod- zu eſſen.“ — 
Da ift wieder ein für des Herrn v. K—8 Sinnes⸗ 
art fo bezeichnendes Karrikaturbildniß. Er fehnt 
fih zurüd; da. die Reife aber nicht fo ſchnell 
‚geht, wie ex ed wünfcht, ſchmaͤht er auf ben 





.\ 


*) Dagegen wär Fin anderer Kourler, „ber, denfelben 

. Weg madhend, die Peitfche zur Hand nahm, und 

bei Menfhen und Vieh die Faulpeit kräftig 

austrieb,“ bem Deren v. Kopebue ein Mann nad 
feinem Herzen. (Theil II. ©. 44.) 


— 300 — 


ihn begleitenden Kourier, und macht ihm das 
zum Verbrechen, was fuͤr den verſtaͤndigen Beob⸗ 
achter gerade das Wahrzeichen des hoͤheren mo⸗ 
raliſchen Gefuͤhles iſt, daß jener naͤmlich nicht 
durch inſolentes Weſen, durch Schimpfen und 
Drohungen den unvernuͤnftigen Forderungen Kotze⸗ 
bue's Vorſchub leiſtet. Ja, auch bie hier gat 
nicht hergehoͤrige Jugendgeſchichte des ihm ein: 
mal unangenehmen Mannes, der geſtaͤndlich 
„fonſt ein reht guter Menſch“ ſeyn fol, 
muß dazu dienen, ihn zu verläftern: er iſt ein 
verborberter Apothekerburſche, der vortrefflich hin⸗ 
ter den Ofen taugte, um bei feiner Mama 
Butterbrod zu eſſen. — Wie würde ed Herrn . 
v. Kotzebue gefallen, was würde er gefagt haben; 
wenn eben diefer Mann auf gleiche Weife, ohne 
Dazu Beruf zu haben, ihn felbft einen verborbe: 
nen weimarfchen Regierungsadvokaten oͤffentlich 
genannt haͤtte, der, wenn er hinter dem Ofen 
bei ſeiner Mama geblieben und Butterbrod ge⸗ 
geſſen, nie in die Verlegenheit gerathen waͤre, 
eine Exkurſion nach Sibirien machen zu muͤſſen? — 

Die Ruͤckreiſe aus Sibirien ging, des geaͤuſ⸗ 


— 301 — 


ſerten Mißvergnuͤgens uͤber die Langſamkeit ohn⸗ 
geachtet, ſehr ſchnell; ſchon den 16ten Juli a. St. 
erreichte v. K. Katharinenburg, den 18ten Perm, 
ben 22ften Kaſan. Zu Nifchnei - Nowogorod 
wird es mit zuvorkommender, faſt zubringlicher 
Höflichkeit von der Pofldireftorin, einer jungen, 
blühenden Dame, bewirthet, beren. Verlangen, 
feine Befanntfchaft zu machen, eine Scene her⸗ 
beiführt, die er recht. anmuthig befchreibt; er er: 
zählt: „So ein großer Freund des (hönen 
Geſchlechts ich auch bin, fo fekte mich doch die 
Erſcheinung meiner Wohlthäterin in nicht ges 
singe. Berlegenheit. Ich fland ihr gegentiber, 
wie ein Cyniker einer Aspaſia; ihre holde Freund⸗ 
lichkeit Eonnte meine Verwirrung nicht befiegen, 
wenn mein Blid auf den zerlumpten Schlafrock 
oder. gar in einen Spiegel fill. Was wurbe 
aber vollends aus mir, als fih nach und nach 
- daB ganze Zimmer mit Herren und Damen vom 
erften Range, Ruffen und Deuffchen, füllte, die 
fi) alle höflich zu mir drängten, in deren Mitte 
ich ganz allein, wie ein König von Spanien, 
effen mußte, bie mich bald durch herzliche Theil⸗ 


— MM — 


nahme rührten, bald durch ſchmeichelndes Lob 
verwirrten, und endli gar ben. erflen Band 
meiner Schaufpiele herbeiholten, um -die Achns 
lichkeit des davor befindlichen -Bildniffes an dem. 
Yangbärtigen Originale zu erproben! — So reich= 
liche Nahrung auch mein Körper und meine Eis 
telfeit hier zugleich hefamen, fo geſtehe ich doch: 
gern, daß ich dieſes Genuffes erft recht froh 
wurde, als ich wieder in meinem Kibitken faß. 
Dann aber — warum fol ich ed leugnen! — 
gewährte es mir eine angenehme, ſchmeichelnde 
Erinnerung, noch an ben Gränzen von Aſien, 
und ſelbſt in diefem, dem Rufe nad) fo unwirth⸗ 
baren Welttheile, Freunde meiner Mufe -gefuns 
ben zu haben, bie mir im bebrängten Stunden 
meined Lebens. willig mit Zroft und Hülfe ent⸗ 
gegentamen, weil fie in mir einen alten Bes. 
kannten ſahen, den fie ſchon lange lieb gewonnen 
hatten. O, diefer Lohn ift wahrlich mehr werth, 
als Zournallob, das heut zu Tage — möchte ich 
beinahe behaupten — an lebende Dichter nie 
anders, als aus trüben Quellen gefpendet wird." — 
(Theil IL ©. 55 bis 57.) 


— 30 — 


Gleich darauf theilt Hr. v. K. ein neues 
Reiſeabentheuer mit (Seite 58 bis 63), wo er 
durch feine Wachſamkeit großer Gefahr, Mord - 
ober Beraubung entgangen zu ſeyn wähntz jes 
doch erwedt die ganze Erzählung: die Vermus 
thung, als ob .diefe Gefchichte ein Spiel der 
Phantaſie oder eine nicht fonderlich gerathene . 
Siktion ſey. — | " 

Er trifft den 28ſten Juli in Moskau ein, und 
gelangt, wenige Tage nachher, über Twer, Niſch⸗ 
nei = Woloffihot, Nowogorod und Zarskoͤſolo 
gluͤcklich in Peteroburg an. Mit der Schilderung 
ber Freude des Wiederfehens feiner Gattin, feis 
ner ‚Kinder, feiner vertrauten Sreunde, verbindet 
er die Darftellung der Sorge um ihn, und bes 
kunmervollen Aufenthaltes, den indeß feine Fa⸗ 
milie in Efihland gehabt gehabt, bis fie den 7ten 
Suni.a..St. vom Grafen Pahlen benachrichtige. 
worben, . daB des Kaifer den Verbannten nach 
Deteröburg: zuruͤckkberufen, und auch ihr ben Aufs . 
enthalt dafelbft erlaubt habe. Hier werden bie 
Freunde der Kogebuefchen Familie zu Reval nam⸗ 
baft gemacht und in Kontraß geftellt, ‚mit des 


— 304 — 
gen, die des Hrn. v. 8. Forderungen und. Er: 
voartungen nicht gehörig erfuͤllten. Befonbers 
wird ed dem Gouverneur von Kurland vorgewor⸗ 
ten, daß er fih der Kogebuefchen Familie nicht 
angenommen, ber rau v. Kogebue, als fie 
fih einft bei ihm Audienz verfdaffte, artige, 
nichts bedeutende Dinge: fagte. und feine. eigene 
Frau mit ihrer Schwangerfchaft, die fie: hinderte 
die Unglüdliche bei fich aufzunehmen, entfchuls 
digte. — Die Wahrheit aber iſt, daß ber Gou⸗ 
werneur von Driafen ben Herrn v. Kogebue 
bei feiner Arretirung und Zransportirung mit” 2 
der ausgezeichnetſten Schonung und Menſchen⸗ 
freundlichkeit behandelte, wie die Erzählung 
im erflen Xheile des merfwürbigfien Jah⸗ 
zes, felbft ergiebtz; daß er fich aber, mit einer 
ſehr klugen Berechnung feiner officiellen Stellung; 
weiterhin ſehr forgfältig von der: Kopebuefcher 
Familie entfernt hielt, um fo, mit dem beften 
Erfolge, gefahrlos für dieſe verlaffenen Unglüds 
lichen wirken zu können. Solches politiſche Bes 
nehmen machte der argwähniiche Späherblid des 
Kaiferd nothwendig. — 


" nn 305 [ U 


Unter Sreudenfcenen mancher Art, diev. & 
mit großer Reichtigfeit an einander reiht, verlebte 
er bie erften Zage feiner Heimkehr zu Petersburg, 
und fah gar bald die guͤnſtige Veränderung ſei⸗ 
nes Schickfals noch erhöht, da er unter dem 13, 
Auguft a. St., als reichliche Entfchädigung für 
das erlittene Ungemach, durch eine Taiferliche 
Ulafe das in Biefland gelegene Krongut, Worro⸗ 
kuͤll, mit 400 Bauern, gefchenkt befam, wodurch 
er ein jaͤhrliches Einkommen von 4000, Rubeln 

. erhielt. — Diefe audgezeichnete Gnadenbezeugung 
fahrt unmittelbar auf bie Frage: was benn wohl 


eigentlich die Veranlaffung war, die den Kaifer. 


perfönlich bewog , jetzt über v. K. fo harte Maas⸗ 
regeln zu verhängen, und ihn dann gleich Darauf 
mit reichen Geſchenken zu begaben, beides ohne 
fihtbare Motive. — Nah dem argwöhnifchen 
Earakter des Kaiſers Paul, nach feinem Wis 
bermillen, den er gegen Schriftflellerei hegte, nach 
der Laume des Augenblicks, die oft wechſelnd feine 
Handlungen entfehied, mußte. ein Mann, wie 
Kogebue, bei einem verbreiteten und Köchft zweis 
deutigen Rufe, fehr viel wagen, wenn er. die 
I 20 


— 306 — 


Groaͤnzen des damals geſperrten ruſſiſchen Reichs 
uͤberſchritt, und die Warnungen vernünftiger Ueber⸗ 
legung und rathender Freunde nicht achtete. Dieſe 
Unvorſichtigkeit, dieſer Leichtſinn, der beſonders 
bei einem ſich als zaͤrtlich beſorgten Familienvater 
ſchildernden Manne unverantwortlich iſt, berech⸗ 
tigt zu harten Vorwuͤrfen, wenn v. K. im Ver⸗ 
lauf der Geſchichte ſelbſt geſteht, daß ſeine mit 
ſich gefuͤhrten Papiere, auf deren Schuldloſigkeit 
er ſich ſonſt ſo vieles zu Gute that, namentlich 
ſein Tagebuch, Aeuſſerungen dieſer Art enthielten: 


„Der Kaiſer Franz ſey ein ſehr gerechter 
Mann, der nie ohne die ſtrengſte Unterſuchung 
einen Angeklagten verurtheile. — Freilich der 
Kaiſer Paul findet es ſelten der Muͤhe werth, 
eine Unterſuchung anzuſtellen.“ — (Thl. 2. S. 
109.) V. Kotzebue, der in Wien in dem boͤſen 
Rufe eines Jakobiners ſtand, dem nach ſeiner 
Abreiſe von dort manche feindſelige Gerüchte 
folgten, deſſen Name ſehr uͤble Erinnerungen 
weckte, zog, als er den argwoͤhniſchen Kaiſer um 
Paͤſſe bat, den Verdacht auf ſich, daß er als 


- 


— 30 — 
Emiſſaͤr, oder als Auflaurer nach Rußland komme, 
und der Kaiſer entſchied kurz und gut dahin, daß 
der Ankoͤnimling einen ſolchen Wohnort und ein 
ſolches Verhaͤltniß im ruſſiſchen Reiche erhalten 
ſolle, wo jeder ſchaͤdlichen Abſicht der Spielraum 
verſagt wuͤrde; — er ſchickte ihn nach Sibirien. — 
Während died gefchah, trat wieder der Gluͤckſtern 
hervor, der fo oft in K—8 Leben gerade dann 
ſeine Zauberkraft bewährte, wenn ihn Mißgefchidl 
‚zu verfolgen fehlen, oder wenn ihn die unmittels 
baren Solgen feiner Unvorfichtigfeit trafen: wenn : 
ihn fein. Ruf. ald Schriftfteler nach Sibirien 
brachte, fo bewirkte diefer wiederum auch feine Be: 
freiung. Aus Kotzebue's Schriften kann man 
Zeugniffe flr alles, für demokratifhe und beös 
. potiſche Anſichten, fuͤr die Menſchenrechte und 
fuͤr den haͤrteſten Despotismus, fuͤr die chriſtliche 
Religion und fuͤr die entſchiedenſte Irreligiofität, - 
für Geifteöfreiheit und für die ſtrengſte Feſſel des. 
Geiſtesdruckes entlehnen, und biefe Chamäleon 
natur mußte bei allen vom Eonfequenten Wahr- 
heitsfinne Verlaſſenen um fo größeres Gefallen 
aͤrndten, da ihm für. den Augenblid das paßliche 
20*. 


— 808. 


Wort felbft fchon. zur ſubjektiven ncenengun 
genuͤgte. | 
DB. K. hatte mehrere Iahre zuvor das Kleine: 
Drama, Peters des dritten alter Leib: 
kutſcher, gefchrieben, worin des ruffifchen Kais- 
ſers Edelmuth gepriefen wird; ein junger Mann: 
Namens Krasmopolsti, hatte es ind Rußiſche 
überfegt, dem Kaifer zugeeignet und zugefchidt. 
Das Stud zog Pauls Aufmerkfamkeit auf fi, 
es gewann feinen Beifall, es erinnerte ihn an 
den verbannten Originals Verfaffer, deſſen Name 
auf dem Zitel ber Handfchrift fland. Die ſchleu⸗ 
nige Unterfuchung ber Kogebucfchen, in Befchlag 
genommenen Papiere warb veranlaßt, und diefer 
fiel in die Hände eines menfchenfreunblichen, für 
die Begnadigung des Unglüdlichen fich thätig ins 
tereffivenden Mannes, der fogar jene für dem 
Kaifer beleidigenden Bemerkungen des Tagebuches 
durch einen deckenden Dintenflrich völlig unlesbar 
machte (S. 109), für Kogebue günftig berich⸗ 
tete und veranlaßte, daß Kaifer Paul mit 
der Zurüdberufung Gnadengefchenke verband. — 

Mit dem Dankffagungsfchreiben, welches ver 


Stüdliche dem kaiſerlichen Wohlthäter einfchidte, 
verband v. K. die Bitte, auf das Land gehen 
und im Stillen bie ertbeilten Wohlthaten genie⸗ 
‚Ben zu dürfen; denn trotz der unverkennbaren Zei⸗ 
‚chen de allerhoͤchſten Wohlwollens hatte fich doch 
der Schrecken feinem Gemüthe fo tief eingeprögt 
daß ihm das Herz Elopfte, fo oft er einen Se⸗ 
natskourier oder Feldjäger erblidte, und daß er 
nie ausfuhr, ohne fich reichlich mit Gelde zu vere 
Sehen, und gleihfam zu einem neuen Erile vors 
gubereiten*). (S. 115.) Das Gefuh um bie 
Erlaubniß zur Ruͤckkehr nach Deutfchland durfte 
v. 8. gar nicht wagen, und felbft die Erfüllung 
feines Wunſches, fih auf feine laͤndlichen Bes 
figungen zuruͤckziehen zu dürfen ‚. wurbe ihm vers 





9 Dieſe Sorgfalt war nicht übertrieben, da v. K., 
noch nicht durch Schaden Elug geworden, höchſt 
unvorſichtig, während feines Aufenthaltes in Rußland 
über dortige Berhältniffe und Greigniffe, Auffäge 
entwarf und nad) Deutſchland an Iournalherausgeber 

3. B. an ben Heren von Archenholz, fhidte . 
Dieſer Thorheit ruͤhmt er ſich ſelbſt im merkwuͤr⸗ 
digſten Jahre feines Lebens a. 2 Seite 

303 und 303. 


— 1310 — 


ſagt, indem ihm, mit einem Gehalte von 2200 
Rubeln und dem Charakter eines kaiſerl. Hof⸗ 
raths, die Stelle eines Direktors der deutſchen 
Hoftruppe angetragen wurde. Jede ausgeſpro⸗ 
chene Bedenklichkeit oder Weigerung blieb unbe⸗ 
ruͤckſichtigt, nicht aber die Gegenvorſtellung we⸗ 
gen zu großer Geringfuͤgigkeit des Gehaltes; 
das Einkommen der neu errichteten und von v. K. 
uͤbernommenen Stelle ward bis auf fuͤnf tauſend 
Rubel erhoͤhet, ungerechnet der Benefiz⸗Vorſtel⸗ 
lungen ſeiner eigenen neuen Stuͤcke, die er ſich 
noch ausbedung. | nz 
Nun war v. K. wieder in feiner Sphuͤre, 
deren Dornenpfad die perfönliche Vorliebe fürs 
Zheater, . die Hoffnung große Ehre zu. gewinnen 
und reicher Lohn hinlänglich vergütigten. Zunaͤchſt 
machte ihm felbft und feinem Genfor Adelung 
bie vorgefchriebene ftrenge Genfur viele Noth; 
nach den fpeciellen Anfichten des Kaiferd durfte 
in dem Koßebuefchen Stüde Oktovia nicht ges 
fagt werden: „Stirb ald ein freier Römer; 
im Epigramme nidt: „daß der Kaviar aus 
Rußland komme und Rußland weit ſey;“ in 


— 311 — 


den beiden Klingsbergen mußte „Feſtung“ in 
„Sefängniß," „Hofmann“ in „Schmeich⸗ 
ler," im Abbe de l'Epée: „Wehe meinem Bas 
terlande!” in „Wehe meinem Lande” vers 
ändert werben; letzteres deshalb, weil eine rufz 
fifhe Ukaſe unterfagte, fich des Worte Vaters 
land zu bedienen. — Nur zu wahr bemerkt Hr. 
v. K.: „Aus diefen wenigen Beifpielen erhellet 
zur Genüge, wie gefaͤhrlich das Amt eines 
Genford für den, der ed verwaltete, und wie 
brüdend es für mih war. Der Her ıc. 
Adelung konnte mir aber mit dem beiten 
Willen: diefe Laft nicht erleichtern (©. 120); 
hätte er Doch zugleich erfannt und fich ſpaͤter bei 
der Vertheidigung der Befchräntung der Preß⸗ 
feenheit erinnert, daß, wenn einmal ein unlautes 
red, bie heiligen Menfchenrechte gefährbendes 
HPrincip von den Machthabern angenommen wird, 
ber Schritt vom unvechtmäßigen Gebrauche ber 
Gewalt zum Unfinn bewußtlos und ſchnell ge⸗ 
than wird. — 

Außer dem inneren Zwielpalte der Schauſpie⸗ 
ler⸗Geſellſchaft erwuchſen dem neuen Theaterdi⸗ 


rektor neue Leiden aus der, zwifchen dem deut⸗ 
ſchen und dem franzöfifchen Theater ftattfindenden 
Eiferfucht. Die berüchtigte Madame Cheva⸗ 
Tier, die fo ganz bes. Kaiferd Gunft befaß, vers 
trat und beberrfchte das letztere. Doch fland 
v. K. perſoͤnlich ſehr gut bei ihr, genoß von ihr 
‚ viele Artigkeiten und übernahm fogar von ihr 
ven Auftrag, für fie eine franzöfifche Oper zu 
fhreiben, die indeß nicht zu Stande, oder viels 
mehr nicht auf die Bühne Fam. Unter fo guͤn⸗ 
fligen Verhältniffen hegte er dennoch ben Plan, 
bei erfter guter Gelegenheit, um feinen Abfchied 
zu bitten. Diefen Wunfch rechtfertigt das: Ges 
mälde feiner damaligen Lage volllommens „fo 
weit," fagt er, „hatten es böfe Menfchen gebracht 
die das Vertraun eined zu berzliher Güte ges 
neigten Monarchen mißbrauchten, und ihm überall 
Schreckbilder aufftelten, die nicht vorhanden wa⸗ 
ren, ja, an bie ſie felbfi nicht glaubten I — 


*) Mit welchen Worten. des Schmerzes foll der Mens 
fhenfreund den Jammer ſchildern, daß die Eeſchei⸗ 
nung der irregeleiteten Regenten, die vor dem Schrek⸗ 
kenbilde erlogener Gefahren ihr befferes Selbſt vers 


Aa 


— 313 — 


Mit bangen Ahnungen legte ich mich jeden Abend 
zu Bette; zitternd hoͤrte ich in der Nacht jedes 
Geraͤuſch auf der Straße, jeden Wagen, der in 
der Naͤhe meiner Wohnung anhielt; ich erwachte 
zu neuen Sorgen, wie ich an dieſem Tage jedes 
Ungluͤck vermeiden wolle; aͤngſtlich fuhr ich auf 
der Straße, um ja, wenn der Kaiſer mir begeg⸗ 
nete, zu rechter Zeit auszuſteigen; — mit unge⸗ 
wohnter Sorgfalt wachte ich uͤber jedes meiner 
Kleidungsſtuͤcke und über die Art, fie zu tragen; — 
Weibern von zweideutigem Rufe und Männern von 
ſchwachem Geiſte mußte ic) huldigen; — ben 
‚unverfchämten Uebermuth eines unmiflenden Bals 
letmeiſters (des Gemals der Madame Chevalier) 
ertragen; — bei jeder Aufführung eines neuen 
Stüdes zitternd erwarten, ob die immer wachfame 
Polizei oder die geheime Erpebdition nicht etwa ein 
unwillführliches Vergehn darin entdeckt habe. — 
So oft meine Frau mit meinen Kindern ſpatzieren 
fuhr und etwa einige Minuten Uber die beftimmte 


leugnen, fi) täglich erneuert, täglich mehr Wirkfams 
keit erhält! — 


— ZA 2 — 


Zeit ausblieb, zitterte ich, zu erfahren, baß fie 
nicht fehnell genug vor dem Kaifer auögefliegen, 
und deshalb, fo wie die Frau des Gaſtwirths 
Demuth, in ein Poligeigefängniß gebracht wor⸗ 
den fey. — Nur felten konnte ich meinen Kum⸗ 
mer in den Bufen eines Freundes ausfchüttenz 
denn alle Wände hatten Ohren und der Bruber 
traute dem Bruder nicht mehr! — Keine. Lektüre 
konnte mich um die gräßliche Zeit betrügen, denn 
alle Bücher waren ja verboten*). — Auch die 
Feder mußte ich wegwerfen, mir felbft durfte ich 
nichts vertrauen; denn wie leicht konnte man 
plöglih mein Portefenille unterfachen! — Ein 
Gang in Geſchaͤften, wenn er vor dem Schloffe 
vorbeiführte, brohete ber Geſundheit Gefahr; 
denn bei dem: übelften Wetter durfte man fich 
diefer Steinmaffe nur mit entblößtem Kopfe nds 
bern. — Der harmlofefte Spabiergang gewährte 
keine Zerſtreuung; denn fait täglich begegnete man 
Ungluͤckliche, die arretirt, oder vielleicht wohl gar 


*) Dies iſt eine von ben Uebertreibungen, bie man Hrn. 
9 K., ber immer nur balb bie Vahrheit ſagen 
Tann, verzeihen muß. — 


- 315 . . 


zur Knute geführt wurden! — (Thl. 2. ©. 194.) 
Der durch folhe Umgebüngen in Hrn. v. Kotze⸗ 
bue erzeugte Trübfinn verklaͤrt fih aber zu der 
fhönften Heiterkeit, ald er den 16ten December 
zum Kaifer befchieven, und durch dies unerwars 
tete Uebermaaß großer Gnade erfchüttert wird, 
Er erhält den Auftrag, eine vom Kaifer eigens 
haͤndig in franzöfifcher Sprache aufgefehte Her: 
ausforderung an bie Souverains von Europa zu 
einem Turnier, in das deutfche zu überfegen, und 
genügt diefem Verlangen zur Zufriedenheit Pauls, 
ber die Ueberfegung jener durch die Zeitungen. 
verbreiteten, .vamald fo vieles Auffehn erregenden 
Beilen mit einer reichen, zwei taufend Rubel Werth 
habenden Doſe belohnt. — Mit diefem Ereigniß 
gewinnt v. K. die feinem Herzen fo lange fremd 
gewefene Ruhe fogleich wieder, benn nun, ba er 
den Monarchen felbft gefprochen und fein edles 
Herz offen gefehen hat, verfehwindet der größte 
Theil der Furcht. Don nun an liebt er ihn mehr, 
als er ihn vorher fürchtete, und iſt überzeugt, 
daß eine gewiſſe Freimuͤthigkeit, ein offenes gera⸗ 
bes Betragen, ohne Kriechen, ohne Nieberfchla: 


gen ber Augen dort alles vermochte. „Nur in 
feine Heinen Eigenheiten mußte man fich fügen, 
und wie leicht konnte. man das! denn zugegeben 
bag es gerabe nicht groß war, die Beobachtung 
gewifjer Kleinigkeiten allzuflreng zu verlangen, 
fo war es boch wahrhaftig noch weniger groß, 
mit Widerwillen in ſolchen Dingen zu gehorchen, 
welche das wahre Gluͤck der Unterthanen eigents 
lich gar nicht florten. — Seit jener Unterredung 
genoß ich hundert Eleine Beweife von des Kaifers 
Gnade.” — (Xheil 2. ©. 135 u. 136.) 

So ſchnell ändert fich gewiffer Menfchen Meis 
nung! fo leicht iſt ed, jedem Dinge ein bedens 
des Mäntelchen umzuwerfen! — | 

Ueber den Eindruck, welchen Kotzebue's Pers 
fon bei der erſten Unterredung auf den Kaiſer 
machte, ſoll ſich letzterer gegen ſeine Gemahlin 
dahin geaͤußert haben: „Er ſieht aus, wie ein 
Schuſter; aber feine Augen verrathen Geiſt!“ — 
So erzaͤhlt v. K. wenigſtens dieſe damals oft 
beſpoͤttelte Anekdote im Öreimüthigen 1803. 
Stud 4. Seite 16. 

Bald fand fi ch eine ie Gelegenheit, durch deren 


_— 1 


Benugung Hrn. v. K. die ihm fo laͤſtige Direk⸗ 
tion bes ‚Theaters aufs Angenehmſte erleichtert 
wurde. Er erhielt vom Kaifer ben Auftrag dem 
eben vollendeten Michailowfchen Palaft, den 
Paul mit der Eaiferlichen Familie bezogen hatte, 
mit. allen ‚darin enthaltenen Kunftwerken un: 
Seltenheiten ausführlich zu befchreiben. Unter: 
dem Vorwande, durch diefe Arbeit zu: fehr in 
feiner Zeit befchränft zu feyn, bewirkte er die. 
Anftellung eines Regiffeurs, auf befien Schultern 
er nun bie brüdendfle Laft der Theaterdirektion 
- werfen und fich manches Aergerniß erfparen konnte. 
(ZH 2%. ©. 143.) So genoß er alle Annehm⸗ 
lichkeiten einer genauen. Verbindung mit dem: 
Zheater, ohne das Widerwaͤrtige derfelben zu 
haben; er: lebte, bei einem reichen Einkommen: 
(er felbft berechnet ven nach feiner Zuruͤckberufung 
aus Sibirien erhaltenen Zuwachs deffelben, ohne 
den Ertrag der Benefizuorfiellungen, freie Woh⸗ 
nung und Eauipage zu veranfchlagen, auf. 9000" 
Rubel jährlih, [S. 107.) —) in einem fehr an⸗ 
genehmen Freundeskreiſe, war burch die Palaſt⸗ 
Befchreibung, bei ber er für. das antiquarifche 


— 338 — 


Sach von Kühler, für das architeftonifche von 
Brenna.und für die Gemaͤlde von den Gebrü: 
bern Kuͤgel gen unterflüßt wurde; ehrenvoll. be= 
Ihaftigt, und er erfreute fich der Auszeichnung 
daß fich der Kaifer faft täglich einige Augenblide 
mit ber einnehmendften Zreundlichleit mit ihm 
unterhielt. | 

In diefer beneidenswerthen Lage rang Herr 
v. Kogebue.nad) einen Ziele, welches, wenn er: 
es erreicht, feine Eitelkeit gekrönt hätte: er bot 
alle möglichen Triebfedern auf, um Malte®rs 
. Ritter zu werben, und mit dem Maltefer: 
Kreuze dekorirt fich zeigen zu koͤnnen. Es ift 
befannt, wie der Kaifer Paul ſich damals an die. 
Spige diefes alten, berühmten Ordens geſtellt 
hatte; durch die perſoͤnliche Gnade des Kaifers 
glaubte v. K. bie Erfüllung feiner Wünfche leicht. 
zu erlangen. Als ihm fpaterhin diefed Streben 
nach einem romantifchen Nitter = Koftume öffentlich 
vorgehalten und mit höhnenden Seitenbliden be: 
lächelt wurde, mußte er’ die Sache felbft einge: 
ftehn; er verfuchte aber, den Vorwurf thörigter 
Eitelkeit dadurch zu mildern, daß er vorgab: 


„Das Malteferkreuz fey ihm von feinem Chef. 
als Belohnung verfprochen, für die Befchreibung 
von dem neuen Palafte des Maltefer = Großmeis 
ſters. — (Siehe; Kurze und gelaffene Antwort. 
bes Hrn. v. Kogebue u. ſ. w. Berlin 1802 
Seite 106.) J | 

Noch am 11ten März (1301), Mittags um Ein 
Uhr erkundigte fich der Kalfer nach der Palaſtbe⸗ 
fohreibung, hörte mit Wohlgefallen, daB Hr. v. K. 
deren nahe Vollendung verhieg — und fchon am 
12tem erfährt der fleißige Autor, beim frühen 
Erwachen, wie in ber verhängnißvollen Nacht 
Kaiſer Paul in die Zobtengruft gefunfen, fein: 
Sohn Alerander aber aufden glanzreichen Thron 
bes weiten ruffifchen Reichs geſtiegen ſey. Mit 
diefer großen Kataflrophe waren auch die Zraums 
gebilde verfchwunden, bie v. 8. für zukünftige 
Gnadenbezeugungen und Belohnungen hegte. Er 
knuͤpfte daher an den Tod des Monarchen die 
Ausſicht, nach Deutſchland zuruͤckkehren zu koͤn⸗ 
nen und übergab fein hierauf gerichteres Geſuch 
am Ende des Märzes dem General = Adjutanten 
Zürften Subew. Die Verweigerung der Er⸗ 


kaubniß beſtimmte ihn nun zu der Erklärung, 
daß er „dankbar gerührt, fich gluͤcklich ſchaͤtzen 
würde, Alerandern, dem Liebenswürbigen und 
Geliebten zu dienen, Daß es ihm aber .nur zieme, 
ferner an ber Spitze des deutſchen Hoftheaters zu 
fliehen, wenn damit eine burchgreifende Verändes 
rung vorgenommen wuͤrde.“ — Legtere zu bewir: 
fen, reichte er auf erhaltenen Befehl einen Plan 
ein, der auf einen jährlishen- Fond von fechzig 
taufend Rubeln bafirt war. Diefe Forderung, 
damals zum großen Aerger des Hrn. v. K.Y‚gis 
gantesk“ genannt, wurde nicht bewilligt. Durch 
diefen mißlungenen Verſuch binlängli mit der 
Stimmung des neuen Kaiſers über das beutfche 
AIheater- befannt, erneuerte er bie Bitte, um feis 
nes Abfchied, und erhielt ihn in ber Testen. 
Hälfte des Aprils, auf ehrennolle Weife, indem 
er. zum Kollegienrath ernannt und ihm der fer 
nere Genuß des bisher bezogenen Gnadengehalte 
zugeſichert wurde. 


Schon am 29ften April: verließ er, „durchdrun⸗ 
gen von Dan? für den verftorbenen und für den 


lebenden Monarchen, Peteräburg, und ging durch 
Eſth⸗ und Liefland, zunaͤchſt nach Königsberg. 
e: Die Nachrichten von dieſer Reiſe, die dem 
Schluß des. merfwürdigften Jahres feines Lebens 
bussmachen, beſchaͤftigen fi) größtentheils mit _ 
Erinnerungen’ an Perfonen, mit ‚denen et in je⸗ 
nem Abſchiede feines fo’ ſchnell wechſelnden Schick⸗ 
fals zuſammentraf, denen er bald den Blumen⸗ 
kranz des freundlichen Dankes, bald die Dornen⸗ 
krone ‚harter. Vorwuͤrfe flicht. Mit beiden gleich 
vorſchnell, wurden hierdurch, wie natuͤrlich, viele 
feines: "Gegner. geweckt, denen ber leichtferfige‘ 
Autor: fchon deshalb ein recht - leichtes ‚Spiel 
machte, da hiftorifche :Gerrauigkdis der Erzaͤhlung 
nie-feine Sache. war, und ba det hieraus entſte⸗ 
hende Verdacht: der: Unwahrheit ‚noch ‚vergrößert 
wurde, durch das immer: fichtbare Streben, feiner 
Verſoͤnlichkeit eim. Gericht zu geben.’ ‘Dem eitlen 
Mann machten miehrere hlerdurch veranlaßte Zeis 
tungsnachrichten und Flugſchriften vieles zu ſchaf⸗ 
fen: Beſonders eine der Letztern; mit dem Titel: 
Nothige Erladuterungen zu der Schrift 
des Hrn. v. Kogebue: bas merkwuͤrdigſte 
21 


Jahr meines. Lebens. Boneinem Freun—⸗ 
de der Wahrheit. Leipzig 180%, und viele 
Anſchuldigungen bed Hrn. von Maffon. verans 
laßten ihn zu einer Gegenfchrift ), in der & 
fi) von mehreren Perfonen in und um Reval 
einige Lebensumſtaͤnde atteftiren IAbt, - die theilB 
gar nicht zum Gegenflande der. gemachten. Vor⸗ 
würfe gehören, theild fo geſtellt ſind, daß man in 
vollom Ernſte einen Mann bedauren muß, ber 
ſich dergleichen ratteſtiren zu dafſenngenoͤthigt 

glaubt. Sehr unvorſichtig nannte Hr.: 0; Hi 
den Bibliothekar Friedrich Adelung zu Metenst 
burg als den Verfaſſer der eben erwähnten und 
thigen, Erläuterungen,“ und fah ſich bald 
darauf veranlaßt, dieſe Behauptung als unwahr 
zu widerrufen. —:: Wie: fo. oft: in .feinerh Leben 
hatte v. 8. auch bei jenen -Iiterarifchen Zaͤnkereien 
das Schickſal, daß die Sentenzen, welde':er. fe 
nen Viderſachern gu Strafe au ſprach ihm: ſubſt 





*) Der Titel derſelben iſt:? Rurie upb. sehaffene 
Antwort bes Sr. v. Kogehue auf eine 
Yange und heftige Shmähfhrife bes den 

» 9. Maffon Berlin 1802. ° '.... 


en hartes Urthel wurben, deſſen raͤchender Hand 
er vergeblich zu entgehen ſich bemuͤhte. So ſagt 
er in der „kurzen und gelaſſenen Antwort,“ 
S. 6.: „Ein Mann, der ſchon einmal der 
Verlaͤumdungen uͤberwieſen worden, 
mag ja nachher ein Rieß Papier voll 
fhreiben: er bat unter rehtlihen Zeus 
ten *) feine Glaubwürdigkeit, und auch 
wohl nod ſonſt etwas, auf immer vers 
Joren.— 
: Den Schluß Dies Abfchnittes des Kotzebue⸗ 
ſchen Lebens made die Standrede, die er dem 
von ihm vielfach gepriefenen "Kaifer Paut; 
von welchem nebenbei die ſchrecklichſten Gräuel 
nicht verfchwiegen werben, hält. 

Im zweiten Theile des merkwürbigften Jah⸗ 
sed feines Lebens, Seite 243 und 244 fagt 


*) Wohl gemertt: „Unter rechtlichen Leuten, 
das heißt unter ſolchen, denen das heilige Recht bie 
ewige Norm bes Urtheils iſt; aber biefe Rechtlichkeit 
iſt Heut zu Tage felten worden, da das fhlaffe Spiel 
der Neigungen und Meinungen die Anerkennung ber 
Zugend und des Lafters dem Wechſel des Augenblik⸗ 
des unterwirft. — 


24” 


von Kotz ebue: „Sp ruhe den fanft die Aſche 
eines Mannes, der wahrlich den groͤßten Theil 
der Schuld, deren man ihn anklagt, auf ſeine 
dornige Lage in früheren Jahren, auf die Bege⸗ 
benheiten feines Zeitalterd, und auf bie Perfonen, 
die ihn umgaben, zurudwerfen koͤnnte; der ſich 
zwar oft in den Mitteln vergeiff, das Gute 
zu bewirken, der aber immer nur dag Gute, das 
Serechte wollte, ohne Anfeben der Perfonz; — 
der zahllofe Wohlthaten fdete, doch aus dem 
Saamen nur giftige Pflanzen auffchießen fah, 
die bunt um ihn ber blühten, und in beren Duft 
e: uennelhtel ⸗ 


Yugufl von Kotzebue's Leben. 


I 0 @0 — 


Viertes Bud. 





Berlin. — Seine Reifen. — Sein wechfelnder 
Aufenthalt in Rußland und in Deutſchland. — 
Sernere Schickſale. — Sein Tod. — | 


Der Kollegienrath von Kobebue erfhien wies 
der in Deutfchland; an Eelebrität hatte er durch 
feine neueften Schidfale gewonnen. — Je groͤ⸗ 
Ber das Ungluͤck, welches ein Mann erlebt, je 
mehr Publicität es erhält, um fo lebendiger 
wird die Theilnahme für denſelben aufgeregt. 
In dem Augenblide, wo wir ein hartes, Verhaͤng⸗ 
niß ihn treffen fehn, fragt man nicht: leidet er 
fhuldig oder unſchuldig? ift er mein Sreunk- vorf, 
mein Gegner? — Die Sache des Unglüdlichen, 
bed Verfolgten ift der Gegenfland allgemeined 
Mitleids, befonderd wenn der Verfolger bie 
Stimme des Seitalterö fo wiber fih hat, wie 
Kaifer Paul in der traurigen Berirrung feines . 
Geiſtes. Kaum verbreitete fich. in Deutfchland 


an 
% 
N. 


— BE — , 


die Nahriht von Kotzebue's Zransportirung 
nah Sibirien, als auch viele Beweiſe des thaͤ⸗ 
tigen Mitleids fihtbar wurden. So, wandte 
man fi) von mehreren Seiten an Preußens 
berrlihe Königin, an Sie, bie fo gern hülfreich 
die Hand bot wo fie das Edle fördern, das Elend 
vermindern, die Thräne bed Kummers trodnen 
Tonnte, "und bat um ihr vielgeltended Fuͤrwort 
für den unglüdlihen Verbannten beim ruſſi⸗ 
ſchen Kaifer. Wie gern fie es ſich zum Berufe 
machte, zu folchen Zweden zu wirken, bes 
wies die herzliche Freude, mit der fie, zuerft 
in Deutfchland von der - gunfligen. Wendung 
des Kopebuefhen Schidfald unterrichtet, die 
Nachricht von feiner Zurüdberufung verkuͤndigte. 
Eben trat die von ihr immer mit befonderer Huld 
befchentte Madame Meyer (jekige Madame 
Hendel: Schüg, in ber unfer Zeitalter feine 
größte mimifche Künftlerin verehrt), zur ſchoͤ⸗ 
nen Königin, um von Neuem ihre vermittelnde 
Fuͤrſprache zu erbitten, als aus St. Peters: 
burg eingegangene Briefe die Begnadigungs⸗ 
Botfchaft mittheilten. Mit der den Bewohnern 


\ 8009 — 


Kerlind eigenen Empfaͤnglichkeit für Tages⸗Neuig⸗ 
keiten, verbreitete fich bie frohe Nachricht, Kotze⸗ 
bue’8 Name war dad Wort ded Tages, und 
zwar zum erften Male, ohne daß argmöhnifche 
Seitenblicke auf feinen zweifelhaften Charakter 
geworfen wurden, wie folche8 namentlich bei ber 
erfien Nachricht von feiner Gefangennehmung an 
ber Graͤnze Rußlands der Fall gewefen war. 
‘Damals argwoͤhnte man, daß wohl ein bald ins 
Licht geſetzt werdendes Genieſtuͤckchen feiner Weiſe 
ſolche harte Maasregeln veranlaßt haben koͤnne. 
Als indeß ohne den Erfolg einer geſetzmaͤßigen 
Unterſuchung, mit der Verurtheilung nach Sibi⸗ 
rien der Anfang gemacht wurde, loͤſ'te ſich der 
Verdacht in Mitleid auf. | 

Diefe rege Theilnahme, die man zu Berlin 
feinem neueften Schiefale bewiefen, entgingen 
der Beobachtung des auf feine Perfönlichkeit ein 
gar hohes Gewicht legenden Kotzebue's nicht. 
Ihrer erinnerte er fih mit Wohlgefallen und 
Dank, als er. den Blick auf Deutfchlandb warf 
und bier die Wahl sined Wohnortes traf, Zwar 
kehrte er zunächft nach Weimar zurüd und hielt 


fih abwechfelnd bier: und in Jena auf; doch ges 
rade in feiner. Heimath Fonnte nie feines Bleibens 
feyn, weil er nirgend weniger wohlgelitten war, 
als bier. Er forgte dann auch ununterbrochen 
dafür, daß durch feine zahllofen literarifchen Strei⸗ 
tigkeiten, durch feine Verläfterungen der neuen 
Schule, durch unziemlihe Schmähungen Goͤ⸗ 
the's und feiner Kunftfreunde, das Andenken 
feined eigenen unlauteren Wefend immer neue 
Anregung erhielt. 

Bon Kobebue wählte Berlin zu feinem 
Wohnorte (1802) und wählte fehr glüdlich. 
Hatte bier gleih Goͤthe auch feine Verehrer, 
Schlegel und Tieck ihre Freunde, bie Literatur⸗ 
zeitung ihre Lefer und die Zeitung für die ele⸗ 
gante Welt ihre Korrefpondenten, fo eröffnete 
dennoch Berlin für einen Mann feiner Art, die 
reizendften Audfichten. Wo anders Eonnte er eine 
feiner Eitelfeit völig entfprechende Aufnahme 
erwarten, ald Bier? wo anders zu gleicher Zeit, 
feinen Neigungen angemeflen, fo unbeachtet.leben ? 
wo anders ein für feine Thaͤtigkeit empfängliches 
red Publifum erwarten?! Beſonders verhießen 


Ähm bie dortigen gefelligen Verbaͤltniſſe und das 


National > Xheater, welches fo eben ein neues * 


Lokale erhielt, vielfachen Genuß. Ruͤckſichtlich 
des geſellſchaftlichen Lebens ſuchte er vornehme 
und für den Umgang maͤſſig gebildete. Leute; 
beide mußten von der Art feyn, daß er ohne 
verletzende Kollifionen mit ihnen fortkommen 
konnte: die Vornehmen durften nicht Durch große 
Reichthuͤmer unabhängig felbftftändig, die Gebil: 
beten nicht der Empfänglichfeit für Kotzebue's 
Zheaterwelt entwachfen ſeyn. Beſonders jenes 
war in Berlin nicht "zu fürchten, ‚wohin fich der 
großentheils fo arme Adel der Monarchie drängt, 
. am in Hofe, Militair- und Staatsbebienungen 
ein Austommen zu finden; wo höchftens einige 
Wohlhabende mit Anftand einen mäßigen Lurus 
treiben und wo die eigentlichen Zügel des Staats⸗ 
regimentd in ben Händen neugeabelter, ober 
nächflens das Adelsdiplom erwartender, oder gut 
bürgerlicher Officianten ruhn. Darum giebt es 
in Berlin höchftens einen Militair- und Offician- 
ten = Ariftofratismus, welcher letztere feine Vers 
herrlichung in Titeln findet; aber von flörendem 


Drude eines hohen, reichen Adels auf das gefellige 
Leben hat man nichts zu fürchten und dem Kas 
ſtenſtolze der höheren DOfficianten Tann ja der 
eine Bedienung Suchende leicht aus dem Wege 
‚gehn. — Ä 
Mit dem, was man in Berlin in ben höhes 
sen Ständen damald im Allgemeinen Bildung 
nannte, (— vielleicht auch noch gegenwärtig, obs 
gleich feit der Errichtung der Univerfität und 
Durch den gewaltigen Drud der Zeit, hierin eis 
nige Veränderung - fichtbar geworden —) war 
Kotzebue vollkommen einverflanden; hierin war 
er ganz zu Haufe. Man zehrte häufig von ben 
Ueberreften der wifjenfchaftlichen Bildung, die die 
Refügie’8 auf den unfrushtbaren Boden der Mark 
verpflanzten, und fand eine vollkommene Geifteds 
beruhigung in dem Rüdblide auf die ruhmvollen 
Zeiten Sriedrichd des Großen. Was befonders 
beutfche Kunft und Wiffenfchaft betraf, fo hielt 
man fi) an die allgemeine beutfche Bibliothek, 
die einheimifche® Gut und dabei fo hübfch vers 
ftändlich war; in der koͤniglichen Akademie ber 
Wiſſenſchaften führten vorzüglich bie Matadore 


ber franzöfifchen Kolonie das franzoͤſiſche Wort; 

die deutjchen Mitglieder laborirten, mit. wenigen 
Ausnahmen, an. der geifligen Lethargie. „In der 
Nichtachtung der pofitiven Religion. that es Ber⸗ 
lin allen übrigen beutfchen Städten zuvor; man 
deckte fich gegen den Vorwurf der flachen, charafa 
terlofen Unfittlichleit, duch die Berufung auf 
Aufklärung, fo gut ed gehn wollte, und verfchrie 
das wahrhaft religisfe Leben ald eine böfe Remis 
niſscenz aus ber vorigen Regierung (Friedrich 
Wilhelms des Zweiten), aus. den Jagen bes 
Meligiongedifts. Die Eönigliche Bamilie bildete im 
fehöner Sittenreinheit einen auffallenden Kontrafk 
mit der Lebensweife ber Hauptſtadt; ber mäßige 
Glanz des Hoflagers wurde gehoben burch den 
Ruhm häuslicher Tugenden, welche freilich dem 
entarteten Luͤſtling der großen Welt leicht freus 
denleer erfcheinen und den Lurus, In welchem 
die Künfte gedeihen, vermifjen lafien. Um fo 
mehr war den Berlinern das Theater ihr Eines 
und ihr Alles; zu. diefer Vorliebe waren fie bes 
rechtigt durch die großen Künftler, welche damals 
die dortige Bühne verherrlichten. : Die gefeiertem 


Namen jener Tage ſind abgetreten von ber Bühne 
des Schaufpield und des Lebens; das Andenken 
an fie.abet iſt um fo unvergeßlicher,. je weniger 
überall der wahre Künfller je er ſetzt wird. 

So gab es vielfache Beweggruͤnde, die v. Kos 
debue nach Berlin hinzogen. Auffer der Stims 
mung bed Publitums fhr ihn, -auffer dem Beifall, 

‚ welchen man feinen Stüden auf der Bühne zollte, 
fand feine Neigung zum deutfchen Theater noch 
mehrere. Antegurigen, bie ihm hier den größten 
Genuß verhiegen. Iffland's Verdienſt als 
mimifcher Künftler, wurde. erhöht durch ben Ord⸗ 
nungsſinn, durch. die Thaͤtigkeit, durch die techs 
nifche Sorafalt, vermittelft welcher er die For⸗ 
terungen an die Theater = Direktion und an bie 
Theater Regie zit: erfüllen ſtrebte. Hatte in dies 
fer. Hinficht bisher ein befchränftes Locale bie 
vielen zu befiegenden Schwierigkeiten vermehrti 
® verhieß das. mit Töniglicher Opulenz erbaute 
neue Theater die Befeitigung manches bis dahin 
fehr Mangelhaften, und gewann -für den Theaters 
Befuch felbft. die Neigung: der ſonſt nicht Schaus 
kıfligen. , Die günftigen Vorbedeutungen zu einer 


— 3335 — 
ausgezeichneten Aufnahme in Berlin wurden vers 
gewiſſert, durch das gute freundfchaftliche Vera 
hältniß, in dem von Kogebue zu Iffland, 
ber in den Xheaterangelegenheiten heim. Hofe 
Alles, beim Publiko Vieles vermochte, ſtand. 
Nach ihrer früheren Bekanntſchaft wurde zwiſchen 
beiden bramatifchen Schriftftellern die perſoͤnliche 
Nähe gegenwärtig leicht vertrautere Freundſchaft, 
da die von Kotzebue fo verhaßten. Neuerer in 
Kritit und Kunſt, die ihm fo vielen Kummer 
Verurfachten, auch Ifflands Dramen von einer 
leicht verwundbaren Seite angriffen, parodirten 
amd: bie beſchraͤnkte Manler derfeiben. mit: dem 
sreffenben Spott = Namen der Ifflandereien 
bezeichneten. — 20.0000 08 —X 
Kotz ebue erſchien a Berlins: Gr. gefiel. * | 
sind andern, in bem Beſitze nicht zu vrrkennender 
gefelfchaftlicher Zalente. Das neue Foftbare Na⸗ 
tionaltheater wurbe mit zwei neuen Stliden feis 
ner Feder (die Kreusfahrer, ein. Schauſpiel, 
und das: Zauberfchloß, eine natuͤrliche Zauber: 
oper) eröffnet, ererhielt-Zutritt in den höheren 
Zirkein, die-Verleger beeiferten ſich feine Manu⸗ 


— 343356 — 


ſetipte zur Preſſe und ihm reichliches Honorar 
darzubringen — und ſelbſt der Koͤnig zeichnete 
ihn aus, uͤber Erwarten, indem er ihm ein Ka⸗ 
nonikat ſchenkte, und furze Zeit nachher ibn, der 
es. in feiner Wiſſenſchaft jemals über das Allta⸗ 
gedwiffen brachte, zum - Mitgliebe der Akademie 
der. Wiſſenſchaften machte. Zwar gab Iehteres 
befonderd ben für. wigige Beziehungen fo leicht 
empfänglichen Berlinern: manche Aufregung ' zum 
Spotte; der Neid lich fi auch mit manchenNes 
dereien vernehmen. Dennoch wuͤrde v. 8. nach 
alen ‚feinen Neigungen in. Berlin hoͤchſt gluͤtklich 
heoben leben, und ſelbſt eine gewifle Achtung wies 
der gewinnen koͤnnen, wenn er nicht durch mehrere 
Seiten des: in diefem Zeitpunkte herausgegebenen 
merkwuͤrdigſten Jahre feines. Lebens, durch die 
berüchtigten: Streitigkeiten, welche dieſes Buch 
mit Herm von Wafjon verantäßte, . Hinweiſun⸗ 
gen auf feine früheren Sünden natürlich machte, 
wenn. er nicht mit immer neuem Uebermuth die 
fogenannte neue Schule geneckt, jeden: unbedeu⸗ 
tenben Stein des Anfloßed aufgenommen, in bie 
nutzloſeſten Bänfereien, mit der Zeitung für. ‚bie 


— 337 — 


elegante Welt ſich eingelaſſen und ſeine jetzt be⸗ 
gonnene Zeitſchrift, den Freimuͤthigen, mit 
Klaͤtſchereien mancher Art, beſonders uͤber Wei⸗ 
mar und gegen Goͤthe erfuͤllt haͤtte. Er hatte 
und behielt zwar immer. ein Publikum für ſich, 
. befonderd in den, ihm durch Forrefpondirende 
Flachheit geiftesverwandten, höheren Ständen. — 
Seine fih bis zum -Schluffe ſeines Lebens hin. 
„immer : mehr erweiternde Schriftflelerthätigkeit. 
‚gleicht den Uebungen eines Schügen, der zwar. 
‚bei jedem Schuffe fein Biel beffer treffen. lernt, 
deſſen Pulvervorrath ſich aber auch natuͤrlich mit 
jedem Schuſſe verringert. Da ihm der Beifall 
‚Alles war, fo meinte er; und lebte ſich in dieſen 
‚Glauben immer mehr hinein, er fey auf rechten 
‚Wege und habe es gut gemacht, wenn er eine 
- Menge Zuhörer um ſich fah. Je mehr. Stüdeer 
‚aufs Theater brachte, um: fo mehr hielt er feine 
Herrſchaft auf der deutſchen Bühne gefichert, 
gleich den Regenten, bie ihre Regierungsmacht 
‚nicht anders iu offenbaren wiſſen, als durch viele 
Geſetze, die, eines immer noch unvollkommener 
als das andere, ſich wechfelöweife-halten.follen. — 


— 33 7 — 


Es mag dennoch nie verfannt werben, daß v. K. 
fortwährend durch die Leichtigkeit und Lebendig⸗ 
keit ſeines Dialogs, durch eine hoͤchſt gewandte 
Benutzung des ſceniſchen Lebens, fuͤr die Aus⸗ 
bildung der geſellſchaftlichen Sprache, fuͤr die 
Beſeitigung des Theaterpedantismus der Deut⸗ 
ſchen und fuͤr die Moͤglichkeit einer deutſchen ko⸗ 
miſchen Nationalbuͤhne wirkte; wie er denn fuͤr 
letztere, gerade in dieſem Zeitpunkte ſeines Lebens, 
in ſeinen deutſchen Kleinſtaͤdtern, ſeinen 
Beruf am deutlichſten offenbarte. Wie er es 
aber von hier an immer bequemer fand, die 
Kuͤnſtlerbahn zu verlaſſen, ſich in der Rolle eines 
dramatiſchen Spaßmachers zu gefallen, in der 
Vielſchreiberei ſein Gluͤck zu verſuchen, hierzu 
hat er es an Zeugniſſen nicht fehlen laſſen; wie 
er ſo tief und immer tiefer ſank in Gemeinheit 
und Unfittlihleitz wie er endlich feinem Publito 
und fich felbft alles bieten durfte, davon giebt 
eines feiner legten Luftfpiele, der Rehbock, ei: 
nen, unfer Zeitalter in ber That brandmarkenden 
Beweis. — — — 

Ben“ v. K. ſo den Mangel an Künftler = 


' — 3439 — 
und Charaktergehalt an den Tag legte, ſo wur⸗ 
den ihm natuͤrlich hierdurch der kleinere, aber 
beſſere Theil des Publikums abwendig gemacht, 
und der Ruͤcktritt dieſes wirkte nicht ſowohl nach⸗ 
theilig auf ſeine Celebritaͤt, als auf die Bezeichnung 
ſeines perſoͤnlichen Werthes. Hiergegen konnte er 
ſich auch nicht dadurch ſichern, daß er in der Un⸗ 
terhaltung der Geſellſchaften die Rolle der reſig⸗ 
nirten Beſcheidenheit, gegen bie fein. Schriftſtel⸗ 
lerleben laut genug fprah, annahm. So erin⸗ 
nert ſich der Biograph ihn oft beobachtet und 
abgeſchliffene Unterhaltungsgabe an ihm bewun⸗ 
dert zu haben, die gewiß ſeiner Leidenſchaftlich⸗ 
keit viele Anftrengung koſtete. — K. kam oͤfter 
nach dem Schauſpiele in einen Theezirkel, der 
aus Herrn und Damen beſtehend fuͤr Kunſt und 
Literatur vielen Sinn hatte und im Ganzen ge⸗ 
nommen wenige ſeiner Verehrer zaͤhlte. Hier 
trat er einſt ein, nachdem er eines ſeiner Schau⸗ 
ſpiele, bei ſehr gefülltem Hanfe und manchem 
Beifallszeichen, hatte auffuͤhren ſehn. Das Ges 
ſpraͤch knuͤpfte ſich an die Vorſtellung, und non 
mehreren Seiten wurde ihm. geäußert: daß es 
22* 


| — 340 — 

ihm doch zu großer Geriugthuung gereichen mirffe 
zu fehen, wie auf allen Bühnen: Deutfchlands 
feine Stüde eine fo ‚große Anziehungskraft für 
das’ Publikum hätten; worauf er benn erwieberte: 
daß biefer fcheinbar hohe Gewinn in der That 
ein fehr geringer fey, und daß er ihn allein dem 
Umftande verdanken müffe, daß die beffern Köpfe 
Deutſchlands fich entweder Dem dramatiſchen Fache 
nicht widmeten, ober ed verfchmähten, fürs Pu⸗ | 
blilkum zu ſchreiben. — 

Solcher reſignirter Keufferungen ungeachtet, 
machte es ihm doch manchen unfreundlichen Ein⸗ 
druck, daß um diefe Zeit gerade A. W. Schle⸗ 
gel nad Berlin fam, feine Kunflanfihten uns 
ter großem Zulaufe in Borlefung entmwidelte, in 
viielen Köpfen neue Anfichten wedte und eine 

‚ernftere Würdigung der Erfcheinungen der Litera⸗ 
tur in Anregung brachte; auch erſchien Schlegels 
Kon auf der Nationalſchaubuͤhne (den 16ten Mai 
4802); ward mit großem Intereſſe gefeben, aber 
nur einmal wiederholt, und verfchwand dann, 
unbekannt aus welchen Urſachen, für.immer aus 

dem: dortigen Repertoire. — Zuweilen fonnte es 


— Bd — 


von Kotzebue nicht vermeiden, : mit Schlegel 
und feinen Freunden perſoͤnlich zuſammenzutreffen, 
welches dann. für Beobachter ganz eigene Sce⸗ 
nen gab. Daß bier die Zänkereien der. Schrift 
ſtellerwelt nicht:.in ‚Anregung kamen oder fortge⸗ 
führt wurben; lag in den’ erſten Pflichten de& gus . 
ten: Zunesg: doch konnten die gefchlagenen Wun⸗ 
bar: ohnmöglich :ganz: vergeffen. werden. Hier 
zeigte fich denw.v. 8. immer fehr befangen, ber 
ihm fonft ſo leicht zu Gebote ſtehende Wig verließ: 
ihnz em wich aus, wo er nur wußte und konnte. 
So traf er einft: beim Eintritt in das Zimmer, 
einer .geiftvollen. Dame. einen folchen Gegner;, 
ganz verlegen fuchte er den Faden eines Gefprächs: 
zu. gewinnen, indem er wiederholt auf das dama⸗ 
lige kalte Winterwetter zuruͤckkam. — „Darüber 
beklagen Sie ſich mit Unrecht, Herr Kollegienrath!“ 
erwiederte Jene, „Sie. haben Sibirien beſucht, 
und nun kommt Sibirien nach Berlin, um Ih⸗ 
wen die Gegenviſite zu machen!“ — v. Kotzebue 
ſchwieg und entfernte. ſich nach kurzer Zeit ſicht⸗ 
bar beleidigt. — E 
Wenn er von den Wiheleien anderer oͤfter 


3 


— 342 — 
leiden mußte, ſo gewaͤhrte es ihm um ſo mehr 
Genuß, die empfangene Gabe wieder zuruͤckzu⸗ 
geben. Der Gelegenheit, einem Witze freien Lauf 
zu laſſen, konnte er nicht leicht widerſtehen; da⸗ 
zum verwund ete er nicht felten. Schulblofe So 
ſchrieb aus einer Heinen Garniſon das Officierkorps 

an ihn und bat ihn um Zuſendung und Ueberlafs 
fung eines Beinen dramatifchen Familiengemaͤl⸗ 
des, welches fie felbft auf einem Privattheater am 
Geburtstage ihres Chefs aufzuführen gedachten. — 
Er fandte ihnen hiernächft, ohne weitere Zufchrift, 
ein Eremplar ber deutfchen Kleinftädter und er⸗ 
zählte mit großem Wohlgefallen den verubten 
Muthwillen. — BE 

Einen offenbaren Nachtheil Hatte $ Berlin davon, 
daß v. K. mit fo vieler öffentlicher Auszeichnung 
aufgenommen war... Wenn man dort darauf be: 
bacht war, ben Glanz des preußifchen Staates 
zu vermehren, indem man ausgezeichnete Männer 
ded Auslondes berief,, fü wurden dieſe an ber 
Annahme folcher ehrenvoller Anträge durch die 
vernünftige Betrachtung verhindert, daß e3 doch 
wohl ein gar gewagted Unternehmen fey, in eine 


. erg 
. 


Sphäre einzutreten, in welcher man an Kotze⸗ 
bue fo ganz feinen Mann gefunden zu- heben 
fhien. — Manche vertrauliche Aeufferung Schils 
lers muß wenigftens hierauf gedeutet werden. — 
» Bwifchen Freude und Leid inne ſtehend, hatte 
v. 8. das Unglüd, daß feine Gattin häufig kraͤn⸗ 
felte; ihr befam das Berliner Klima um fo ſchlech⸗ 
ter, je beffer es ihm, im Ganzen genommen, zu: 
ſagte. Sie befuhte gar keine Gefelljchaften, 
fondern widmete fi der Pflege ihrer Tleinen 
Kinder und den Pflichten der Hausfrau. 
Als Vater zeigte. v. K. immer den Seinigen 
die Anhängligpkeit, welche dem menfchlihen Ges 
fühle fo natürlich if, ‚Mit Verleugnung feiner 
Perfönlichkeit für fie zu wirken, durch nähere 
Beichäftigung mit. feinen Kindern an deren Bils 
dung. zu arbeiten, mit ihrem Leben auf wahrhaft 
wäterliche Weife. vertraut. zu werden, dazu mans 
gelte ihm. die feinere Moralität und bie ernflere 
Charakterſtetigkeit. In der kurzen Tageszeit, 
die er mit feinen Kindern verlebte, freuete er ſich 
ihres Anblides "und Wohlfeyns; bie. eigentliche 
Sorge für fie blieb. der. Mutter und. Andern fiber: 


v 
- J 344 
— . ED 
‚ 


Yaffen.  Wuchfen die Söhne ‚heran, fo brachte: 
er fir in die Kabettenhäufer zu Peteröburg und 
Wien; die Töchter lebten mit der Mutter; Ko=: 
tzebue ſelbſt gehoͤrte, mit ſeiner großen Geſchaͤf⸗ 
tigkeit, der Schriftſtellerwelt, dem Thrater, der 
Geſellſchaft. Es ſteht nicht: zu vermuthen, ‚daß: 
er in den letzten Jahren ſeines Lebens hierin we⸗ 
ſentliche Abaͤnderungen traf, denn ſeine uͤbrige 
Lebensweiſe blieb fortwährend dieſelbe. Nur das’ 
durch, daß er bei dem beſtaͤndigen Wechſel ſei⸗ 
ned Wohnorts und ſeiner aͤuſſern Verhaͤltniſſe, 
auf Reiſen und unter Zerſtreuungen jeder Art, 
jene feſthielt, iſt es erklaͤrlich, daß er die Zeit. 
gewann, um fich als aͤuſſerſt produktiver Schriſt⸗ 
ſteller auszuzeichnen. 
V. K. pflegte regelmaͤßig vor fuͤnf Uhr des 
Morgens aufzuſtehn und ununterbrochen, heim’ 
Genuße des Kaffees Tabad rauchend, an feinen: 
Scpreibtifche zu arbeiten, bis elf Uhr. Dann 
wurden Befuche gegeben oder angenommen, :Theaz 
ter = und Leſeproben gehalten, Spasierfahrten- 
gemacht, u. ſ. f. — Nah Ein Uhr ging er zu 
Tiſch, am liebſten aß er im Kreife. feiner Familie, 


— U — 
für die Mittagsmahlzeit nahm er nicht gern: 
Einladungen an.: Mach einer kleinen Sieſta war 
der Nachmittag wieder der Arbeit und Lectuͤre 
gewidmet, ber! Abend ganz dem Theater, dem 
geſellſchaftlichen Leben und . häuslichen Zirkeln. 
Sommerabende brachte er gern im. Freien zuz; 
in den Binterabenden. war ihm das Kartenſpiel 
eine angenehme Zerſtreuung. Er machte gern: 
eine Partie Whiſt oder: Boflon,. und: geivanın 
foichem "Spiele. ein großes Intereffe ab, weshalb 
ihn ‚auch anhaltendes Unglüd. oder Fehler der 
Mitfpieler Leicht : verffimmen konnte, nicht de: 
pekuniaͤren Verluſtes halber, benn.er . war .nicht: 
geitzig. War er in- einer Gefelfchaft ſo nahm er: 
en jeder frohfinnigen Unterhaltung. mit vieler 
Empfaͤnglichkeit Theil. Spaͤteſtens um elf Uhr: 
ging er zur Ruhe: Er hatte Sinn für die Freu: 
ben ber Zafelz. hielt viel, nicht fomwohl auf zahl? 
reiche, ald auf gut: zubereitete Speifen; er war 
aber im Eſſen und im-Lrinken maͤßig und wußte 
zumeilen den. Genuß burch Entbehrung zu würzen.: 
Die Eleganz feines. Umgebungen war ihm viel: 
werth, auffallende Bernachlaffiguugen hiergegen 


konnte er mit bitterem Witze ruͤgen. Wie er haus 
haͤlteriſch war mit ſeiner Zeit, fo war er es mit ſei⸗ 
nem Vermoͤgen, ohne geitzig oder habſuͤchtig zu ſeyn; 
er war mitleidig und mildthaͤtig, ſchon deshalb, 
um jeden unangenehmen Eindruck aus ſeiner Seele 
zu entfernen. Leicht dem Unwillen preis gegeben, 
leicht fuͤr Verſoͤhnung empfaͤnglich, konnte ihn 
niemand eigentlich haſſen, der ihn mit t Unbeſan⸗ | 
genheit. Länger beobachtete. — “ 
' Sm: Iahre 1803 verlohr v. K. eine zweite- 

Gattin Chriſtine ‚geb. v. Kruſenſtern — Welches 
zweifelerregende Licht auch das Geruͤcht auf v. K—8. 
erſte ehliche Verbindung und das hinterher von 
ihm fo hochgeprieſene Gluͤck derſelben zu‘ werfen 
fuchte, darüber iſt man einig, daß er mit dieſer 
zweiten. Gattin im Allgemeinen in einem genuß⸗ 
reichen häuslichen” Verhältniffe lebte, welches 
ſelbſt durch feine Neigung zu manchen Liebesaben- 
theuern nicht bedeutend geflört wurde. — Der 
Verluſt der treuen, duldſamen, ſtets haͤuslich 
ſorglichen Lebensgefaͤhrtin war gegenwaͤrtig fuͤr 
ihn um fo größer, da ber Kreis feiner Kinder. 
zahlreicher war.. Doch wußte er, für feine eigene. 


— ur — 


Erheiterung bedacht, die Vaterforgen zu befeitis: 
"gen, und fuchte Berftreuung auf einer Reife nach 
Paris, wohin er ja auch fchon beim Tode feiner 
erften Gattin gewallfahrtet_ war. - Seinen Freis 
müthigen übergab er indeß dem zum Mit = Res 
dakteur angenommenen Garlieb Merkel *), 
der. mit: fchriftftellerifchen Sudeleien in Berlin- 
feinen Broderwerb ſuchte. Diefer Berbindung, 
die.mit einem fchlechten Federkriege endete, fchaͤmte 
er fih fpäterhin mit Recht; aber mit großem 
Unrechte fchrieb er gegen den Famoſen ein fachels 
loſes dramatifches Pasquill, unter dem Zitel: 
Gottlieb Merks, Egoiſt und Kritikus. (Als 
manach dramatiſcher Spiele. Jahrgang 1810). - 
Kogebue reiſ te i in bir —J des s Def kdi⸗ 


j 


9 Wen eine Charakteriſtik dieſes verſchollenen Autors 
intereſſiren koͤnnte, findet fie in der Recenſion feines 
neueſten Werkes, in der allg. Halliſchen it. Zeit. 
1819. Februarheft, Stück 44 bis 46. — Im zweis 
ten Zahrgange der Biene, 1809, wiif't von Koßts 
bue Geite z2ı5 fi. nad, daß Merkel, als Mitre⸗ 
bafteur bes Freimuͤthigen, für ihn 78 Thlr. Honorar 
empfangen, bavon aber 50 SIR. für fi) behalten 
habe, — 





rektors beim "Nationaltheater zu Berlin, ijetzigem 
Kapellmeiſter Weber, im Herbſte defielben Jah⸗ 
res nach Paris ab, und machte unmittelbar nach 
feiner tw’ März 1804: erfolgten Ruͤckkunft wie. 
“er auch. Schon dreizehn Jahre früher gethany 
Mittheilungen aus feinem Reifetagebuche befannt.. 
"Vergleicht man diefe Erinnerungen. aus: P.asi 
218: (Berlut 1804: bei Brölich.) mit. der fruͤhern 
Flucht nad Paris, fo läßt ſich nicht verken⸗ 
nen, daß v. K. gegenwärtig ‚weit .befonnener und 
anftänbiger :rebet, ald damals; daß er; wenn 
auch feine Then bekannte Inbividualität zuweilen 
Mißtoͤne herbeiruft, dennoch im. Ganzen. genom⸗ 
men mehr Sittlichleit vermuthen läßt.. Anftatt 
des. früheren. Gewimmers über den Zod- feiner. 
eriten Frau, ber mit fehr rohen Aeufferungen 
widrig Eontraflirt, deutet er bier eine Mehmuth 
an, bie jedem Schmerze einen lauteren Chärakter 
giebt. So fchreibt er in der Bergſtraße an eine 
Freundin: „Sie fehen, ich dachte, wo id nur 
fühlen follte: ein Beweis, daß felbft diefe Zau- 
ber der Natur, von welchen der Neifende einen 
ganzen Tag lang umweht wir, mir noch keinen 


— 39 — 


reinen Genuß gewaͤhrten. Ach! was iſt Genuß 
ohne Mittheilung, — Der gute gebildete Menſch 
Sonn nicht allein genießen. Alles, worauf ich 
in meinem. Leben mid) am meiften gefreut habe, 
: Alles was in meiriem Leben mir die meifte Freude 
‚gemacht hat., ging immer von Andern aus, ober 
zu Andern über. In dem Auge. eines. geliebten 
Gegenſtandes, Vergnügen fchaffen, iſt ja: wohl 
wahrhaftig ein göttliches Vergnügen; denn, 
ter uns ſchuf, kannte Fein andres. — Sch, ber 
ich. nichts mehr. habe ‚old die Erinnerung, ber 
ich, noch obendrein alle Augenblide bie. Vernunft 
mit Ketten nachfenden .muß — ich verließ bie 
ſchoͤne Bergftraße, wie ein:Zauber ein Concert. — 
Als Erzähler entfaltet v. K. in diefen Erin: 
nerungen das Talent, auf eine:fehr gluͤckliche 
Weiſe die Zuͤge des geſellſchaftlichen Lebens auf⸗ 
zufaſſen und leicht aneinander zu reihen; es tft nicht 
unintereffant, bei diefer Anerkennung das. Koges 
buefche Werk zufammen zu flellen mit den kurze 
Zeit nachher. erfchienenen vertrauten Briefen 
über Paris, die der geiſtvolle, aber ‚gleichfalls 
viel von der egoiftifchen Eitelkeit Jeidende Kapells 


meiſter Reibardt herausgab. Da biefe Ver: 
gleihung nicht ganz zu Kogebue’3 Nachtheil 
ausfällt, fo ift ſchon hieraus abzunehmen, daß er 
fi) nicht, wie früher, darauf beſchraͤnkt, faft 
ausfchlieglich bei Theaternachrichten und beim Zu⸗ 
fammentreffen mit Freudenmaͤdchen zu verweis 
len. . — Die Schilderung der Straßen von Paris 
und die daran gereihten fkizzirten Gemälde find in 
der Lebendigkeit des Vortrags dem Beſten zuzus 
zählen, was umfer Schriftfteller . gegeben hat; 
| dagegen kann die Art, wie er Über die Kunſtwerke 
und Kunflfanmlungen redet, Wenigen genügen 
und nur feine: völlige Unkunde bes Werthes hoͤ⸗ 
herer Kunftbeftrebimgen offenbaren. ‚ Diefes ift 
leicht zu überfehen, da er feine Meinungen an= 
fpruch8los vortraͤgt und feltenet, als fonft, ſich 
beitommen: läßt, Muthwillen gegen die zu ver 
üben, die wie Goͤthe, Schlegel, Tiecku. ſ.f. 
mit ihrem Wollen und Wirken auſſer der Sphäre 
feines Gefichtöfreifes ſtehen. — 
Als bemerkungswerth in Hinfiht der Mits 
theilungen Kotze bue's mag erwähnt werden, 
daß er bier, wahrfcheinlich ohne fich feiner eige⸗ 


— 351 — 


nen Perfönlichkeit zu erinnern, ausruft: „Ja 
wohl! ift der-Eraffefte Egoismus ein Zeichen uns 
ferer Zeit!" (Seite 26.), daB er von der Bona⸗ 
partefhen Familie und befonders vom erften 
Konful, dem er vorgeftelt wird und ben er öfter 
fpricht, mit großer Berehrung rebet, und daß er zwis 
fchen dem letztern und zwifchen dem von ihm hochge⸗ 
feierten Kaifer Paul viel Charakterähnlichkeit fin⸗ 
det. Zwar fieht er bie Keime des fich entfalten« 
ben Deöpotismus, den er aber nur in. fofern 
rügt, als er fih in der, fpäterhin von ihm fo. 
lebhaft empfohlenenen,. Befhräntung der 
Dreßfreiheit offenbart. So fagt er noch 
am Ende feines Buches (Seite 590.):: „Den 
Schluß der in meiner Schreibtafel gezeichneten 
Bemerkungen madıt eine gerechte Rüge: Sa den 
legten Zagen meines Parifer Aufenthaltes: erfchien 
ein Wert von Pigault le Brün, in zwei 
Bänden, le Citateur genannt, welches fehr viel 
Aehnlichkeit mit Voltaire's Bible enfin ex- 
pliquee hat, auch vieleicht ganz daraus geſchoͤpft 
worben ift; folglich enthalt e8 die abfcheulichften 
Schmähungen gegen Religion und Bibel. Dazu 


— 32 — 


shat fich: der Verfaſſer ohne Bedenken genannt, 
der Buchhändler Barba hat es ohne Bedenken 
‚verlegt, die Genfur hat es ohne Bedenken druden 
laſſen, und die Polizei erlaubt es ohne Bedenken, 
daß ed öffentlich im Palais royal verkauft. werde. 
Die gröbften Läfterungen gegen Chriſtus find alfo 
in Paris erlaubt; aber es unterftehe: fih Einer 
auch. nur Eine Zeile gegen — zu.fchreiben, wenn 
er nicht etwa neugierig iſt, „die Ufer von Cayenne 
zu ſehen“ — 
.Im ·Fruͤhjahre 1804 verließ von Kottebue 
Frankreich, durchreiſ'te Deutſchland und beſuchte 
ſeine Beſitzungen in Lief- und Eſthland. Hier 
warb er um die Hand des Fraͤulein — von Kru⸗ 
ſenſtern, einer nahen Verwandtin feiner zweiten 
Gattin, die;. wie man ſagt, auf dem Todtenbette 
ihm diefe Wiederverbeivathung ans Herz legte. 
Seine Wuͤnſche ‚wurden erfüllt; der Verlobung 
folgte ſchnell das Hochzeitsfeſt und unmittelbar 
nad demfelben, begann er an der Seite feiner 
dritten ‚Gattin eine Reife aus Liefland, über 
Riga, Berlin, Leipzig, Nürnberg, Augsburg, 
durch Zyrol nach Italien, wo er in Rom und 


— 3 — 


Neapel verweilte, weshalb die von ihm im nächs 
Ben Jahre herausgegebenen Erinnerungen an 
dieſe Reife (Berlin bei Srölich, 1805, drei Bände.) 
‚über diefe Städte und: ihre Umgebungen auss 
führlih reden. Den Eingang feines Buches bes 
ginnt er mit faſt orientalem Dichterfluge, in dem 
er den Preis des Kaiferd Aleranders, den er 
kurz vor der Abreife zu Reval fprach, verfündet 
— „Alerander — ich meine nicht den gewals 
tigen Reifenden, .ber ‚in großer Geſellſchaft bie: 
Welt durchſtrich, und endlich gar eine Brüde in 
den Mond. hinaufbauen wollte; ich meine den 
holden Genius Rußlands, dem die Mondbewohs 
nee, wüßten fie. von ihm, wohl gern eine Brüde 
berunterbauen mögten — auch Alerander iſt in 
dieſem Jahre durch feine veutſchen Provinzen ges _ 
reift (— dies ift nämlich die nahe Veranlaſſung 
die den Hrn. v. K. beſtimmt von jenem Monar⸗ 
den zu reden: er will in biefem Jahre reifen 
und ber Kaifer iſt gereift —), freilich nicht, wie 
ih, um Blumen zu pflüden, fonbern, wie es 
ihm gebührt, um Früchte zu fanmeln, bie im 
Strahl feiner Fruͤhlingsſonne zu reifen beginnen. 
| 23 


>» 


— |, 354 — 
Nicht Liebe moͤgte ich 08 nennen, ſondern Lei⸗ 


denſchaft, die man in Eſth⸗ und Liefland fuͤr 


Alexander empfindet. Ich erzaͤhle wahrlich blos 


was ich ſelbſt ſah. Jedes Auge gluͤht, jede Stirn 
entwoͤlkt, jede Zunge loͤſ't ſich, ſobald fein Name 


genannt wird. Er war nur einige Tage in Re⸗ 


val, und doch weiß ih, daß bei feiner Abreife 


Thraͤnen gefloffen find, wie man fie um einen 
ſcheidenden Geliebten. weint, — — ich breche 


lieber ab, denn kalt von ihm ſprechen kann ich 


nicht, und meine Waͤrme ſoll niemand mißdeu⸗ 


ten. — Heil der Mutter die ihn gebar! u. ſ. w. 


(Thl. 1. ©. 7 bis 9.) | 
Noch einige. Blätter verweilt ber Erzähler in 


Lief⸗ und Efihland, hebt es befonderd heraus, 


daß einige Letten gegen bie Aufhebung ber Leib- 


Ki 


eigenſchaft follen proteflirt Haben, befteht am Pei⸗ 
pusſee ein Gewitter, fieht in Dorpat Studenten 
‘mit Helmen, denen er die Weifung giebt, uͤber 
dem Helm die Eule nicht zu vergeffen, und bes 


Yächelt den Rektor der Univerfität, der einen $ ee 


derhut tragen, ſich aber nicht Etats rath nen= 


nen laffen darf. — Dann geht ed, unter Beifuͤ⸗ 


— 26 — 


gung einer beſondern Nachricht uͤber die .Ertrapos 
ſten in den durchflogenen Laͤndern vorwaͤrts, ſo 
raſch, als ed der Poſtillon zulaͤßt, aber nicht fo 
raſch, um nicht einige beiläufige Bemerkungen 
zum Beften zu geben, . und beſonders Goͤthen 
ben Rath zu ertheilen, daß er jebeömal beim 
Zujauchzen des Publikums aufträte, und befcheis 
den audriefe: gewefen! (Seite 57). : Schnell 
genug ift er in Italien und da ‚beginnen feine 
ausführlichen Bittheilungen, über deren Fluͤch⸗ 
tigkeit, Oberflächlichleit und zuweilen offenbaren 
Unverfland ihm: nichtö anzuhaben ift, da er fchon 
in der Vorrede jeden möglichen Vorwurf: zu bes 
feitigen weiß: „Mein Aufenthalt in Italien war 
zwar nur kurz; body wüßte ich nicht, ‚warum 
Das eben den etwannigen Werth meiner Urtheile 
verringern ſollte. Die Gabe zu beobachten, if 
eine Naturgabe; wer fie nicht mitbringt, wirb 
fie auch in Jahren nicht. erwerben. Die meiften 
Dinge fieht man entweder gleich ‚beim. eriten 
Male recht, ober nie. Das wirklich Auffalz 
Iende, wirklich Bemerkenswerthe, zeigt. fich beim 
arſten Ueberblick, und ich möchte faft ſagen: nur 
23* 


— 356 — 


beim erſten. Hat das Auge ſich einmal an die 
Gegenſtaͤnde gewoͤhnt, ſo iſt der ſcharfe Blich 
ſchon verloren. Auch ich habe die beruͤhmteſten 
Kunſtwerke zwei⸗ und mehrere Male geſehen, doch 
intmer gefunden, daß mein erſtes Gefühl am fri⸗ 
ſcheſten, am barchdringendflen war. Darum ſuchte 
ich auch immer dieſen Eindruck feſtzuhalten, und 
wenige Stunden nachher auf dem Papiere zu 
ſchildern. Wer indeß mein Buch bios als eine 
Sammlung von fluͤchtigen Bemerkungen 
betrachten will, der thue es immerhin; die flüchs 
tigen Bemerkungen ſi find nicht Immer bie ſchlech⸗ 
teſten!“ — | 

Aber. oft!! — 

Bon dem, was von Kogebue über Italien, 
Kunſt und Kunſtwerke ſagt, oder vielmehr ſchwatzt, 
— keine Zeile; nur die Bemerkung darf nicht ver⸗ 
fehwiegen werden, denn fie ift für fein inneres 
Leben. charakteriftifch, daß er durch das ganze, 
drei Bänbe ſtarke Werk hindurch, immer wieder 
darauf zuruͤckkommend, mit dem -petulanteften 
Muthwillen bei Allem verweilt, was auf pofitive 
Chriftusiehre, auf Legenden, Martyrergefchichte, 


Kirchen» und Prieſterthum hindeutet. Hier zeigt 
er feine Fertigkeit in. allgemeinen, : unbeflimmten 
balbwahren Wendungen, Wortfpielen, Späßchen 
und wigigen. Cinfälen, das ber chriſtlichen Welt 
Heilige zu verfootten. . Hier ein Beleg mit 
feinen eigenen Worten: „Wenden wir und lieber 
rechter Hand,. wo vom. Tempel bes Fries 
dens noch drei herrliche Bogen. fliehen. Das 
praͤchtige Säulengewimmel ift freilich verfhwuns 
ben, Nur eine einzige .entging ber Zerſtoͤrung. 
Und was hat man’ mit diefem Eoftbaren Ueberrefte 
angefangen? — Ei nun, Papft Paul V. hat die 
Säule vor der Kirche Marin Maggiore aufgerich⸗ 
tet und eine unbefledte Jungfrau” (— die 
oft der Gegenftand feines Spottes wird —) „bin: 
aufgeftellt. Seltfam, daß eine Säule des Fries 
dens tempels vom eigenfinnigen Schickſale bes 
flimmt wurde, die Mutter des Mannes zu tra⸗ 
gen, deſſen Lehre einen endlofen blutigen 
Krieg veranlaßte” — (Güte. 196.) Alfo: 
die Lehre Chriſti bat die enblofemi.blutigen 
Kriege: veranlaßt? — Ein Mann der felbft Ren 
ligion bat, ober, „der: mil: einigen moraliſchem 


— 358s — 

Sinne, die Religion ſeines Mitmenſchen als ſolche 
achtet, wuͤrde geſagt haben: Menſchen, die ſich 
Glaͤubige der Lehre Chriſti nannten, veranlaß⸗ 
ten blutige Kriege; aber der himmliſchen Lehre 
der Liebe und des Friedens das brizumeſſen, was 
Verblendung und Leidenſchaft der Sterblichen ver⸗ 
fhuldete — iſt — — doch nein! es braucht Fein 
Bluch über ſolches Verbrechen außgefprochen zu 
werden. — Näher liegt ed, den Ungluͤcklichen zu 
beklagen, ber der hohen Freuden des religioſen 
Lebens entbehren mußte. — Hiervon uͤberall Zeug⸗ 
niſſe: Thl. I. ©. 107 u. 108 lieftt man: „Eine 
andere junge Ronne — entfprang vor Kurzem, 
und — man denke fib ben frommen Abfcher 
der alten Urfelinorinnen, bie verftohlenen Seuf⸗ 
zer ber jungen Nonnen — heirathete wenige Tage 
nachher einm Soldaten vom Regiment Jordis, 
deſſen Kommißbrod ihr beffer fchmedte, als Die 
kloͤſterlichen Lederbiffen. Jetzt fol die vormalige 
Braut Chrifti Hoffnung haben, bald ein leben: 
biges Kind an den mütterlichen: Bufen zu drüs 
. den. Vielleicht hat fie einmal davon gehört, daß 
der’. gottlofe Voltaire. behauptete, ber Vater 


ihres himmlifchen Braͤutigams fey.ein loderer rd: 
mifcher Soldate geweſen.“ — Thl. II. ©. 106 
fagt er: „Diefe Münzen (ded alten Syrakus) 
tönnen für das aͤlteſte Modenjournal auf dem 
Erbboden gelten. Möchten ed doch die Chriften 
mit ihrer heiligen Jungfrau eben fo gemacht ha⸗ 
ben, ſo hätten wir bie vollftändigfien Modebe⸗ 
‚ richte von achtzehn Iahrhunderten, und die Ma: 
donna würde fehr erbaulich, bald mit der Fon⸗ 
tange, bald mit einem Bonnet ä l’Eulalie erfcheis 
nen. Das wäre doch wahrlich paffender, als bie 
augsburgifchen Allongen> Perüden. — Oft glaubt 
man, bei Betrachtung ber alten‘ fictlianifchen 
Münzen, ſich plöglih in chriftliche Zeiten verfeht, 
wenn man dad Kreuß in mancheslei Geſtalt ges 
wahr wird; dieſes Kreutz iſt aber egyptifchen 
Urfprungs — daß bock bie Chriften fo gar nichts 
Neues «erfunden haben!" — Thl. IN: ©. 17: 
„Indien ift ganz mit Gold gemalt (auf einer 
geographifchen Karte im vatikanifchen Palaft zu 
Rom). Die Inſchrift fagt: ed fey ein Land 
wo Milch und Honig fliege, und wo der Erlöfer 
gebosen ſey. — Welcher? Chriſtus oder Wifchz 


— KO — 


nu? denn befanntlich ift Chriſtus nur eine 
Nachahmung von Wiſchnu.“ — 

Da Italien an Monumenten der burd Ans 
bacht verherrlichten -Kunft und bes chriftlichen: 
Glaubens fo reich ift, fo kann man leicht erach⸗ 
ten, wie oft Herr von Kotzze bue Gelegenheit 
ſucht und findet, in folcher Manier feine Gloſſen 
zum Beſten zu geben und fi felbft zu ſchaͤnden, 
indem er verdchtlih vom Chriftenthume redete. 
Käthfelhaft aber koͤnnte es Manchen duͤnken, bag 
diefer irreligioͤſe, unmoralifhe Schwägßer in eis 
nem Beitpunkte fo viele beifälige ‚Zuhörer finden 
fonnte, wo ed auf anderer Seite ſchien, ald ob 
die ewige Heiligkeit des cheifllichen Glaubens 
felbft in dem proteftantifchen Deutfchland fich von 
Neuem offenbare. — Doch auch für die, welche 
an feinem gegen das Ghriftenthum ausgefprochenen 
Hohn etwa Aergerniß nehmen, ihm barlıber Vor⸗ 
würfe machen, ihm deshalb. ihre Gunft entziehen 
‚wollten, hat er eine Entfchuldigung, die mit ber 
Jaͤmmerlichkeit der zu befchönigenden Ruchloſig⸗ 
keit gleihen Schritt hält, — Er läßt ſich in der 
Vorrede (S. 5. ff.) alfo vernehmen: „Doc einer. 


Mißdeutung muß ich vorbeugen. . Ich habe lei— 
der fo oft Gelegenheit gefunden, über. Pfaffen⸗ 
geift und Aberglaube (Nur über. dieſe? —) 
zu fpötteln, daß ein fluͤchtiger ober uͤbelwollender 
Lefer wohl auf.den Einfall gerathen koͤnnte, ich 
hatte die Religion felbil angreifen wollen. : Gegen 
dieſe Beſchuldigung halte ih für .nöthig, mich 
feierlich zu verwahren. Bon der Nothwendigkeit 
einer pofitiven. Religion ift niemand uͤberzeugter, 
als ich; Geſetze binden nur, Religion Fettet 
die menfchliche Gefellfchaft zufammen, fie ift die 
Philofophie des Volkes, ihm ein Stab in: Leiden, 
ein Hoffnungsftern im Unglüd, ein. Schild gegen 
die Schreien des Todes; durch Religion erhalten 
die Bande der Natur für,ben finnlichen Menfchen 
eine Weihe; ſie iſt oft Schöpferin, oͤfter noch 
Erhalterin des nothwendigſten Gluͤcks auf Erben, 
bed Familienglücks; wehe alſo den, ber ihre 
Freuden und Troͤſumgen dem Volle rauben mögs 
te! — aber wenn Pfaffen den Hang. des Volkes 
zum Ueberſinnlichen mißbrauchen, um in dem dick⸗ 
fien Aberglauben es zu verſtricken; wenn fie die 
Religion blos zun Wertzeug ihren Habſucht und 


— 362 — 


Herrſchſucht herabwuͤrdigen, weil fie: Mäpichen 
auf Märchen häufen, jedes Aufſtreben unterdruͤ⸗ 
cken, jedes Lichtlein verloͤſchen, damit es ihre 
Ignoranz nicht beleuchtez wenn. fie vom Schweiße 
des Volkes ſich maͤſten, mit deſſen Blute:ihre fei⸗ 
fien Wangen färben; wenn fie auf deffen. zertsea 
tenem Gehirne thronen, und bie bümmfle Dumm⸗ 
beit ihnen nod nicht Dumm genug iſt, — ja dann 
ift es erlaubt, gegen diefe Brut- zu donnern; fie 
‚bat nichtö mit der Religion gemein. Diefe ehre 
ich, wie ſichs gebührt, und Gottlob! es giebt 
noch Priefter derfelben, die Ehrfurcht und Liebe 
verdienen; ja ich ſelbſt zähle unter meine beften 
Freunde einen: Fatholifchen Priefter: — BVielleicht 
wuͤrde ich überhaupt dieſe, von Voltaire und an⸗ 
dern eigentlich. laͤngſt erfchöpfte Materie gar nicht 
berührt haben, wenn wie nicht ‚gerade in einem 
merkwürdigen Beitpunkte lebten, wo eined ber 
srößten Genies unferes Jahrhunderts — vom 
Vertraun auf fich felbft verlaffen, weil Bewußt⸗ 
feyn reiner Seelengröße es verließ, den morfchen 
Stab des Aberglaubens faft aͤngſtlich ergriffen 
bat, und ihn fo fchwersäuf. ber Naden des Vol⸗ 


— Ay — 
kes druͤckkt, daß es haſtig dem lichten Tage den 
Rüden kehrt, um mit verſchloſſenen Augen in bie 
fürftere Nacht des dreizehnten Jahrhunderts zus 
thdzulaufen. Darum ift das oft Gefagte wie 
derum ein Wort zu rechter Zeit, und Jeder, ber 
dem Aberglauben die Latve vom "Gefichte, die 
elenden Lunipen vom Leibe reißt, thut Rechts 
kein Unbefangerter wird ihn befchuldigen, er habe 
die Religion’ antaſten wollen. — - 1 
Wie paßt diefes Geſchwaͤtz, mit allen dem un⸗ 

—— halbwahren und verzerrten Zuͤgen, zu 
den eben beigebrachten Zeugniſſen, bie die Eni⸗ 
wuͤrdigung der chriſtlichen Kirche ſo offenbar zum 
Zwecke haben? — Wenn v. K. in ſeinen Schau⸗ 
ſpielen dagegen nicht ſelten, — zwar nie eine 
religioſe Sinnesart — doch eine gewiſſe Achtung 
für die chriſtliche Offenbarung ausſpticht, fo darf 
ihm diefes durchaus nicht als perfönliche Ueber⸗ 
zeugung beigelegt. werben: denn es If nichts, als 
Dekoration‘ der’ Theaterrolle. Jene, in feinen 
Schaufpieln, in Sentenzen, Tiraden und Ges 
forächen, wo e8 Schlag um Schlag’ geht, gepre⸗ 
bigt werdenden Anfichten haben -iyn :oft: mit Mich 


feibft: in Widerſpruch geſtellt; wird Hier: bie, Sitte 
lichkeit empfohlen, fo ſagt erz..,,Scht dies iſt 
meine Anſicht, dieſes mein Verdienſt; fo beifuͤhr 
ich mich die Tugend zu: lehrenz“ wenn-.er: aben 
Laſter, Voͤllerei, Unwahrheit, Schlechtheit heſchoͤ⸗ 
vigend, entſchuldigend und Beifall winkend, aufs 
teitt, fo. muß die Charakterzeichuumg ber -aufges 
führten Perfon. bie Schuld tragen. — Alfo haben 
bie Klugen dieſer Welt ihre Rechtfertigung im⸗ 
wer in Bereitſchaft; fie unterlafteniwicht, ſich ſelbſt 
da zu vertheidigen, wo keine Vertheidigung on 
Möthen :war, und beſtaͤtigen das Voltaire ſchet 
Qui s’excuse,.s’accuse 3:10 dagegen Feine Ents 
ſchuldigung etwas fruchtet, vermerken ſie es gar 
Abel, wenn man ed mit-ihnen-fo. ſtreng nehmen 
will, und: find bei der Führung ber Rebe wenig. 
ſtens nicht um · das Wort nerlegn. — .. . 
Daß v. Kopebue biernächft daheim, wie auf 
der Reife, fih oft angeregt findet,. feine Wuth 
gegen Goͤthe, gegen bie-.neuen Philoſophen, 
Arftpetiter und Kritiker Worte zu geben, daß er 
friſch weg, über Alles, was Ihm in den Wurf 
kommt etwas zu fprechan,weiß, daß hieraus eine 


V 


— 3366 — 
Maſſe von Konverſationsſtuͤckchen ſich bildet, die 
Ber: flachen Gemeinheit zur Zeitverkuͤrzenden Uns 
terhaltung dient, verſteht fih von: ſelbſt. Leicht 
wurden bie brei Bände der Rüderinnerungen: 
an diefe Reife wenige Monate nach feiner Ankımft 
zu Berlin bingeworfen-und durch bie deutfche Yes 
ſewelt zerſtreut. — Da er in dieſem Zeitpunkte 
ſeiner Schriftſtellerthaͤtigkeit, ſich eigentlich noch 
nicht, wie ſpaͤterhin, in die Politik verirrt hatte; 
fo finden wie bier: noch bedeutende Lobſpruͤche 
auf eine. freifinnige Geiftesthätigkeit, ‚welche mit 
ſeinem nachher zus großen Erbauung verfinſterter 
Schwaͤchlinge verlautbarten Fledermaus: Geſchwirt 
nicht zufammenflimmen; es iſt nachzumweifen, nicht, 
Daß er in fpdtern Lebensjahren moraliſch beſſer, 
wohl. aber daß er geiſtig ſchlechter wurde. -&o 
fpricht er noch an dem Schluffe der Erinneruns 
gen (Thl. 3. Seite 420 ff.) von dem Unheil 
der Bücherzenfuren und fchließt: | 
„Die Machthaber fcheinen die Geſchichte 
zu betrachten, wie die Fuhrleute bie gemachten 
Warnungdtafeln auf den Tyroler Gebirgen,, fie 
nehmen fich Feine andere Lehre daraus, ald:: daß 


I 


% 


man die Rider tuͤchtig einhemmen muͤſſez -fie 
vergeſſen aber, daß dort die Urfache (nämlich 
die ſteilen Gebirge) nicht meggeraͤumt werben 
koͤnne, hier. hingegen es allein. von ihnen abhängt, 


alles Einheramen überflüfftg zu machen. Ride 


Genſur, noch Jakobiner (Burfchenfchaften>, Teu⸗ 


tonen⸗ und Bund⸗) riecherey, nicht Ignoranz 


‚und. dichter Aberglaube ſchuͤtzen vor Revolutionen; 


in Preußen z. B. darf man leſen, ſchreiben, dru⸗ 


den, ſprechen, unterſuchen, was man Luft hat *), 
und ‚dennoch, ift. Fein Staat in Europa ficherer 
vor einer Revolution; bie ganze Kunſt, fie 


zu verhüten, beſteht in dem einzigen 
Worte: Bolteglüd Em gluͤckliches 
Volk rebellirt nie, wenn auch Millionen Schrifts 
ſteller durch Milionen Federkiele es zu bewirken 
ſuchten. Man zeige mir ein einziges Beiſpiel in 
ber Geſchichte, wo ein glüdliches Volk ſich 


‚empört hätte. Wenn alfo — wie jest wieder 
.bei einer benachbarten fremden Nation gefchieht — 





9) Diefes berichtet von Kogebue in dem Jahre nach 


Gdbriſti, unferes Heilandes, Geburt, ein taufenb 


at hundert und fünf. — 


— 467 — 


der. Monarch feinen Thron mit allen jenen Uns 
geheuern umringt,: bie Mißtraun ausbruͤten; fo 
. belennt er dadurch laut vor Welt und 
Nachwelt, was fein eigenes dunkles 
Gefühl ihm fagt: Mein Bolt “ nicht 
glüeliche — | 


Daß boch die menſchliche Schwachheit in funf⸗ 
zehn Jahren ſo Manches vergeſſen laͤßt, oder, 
daß doch von den zahlloſen Leſern Kotz ebne'!s 
die: Machthaber gerade dieſe einfach verſtaͤndige 
Weiſung fo ganz außer Acht laſſen mußten! — 
Zu dieſen Wuͤnſchen geſellt ſich ein neuer bei der 
Durchleſung des Buches, er, ber mit manchen 
Empfehlungen verfehene Verfafler, erlangte auf 
feinen Reifen überall zu den Großen ber Erde 
den gefuchten: Zutritt, . und ſprach fo. auch. die, 
nach unlauteren Quellen, in Hinſicht ihrer Perſoͤn⸗ 
Vichkeit oft gar ſehr verläumbete Königin von 
Neapel. Bon ihr wil Kogebue im Gefpräche 
bie Worte gehört haben, die in dem Munde eis 
ner Königin die größte. Bewunderung erregen: 
„sh fimme das Volk lieber hinauf, als 


— 368 — 


herab." — Sollts diefes nicht jedes denkenden, 
auf das Volk wirkenden Menſchen Pflicht: ſeynk 
Aber hat je ein Mam, als Schriftſteller dieſer 
herrlichen Maxime mehr entgegen gehandelt, um 
nur. in dem Beifalle des großen Haufens dem 
Geluͤſte der augenblicklichen Eitelkeit zu frͤhnen 
ſo war es v. Kotzebue. Dieſe traurige Entar⸗ 
tung war die nothwendige Folge ſeines, jedes 
höheren. moraliſchen Werthes entbehrenden Kba⸗ 
rakters; nach felbigem..bewied er mit feinem gans 
zen Leben, ‚daß er von’ dem geifligen Wertho 
der Menfchheit die traurigſten, die Alles ober⸗ 
flaͤchlich „abfindenden Menfchen immer tiefer hin⸗ 
abziehende ‚Borftellungen hatte. Sein. Geift, nie 
der Weihe religiöfer Anfichten fähig, .bielt fih am 
ben Gedanken, daß die Ausbildung des 
menſchlichen Sefhlehts, ein von Ewige 
keit her. zugemeffenes, Feiner Vergrös 
Berung fühiges Ganzes ausmahe; er 
predigte: „ed giebt in ber moralifdhen 
Welt nur eine gewiffe Summe von 
Ausbildung, wie in der phyfifhen nur 
eine. gewiffe Summe von Materie, die 


v 


— 39 0 — 


fich nie vergrößert und nie abnimmt *),” 
and lebte hiernach. Wer ſich einmal einer folchen 
Meinung hingegeben,- hält es gar nicht mehr der 
Mühe werth, und wird mit berfelben unfähig fuͤr 
moralifhe Vervollkommung, zur Erlangung eines 
höheren geiſtigen Werthes feiner felbft und Ans 
derer zu wirken; benn ganz folgerecht mußte ſich 
v. K. fagen: es iſt ganz gleichgültig und erfolgs 
los, ob du mit dem Ernſte eines geifligen Berufes 
einem höheren Ziele entgegen arbeitefi; das mos 
raliſche Gute, das einmal in der menfchlichen 
Geſellſchaft verbreitet ift, bleibt -Doch, vermehrt 
und vermindert fi auf Feine Weife; darum iſt 
ed am rathfamiten fich Feine Sorge zu machen; 
dem Leben einige -genußverheißende Seiten abzus 
gewinnen und außerdem einen gewiflen Anfland 
zu beobachten, der vor duffern, unangenehmen Bes 
ruͤhrungen ſchuͤtzt. — Diefes iſt die fogenannte 





*) Dieſes iſt öfter, direkt und undirekt in v. KELe⸗ 
ben und Schriften ausgeſprochen; die aber hier wie⸗ 
derholten Worte ſtehn in feiner Schrift: Fragmen⸗ 
te über Recenſenten⸗ Unfug. Beipäis IR | 

‚Seite 136 und II 
24 


— 70 — 


Lebensphiloſophie, ‚die in Der fchlaffen Entartung 
der Kogebuefchen Zeitgenoflen, befonders in den 
höheren Ständen, vielen Beifall fand. In ihren 
weiten Mantel gehült, nähert fich der zuruͤckkeh⸗ 
"gende Reifende mit frohem Herzklopfen der Haupt⸗ 
ſtadt des Preußiſchen Staates. „Mit leichter 
Bruſt,“ fagt er, „ſah ich die Thuͤrme der Refi⸗ 
benz eines Landes wieder, das zwar dem Gau 
men Feine Drangen liefert, aber ber Zunge erlaubt 
"zu ſprechen, und dem Gehirme, zu denken, 
“ ohne jebes Wort durch einen Spion, jeden Ge⸗ 
danken durch einen Genfor vergiften zu laſſen. 
Hier, wo Bertrauen ber Regierung mit dchter 

"Auflistung im Bunde ſteht; hier, wo wahre 

Freiheit herrſcht, der Bürger keiner Laune, 
nur weiſen Geſetzen gehorcht,. durch fie dem 

Füuͤrſten gleichgeftellt, — die einzige vernünfs 
tige Gleichheit! — Hier hänge ich meinen Wan⸗ 
derſtab, als ein ex voto in den Tempel ber Mufen, 
der durch bie Nähe von Bellonens Tempel nicht 
beunruhigt wird. Hierher flüchte jeder ruhige, 
den Wiffenfchaften ergebene Mann, ‚gleich dem 
Schiffer, der, um dad CapuHorn fegelud, das 


— 371 — \ 


file Meer zu erreichen ſirebt, das nie ein 
Sturm bewegt. N. m Ä 


| Diefe Zufammenftelung des fiillen Meeres 
und der Mark Brandenburg gewinnt ſchon 
deshalb ein ganz eigenes Anfehn, weil in letzterer 
bekanntlich der leifefte Windhauch Sand und 
Staub gewaltig in Bewegung ſetzt. — V. Ko: 
kebne, fonft. oft unvorfichtig, aber in dieſer Hin⸗ 
ſicht ſehr konſequent pfiffig — pflegte nie* ein 
Land oder eine Stadt zu loben, ohne zu gleicher 
Beit Rußlands huldigend zu gedenken. Solcher 
Sitte bleibt er denn auch bei diefem Reifeberichte 
treu; eine Parallele zwifchen Stalien und Rußland 
muß dazu dienen, um mit einer Lobrede auf legs 
teres den Beſchluß machen zu können. — Hier 
iſt dieſes Probeſtuͤck der Kotzebueſchen Kombina⸗ 
tionsweiſe: 


„Italien gefehen zu haben, ift fehr ange: 
nehm; es zu fehben, weit minder. — Wie, wenn 
ich.eine Parallele zwifhen Italien und Ruß⸗ 
kand zoͤge? und wenn ich ed zum Wortheile bes. 
letztern thaͤte? — Dann wird man mich para 

. 24* 


dor ſchelten, aber ich habe Gründe, und, wie 
mich deuht, gute Grunde — Das Klima in 
Italien ift lieblid und mild, aber fehr verän- 
derlich. Keinen Tag, faft keine Stunde, kann 
man ſich auf die Witterung verlaffen; daraus 
entfteht großer Nachtheil für die Geſundheit; groͤ⸗ 
Berer noch aus den vielen Suͤmpfen, bie faſt 
das ganze Jahr hindurch die Luft mit fchädlichen - 
Dinften füllen, ven Seen und Baͤchen, bie 
man ſchon meilenweit riecht. Die Reichen müffen 
im Sommer auf Berge fliehen und ſich gegen die 
Luft der Ebene verſchanzen; bie Armen müffen 
bleiben und flerben. Die jährliche Ueberzahl der 
Todtenliſten erregt Schaudern. Wo ber giftige 
Aushauch dee Suͤmpfe und Seen nicht hinreicht, 
da helfen die Menfhen mit ihrem Schmuße 
nad. Bei diefem abfeheulichen Hange der Ein 
wohner, in Schmuß zu leben, wie die Miftkäfer, 
- {ft mir unbegreiflich, daß die Peft fo lange nicht 
in Stalien gewefen; fehr begreifli hingegen ift 
mir, daß das gelbe Fieber dort feinen Thron 
aufgefchlagen; ich wundere mich viekmepe, daß es 
uicht dort: feinen Urſprung genommen: — Dage⸗ 


— 373 — 


gen Rußland. *) — das Klima ift rauh, doch 
beftändig; Suͤmpfe giebt es da auch, doch die 
Gluth der Sonne kocht nicht Gift daraus. An 
allen Seen und- Fluͤſſen kann man luſtwandeln, 
ohne die Naſe zuzuhalten. Keine Jahreszeit droht 
ber Geſundheit; Arme, wie Reiche dürfen alt 
werden, ohne ihren Hütten Monate lang ben 
Rüden zujuwenden. Die trodene Kälte ift heil: 
fan; das Reich ber Lebendigen empfängt jährlich 
. mehr Bewohner, ald dad Reich der Todten. Im 
Städten und Häufern herrfcht mehr Reinlichkeit; 
in. einer - finnifchen Bauerhütte wird weniger 
Schmutz gefunden, als in dem Palaſte des erften 
Minifters zu Neapel. — Der Winter iſt in Itas 
lien ſehr mild, und dennoch — Neapel etwa aus⸗ 
genommen — befchwerliher, als in Rußland; 
denn wie fol man mit rauchenden Kaminen, fleis 
nernen Fußböden, Flaffenden Thüren und Zenftern 
auch nur einem ‚Grade Kälte widerſtehen? — 

An Rußland hingegen find oft fogar bie Vorhaͤu⸗ 





9 Weiches Rußland denn? Man kann doch wohl nicht 
fuͤglich bie jo verſchiedenen Klimate des ausgedehnten 
Reiches alle uͤber einen Kamm ſcheeren? — u 


— 374 — 


fer fchon- geheitzt, bie Zimmer erhalten durch tuͤch⸗ 
tige Dfen und doppelte Zenfler, eine immer gleiche 
angenehme. Temperatur. Der Rüden friert 
nicht, wenn ber Bauch fhwist, man reibt 
ſich nicht immer die Hände, Wolken von: Athem 
fichtbar von fih blafend.. Der Sommer if in 
Italien unertraͤglich heiß; alle Kraͤfte werden ab⸗ 
geſpannt, man weiß ſich nicht zu laſſen. In 
Rußland genießt man den- Sommer, und zwar 
Tag und Nacht, denn die fehönen hellen Nächte 
gewähren einen lieblihen Genuß; Frühling und 
Herbft find in Italien ſchoͤner, Sommer und 
Winter in Rußland. — Italien erzeugt Bein 
und eble Früchte, Rußland bezahlt fi. Ich 
babe in Neapel nie eine fo füße Drange gegef: 
fen als in Peteröburg. Die meiften Weingattuns 
gen Welfchlands wiberftehen dem Gaumen ber 
Sremben; Florentiner Wein und Thraͤnen Chriftt 
find die einzigen guten Tiſchweine; felten find fie 
echt zu haben; mitten unter Millionen Reben 
ſchmachtet oft der Weindurflige. In Rußland 
mangelt e8 nie an gutem Weine; alle Weinlaͤn⸗ 
der Faffen Quellen dahin fließen. Auch die erſten 


— 875 0 — 


Bebürfniffe des Lebens, Fleiſch, Brod, Milch, 
find unendlich beffer und wohlfeiler, As in Ita⸗ 
lien. — Aber bie herrlichen: Aiferthümer- und 
Kunſtwerke, welche Stalien befigt? — die kann 
und will ich ihm nicht freitig machen, boch zum 
Gluͤcke des Lebens tragen fie nichts bei: Man 
fiebt fie dreimal, man fieht fie ein Dutzendmal, 
nun hat man fie genug gefehen, und. am Ende 
fährt man zu Rom am Coloſſeum eben: fo. gleich» 
gültig vorbei, ald zu Petersburg am. Marmor: 
palafie. — Und wenn ich nun von ben. ehlofen 
halb erfchöpften Reizen: Italiens zu den. lebendis 
gen Vorzügen Rußlands Übergehe: — Himmel, 
wie fleht dann Das exflere un Schatten! — Der 
Regent — ich werde mich wohl hüten, zwifchen 
Ferdinand IV., ober dem Papſte, oder gar 
zwiſchen dem Herren Vicepraͤſidenten Molzi (3) 
and Alexander JL. eine Parallele zu ziehen. 
Noch wogt Italien, bewegter als die Meere, die 
es umfließen; Rußland gruͤnt ſtill. Noch kriechen 
Haß und Mißtrauen im Finſtern uͤber Welſchlands 
blumenreichen Boden) in Rußland giebt das 
Volk Liebe. und der Monarch Vertrauens 


Beide Tennen die Furcht nicht. In Welfchland 
muß ber Fremde jeben Schritt in die fchöne Na⸗ 
tur zuvor einem.Bettler abfaufen, und indem 
: er flieht, eine herrliche Gegend zu betrachten, 
reckt ihm plöglich ein Krüppel eine verſtuͤmmelte 
Hand vor die Augen. Banditen: Phyfiognomien 
umsingen. ihn überall und Erzählungen von Morb- 
thaten. beklemmen feine Brufl. In Rußland geht 
er ficher in finfterer Nacht: durch dichte Wälder, 
hoͤrt, ſtatt der jammervollen Litanei des Bettlers 
nur beitexen Volksgeſang des fleißigen Arbeiter 
und brave Gefichter. Lachen ihm Überall entgegen. — 
Italien wimmelt von faullenzenden Pfaffen, bie; 
in Kutten aller Farben, ihre. Bäuche paarweiſe 
zur Schau tragen; in Rußland wirft Du mit 
biefem empörenden Anblide gänzlich verfchont. 
Zwar herrſcht auch dort Aberglaube — und wo. 
berrfcht er nicht! —. aber die Regierung berrfcht 
nicht Durch Aberglauben, wie in Welſchland; fie 
treibt nicht mit der Vernunft ein gottlofes Spiel, 
fie wuͤrdigt den Menſchen nicht unter das 
Vieh herab. — Die kraſſeſte Ignoranz hat ihren 
Fützſchleier über Italien gebreitet; bie einzige 


— 377 — 


Wiſſenſchaft der Vornehmen iſt Kartenſpiel; fie 
leſen — in Farobuͤchernz fie ſchreiben — mit 
Kreide auf den Spieltiſch. In Rußland iſt ein 
ſchoͤner Morgen für Kunſt und Wiſſenſchaften ans 
gebrochen. — Bid ind. Unendliche ‚ließe. diefe Pas 
rallele ſich fortfegen, doch nur noch einen. Zug 
will ic, herausheben. Italien feufzt und murrt 
unter bem Joche einer- fremden, oft-übermüthigen 
Nation; Rußland athmet frei und leicht “unter 
dem fanften Szeyter des Enkels der großen Kas 
tharina. — Genug! — Auf das Lob. finnreih 
zu feyn, macht meine Parallel keinen Anſpruch; 
aber daß fie wahr ift, dafuͤr bürgeih. — Wirb 
man fi) noch wundern, daß, ich Italien gern 
verließ? dag ich nie wieder dahin zuruͤckkehren, 
nicht um ben Preis von Millionen: mein Leben 
dort zubringen moͤchte!“ — u 
Kopebue, in Berlin wieder haͤuslich, zeigte 
fih als Schriftſteller ruͤſtiger, als je. Mit Vers 
wunberung.-überfieht man die Reihe des Bände; 
bie er zuſammen ſchrieb. Während er ſich des 
JFreimuͤthigen wieber als Mitredakteur und als 
Mitarbeiter annahm, und. hier immer von Neuem: 


„it feinen Gegnern ‚enband, Schauſpiele uͤber 
Schauſpiele auf vie Bühne brachte, Almanache 
„für dramatiſche Spiele jaͤhrlich ein Taſchenbuch 
des Chroniken, eine baͤnderreiche Sammlung klei⸗ 
ner Romane und Miscellen, voluminoſe Reiſebe⸗ 
richte:un. ſ. f. herausgab, und dieſes alles, als 
Modewaare, von der großen Leſerzahl, die leicht 
‚unterhalten ſeyn will, häufig. geleſen wurde, ex⸗ 
Ffreute er ſich der. Früchte: dieſes Beifalls; doch 
mit den lauten Spoͤttereien der Widerſacher, mit 
den Rügen ber Recenſenten, blieb ed wie immer, 
fie. machten ihm vielen Aerger. — Er leiſtete 
nah allen. Direktionen bin‘, was er ‚irgend zu 
leiften im Stande war; fleißig hearbeitete er Tein 
PYublikum in allen Rangordnungen, befonders in 
den höheren, denen er ſelbſt zuzugehören, als 
Edelmann, als Kollegienrxath und Akademiker 
das Gluͤck hatte; aber noch immer ſollte es ihm 
mit der eigentlichen Achtung, die er ſo gern 
gewinnen wollte, nicht gelingen. Dem Spotte 
der Gegner wußte er zwar Spott, dem Witze 
ſeinen Witz gar gelaͤufig, nie beim Gebrauch der 
Feder verlegen, entgegen zu ſetzen; aber der im⸗ 


— 379 — 


mer ſich ernenernde Vorwurf, daß er zwar ein 
produktiver Schriftſteller ſey, Daß es ihm aber an 
einer eigentlich. wiſſenſchaftlichen: Bildung voͤllig 
fehle, daß er weder als Dichter, noch als Gelehr⸗ 
ter, noch uͤberall als Schriftſteller auf wahres 
Verdienſt Anſpruch machen koͤnne, purde ibm 
immet verletzender. Er faßte den Entſchluß, feine 
ganze Thaͤtigkeit, allen ihm moͤglichen, beharrli⸗ 
chen Fleiß daran zu ſetzen, um der Welt ein 
wiſſenſchaftliches Werk zu : liefern, : dad‘. dieſen 
Vorwurf für immer verſtummen machte. Ob freie 
Bilführ, oder ein ehrenvoller Auftrag bed ihn 
mit befonberer Gnade aus zeichnenden Berliner Ho⸗ 
feö,.die Wahl des Thema's zur Ausführung je⸗ 
ned Planes leitete, mag dahin geſtellt bleiben; 
genug von Kotz ebue entſchloß ſich, in dem Felde 
der Geſchichte nach einen Palmenkranze zu. ringen, 
und unternahm bie. Bearbeitung ‚der ältern Ge⸗ 
f&hichte Preußens. Auf der einen Seite verhieß 
ihm der mangelhafte. Zuftand der. hifterifchen Li⸗ 
teratur und Kunft bei den Deutſchen, auf ber . 
andern befonders der unter. der Autorität. des Ko⸗ 
nigs verfinttete Zutritt zu allen Imflituten, Ar⸗ 


— 380 muß 


chiven unb Kanzeleien bes Königreichs, bie We 
nugung bisher unzugänglicher: Quellen, großer 
Ertrag. Nur uͤberſah er, im hberwiegenden Ver 
traun der Eitelkeit, daß ſolche Arbeit nur verdienſt 
lich werben. konnte, unter den Bemühungen einer 
Selebrten, der mit allen ihm fehlenden Talenter 
und Kenntniſſen -auögerliflet war. Ohne das Be: 
duͤrfniß der erforderlichen Hülfswiffenfchaften zu 
ahnen, ohne von ber hiſtoriſchen Kritik einer 
Begriff zu haben, ohne in dem Zeitalter, in wel; 
chem er Preußens Gefchichte ſpeciell barftellen 
wolite, fich vorher tüchtig orientiren zu koͤnnen 
ging er forglos an fein Werk: und glaubte, daß, 
je. mehr fich bie Materialien hauften, umfo meh 
das Mangelnde von felbft finden würde. Schon 
im Jahre 1805 ging er nad. Königsberg und 
widmete feinen ganzen Fleiß diefen Befchäftigun: 
gen; weder der Staub archivarifcher Sammlun— 
gen, noch die Schwierigkeit des Verftehens alter 
Dokumente, noch die Sefchmadlofigkeit ber Chro— 
nitenfchreibee, ‚ober der Ernft zu Rathe gezoge: 
ner Gelehrter Eonnte ihn irre machen. &o: ent: 
ftand ſeine ältere Gefchichte Preußens, . die ihm 


" 881 — 


viele Mühe, Sorge ind Arbeit koſtete, aber in fo’ 
fern völlig mißglüdte, als er gehofft hattte, durch 
diefelbe zu feined Namens ehrenvolles Gedaͤchtniß 
ein bleibendes, wahren wiffenfhaftlichen Werth 
habendes Monument hinzuftellen. Tief kraͤnkte es 
ihn, daß dieſes Werk bei feinem Erfcheinen fo 
ganz unberüdfichtigt blieb, völlig überfehen, ihm 
Hinfichts deffelben gar Fein Verdienſt beigemeffen, 
Fein Werth zuerkannt wurde, ba er boch gehofft: 
hatte, ſich nun einmal, nad) Verwendung alles 
möglichen Fleißes felbft zu übertreffen, und bie: 
ſchmaͤhſuͤchtigſte Kritik zu befriedigen. Hoͤchſtens 
nannte man die in den Anlagen der geſchichtlichen 
Darſtellung zum erſten Male mitgetheilten Do⸗ 
kumente eine Bereicherung der Literatur; was er 
als ſein Eigenthum gegeben, hielt man keines 
Wortes werth. Seiner eigenen Unfähigkeit zur 
unternommenen Arbeit Tonnte von Kotzebue uns. 
möglich diefe kalte Aufnahme eines Lieblingskindes 
feines Geiftes zufchreiben; ben böfen Recenfenten, 
bie ihm auch nicht einmal den Gefallen -thaten, 
fein Werk zu tabeln, fondern durch Schweigen : - 
eine entſchiedene Richtachtung zu erkennen gaben, | 


Tannte er auch licht alle‘ Schuld beimeſſen; ſo 
troͤſtete er ſich denn wit den Gedanken, daß der 
Zeitpunkt der: Erſcheinung (er fiel ſchon in bie 
Ungluͤcksperiode des preußifchen Staates, 1809), 

und: das damals über Deutſchland verbreitete 
Kriegselend die Anerkennung der Trefflichkeit feis 
‚zer aͤltern Geſchichte Preußens verhindere. 

In der That aber braucht man v. Stogebuetß. 

Individualität nur partheilos ind Auge zu faffez} 

um uͤberzeugt zu werben, daß er durchaus und 
‚tüchtig war, zur genau hiſtoriſchen Darftellung 
irgend eined Gegenſtandes; bie Auflöfung ſchwie—⸗ 
riger hiſtoriſch Eeitifcher Aufgaben lag völlig außer 

feinem Gefichtöfreife. Er ift nie im Stande, bei 
‚der Entwidelung eined Objektes diefes wirklich 
feſt ind Auge zu. faffen und feine Perſoͤnlichkeit 

‚zu vergeflenz er behandelte die Gefchichte, wie 
. weiland Doktor Bahrdt, die Schriften der chriſt⸗ 
‚Lchen Offenbarung hanbhabte, daber.legterem G 6=- 

‚the gar bezeichnend die Worte in den Mund legt: 


Da kam mir ein Einfall ungefaͤhr, 
So gebt ich, wenn ich Chriſtus waͤr.“ — 


686 Prolog zu den neueften 


Als fo ſchnell nach bem Ausbruche des Kran: 
| zoͤſiſch⸗ Preußiſchen Krieges von 1806 die Provin⸗ 
zen des eigentlichen Koͤnigreichs Preußen von den 
Franzoͤſiſchen Heeren uͤberzogen und Koͤnigsberg 
bedroht wurde, ging von Kotz ebue mit ſeiner 
immer zahlreicher werdenden Familie nach Ruß⸗ 
land, wo er.abwechfelnd zu Reval und auf einem 
‚ feiner in Efihland gelegenen Güter, vorzüglich 
zu Schwarze, feine literarifche Thaͤtigkeit fortſetzte, 
‚und hier zuerft in feinem: naͤchſten Lebenskreiſe 
aufgeregt, mit einem fortwährenden Haffe. gegen 
-Bonaparte, eine antifranzoͤſiſch⸗politiſche Zandenz 
bekam, die ihm häufig in fpäteren Jahren zum 
großen DBerdienft angerechnet wurde. Wenn er 
befonber8 feit der Redaktion des Freimuͤthigen 
einen Beruf zu haben glaubte, über Alles mit⸗ 
und abzufprechen, was ihm in ben Wurf kam, 
fo war feine gegenwärtige Theilnahme an der 
Tagesgeſchichte, die Dad Unterjochungsſyſtem des 
franzöfifchen Kaifers in einzelnen Zügen verfolgte, 
ohne den Eonfeguenten Zuſammenhang deſſelben 
zu ahnen, der Weg, welcher ihn Tpäterhin zum 
politischen Schriftſteller machte, Er dachte nichts, 





— 1334 — | 
konnte fich nicht fortwährend mit Etwas im Meifte. 
befchäftigen, ohne daruͤber zu fchreiben;-. gleidz 
afternden Srauen, die, was ihnen in den Sinn: 
Iommt, vom Herzen wegplaudern müfjen; fie 
find froh, wenn fie Zuhörer haben, fo war es 
Kopgebue, wenn er Lefer fand, Uebrigens iſt es 
ein. entfchiebener Irrthum, wenn man. glaubt, 
Daß v. Kotzebue als Schriftfieller den Haß gegen 
franzöfifhe Bedruͤckung gewedt und begrimdet 
babe; er war nicht mehr, als eine Stimme ber 
Zeit, welche das Vorhandene ausſprach; eben fo 
iſt es Heut zu Tage ganz irrig, wenn man vorgiebt, - 
daß durch gewifle Schriftfteller' der ſich ſo lebhaft 
offenbarende Haß gegen die Juden, erzeugt ſey: 
Da, wo in chriſtlichen Staaten die Bewohner 
von den privilegirten Spießgeſellen der Plusma⸗ 
cherei, von den Juden gedruͤckt werden, lebt und 
waltet jener chrifflihe Haß und wird den Tag 
bed Serichtes herbeirufen, werm auch Fein Schrifts - 
fteller je einen Buchftaben zum Nachtheile der Ju⸗ 
ben der Preffe vertraut. — Am wenigften ft 
Kotz ebue's politiſche Schriftftellerei in eine Ver⸗ 
gleichung zu ſetzen mit dem hochherzigen Streben 


anderer deutſcher Schriftiteller, die dämalg durch 


das herannahende Unglüd und durch die Wuͤrdi⸗ 


gung. ber Geſchichte zu Propheten geworden, des 
einbröckenden Jammers Vorzeichen zu deuten. dem: 
Beruf. in ſich trugen und thatenreiche. Buße pres: 
digend, ihre Kraft, ihr Leben, unter Gefahren 


und Elend wmidmeten. Wie auch die Meinungen 


dar Manfchen über Menfchen wechſeln, fo lange 
. ein tugendlicher Sinn im Herzen bes deutſchen 


Mannes. wohnt, folk nicht vergeffen werben, wie 
. indiefer Hinſicht manche edle Schriftfteller,; durch 


die reinfke Vaterlandsliche, ihre Namen verherrs - 
lichten. Unter dieſen werde hier vor allen. deß 
Verfaſſers dea Beitgeifted (1805) gedacht, . 
weil e8 neuerlich ber Ton der Machthaber gewors 
den,. folder Männer. Anbenten zu verunglims - 


pen und ihnen ‚allerhand Staatsverhrechen anzus 
Diehten, die im fchlimmften. Halle, unrichtige 
Aufichten find. — Wie koͤnnt ihr euch. beimeſſen, 
des Gedankens Irrthum ſo hart ſtrafen zu wollen. 


da ihr nicht. weißt, bie herrliche That zu. lohnen, 


wohl aber des lieben. Voterlandes Veen Ru 


ſo -Serunglimpfen?; m, sw...“ 47 Tu \ ER BR We x 
25 


4 te 


= Die Kobebue’fche Zeitfchrift; bie Biene 
(1808 bis 1810, vier Bände) -wurbe von ben’ 
Tranzöfifchen Behörten fireng verboten und in den 
Unter. ihrem Drude fenfzenben Laͤndern mit gro⸗ 
Ber Gefahr‘ gelefen; diefes hat wahrſcheinlich der 
Zeitfehrift den unverdienten Ruhm zugezogen, daß 
durch fie bedeutend zum Haſſe gegen die Zwing. 
herrſchaft der Franzoſen gewirkt: fey. Umzu fe 
hen, was dadurch gefrommt werben: tonnte, iſt es 
genuͤgend, diefe bunte Reihe leichter Mittheilint- 
gen zu durchblättern. Da findet fi, daß in det 
Hille der Lebendigen, leichtverftändlichen Etzaͤh⸗ 
lung Ko&ebue ein unterhaltendes Allerlei liefert, 
dem jedes Lob, nur nicht das der politiſchen De 
deutfamfeit beigemeifen en werden mag. : 
Da indeß die Biene öfter genannt, als 
Tanne ift, da es in derſelben nicht’an Hindeu⸗ 
ungen duf die Beitgefchichte" mangelt, und mit« - 
inter ſich ſolche finden, welche bie fleiſſigſten 
Lefer der Kotzebueſchen Schtiften am wenigſten 
beherzigt zu haben fiheinen, To mögen hier fol⸗ 
gende Auszüge, die abfichtlich ſo gewaͤhlt wurden, 


— 387 — 


vaß ſte durch Anſpielungen charakteriſtiſch find; 
bier ihre rechte Stelle finden: 
- Bon der Selbflbiographie eines mit zwei Zuns 
gen gebornen. Englänberd heißt ed (Heft 1. ©: 
4194.): „Schade, daß diefe Biographie nie gebrudt 
erfchien! Man würde vielleicht daraus erſehen 
haben, ob er zu gleicher Zeit mit der einen Zunge 
Vivat, und mit der andern Wehe fchreien 
donnte? — Vermochte er das, fo wünfche ich. 
jedem ehrlichen Deutſchen zwei folde Zungen. — 
Mo v. 8. von der Farbe der Trauer 
redet, trifft man auf folgende Stelle: „Man hat 
fidy viele Mühe ‚gegeben, den Sinn der verſchie⸗ 
denen Farben zu erklären. Die weiße Farbe, 
fagt man, bedeutet die Reinheit; bie gelbe iſt 
von den verwelkten Blättern entlehntz bie, 
graue bezeichnet ;die Erde, in weldhe man bie 
Todten merfeharrtz. bie. blaue das Gluͤck, deſſen 
er in einer, beſſern Welt genießt; die ſchwarze 
die Beraubung des Lichtes; die violette eine Mi⸗ 
fehung von blau und fchwarz, vereint bie Trauer 
mit. den Wuͤnſchen für die. Seligkeit des Verſtor⸗ 
bene: „Solche. Deutungen ſind nat chen ſchwer 


— 383 


— zu finden. Hätte es lieber einem Wolle ‚beliebt 
roth zu trauern, fo würbe man vielleicht fagen, 
die Gewohnheit fey von einer großen. Schlacht 
aufgefommen, in welcher ſehr viel Blut vergof> 
fen worden. . Und wirklich ſollte man aus dieſer 
Urfache den Deutfchen rathen, jett nicht andere 
als roth zu trauern, beſonders feitdem die deut⸗ 

ſchen Blutfirdme zum Theil durch Deutfche ver⸗ 
goſſen worden find. Ach! wenn man nur 
aud eine Farbe für bie Sande hat⸗ 
te!“ — (Seite 196.) 

Ein kutzer, Thomas Kuli Char Aber⸗ 
ſchriebener Aufſatz, ſchließt mit den Worten: „Wie 
ging es denn aber am Ende dieſem Koͤnige der 
Koͤnige? — Obgleich ſeine Tyrannei ihn allge⸗ 
mein verhaßt machte, ſo blieben doch, wie ge⸗ 
woͤhnlich, die unterjochten Voͤlker ruhig, denn 
Handel und Wandel wurden ungehind®it getrie⸗ 
ben, und wenn die Menfhen mır Gelb gewinnen 
Sonnen, fo find fie zufrieden. Aber eine geheime ' 
Empörung unter feinen Creaturen fpann ſich ge⸗ 
gen ihn an, und er wurbe nach einer breizchne 
jährigen Regierung. ermordet. : Welch ein. Giädk 


‘ J 
l 


— 300 — 


für: die ſeufzende Meenfchheit, daß ein Tyrann 
keine Freunde hat, ſelbſt unter denen nicht, die er 
aus dem Staube hervorzog und mit denen er 
feinen. Raub theilte! — — Was half nun dem 
Suͤthrige der gehaͤufte, mit Blut befleckte Raub? — 
Es iſt merkwuͤrdig, daß auch Nero gerade breis 
zehn Jahr regierte. Es ſcheint daß die Zahl dreis 
zehn den Tyrannen gefährlich if.” — (‚Heft 3. 
Seite 191 und 192. 1808.) Ohne Schwierig⸗ 
keit kann hier eine Divination finden, wer 


dergleichen aufzufuchen,. Gefallen findet. — Bei 


Erwähnung bee in ben neueſten Zeiten oft wieber 
in Unterſuchung geſtellten Möglichkeit, den Pol zu 
erreichen, bemerkt v. 8. (Sabre. 2. ©. 42): 
„Es fragt fih nur, ob es der Mühe. werth fen, 
Ste (die Reife. nach. dem Pole) zu unternehmen? — 
Freilich würde man dort leicht ein Land.-finben, 
wo der Grundfag:. was ih kann, das darf 
äd auch, nur von weißen Bären ausgeübt wird; 
allein die Eroberungswuth, fchredlicher als das 
Polareid, würde bald auch bis zu: den Polen 
dringen, und das goldene Weltalter dort zerſtoͤ⸗ 
sun: Rein, lieber migen fie unbeſacht bleiben, 


En 390 mameanmen 


damit man hoffen bärfe, es gebe noch ein Plaͤt⸗ 
“hen auf der Welt, den Pol, wo es este 
zugeht —W | 

In Kotzebue's Feder And folgende Worte, bie 
er einem Auffage, von den Urſachen des 
Verfalls eines Reiches einverleibt, - mer®: 
würdigs „Der: entſtehende Deapotismus "er: 
laubt alles zu fagen, wenn man ihm nur bages 
gen erlaubt;: alles zu thun. Aber der befk 
fligte Despotismus verbietet zu reden, 
zu denken, gu fchreiben. Damm ergreift: eine 
Art. von: Starrfücht die Geifters- alle bie au 
Sclaäven gemordenen Bürger verfluchen 
bie Brüfte, an welden fie gefogen, und 
in einem: ſolchen Staate mehrt jebks 
neugebeorne Kind die Fahl der Unglüd⸗ 
Hohen.‘ Das gefeffelte: Genie” ſchleppt feine Wetz 
ten hinter ſichz es fliegt nicht mehr,’ ed kriecht. 
Die Wiflenfchaften werben vernachlaͤſſigt, die Uns 
wiſſenheit wird In Ehren gehalten, und jeder gute 
Kopf für-eitien Feind des Staats erklaͤrt. In eis 
nem: Reiche von lauter Blinden, haßt man den 
natueich· Sehenden.! Erwiſchen · ihn die Blinden, 


— 391 — 


fo fchlagen fie ihn tobt. So geht es bem aufge⸗ 
Härten Bürger im Reiche der Unwiffenheit. Se 
Iurzfichtiger. der. Depot, je bebrüdter Jener. 
Unter Friedrich IL, unter Antonin, durfte man 
- Alles fagen,. denken und ſchreiben, unter 
— man muß Schweigen *).“ — — — | 

.. Doch, um bie Verwunderung, wie folche Ges 
bauten, dort sine Stelle finden, nicht zu fehr zu 
fleigern, fol nicht verſchwiegen ſeyn, baß diefe 
letztern Reflexionen aus beloetius Werken uͤber⸗ 
fegt find. — on, 
Erſt gegen den Schluß ber Zeitfeheift werben 
die Anfpielungen auf Bonaparte, auf ben graͤß⸗ 
lichen, entwuͤrdigenden Unfug ſeiner Lobpreiſer 
zahlreicher und vernehmlicher, beſonders in den 
durch mehrere Stuͤcke fortlaufenden Bemer kun⸗ 
gen eines Unpartheiiſchen bei Leſung 
des Unpartheiiſchen (— naͤmlich des Ham⸗ 
burger unpartheiiſchen Korreſpondenten —) und 
in. dem, jeden Stuͤcke angehaͤngten Quodlibet. 
Von jenem ſagt er: wife von Des Einfelt 





) Ja wohl! ja we mon muß (weisen — 


— BO OT 


und ein:wenig : gefundem Menſchenverſtande eins 
‚gegebenen Bemerkungen, werben, fo geringfügig 
fie fcheinen :mögen, den kuͤnftigen philoſophiſchen 
Geſchichtsſchreiber, wenn er einft auftreten Darf, 
‚nicht. entfehlüpfen, und follen- deshalb fortgefeht 
werben, fo-oft fich ber Stoff dazu barbietet, Sie 
‚enthalten lauter getreue Pinfelfixiche. von bem Ges 
‚mälde bes heutigen Europa. Dritter, Bond. 
Seite .63.). 

. Die Art und Weiſe, wie in der Biene, zwei 
* denkwuͤrdige Begebenheiten, bie Achtserklaͤ⸗ 
rung des Miniſters Freiherrn von Stein, und 
‚bie Geſchichte des Schil lſchen Abentheuers ers 


waͤhnt worden, verdient bier noch eine Stelle: 


„Nro. 2. (des Hamb. Correfp. 1809.). hiefert den 
Armeebefehl, durch weichen ein gewiffer Stein 
(le nomme. Stein), weil er Unruhen in Deutſch⸗ 
land zu erregen fuchte, für einen Feind Frank⸗ 
veichs und des Rheinifchen Bundes, und feiner 
Güter -verluftig erklärt wird. Er fol ergriffen 
‚werben, wo man feiner babhaft. werden kann. — 
Das ift eine Achtserklaͤrung, und es iſt in⸗ 
tereſſant, die Formel derſelben mit der zu ver⸗ 


‚gleichen, -die vor taufend Jahren üblich war.” Das 
mals lautete fie folgender Geftalt: un‘. ala 
dich N. nach Kampfrecht und Frankenrecht gehei⸗ 
ſchen und gefordert hat, und wir dir darum ge⸗ 
ſchrieben, und Rechtstage geſetzt haben, 
alsdann mit Urtheil ertheilt ward, daß du alles 
verfcmähet haft, und uff ſolche Forderung auſſen 
blieben, und unſerm Gebote widerſaͤſſig und un⸗ 
gehorſam geweſen und noch biſt, des urtheilen 
wir und achten dich, und nehmen dich von und 
aus allen Rechten, und ſetzen dich in alles Uns 
xecht,. und „wir theilen deine Wirthin zu einer 
gewiftenhaftigen Witwe, und deine Kinder zu 
ebehaftigen Waifen, beine Lehen dem Herrn, von 
dem fie zu Leben rühren, bein Erb und Eigen 
deinen Kindern, deinen Leib und bein. Fleiſch deu 
Thieren in. ven Wäldern, den Voͤgeln in den 
Lüften und den Zifchen in dem Waſſer. Wir ers 
Lauben dich auch. manniglichen uff--den Straßen 
und wo ein jechlich Dann Fried und Bleib: hat, 
da follt du Feines haben, und wir weifen bich in 
die vier Straßen ber Welt, in dem Namen bes 
Teufels bei der Eyder in ber Sach.” (Burger 


— a40 — 


| meiſter Corpus juris publ. et. priv.) — Man 
Bemerft hier fogleich, wie viel milder und huma⸗ 
ner In umferm Zeitalter ſolche Dinge ausgebrüdt 
werden. Der gewiffe Stein wird nicht in’ des 
Teufels Namen in bie. vier. Straßen der Welt 
gewiefen, fein Fleifch wird: nicht den Thieren in 
den Wäldern, den Vögeln in den Lüften und ben 
Fiſchen im Waſſer zugetheilt, fondern eö heißt 
ganz einfach, er: folle ergriffen werden, wo man 
ihn findet. Roh hat man ihn nicht ergriffen, 
aber felbft „wenn das gefchehen -folte, wird man 
ihn: vermuthlich blos-erfchießen, und dann begra⸗ 
ben. — Es mögte fcheinen, als hätte bie-taufends 
zaͤhrige Achtserklaͤrung darin: emen Vorzug - vor 
ber heutigen,’ daß man fich- darin auf Nechtss . 
tage beruft, und baß-man erft alsdanndas 
Urtheil geſprochen, als er alles verfchmähet 
hatte; allein man. muß bedenken, daß die Schulb 
des N; wahrſcheinlich noch nicht . erwiefen.: war, 
die Schuld des gewiffen. Stein hingegen ver⸗ 
muthlich als ermwiefen anzufehen if. — Man 
mögte auch von der alten Achtserklaͤrung rühmen, 
bag nur die Lehen bed N. verfallen feyn, deſſen 


Erb und. Eigen hingegen beffen Kindern gehoͤ⸗ 
zen ſollen; aber ‚auch die. Güter des gewiſſen 
Stein find Js vor ber: Hand. nur: fequeflrizt, 
und non ber bekannten Gerechtigkeitsliebe und 
Milde des Kaiferd Napoleon laͤßt fich. mit Grunde 
erwarten, baß die Kinder des gewiffen Stein 
nach dem Ausfpruche der Bibel, die Miffethat 
ihres Waters nicht tragen werden. — Uebrigens 
fcheint es fat — fo fehwer auch. das Schidfal 
iſt, den Zorn des größten und mächtigften Mos- 
narchen zu tragen, — baß ein Schwärmer, wie 
-biefer gewiffe Stein, leicht eine Art von Ruhm 
darin. finden tönnte, als ein. einzelner Privatmann 
für. einen Feind. Frankreichs .(der großen Nation), 
und des Rheinifchen Bundes erflärt zu werben. '— 

| (Bw 3 bed’ zweiten dohrganges. Seite8 m 

Ueber Schill alſo — 

„Die wegen Schill in Preußen: niebeegefegte 
Kommiffion hat erkannt, er ſoll erſchoſſen werben; 
Hingegen wurden feine Officiere nicht für. ſtraffaͤle 
fig erklärt, weit fie ihm. gehorchen mußten, und 
er ihnen vorfpiegelte, er fey zu. dieſem Schritte, 
dutoriſirt. Eine ganz. andere Anficht: der Sache, 


— U — 


nt die franzoͤſiſche Specialkommiſſion gehabt, 
welche viele dieſer Dfficiere zum Tode verdammte, 
weil ſie zu einer Naͤuber bande gehört haben. — 
Menu ed erlaubt iſt, wie ich nicht zweifle, feine 
Meinung mit Befcheibenheit vorzutragen, fo woͤgte 
ich wohl bie Vermuthung aͤuſſern, die Preußiſche 
Kommiſſion habe fo Unrecht nicht gehabt, wenn 
fie.einigeb Bedenken trug, das Wort Rauberbande 
gu gebrauchen. Schill war ein Tollkopf, das 
mag ſeynz ein unbefounener Schwärmer, das iſt 
wahr; ein. Verbrecher gegen feinen König, das iſt 
nicht zu leugnen;. und bafür follte.er auch erfchofs 
fen werben; aber ein Räuber! — mir wide 
es fihwer fallen, das zu. beweifen. Mich duͤnkt, 
das Rauben gehöre zu denjenigen Verbrechen, 
die. feiner Mode in unſerer Moral unterworfen 
find, und was heute Rauben haßt, muß ud 
noch über 200. Jahre fo heißen und vor 200 Jahren 
fo. geheißen haben. Run ift aber belannt, daß 
vor einigen hundert Jahren jebem Sölönerhaupts - 
manne vergoͤnnt war, fein Panier aufzupflanzen, 
einen Haufen foldyer. Miethlinge um ſich zu ver⸗ 
ſammeln und baum auf feine. eigene Hand einer 


der kriegfuͤhrenden Mächte beizuftehen: — Gefcht 
nun, was Taum zu bezweifeln fieht, Schi habe 
fich gleichfalls blos für einen folchen kriegeriſchen 
Abentheurer gehalten: fo verdient er allerdinge 
ben Tod, weil er aus ven Dienften feines Könige 
defertirte; ob er aber ein Räuber gewefen, daruͤber 


bersfcht zwifchen der Sranzöfifchen und Preußir 


fhen Militair⸗Kommiſſion eine verfchiedene Mei⸗ 
nung, ‚und da beide Kommiffionen aus ſehr eh⸗ 
renwertben Maͤmern beflgnden haben: fo kann 
man zwar ber erflern Seinen Vorwurf maden; 
aber dach des letztern beipflihten, m. f. f. — 
Unwillkuͤhrlich drängt: fih noch die Zrage auf: 
was geſchehen ſeyn wärde, wenn Schill, wie er 
fich thoͤrigterweiſe einbildete, Deutſchland aufge⸗ 
wiegelt, ein großes Heer geſammelt, und Siege 
davon getragen haͤtte? — Ach ich fuͤrchte, dann 
wuͤrde die Welt eine neue Niebertraͤchtigkeit be⸗ 
gangen, blos nach dem Erfolge geurtheilt und 
ihn als einen Helden vergoͤttert Haben! Dann 
hätte man ohne Bedenken Traktaten mit ihm 
geſchloſſen; dann ‚wäre es blos der Remefid,“ 
oder, was eben ſo viel gilt; der: Geſchichte vore 


behalien · worden, zu entfcheiben; ob er ein Raͤu⸗ 
ber, oder ein Held geweſen. — Das Schickſab 
feiner Officiere iſt beklagenswerther, als das ſei⸗ 
nige; denn er hat den Zod; nach feiner Einbil⸗ 
Sung, auf dem Bette der Ehre ‚gefunden, . jene 
Hingegen unter dem Henkerfchwerbe; und. nicht 
allein fie; fondern auch ihre Aeltern und Vers 
wänbte find gewiſſermaaßen geſtraft worden, 
da man die Namen, nicht allein. dei Väter, 
fondernfogar die Geſchlechts namen der Müts 
ter: m: allen Zeitungen in zwei Sprachen befannt 
gemacht hat. Ich kann nicht ohne bie bitterfie 
Wehmuth an die ohnehin unglädliche Familie den⸗ 
ken, ber ein ſolches Zeitungsblatt gebracht wor⸗ 
den: De alle dieſe ehrwuͤrdigen Familien gewiß 
anſchuldig an dem Vergehen ihrer Söhne waren: 
fo läßt fich wohl Feine andere Urfache jener nicht« 
Fhönenden Behandlung auffpüren, als der Wunſch 
der Richter; durch eine folche Publicität künftig, 
andefe Aeltern zu vermögen, ein wachſameres 
Luge auf die Schkitte ihrer Söhne zu richten. 
Mir bedachten fie wohl nicht, daß es Aeltern, 
deren Söhne im Militairdienſte ſtehen, ganz uns 
moͤglich iſt, ihre Schritte zu bewachen.“ — 


Wer erkennt nicht in folcheni Gerebe die ſchlaffe/ 
leere, halbwahre Wortfolge wieder, der wir. fo oft 
in Kotzebue's Schriften begegnen? — Mich 
ohne :reiflihe Erwägung verweilen wir ‚bier Linz 
ger bei.der Biene, denn diefe Baterfchaft iſt dem 
Kollegienrath von Köbebue häufig zum große 
Verdienſte angerechnet, und, aller zu rügenden 
Mängel ohngeachtet, feines Autorlebens Lichtpunkt, 
von welchem fich negativ um fo mehr rühmen läßt, 
da ſich gerade in jenem Zeitpunkte der Kranzöfis 
ſchen Uebermacht, fo viele Schriftfteller poſitis 
der ſchaͤndlichſten Verbrechen zu Schulden kommen 
liegen. Die zarte Schonung, die er gegen bem: 
Samals unglüdlichen, gebeugten Preußifchen Staat 
And defien Minifterium beweif’t, erwedt noch heute: 
“ din ungetrübtes Wohlgefallen, befonders wenn: 
man ſich erinnert, ‘wie damals 3. B. der Kriegbs 
sath von Eoͤlln im Angefüchte der hohnlaͤcheln⸗ 
ben Feinde, unter vielen wahren Mängeln, der 
Preußiſchen Staatöverwaltung große Schmach 
und Schande beimaag, viele ald Dffidant geſam⸗ 
melte Notigen, feinem Dienfleidve zuwider, durch 
den Drud bekannt machte, das auf moraliſche 


Ueberzeugung gegruͤndete Vertrauen zut möglicher: 
Rettung. des Vaterlandes ſchwaͤchte, und vorzügs 
Sich durch den. gewaͤhlten Zeitpunkt, in dieſer, 
zwar lukrativen, aber entehrenben Schriftſtellerri 
ein Wahrzeichen feiner Sinnesart. aufſtellte. Hier⸗ 
über, wie über die im Erfolge weniger ſchaͤdlichen 
Schreibereien eines gewiffen Lange (v. K. nennt 
ihn in einem fchlechten Bortfpiele: Dr. Schlan⸗ 
ge. . Siehe Biene, zweiter Jahrg. ©. 81 ff.) 
ben Herausgeber des Telegraphen, der ein vers 
chtlicher franzoͤſiſcher Soͤldling, zu Berlin, dann 
zu Erfurt ſein Gewerbe trieb und unter den uͤber⸗ 
triebenſten Schmeicheleien der Franzoſen und ihres 
Uſurpators auf alles Nichtfranzoͤſiſche, befonder&. . 
auf alles Preußifche : gemein fchimpfte, ſpricht 
von Kosebue feinen Unwillen aus, und verwahrb 
ſich ganz befonders, ihn nicht mit dem v. Coͤllu 
‚uud. feinem Gelichter in eine Klaffe zu fehen.:. Er 
fagt: „Meine Biene ift ein fehr unfchuldiges Flugs 
blatt; — kein Feuerbrand, kein Löfheymer, 
keine Sallerie Preußifher Charaktere, . 
feines. Sammlung vertrauter Briefe, und 
wie fonfe die Tritte. ale heißen,. mit. welchen 


Berfchiedene Thiere ben verwundeten Löwen beta⸗ 
fen. — Ich kann mir unmöglich: einbilden, daß 
irgend jemand baran Anftoß nehmen Bönhter: wenn 
ich. meirie Meinung: uͤber Srundfäße der Morali« 
tät äufferes ‚wenn ich über Die Leiden klage, welche 
ber Krieg mit fich bringt, und worüber. ſchon ſeit 
Anbeginn der Welt geklagt worden; wenn ich 
Ausfchweifungen befeufze, die etwa hier: und da 
bie Sieger in’ ihrem Zaumel fich: erlaubten, : ımb 
die vermuthlich der Feldherr felbft nicht billigt; 
wenn- ich frappante Züge aus der. Gefchichte aus⸗ 
hebe, die man gar nicht auf neuere: Beiten zu deu⸗ 
seln- braucht, um ihnen Intereſſe zuzugeſtehn; 
wenn ich moralifche Urtheile und Ausfprüche als 
ter Schriftfteler anführe; - wenn ich, wie fchon 
Tauſende vor mir, Sittenverderbniß zuͤchtige oder 
beſpoͤttele u. ſ. w.“ — 
Bon Kotzebue warb in- jenen Tagen, wo 
man einen Bewohner des europaͤiſchen Kontinents 
nichts ſtrafwuͤrdigeres andichten konnte, beſchuldigt: 
er ſey im Brittiſchen Solde und ſchreibe in Eng» 
liſch »miniſteriellem ˖ Auftrage feine Biene; ſchon 
folgen: Vorwurf und das darauf erfolgende Frau⸗ 
26 





——— 


— 40 —. 


göfifche Verbot jener Zeitſchrift war geeignet, ihr 
eine jet faft unbegreifliche Gelebrität zu verfchaf- 
‘fen. Er: vertheidigte fih gegen jenen Vorwurf 
wiederholt, da damals auch Rußland eine Erieges 
rifche Stellung gegen . England genommen usb 
feinen Unterthanen jede Verbindung mit ben Eng⸗ 
Jändern ſcharf verboten hatte. Uebrigens bedurfte 
es bei.ruhiger Prüfung folcher Rechtfertigung. ger 
nicht: theils ift der ganze. Inhalt der Biene nicht 
fo. angethan, daß die Engländer für dergleichen 
etwas zu bezahlen gerathen finden Eönnen, theils 
zeigt v. 8. ganz befonders Feine fonderliche Vor⸗ 
liebe für die brittifche Politif und erwähnt z. B. 
bes Bombardementd von Kopenhagen mit ſtreng⸗ 
mißbiligenden Worten. Kurze Zeit zuvor hatte 
zwar v. K. eine Aufforderung erhalten, nach Eng⸗ 
Yand zu kommen, doch diefe hatte durchaus Feine 
politiſche, fondern eine rein literarifche Veranlafs 
- fung. Seine Rüderinnerungen von ber Reife 
nad) Italien waren ins. Englifche uͤberſetzt, und 
- hatten wegen der ‚leichten "Lebendigkeit der Erzaͤh⸗ 
Iung- bebeutenben Abfag gefunden; ˖dies veranlagte 
den Buchhaͤndler Philippfon zu London, 
»D 


"Bra. v. Kotzebue nach England einzuladen, das 
mit er das Imfelreich bereife amd ein ähnliches 
Wert über. Britarmien fchreibe. Er ging aber in 
Diefen Vorſchlag nicht em, wie er denn nie befon- 
dere Vorliebe für England zeigte. - Einem feiner 
Söhne, der. bort Militairdienfte fuchen wollte 
verſagte er entichieden ſeine väterliche Einwilli- 
gung zu biefem Schritte und fo unterblieb er. — 
.. Während. v. Kotzeb ue vielleicht die glüdlich- 
ften Jahre feines Lebens dort in Eſthland verlebte, 
züudte das Sriegsungewitter dem Ruffifchen Reiche 
immer näher und. uͤberzog verwuͤſtend die. weftlich« 
europaͤiſchen Provinzen beffelben. - Der erfte Feld⸗ 
zug, wenn gleich reich an Beweifen ber Ruffifchen 
Zapferkeit und Ausdauer, war in feinen Reſul⸗ 
Saten ſo tranererregend; je näher ». Kogebue’s 
Wohnort: bem. weit ausgedehnten Kriegstheater 
war, um ſo mehr wurden feine Umgebungen, 
wurde er felbfi- von. den unauöbleiblichen Folgen 
des Krieges gebrüdt und verlegt. . Die einzige 
Urfache des namenkofen Elendes, deſſen Zeuge er 
feyi mußte, war die verwegene. Herrſch⸗ und Ero⸗ 
« berungsfupt,. von welcher der Zrampöfifche Kaiſer 
26 


getrieben wurde; Diefe Betrachtung -fleigerte m 
v. K. Seele. die bis dahin wider den franzöfifchen 
Mfurpator gehegte Abneigung zum Haſſe und ſein 
Sntereffe für feine nunmehrige Heimath zur dauern⸗ 
den Leidenſchaft, die in dem nachher von ben fieg- 
zeichen Ruffifchen Heeren erfochtenem Ruhme fefte 
Haltung gewann. — Haß. gegen Bonaparte und 
gegen die von. ihm Befehligten — und ber Preis 
jeder feiner Geiftesfraft möglichen. Hulbigung. dem 
Kaifer Alerander und feinen Unterthänen,. diefes 
garen die. Lofungsworte, die mit Flammenzuͤgen 
in fein Inneres gefehrieben waren, ald er, nach 
ber durch. das Steafgericht. Gottes erfolgten Ver» 
nichtung der. Sranzofen in Rußlands ‚Eisfeldern, 
mit dem. im Giegeözuge daher ziehenden Ruffs 
fchen Heeren ‚nach. Deutſchlaud kam. — Berlin 
war im März 1843 von den Franzoſen geraͤumt 
und von beit Ruſſen beſetzt. Schon im April 
begann von Kogebue dort fein.. halbafficielies 
Ruffifch : Deutfches Wochenblatt heraus 
zugeben, woburch- er wirklicher. politifcher Schrifte 
fieller wurde. "Die vermittelft beffelben zu Iöfende 
Aufgabe war. nicht ſchwierig, am wenigſten fuͤr 


4 


— 405 — 
einen raͤſch arbeitenden Schriftſteller, der im leichten 
Fluß der Rede fein Publikum zu feffeln wußte 
und vonder Größe des Augenblides ergriffen war. 
Redermann war begeiftert und alle Welt: wurbe 
fo fehr vom Taumel ber Freude und Hoffnung 
fortgeriffen, daß man: fogar von oben herab- Fein 
Bedenken trug, die deutfchen Voͤlkerſchaften bei 
ihrer. ſchwachen Seite zu faffen, indem man ihnen 
vorfpiegelte, ihr bürgerliches Heil ſollte des ſchwer 
zu ertingenden Sieges Lohn ſeyn. Die nahe Er⸗ 
fuͤllung deſſen, was man ſehnſuchtsvoll wuͤnſcht, 
glaubt man gern. — Kogebue’& politiſche Zei⸗ 
tung brauchte nicht geleſen zu werden, um bie 
Herzen aller Deutfchen den Verbimbeten zu ges 
winnen; fie würde geleſen, weil fie laͤngſt gewon⸗ 
nen waren. ndem- fie manche frohe "Nachricht 
verbreifete, manche. Hoffnung belebte, manche 
Sorge befämpfte,- wurde -fie vom Publiko mit 
großem Beifall: aufgenommen ’ und beſonders bes 
gierig in Gegenden gelefen, wo bie! wachſamen 
Augen der Franzoͤſiſchen Polizei ihte Verbreitung 
forgfältig zu verhindern ſuchte; aber dennoch 
wurde biefes Ruſſiſch⸗ Deutfche Wochenblatt ſchon 


— 46 — 


nach wenigen Monaten (mit dem eingetretenen 
Waffenſtillſtande?) gefchloffen. — 
Erwägt man aufmerkfam ben Zeitpunkt und 
bie Verhaͤltniſſe, unter: welchen von Kotz e bue 
jest perfönlich, in Deutfchland ‚auftrat und in freier 
literariſcher Wirkſamkeit wieder als Schriftfteller 
zu ſeinen Landsleuten reden konnte, ſo iſt nicht 
au verkennen, daß damals ben zum höheren Manz 
nesalter ‚Herangereiften, alle Mittel zu Gebote 
fanden, die. Irrwege der flüchtigern Jahre ver⸗ 
geffen zu machen, und endlich am Ziele die fo 
oft vergeblich, gefuchte, oft muthwillig verfcherzte, 
aft zufällig verfchuldete, immer tief entbehrte per⸗ 
Tönlihe Achtung bei feinen. Zeitgenoffen zu 
gewinnen. Aber der böfe Dämon, welchem er 
fi) verfchrieben, trieb ihn, den mit dem entfeffels 
ten Zeitgeifte zuruͤkkehrenden, wieder mit einem 
Male. die in der Freude der errungenen Nationas 
Kität fih fo felig fühlenden Deutſchen auf eine 
recht auffallende. Weife wider ſich zu empoͤren, 
indem er, ihnen ein alle hiftorifche Haltung ent= 
behrendes Zerrbild, in feiner jegt herausgegebenen 
Geſchichte des beutfhen Reiches (1814) 


— 40 — 


hinſtellte. Wie ſehr dieſe Schriftſtellerverirrung 
mit ſeinem kurz vorher geſchloſſenen Ruſſiſch⸗Deut⸗ 
ſchen Volksblatte kontraſtirte, da dieſes den deut⸗ 
ſchen Nationalſinn wecken und bemuthen ſollte, 
jene aber denſelben demuͤthigte, hatte er, in der 
verfuͤhreriſchen Luft etwas Neues aufzutiſchen, wohl 
ſelbſt nicht in Erwaͤgung gezogen; vielmehr machte 
ihn die Eitelkeit glauben, daß, wenn er mit der 
aͤltern Geſchichte Preußens, des ungluͤcklichen 
Zeitpunktes der Erſcheinung wegen, den Ruhm 
eines Hiſtorikers nicht erlangte, er hier, wo alle 
Deutſchen mit verdoppelter Liebe auf ihr Vater⸗ 
land und deſſen Geſchichte ſahen, einen recht glaͤn⸗ 
zenden Augenblick erlauſcht habe. — Ach! haͤtte 
er ſich des Geluͤbdes erinnert, welches er einſt 
vol Bewunderung ·der Geiſtesgroͤße Schlößer’ 8 
ausſprach, wo er ausruft: „Heil dir, ehrwuͤrdiger 
Schloͤtzer! nimmer haͤtteſt du deine Stimme fin 
Geld, oder ſogenannte Ehrenzeichen (oder fuͤr 
den Rauſch der Eitelkeit) verkauft. Dein unbe⸗ 
ſtechbares Urtheil hat auch, mich, deinen Schuͤler, 

zum Geſchichtſchreiber erhoben (7; auf diefen 
Kuhm bin ich ſtolz, und deinem Schatten ſchwoͤre 


— 4s8s — 

Jh es: nie ſoll / irgend ein Wahnſtnn mich ver⸗ 
blenden, den Verbrecher zu preiſen, wenn auch 
aus⸗ deſſen Verbrechen das Heil der Welt ent⸗ 
fpränge.:. Ich. habe in einer verhaͤngnißſchweren 
Zeit gelebt, ich will dieſe Beit.der Nachwelt ſchil⸗ 
dern, und. fie wird fchaudernd „meine Stimme hoͤ⸗ 
ven, wenn auch alles, was Clio's ſpielende Schwes 
fern mir eingaben, laͤngſt verhallt iſt.“ — (©. 
die Biene. Zweiter: dehrgang, vierter Band. 
Seite 180.). 

2: Bärg er biefem getren geblieben, wie ‚wide 
feines Namens Gedaͤchtniß in. reblihem Danke 
fortleben unter den Nachkonimen, indeß nun un⸗ 
- ter ernften Warnungen den Spätergebornen fein 
Grabmal gezeigt wird! — Alle die Oberflächlichkeit, 
das Halbwahre, das Zerriffene, das mangelhafte 
Verftehn der Gewährömänner, die Unfähigkeit 
bie Quellen, als ſolche zu würdigen, alle bie 
Verdrehungen, um eine wergefaßte Anficht burch- 
zuführen — kurz alle Abwege, bie einen Hiſto⸗ 
riker vom wahren Biele ableiten. unb feine Ges 
Halten zu Theatergruppen machen, muß man hier 
auf dem erften Blide entdecken. Hierauf wird 


— 40 — 

man ſchon hingewieſen, wenn man in der einlei⸗ 
genden Vorrede die Quellen in- Erwägung zieht, 
die v. Kotzebue als die ſeinigen, im wunderlich⸗ 
ſten Gemiſch, angiebt. Dort wird denn auch als 
ſolche Voltaire angegeben. Welcher vernuͤnftige 
Geſchichtserzaͤhler (vom Geſchichtsforſcher fol 
gar nicht einmal die Rede ſeyn), kann bei der 
deutſchen Reichsgeſchichte Voltaire als Quelle. ber 
nutzen? — Aber der Kotzebueſchen Manier war er 
eine erwuͤnſchte Fundgrube, die er hochpreiſ't; 
er ſagt von Voltaire: „Seine Gelehrſamkeit war 
oberflaͤchlich? — das heißt: fie war nicht pedan⸗ 
tiſch, ſie prangte nicht mit Citaten, fie war le s⸗ 
bar. Ein einziger Bogen von ihm geſchrieben, 
hat mehr Kenntniffe: verbreitet und mehr Ge⸗ 
banken erzeugt, als mancher Koliant feiner Zeit 
genofien. (©. die Biene ‚Jahrgang, 1808. Seite 
200.) — Die Sucht, etwas Neues aufzutifchen 
und den Nationalruhm der Deutfchen, in dem 
Andenten der gefeierten Nationalbeldei, z. 8. | 
Karld.des Großen, herabzufegen, — biefes 
find. die unverfennbaren Führer der Koßebuefchen 
Darſtellung; bei der er denn auch die immer ge⸗ 





= 


fuchle Gelegenheit,’ bem Chriſtenthume und ber 
kirchlichen Verfaſſung feine Abneigung zu erkennen 
zu geben, nie ungenutzt vorüber gehen laͤßt. Wenn 
man diefen letztgenannten Zug feiner Schriftftellers 
charakteriſtik verfolgt, fo mag man fich erinnern, 
baß er,’ wie in biefer Schrift. (Seite 80) mit 
feinen- eigenen Worten erzählt iſt, ſchon als Stus 
dent: die-Vertheidigung des Kaifers Aulian bes 
Abteännigen, ſich zum Thema wählte; bis zu 
feinem Tode erwähnt. er ohne. Unterlag in feiner 
Schriften den Julian und die Verunglimpfungen, 
welche biefer von ‚den kirchlichen Schriftfiellern 
erlitten hat, nach feiner Meinung, als einen das 
Chriſtenthum treffenden Vorwurf, Früher: hat 
Hume, beffen hiftorifher Werth.fo oft Durch deu 
fihtbaren Haß gegen das Chriftenthum gefährbet 
wird, den Julian eifrig vertheidigt, ohne die 
“auf und gekommenen Beugniffe jenes Zeitalters 
mit kritiſcher Hinfiht zu prüfen; ihr fpricht Ko⸗ 
tZebue bei dieſem Lieblingöthema nad. — 
Kurze Beit, nachdem von Kogebue fein pa- 
litiſches Wochenblatt gefchloffen hatte, ging er, 
‚um dad Ruffifche Handelskonſulat zu übernehmen, 


nach. Königsberg, umb:trat ſo in ein ehrenvolles, 
halb biplomatifches Verhaͤltniß, in. welchem er 
genuͤgende Muße hatte, alle feine literarifchen Bes 
ſchaͤftigungen fortzufegen, ſelbſt in nähere Bezie⸗ 
hung zur Direktion des Königäberger Theaters zu 
treten und Yonft alle Annehmlichkeiten des Privatles 
bens mit einem gewiſſen Glanze der Öffentlichen Res 
präfentation zu verbinden. Die mit dem Konfulate 
verknuͤpften Geſchaͤfte beforgte er fehr ordentlich 
und puͤnktlich, zwei Eigenfchaften die mit feiner 
abgemefjenen Lebensweife in ımmittelbarer Bezie⸗ 
Yung flanden; er zeigte ſich dem Publiko gefähig 
und dienftfertig ; war er auch einmak;aufbraufend 
aber durch feine reizbare Eitelkeit verlegt, fo war 
doch nach kurzer Zeit niemand leichter zu verföh- 
nen, als er, und ber verföhnte Kotz eb ue erfchieh 
perſoͤnlich liebenswuͤrdig. So war es natürlich, 
Daß. viele Perſonen feiner Bekanntſchaft es bes 
dauerten, ald er in der Mitte des Jahres 1816 
von diefer Stelle abgerufen, Koͤnigsberg verließ, 
und zum Etatsrath ernannt, nad Petersburg 
sing, um bort für feine kuͤnftige Befchäftigung 
neue Beflimmungen zu erhalten. Diefem Zeit 


— AM — 


punkte des: Hotz ebueſchen Lebens gehoͤren folgenbe 
ogtat a aus Briefen an feine 3 Mutter a ans" 
2,7110 9% 
u... Tann Rena. ben. saten Onpt. 06, 
Nach einer Reife von zehn. Lagen‘ kamen wie 
wohlbehalten hier in Reval an, wo. die Freude 
über unfere Ankunft um fo Srößer war, da man 
feit mehteren· Wochen die abgefchmadkeften Ge⸗ 
ruͤchte ausgeſprengt hatte; nehmlich der Kaiſer 
hube mich in Ungnade verabſchledet, und ich dürfte 
wegen dev. Briefe der Generalin Bertrand, weder 
die Ruſſiſchen, noch ‚die Preußiſchen, noch bie 
Deſtreichiſchen · Staaten jemals wieder botreten. — 
Gott ſey Dank, Ddaß ich noch Immer, und auch 
dieſes Mal, Über meine Neider triumphirt habe. 
Den Iten September kam ich gluͤcklich in Pe⸗ 
tersburg an. Der Kaiſer iſt ſchon ſeit einiger 
Zeit abweſendz allein der Chef meines Departe⸗ 
ments .emipfing mich ſehr freundlih, und fig 
damit an, mich officiell zu verfichern, daß er mit 
ber - Führung meines Amtes in. Königsberg zu⸗ 
frieden ſey, und. mir ſeht wohlwolle. — — 


u: „Bavat, ben 29ſten Roubr..xerl.. : 

Eine Majeſtaͤt, der Kaifer hat mir die Bes 
ſtimmung angewieſen, Ihm monatlich Berichte zu 
erſtatten, von allen neuen Ideen, welche über 
Politik, Statiſtik, Finanzen, Kriegskunſt, offent⸗ 
lichen Unterricht u. f. f. in Deutfchland und Frank⸗ 
reich in Umlauf kommen, und aus biefen monate 
lichen Rapposten follen ſodann die verfchiedenen 
Minifterien Auszüge erhalten, ein Jedes von ber 
Materie, die in deſſen Hauptfach ſchlaͤgt. Diefer 
Auftrag iſt mir in fo ehrenvollen- ſchmeichelhaften 
Ausdrüden gefchehen, daß bie Beſcheidenheit vers 
bietet, fie zu wiederholen. Berner fcheint es mie 
ein Gefchäft, welches nicht allein ganz mit meiner 
Neigung übereinftimmt,  fondern in welcheni ich 
auch: für das Ruffifche Reich unendlich vie Gus 
tes fliften kann; wie, manches Gute und Nügliche 
wird nunmehr dein -Kaifer ſelbſt und beffen: Mis 
niſtern bekannt. werben, was ohne biefe- Berichte 
ihnen unbekannt geblieben waͤre. Ich habe · folg⸗ 
lich aus dieſer Urſache den-Antrag dankbar ans 
genommen. — Da ſich fand, daß Weimar' ſo 
ſchoͤn in· der Mitte zwiſchen Leipzig und Frank⸗ 





— 44 — 


furt liegt; daß die: Buchhändler dieſer Städte 
mir fehr leicht alles: liefern koͤnnen, was Deutſch⸗ 
Jand und Frankreich neues Merkwuͤrdiges hervor: 
dringen, fo fchlug. ich Weimar. vor, und erhielt 
bie gnädige Antwort, daß ich mir. meinen Aufents 
halt wählen Eönnte, wo ich wollte. — Ich ‚halte 
es für eine Pflicht des Wohlſtandes; Seine Koͤ⸗ 
nigliche Hoheit, (den Großherzog von Weimar), das 
von.zu unterrichten, daß und auf welche Art ich 
nah Weimar Fommen. werde, um feine Erlaubniß 


zu meinem bortigen Aufenthalte zu erbitten. 3% | 


| lege deher einen Brief hei u. ſ. f.“ — 
1 

MReval, den. zoten Januar 18317. 
Es wird Sie intereſſiren, liebſte Mutter! ei⸗ 
nige Stellen aus dem Schreiben zu leſen, durch 
welches mir der Antrag geſchah. — Sch: habe, 
fchreibt er. (der Minifter), bei-biefer: Gelegenheit 
das Vergnügen gehabt, neue Beweile vpon der 
Achtung zu erhalten, welche Seine Majeſtaͤt fin 
Ihre Verdienſte hegen. u. ſ. fe: Der, Kaifer 
wi, daß Ihr Auftrag blos wiſſenſchaftlich fey, 
und man Sie betrachte, als einen Reiſenden. 


— Ab — 


Mit Vergnügen wird er Sie ganz ben Willen 
ſchaften fidh widmen ſehen.“ — 


So erbliden wir von Kogebue im Begriff nach 
Deutfchland abzureifen, um in ein neues Berufs⸗ 
verhaͤltniß zu treten, in welchem er gar bald 
zahlloſe Stimmeh gegen fich wedte, fich auf als 
len Seiten von Viderfachern umringt fah und — 
ein Opfer aufgeregter Leidenfchaften — den Tod 
fand. Ganz abgefehn von: feiner Perfönlichkeit, 
wie von ber während diefes feines letzten Berufßs 
aufenthalts in Deutſchland betriebenen Schrifts 
ftellerei, muß ber Auftrag ſelbſt, im welchem 
Kogebue auftrat, hier näher Ind Auge gefaßt 
‚werden, da diefer kurze Zeit nachher der Gegens 
fand fo vieles Geredes geworden iſt. 


Was den in jenen Briefſtellen angegebenen 
Zwed betrifft, welchem fich von Kotzebue wid⸗ 
men ſollte, ſo gereicht er, wie er dort ausgeſpro⸗ 
chen iſt, der Sinnesart des Ruſſiſchen Kaiſers, 
oder ſeines Miniſterii, je nachdem er von dieſem, 
pder von jenem, ober von beiden vorgezeichnet 
wurde, zum. höchften Preife, wie. ber. beuticyen 


— u — 
eiteratur zum Lobe. Ob mit der Ausfuͤhrung 
bes Zweckes der techte Mann beauftragt wurde, 
kommt hier nicht in Betrachtung. ‚Wenn nad) 
Deutſchland, in rein wiſſenſchaftlicher Hinſicht, 
ein Mann geſendet wurde, um die neuen Erzeug⸗ 
niſſe der Wiſſenſchaft, Politik, Statiſtik, Finanz⸗ 
nerwaltung, ‚des öffentlichen. ‚Unterrichts u. ſ. f. 
au beobachten unb Über deren Geift unmittelbar 
an, den Kaiſer und feine Minifter zu berichten, 
fe liegt hierin ein fuͤr deutſche Schriftſteller un⸗ 
endtich ſchmeichelhaftes Anerkenntniß, von ber Be⸗ 
deutſamkeit der Nationalkultur und ihrer Früchte, 
Jeder redliche Staatsbuͤrger möchte wohl wün- 
ſchen, daß alle Regierungen eine-gleiche Aufmerk⸗ 
ſamkeit dem in der Literatur ſich offenbarenden 
Nationalftreben ber Deutſchen, zu ernſter Wuͤr⸗ 
vigung, ſchenkten! — Es iſt auch wohl zu eiwaͤ⸗ 
den, DAB hier gar nicht die Rede ſeyn kann vom 
Erſpaͤhen eines Nationalſchatzes, welcher geheim 
ſeyn und innerhalb der Graͤnzen der deutſchen 
Staaten, den Ausländern verſteckt aufbewahrt 
werden fol. Was die Schriftſteller ausſprechen, 
Mein · Eigenthum aller Menfchen und aller Zeite 


— HU — 


alter, umb der hoͤchſte Wunſch des: Autors :ift der, 
daß feine Worte von recht. Vielen in Erwägung 
gezogen werden, beſonders bei bein: namhaft ges 
"machten Gegenſtaͤnden der Intelligenz. = Daß. 
Ksher nur ſelten ſolche, eigen: dazut Beauftragte, 
"Beobadhter : der Literatur von. den Regenten ber. 
‚Staaten in: andere’ Laͤnder geſchickt ſind, gereicht 
den Machthabern -zum gerechten Vormurfe. Die 
Maastegel des Außergewöhnlichen. kaun wohl / dem 
Engherzigen verdächtig, "nie aber: dem Unbefange⸗ 
Min tadelnswertherſcheinen. Wir wollen nicht au 
dio alten Zeiten erinnern, "wo ſich die Voͤlker ‚bes 
fchichten, um die heilige Frucht der Geiftesbilbing, 
weiſe Geſetze, vor einander zu erbitten; das Un⸗ 
gleiche der damaligen und jetzigen Literatur, die Defs 
fentlichkeit der damaligen Geſandtfchaften, mögte 
gegen bie verſteckt Tiegenben Punkte der Verglei⸗ 
chung Manches erinnern laſſen. Wir finden das 
völlig. Gleiche .bei den. größten Regenten der 
neuern Zeit, und daß wir es finden, beweiſ't ihre 
weife. Aufmerkſamkeit auf den Zeitgeiſt. So war 
der Baron von Grimm der literariſche Agent 
der großen Kaiſerin Katharina in Frankreich 
27 


— U — 


and in Deutfchland zu viner Zeit, wo er feinen 
WRuffifchen diplomatifchen Charakter. hatte. 
In jenem: Auftrage felbft, den von Kotze bue 
“erhielt, liegt alfo durchaus nichtd, was ihmioder 
feinem "hohen :Kommittenten: zum Vorwurfe gerei⸗ 
hen koͤnnte. — Nun fagt wan aber: Hinter ber 
literariſchen Befchäftigung war ‚eigentlich eine Bis 
Ylomatifche : Spionerie verſteckt, von der Deutſch⸗ 
land von Rußland herkommende Gefahr zu fuͤrch⸗ 
sen hat und Kotzebue, der Deutſche von: Geburt, 
erſchien ſo als Verräther feiner Lanböleute, : Be 
-eritfchiebener man behaupten muß, daß v. Ko⸗ 
. gebue zum literariſchen Agenten nichts: taugte, 
und doch dazu ernannt wurbe, um ſo "weniger 
kann man biefen eben wiederholten Verdacht das 
dvurch befeitigen, daß man Kotze bue's Unbrauch⸗ 
barkeit für das geheime Gewebe der Spionerie 
"anführt. — Ohne irgend eine PVerfönlichkeit in 
Ewuͤgung zu ziehn, iſt der Verdacht in ſich ſelbſt 
ſo unhaltbar, daß man ſich wundern muß, wie 
ge bei geſcheuten Leuten hat Glauben finden koͤn⸗ 
"den. — Sn der Gefchichte ift noch nie ein Zeit⸗ 
punkt gewefen, wo das Intereſſe aller Fultivirten 


— 49 — 


Menſchen in Europa zu ihren gegenfeitigen polis 
tifhen Verhältniffen fo groß war, als gegenwaͤr⸗ 
tig; was daher in dem Bereiche jebes Volfes, 
jedes Staated, jeder Regierung Tiegt oder Neues 
gefchieht, fol), kann und darf feinem Menfchen 
ein Seheinmiß feynz die fogenannten Staatöge: 
heimmiffe find ein fehlechter Unfug der Machthaber, 
ein ewiger Fluch der Nationen, welche es been 
vecht Dank wiflen innen, die ſich die Muͤhe neh: 
then wollen, auf ſolches ertragfofe Minifterial- 
Erz ihren Grubenbau zu richten. — Was über 
das vermalige Verhältniß der deutſchen Vöͤlker 
gi’ihren Regierungen den Säriften: Anvertrauk 
wird, und wie die Wuͤnſche beider eins ſeyn 
ſollten und es nicht ſind, weil ſich zwiſchen 

beibe ſchlechte Vorurtheile und: bejammernswerther 
Miniſterial⸗Obſcurantismus · ſtellen, deren Dpfer 
Bft die redlichſt geſinnten Fuͤrſten werden: — 
wies mag: keinem einheimifchen, keinem fremden 
Megenten ein Geheimniß bleiben. Wenn dieſes 
zu erforſchen, hieruͤber Notizen zu ſanmneln, von 
Kohebue geheime Inſtruktionen gehabt, zur Bes 
‚Sanntwerbuig dieſes -Gebeimniffes am den Ruſfi 

27* 


— 420 —— 


fchen Kaifer gewirkt haben Eönnte, fo wollten wir 
alle, Die wir redliche Deutfche zu feyn uns ruͤh⸗ 
men, ihm gern. fein Geheimniß, und jede in uns 
ferer Literatur auf fich geladene Schuld obendrein 
vergeben, ‚und fein Andenken ‚heilig halten, wie 
das eines wohlverdienten Mannes. — 

Hiernach ift man berechtigt, ben Auftrag, in in 
welchem von Kotzebue nach Deutſchland kam, 
fuͤr rein wiſſenſchaftlich zu halten. — Er waͤhlte 
Weimar zu feinem. Wohnorte. Dieſer Entſchluß 
hatte unbezweifelt ſeinen Grund in der Liebe zu 
ſeiner Mutter, in der Anhaͤnglichkeit an ſeine 
übrigen Verwandte, und an einige Jugendfreunde, 
wie in der ſich gewöhnlich mit. bem zunehmenden 
Alter vergrößernben Sehnſucht nach dem Orte der 
Geburt; denn qbne biefe Motive hatte von Kos 
tze bue Gründe. genug, ‚jede Stadt Deutfchlande; 
nur nicht Weimar zu wählen. Er ſelbſt, der 
feinen Werth nie gering anfchlug, konnte fich fas 
gen, daß, nach dem bekannten Sprichworte, ‚ber 
Prophet in feinem Vaterlande immer am wenig 
ſten gilt; und, Kogebue mollte doch fo gern 
recht. viel. gelten. — Außerdem gab ed. für ihm, 


— 44 — — 
den Unvorſichtigen und leicht Reizbaren, bier fo 
viele Berührungen, die er, wenn er glüdlich zu 
leben bedacht war, um jeden Preis hätte vermeis 
den follen. Nach der Art, wie er als Züngling 
fein Vaterland hatte verlaffen mäffen, — ſo etz 
was wirb überall leichter vergeſſen, als in ben 
Heimath — nach dem übeln Andenken, in welchem 
er in Weimar uͤberhaupt fland, nach den ewigen 
Fehden und Kätfchereien, die er mit dortigen 
Gelehrten angefponnen, über fie verbreitet hätte, 
fonnte er leicht berechnen, daß er dort höchfl une 


gern gefehn,. oder, was ihm fehr empfindlich war, . 


gerade von ben Ebelften nachſichtsvoll überfehen 
wurde. Bei der Wahl feines Aufenthaltsortes be⸗ 
ruͤckſichtigte er nicht nur folche Abmahnungen nicht ; 
feine getroffene Beflimmung wollte er auch noch 
mit den Vefriedigungen ber Eitelkeit in Verbin⸗ 


bung feßen; der nunmehrige Katferlih Ruf: 


ſiſche Etats⸗Rath wollte mit einem gewiſſen 
diplomatiſchen Glanze in Weimar. auftreten, is 
diefer Slorie an dem dortigen Hoflager Zutritt 
haben, Diefes iſt die nahe liegende Vermuthung, 
nad, der von. Kogebue’ 5 Scpritt, ſich ſchriftlich 


Ge 


— IND — 
Bei dem Großherzoge anzumelden,“ ober, wie er 
ſich ausdruͤckt, „denſelben davon zu unterrichten, 
daß und auf welche Weiſe er nach Weimar kom⸗ 
men werde, und deſſen Erlaubniß zu einem dor⸗ 
tigen Aufenthalte zu erbitten,“ beurtheilt werben 
muß; denn Kotzebue hatte, ſeit ſeiner Verweiſung 
als Ruſſiſcher Officiant oͤfter Weimar wieder be⸗ 
ſucht, ſich dort längere oder kuͤrzere Zeit aufge: 
halten, ohne je des Herzogd: Erlaubniß dazu 
uachgefucht zu haben. Iene war auch wirklich um fd 
annöthiger, da in den Weimariſchen Landen je: 
dermann feine Wohnung auffchlagen kann, : ber 
fich redlich nährt und ben Geſetzen, dam Schuß 
er genießt, Gehorfam Feiftet. — Die natürliche 
Bolge jener Anmeldung war wohl, daß der Groß: 
berzog den an feinem und den uͤbrigen Sächfifchen 
Höfen acerebitietäf‘ Gefandten officiell befragen 
ließ: welche Befchaffenheit es mit ber ganz un: 
gewöhnlichen; von Kotzebue felbft angemeldeten 
Sendung habe; auf welche Veranlaffung von Kos 
tzebue denn unflveitig die Reifung erhielt, : daß 
er nur als Privatmann ſich in Deutfihland aufs 
halten, burchaus aber Feine diplomatiſche Repraͤ⸗ 


— BB 


fentation wahrzunehmen habe. . Er foltte nur als 
Reiſender erfcheinen, wie. er feiner Mutter 
fchreibt. . Um indeß dieſes den früheren Andeutun⸗ 
gen und feiner Eitelkeit widerfprechende Privaties 
bei fich und ber lieben Mutter einigerniaßen zü 
verfüßen, flellt er in dem Briefe (vom 10ten 
Januar 4817) die Minifterverficherung von. ber 
Achtung, bie der Kaifer für feine Verdienfte hege, 
ganz. befcheiden voraus; er, der doch, ald er ben 
Brief vom 29ften Rovember 1816 fchrieb, vos 
lauter Befcheibenheit, die.chrenvollen und ſchmei⸗ 
chelhaften Ausdruͤcke nicht wieberholen konnte, 
mit denen ihm der literariſche Auftrag ron ers 
theilt Wan on... mo 

Kanmm hatte von Kotzzebue in , Beimar fein 
Haus. gefunden, feinen Haushalt aufgegplagen 
und begamm. bort, wie Das, Sprichwort fag,;, wies 
ber warm zu werben, als zwei CEreigniſſe im 
Herbſte 1817. ſchnell auf einander fülgend dazu 
dienten, ihn feinem Vaterlande m einem gar nach⸗ 
theiligen Lichte zu zeigen, und ihn ald einen Feind 
allerliberalen Ideen, als einen: Verlaͤumder ber 
Beſtribungen / des Zeitgeifies abs einen entarteten 


4 


— 46 — 


Menſchen uͤberall und jJugendlich freien Serlen 
beſonders, wenn fie aus allen Famillenverbindun⸗ 
gen herausgeriſſen find, fo eigenthuͤmlich iſt, ein 
Band näherer Verbindung. mit denen zu knuͤpfen, 
die gleiche "Höfftiumgen, Winfhe und Beſtrebun⸗ 
gen hegen/ ſo war aus dem⸗ſchoͤnſten Vaterlands⸗ 
gefühl eine Verbindung heivorgegangen, ‘die ala 
len akademiſchen Orden und Landsmiannfſchaften 
ein Ende niachen;-den ſehr entarteten Unitiſtenor⸗ 
den in veredelter Geſtalt wiederherſtellen, auf ſitto 
lichen Grundlagen zu einer Vereinigung ber beſ⸗ 
feren Beſtrebungen wirken und des Nationalwoh⸗ 
168 Heiligkeit bewahren ſollte. Wenn ſich dieſer 
Zweck, bei Errichtung des Bundes der Burſchen⸗ 
fchäft nicht ganz klar auöfprach, Fo wirkte big 
bald darauf eingetretene Unterfochung Deutſchlands 
und der mit der Burſchenſchaft in Verbindung 
geſtellte Tꝛgendbund hierzu, und verbreitete ein 
herrliches Nationalſtreben unter allen. Ständen, 
Lebensſtufen und Voͤlkerſtaͤmmen des lieben Va⸗ 
terlandes. Es erſchien bald der lichtvolle Zeit⸗ 
piamkt wo aller Deutſchen Herzen Ein. Wille be⸗ 
geiſtertxn und Tod die geangſtigten Großen in dem 


— 1 — 
Rekurs an die Nationdikraftint Hell ſuchen muß⸗ 
ten. Sis-traten hervor mit. Belenntniffen,- wie 
fie nie gehört, mit Verſprechungen, wie fip.oft 
einzeln gewünfcht; ‘aber noch nie den deutfchen 
Boöoͤlkern gegeben wären. Wor ‘wien warb. bie 
Iräftige Jugend aufgerufen zu den Waffen;  fid 
ward zu Siegen "geführt md ihr in Verbindung 
mit den gegebrnen Verheißungen und ben Thaten 
bie fie. vollfüͤhrte, das Bewußtſeyn ihres hoben 
Berufes näher vor Augen geſtellt. Anftatt num) 
nad zweimal erfirittenem Frieden; nach. der Saͤu⸗ 
berung bed gemeinfchaftlichen Waterlandes von 
auslaͤndiſcher Zwinghetrſchaft, den nem Kamp 
zu. dem heimifchen Tageswerkä zuruckkehrenden 
Sünglingen mit vaͤterlicher Liebe. den fehönen Bed 
zuf im Vereiche weifer, "anf wahres buͤrgerliches 
Wohl wirkender Gefebe'- ihren Pfad fortzuſetzen, 
zu vergegenwärtigen, fand man: e8 häufig gera⸗ 
then, den alten ſchnoͤden officiellen Commiß⸗Ton 
anzuſtimmen, die Loͤſung der gegebenen Verhei⸗ 
ßungen zu verfehleben, bie Shaten der kraͤftigen 
Jugend herabzuſetzen, heranreifenden Maͤmern 
drohend bie. Züchtrutke "des Dchulineiſters ober 





— 48 — 


ben Korporalſtock vorzuhalten, und, unter ceinzel⸗ 
nen Beguͤnſtigungen, die Erfüllang ben. Selühbe 
woeiſelhaft zu machen. = ee 

* Dieſer wurbe nur zu baid tief enpfunden se 
* von den hochherzigen jugendlichen Seelen 
gefuͤhlt, die in ver Beſchaͤftigung mit den Wiſ⸗ 
ſenſchaften einen freieren Standyunkt hatren, in 
den Erzeugniſſen ber Literatur, wie in, den Bil⸗ 
dern der Geſchichte zur Erkenntniß des Zeitgeiſtes 
und ber Klipnen gelangten, an welches das vers 
heißene Nationalgluͤck zu ſcheitern drobte. Sol 
hen Beſorgniſſen, bie. wohl nicht aus der Luft 
gegriffen find, ſtellte ſich muthig keck entgegen 
die Burſchenſchaft, welche ſchon deshalb ſchuldlos 
"war, weil fie, ohne irgend eine Heimlichkeit, ſich 
offen und frei mit- ihren Zweden und Streven 
aupfprach und erſt dann lichtſcheu umherſchlich, 
als die unbegreiflichſten politiſchen Mißgriffe, durch 
ungerechte Verfolgungen, das friedliche Wollen in 
ungeſtuͤmes Begehren ‚verwandelte. Die Idee, 
bie dem Bunde zum Stuͤtzpunkte Biente, darf 
nicht getadelt werbenz, wem. auch zufällig. oder 


— 429 — 


bpshaft Handlungen. mit derſelben in Verbindung 
geſetzt find, denen nicht gleiche Lauterkeit zufagt. . 
37° Kein. gerechter Vorwurf eines Frevels war der 
verſammelten Burſchenſchaft auf der Wartburg zu 
machen; das herxliche Feſt wurde gefeiert in Froͤm⸗ 
migkeit, Sitte „und: traulicher ‚Vereinigung zu 
ſchoͤnen Zwecken. Im lebendigen Bewußtſeyn dir 
nes untadlichen Wollens, im Rauſcha ber Areude, 
im im Bahr des Unwohren ,. Truͤgeriſchen, Schleche 

sen: ‚ließen . jene Iünglinge ein: Gericht... engepn, 
nad ihrer Art, indem fie das an geweihter Stätte 
auf. dem Gipfel des Berges zu vielfach. fchöner 
Küderinnerung angezimdete Feuer, zu. Ainem Aus 
to da Be machten, in weiches fie die Schriften 
und Schriftlein unlauterer Geiſter, uwerſtaͤndiger 
Läfterer Des Zeitgeiftes, feiler Handlanger heimi⸗ 
ſcher Verfinfterung und die Symboje der, ‚neuere 
lid) wigder an den. Zag, gekommenen, Soldaten 
Knechtſchaft warfen,. damit die Flamme das in 
Alche. verwandele, was bie. öffentliche, Stimme— 
bereits als unheilbringenb bezeichnet hatte. Mag 
die Handlung felbft ihre. tabelnswerthe,Seite haa 
ben, mag die getroffene Wahl. ber verbrannten 


— 42 3 — 

maßen, um ſo mehr gefiel er fich-in dem Was 
he, das Vaterland: durch Entbeckung einer Vers 
ſchwoͤrung retten, umd ſich, wie einſt der eitle 
Eitero, den ſchoͤnen Namen des Vaters des 
Vaterlandes erringen zu muͤſſen. Mißgluͤckte 
auch fhr‘ dieſes Mal, der Sache nach, die Ent⸗ 
veckung einer Verſchwoͤrung voͤllig, aus dem eins 
fachen Grunde, weil fie mir- in den Polizey⸗ 
Koͤpfen exiſtirte, fo wird mar Boch hoffentlich vor 
Seiten der Polizei, wern’Fein großes Mißgefhtd 
erfolgt, it der Zeit, nach manchem "gefcheiterten 
Berfuche, noch einmal . mit -kiner' nicht "ganz 
unmwahrfcheinlichen Verſchwoͤrungsgeſchichte zu 
Stande kommen; dann mögen bie Capitol⸗ 
Mächter den erfehnten Lohn: drndten, bis zu 
welchem Zriumphe bin, ben kein veblicher Deuts 
fher zu erleben begierig, die Geſchichte Salluſts 
von der Gatilinarifchen Zuſammenrottung zum 
fleißigen Studio den Entdeckungs ⸗ Vefiſſenen 
anempfohlen ſeyn mag. — 

Die Geiſtesverwandtſchaft zwiſchen von * 
Hehe und: den von dem Wartburgsfeſte alles 
mögliche Unheil Vorherſagenden, auf firenge Be⸗ 


firafung aller Theilnahme Dringenden machte fich 
bald Fund und warf auf manchen fonft ehrenwer⸗ 
then Namen einen dunkelen Schatten; wie viel 
mehr auf ihn,’ ber immer’ übel berüchtigt war, 
und immer baflır forgte, daß die Unlauterfeit feis 
‚ned früheren Lebens in neue Erinnerung gebracht 
werde. — 
Aber wohl zu beachten ift es, daß, obgleid 
von Kotzebue von dieſem Zeitpunfte an bie 
deutfche Jugend und beſonders die ftudierende und 
ihre Mufenfite, vorzüglich Iena, mit feinen ver- 
bienftvollen Lehrern, auf alle ihm zu Gebote ſte⸗ 
hende Weife verläfterte und verunglimpfte, ihm 
doch weber in Jena, wo er öfter war, :noch in 
Weimar, wo täglich Ienenfer Studenten zum 
Befuche find, und. wo felbft das Schaufpielhaus 
fo günftige Gelegenheit dargeboten hätte, ibm 
nie die geringfte Beleidigung von Studenten zus 
gefügt worden if. So gute fittlihe Ordnung 
berrfcht dort, fo. große Achtung.: haben bort die 
Befege — dort auf jener Univerfität, Uber die fo 
viel Schänbliches gelegen ifl. —:..: 

Während noch . bie‘ Bartburgsgefihichte und 

28 





— 430 — 


Baden nicht gebilligt. werben, ſo treffe die Miß⸗ 
billigung der Fehler, die Verirrung; aber flaater 
verrätheriiche Verbrechen : wird fein vernünftiger 
Beobarpter Darin finden: — - 

Unter: den hier den Flammen fbergebenen 
5 wurde ad Kotzebue's ſogenannte 
Geſchichte des drutſchen Reichs, nebſt andern: die 
Mationalehre ſchmaͤhendem Geſchreibſel fehrer Fe⸗ 
der genannt und ſo ˖ der ſelbſtgefaͤllige Autor, der 
gegen die deutſche Jugend und ihre Burſchenſchaft 

Soßen Unwillen hegte, zu geſchaͤftigem Ingrimm 
aufgeregt. Auſtatt, wie jeder Vernuͤnftige hätte 
thun anüſſen, den an ſich ſo unbedeutenden Vor⸗ 
falb zu ignoriren, erhob von dirſem Zeitpunkte an 
von Kotzedue fein, manchen gefaͤlligen Zuhörer 
finderides Gelchrei aber Das entfegliche "Unheil, 
bas die Welt von der deutfchen Burſchenſchaft 
ſchon jegt erfahre und: für die Zukunft noch "zu 
fürchten habe. Mochte e8: ihn. auch immerhin ems 
pꝓoren, Dart mit fo verruſenen Stribenten,‘ wie 
wer is raelitiſche Saul -Afcher, oder wir der 
von Coͤllniin eine Klaſſe geworfen zu ſeyn, 
er haͤtte ſich ja/ damit troͤſten koͤnnen, daß feine 


Werke -gemeinfchaftlih ‚verbrannt. wurden, mif 
dem Code Napslegn-und. mit. dem⸗an ich fehr 
unſchuldigen ·Preußiſchen Gensdarmerie ⸗Coden 
Jener Autor auf St. Helena mag ſich wenig 
um die ihm auf dem Wartburgsfeſte angethane 
Beleidigung bekuͤmmert habens. deſto mehr that eg, 
hegünftigt von.feiner officiellen Stellung, ,. der Ver⸗ 
treter des ‚zweiten Coder. Wie von Kogebue 
nahm er: fich das Ereigniß, von dem die Nachwelt 
Saum begreifen wird, wie daraus ſo großes Uns 
heit hat erfolgen koͤnnen, fo zu Herzen, daß ex 
fogleich, fo weit. feine Befugniß nur reichen wollte, 
die firengfien Nachfragen uͤber bie Thailnahme am 
dem Wortbargöfefte, verhaͤngte, ben. um den prens 
ßiſchen Staat fo unſterblich verdienten Großher⸗ 
zog vom Weimar, dem preußifchen Koͤnigſtamm 
ſo vielſeitig befreundet, in deſſen Landen der un⸗ 
ſchuldige Gensdarmerie⸗Coder verbrannt war, 
por aller Melt zu beleidigen perſuchte, und dia 
Burfchenfchaft wie eine Verſchwoͤrung bezeichnete, 
welche es abgefshen habe auf Regenten, Staas 
tn und gefegliche Ordnung. Je mehr Verblen⸗ 
dete, auf jene Autoritaͤt hin, ihm Glauben beis 





J 





— 4455 — 


matiſche Sendung fußend, bie Bekanntmachung 
ſeiner Berichte unter dem. Geſichtspunkte einer 
Gefaͤhrdung ber dem Ruffifchen Hofe gebührenden 
Achtung ſtellte. Offenbar hatte. er dieſen Vorfall 
felbft veranlaßt, durch die Unvorfichtigkeit, mit 
welcher er bie, feine Geheimnifje . enthaltende 
Handſchrift dem Abfchreiber Koch übergab. Daß 
übrigens Treue und Glauben verleht waren, in⸗ 
dem ber Mann, ben Koch bei. ber. Entzifferung 
der unleferlichen Handſchrift um Rath fragte, 
diefe Veranlaſſung benuste, heimlich. Auszüge 
aus dem Bülletin zu machen unb biefe heimlich 
3um Drude zu befördern, iſt offenbar. — 

Nun betrieb v. 8. mit allem Eifer den Pros 
zeß gegen Luben, Wieland, Oken u. f. fi; 
nach feinen wiederholten Anträgen vor Gericht 
follte aber gerabe der, ber ihm Dies Herzeleid eigent= 
lich zufügte, der unvorfichtige Abfchreiber Ko ch mit 
aller Strafe verfchont bleiben *). Ob bierbei eine 





H Siehe: Heinrich Ludens Verurtheilung und 
Rechtfertigung in der von Kogebue’fhen 
Buaulletin⸗Sache. Mit einer Einleitungs⸗ 
Vorrede von Dr. J. E. Gens ler. Deidels 
berg 1818. 8. 


— 437 — 


gutmuͤthige Nachſicht, oder etwas anderes zum 
Grunde lag, bleibt unentſchieden. | 


‚Hätte v. K., anftatt fich in Öfterer Berufung 
auf die feinen literarifchen Deyefchen gebührenden 
biplomatifhen Egards zu gefallen, ruhig bie 
Bekanntmachung jenes, ihm entwenbeten Berich⸗ 
tes geſchehen laſſen, hätte .er :einfach den Vor⸗ 
fall zu feiner Rechtfertigung bekannt gemacht, 
und über den Inhalt der Bülletins gu feiner Ent: 
fhuldigung gefagt, was fih etwa fagen ließ, fo 
hätte er fich vielen Verdruß und den Schwachen 
viel Aergerniß gefpart. — Aber nein! diefer Lärm 
ſchien ihm anfänglich viele Freude zu machen, er 
fhmeichelte ja feiner Eitelkeit; am Weimarifchen 
Hofe, bei den Gerihtähöfen und in ben Zeitungen 
betrieb er die neue Fehde, immer darauf zuruͤck⸗ 
fommend: welch ein Frevel es fey, die Berichte, 
Die er feinem’ Hofe zufchide, -unbefugt zur 
Kunde des Publitums bringen, und ihn über de⸗ 
zen Inhalt sffentlich verantwortlich machen zu 
- wollen. Nebenzu bekamen. benn, wie es feine 
Manier war, feine Gegner und Neiver, die Bu 


— 433 — 


ſchenſchaft und der Zeitgeiſt, das Deutſchthum 
und die Volksſchriftſteller von ihm ihre Strafe. — 
Dagegen thaten ihm manche Widerſacher den Ge⸗ 
fallen, auf das Buͤlletin ſelbſt ein großes Gewicht 
zu legen und darauf hinzuweiſen, welch ein Un⸗ 
heil der deutſchen Nationalfreiheit daraus erwach⸗ 
fen koͤnne, wenn Sfinuationen folder Art Ein⸗ 
gang fänden: an ‚hohen Kaiferlich. Ruffifchen Ka⸗ 
binette. In wie weit ed nun mit ſolchen Aeu⸗ 
ßerungen von Beſorgniß ernfllich gemeint war, 
sder nicht, fo verfchwindet folche doch von felbft, 
wenn man erwägt, daß eine durch ‚gemeinfame 
Sprache und Literatur. verbundene Nation, die 
fih nicht in dem Zuſtande der Unterjochung uns 
ter einem: auswärtigen Monarchen befindet, zu= 
naͤchſt von außen her Feine Verlegung ihrer gei> 
ffigen Natimmalfreiheit zu fürchten Hat. Vielmehr 
ftheint es, als ob die Ueberzeugung ‘von dem 
wahren Werthe der Rationallultur und des dar⸗ 
aus hervorgegangenen Zeitgeifles noch nicht echt 
begründet fey, wenn man fo leichtfertig welt her: 
geholter Beforgniß ſich hingiebt, anflatt recht frei 
und treu ben heimifchen Altar zu bewahren, daß 


die heilige Flamme bei rüſtigen Muthes nie ver⸗ 
loͤſche! — 

Die prozeßualiſchen Verhandlungen gingen un⸗ 
ter gegenſeitigem Libelliren fort; und wurden erſi 
nach faſt zwei Jahren beendet, wie es die neue⸗ 
ſten Zeitungen mittheilen: ſaͤmmtliche Angeſchul⸗ 
digte wurden nach dem Urtheil des Weimariſchen 
Ober ⸗Appellations⸗Gerichts frei geſprochen; ja 
ein Urtheil der Juriſten-Fakultaͤt zu Würzburg 
erkannte: fogar Kotzebne'n ſchuldig, in Betreff der 
- von Luden gegen ihn erhobenen Klage, ruͤckſicht⸗ 
lid des Inhalts des famofen Buͤlletins, puncto | 
iajuriarum et calumniarum, — 

So ungern ſich ed v. Koßebue auch geſtehen 
wollte, ſo wirkten doch ſolche Vorfaͤlle bedeutend 
auf ihn und ſtoͤrten felbſt feine haͤuslichen Freu⸗ 
den. Er, der ſo gern kleine Geſellſchaften gab 
und beſuchte, konnte es oft nicht ignoriren, daß 
Viele von denen, mit welchen er gern Umgang 
gehalten haͤtte, ſich ſorgfaͤltig von ihm zuruͤckzo⸗ 
gen; Manche vermieden, Kotzebue's Haus zu be⸗ 
treten, gefliſſentlich, und dennoch vergaß man in 
feinem Zamilienfreife. leicht, daß er, der von vies 


— 4«“ — 


len Selten beruͤchtigte Mann ſey. Beſonders in 
Weimar machte er bittere Erfahrungen, ohne ſich 
. aber dadurch in ‘einer Sinneöweife irren zu laf- 
fen. Aerndete er von den Einheimifchen nicht 
viel Freude, ſo ergoͤtzte ihn dagegen der häufige 
Beſuch der Beifenden; denn wie nachtheilig man 
über ihm denken mochte, wie wenig man feinen 
Anfichten beiftimmen ,. feinen Lebensbetrieb loben 
mochte, fo blieb er doch immer ein merkwuͤrdiger 
Zug im-Bilde der Zeitgefchichte, und war als 
folcher wohl einer perſoͤnlichen Bekanntfchaft werth. 

Das Jahr 1818 wurde für von Kogebue, 
buch eigne Schuld, ein fehr verbrußreiches. Als 
bb er an den vielen Widerfachern noch nicht ges 
nug babe, begann er ein neues Schriftfteller- 
Unternehmen, das Literarifche Wochenblatt, 
welches nad) feinem Zon und Zwed allein im 
Stande war, feinen Urheber in enblofe Zaͤnkereien 
zu verwideln und ihn zur Bielfcheibe einer ganzen 
Schriftftelergeneration zu machen. Wie er auf 
bie unglüdfelige Idee diefer Unternehmung gerieth, 
ift leicht aus ihm felbft zu erklären. Die frag⸗ 
mentarifche Schriftfiellerei der Flug⸗ und Zeitungs⸗ 


— 444 — 
blaͤtter war die, welche v. K. am beſten gefiel, 
bei welcher er jeden Gedanken, der ihn unter 
vielſeitiger Lektuͤre in den Wurf kam, ſogleich auf 
den literariſchen Markt bringen konnte. Seine 
nach Rußland zu ſendenden literariſchen Berichte 
verpflichteten ihn, die neuen wichtigern Erſchei⸗ 
nungen des deutſchen und franzoͤſiſchen Buchhan⸗ 
dels zu leſen; da ihm aber zum verſtaͤndigen Le⸗ 
fen die Zeit und Faͤhigkeit fehlte, fo begnuͤgle 
er ſich, ſie wenigſtens im Fluge zu durchblaͤttern. 
Hierbei ſtieß ihm mancher Gedanke auf, den der 
haushaͤlteriſche Schriftſteller nicht wollte verloren 
gehen laſſen; die Zeit und Muͤhe, welche die Er⸗ 
fuͤllung des kaiſerlichen Auftrages forderten, ſollte 
auch der Autorſchaft eine Frucht abwerfen; dazu 
war das bunte Gemiſch des literariſchen Wochen⸗ 
blattes am beſten geeignet, und noch außerdem 
ſehr brauchbar, um ſich zu raͤchen an jeden Geg⸗ 
ner, in jedem Augenblicke Gelegenheit zu haben, 
Andersdenkenden feine geharniſchten Repliken darz 
zureichen, und ben Theil des Publikums feſtzu⸗ 
halten, welcher nichts unterſuchen kann, aber von 
Allem ſo viel oberflaͤchliche Notiz haben will, um 


ein Wort mitreden zu koͤnnen. — Nicht für ein 
fchlechtes Publitum hatte er feinen Plan berech⸗ 
net, er nahm in bemfelben die achtbare Klaffe 
von Lefern auf, welde durch Berufsgefchäfte 
zwar veranlagt werden, von ber Zagesliteratur _ 
Rotiz zu nehmen, zugleich aber gehindert, fie 
ernfilicher Betrachtung und verflänbigem Urtheile 
zu unterwerfen, fo daß man ſie bei leichter Rede, 
verſtaͤndlichen Worten, wigigen Späßen und Ta⸗ 
fohenfpieler : Dreiftigkeit Teicht täufchen, leicht irre 
führen kann. — Die von biefem Unternehmen 
gehegten Erwartungen, welche auch zum Theil 
in Erfüllung gingen, hatten für v. 8. zu viel 
Lockendes, als daß er zur Berüdfichtigung ver: 
nuͤnftiger Abmahnungen’ hätte gelangen koͤnnen. 
Den Rath feiner Freunde, feine eigenen, früher 
ausgefprochenen Bekenntniffe und Marimen hätte 
er nur in Erwägung zu ziehen gebraucht: um 
von dem gefahrvollen Abwege zuriidzutreten. Von 
ber unberufenen Luft zum Kritifiren fagte er felbft 
(1812): „Sa, wenn diefe Befhäftigung nur ein 
ehrbarer Zeitvertreib flr verlorene Stunden waͤre, 
wenn fie nicht ihren Mann ganz: forderte! Aber 


— 4 —. 


das Kritifiren ift eine Arbeit, und eine große 
Arbeit! Man muß Alles lefen, über Alles fpres- 
chen, und guf und richtig fprechen; man muß 
alle Manieren gruͤndlich erforfchen, über Vieles 
urtheilen, was man vorher felbft nicht Eannte, 
und worüber zu entfcheiden bisweilen fehr. Figlich 
iſt; mit Einem Worte: man muß fich fielen, als 
ob man Alles wiffe, zu Allem fähig wäre, und 
geſchickt in allen Kuͤnſten und Willenfchaften. 
Eine ſolche Vorſpieglung ift nach meiner Mei 
nung fchwerer, als die Erlangung jener Kennt= 
niffe felbft. — Daher ift mein Rath; man über: 
laffe ein folches Geſchaͤft Leuten,. die nichts. befs 
feres zu thun haben. Wenn man ed obenein 
betrachtet, fo fehmeichelt es freilich dem Ehrgeize, 
aber diefe Zäufchung ſchwindet bei näherer Prüs 
fung bald, und es findet fi, daß man blos feine 
Zeit fehr unnüß verloren hat.“ — 

Doch — der edle Schiller fagt: 

„Doch, wenn cin Haus in Feuer foll vergeben, 

So treibt der Himmel fein Gewoͤlk zuſammen.“ — 

Bon Kobebue grif muthig zur Feder und . 
führte felbige fo -gefchäftig, daß er ben erſten 


— 4 — 


Band des Wochenblattes, ohne Huͤlfe, allein 
ſchrieb, und auf die auffallendſte Weiſe die Be- 
hauptung rechtfertigt, die Prof. Krug in einer 
geiftuollen, viel gelefenen Schrift *) nieberlegt: 
„Zwar rühmt ein Öffentliches Blatt, daß, wenn 
derfelbe (v. 8.) auch in feinen Schriften, und 
namentlich in. feinem literarifchen Wochenblatte 
manches Falfche behauptet, alfo nicht immer wahr 
geredet, er doch niemand gefcheuet, fonbern feine 
Weberzeugung freimüthig ausgefprochen habe. 
Allein, wir leugnen, daß K. das je in fich gehabt 
und gefühlt, wad man Weberzeugung im eis 
gentlichen und wahren Sinne des Wortes nennt. 
Er hatte nur Meinungen, und diefe fprach er 
allerdings, wenn er nichts bavon beforgen zu 
bürfen glaubte, mit vieler Dreiftigkeit, ja Keck⸗ 
heit aus. — Sobald er aber beforgen mußte, 
daß eine offene. Aeußerung feiner Meinung ihm 





*) Siehe Hermes ober Eritifches Jahrbuch ber Lite⸗ 
ratur. Drittes Gtüd 1819. Seite 297. Der dort 
ftehende, aud einzeln abgebrudte Auffag ift zur 
Würdigung des Kopebuefhen Schriftftcllerharatters 
von entfchiedener Wichtigkeit. — 


— HE — 


ſchaͤdlich werden koͤnnte, machte er nur tiefe 
Buͤcklinge. — Beil er nun feine wahrhafte Ueber⸗ 
zeugung hatte, fondern bloße Meinungen — in⸗ 
dem es feinem Geiſte an jener Stetigkeit und 
Selbftftändigkeit fehlte, woburd man allein zu 
feften Grundfägen, als der einzigen Quelle einer 
wahren Ueberzeugung gelangt — und weil Meis 
nungen etwas fehr. Bewegliches find, das fich 
nach. dem Windftriche bald fo, bald anders dreht: 
fo ift hieraus wohl .erflärbar, wie es zuging, 
daß der Herausgeber. des literarifchen:. Wochen= 
blattes nie in eine gründliche Unterfuchung: irgend 
eined_Gegenftanded. einging, fondern alles mit eis 
nigen oberflächlichen, höchflend nur wigigen — 
denn Big war fein Haupttalent — Bemerkungen _ 
abthat; daß er über alles ſprach und abfprach, 
er mochte es verftehen ober nicht, weil er eigenti 
lich nichts recht, das heißt, aus dem Grunde 
verſtand; daß er feine Gegner nur mit einigen 
Vächerlichen Wendungen und Beifpielen befämpfte; 
und daß er eben daher fafl immer die Lacher, alſo 
auch denjenigen Theil der fogenannten Gebilbeten, 
die ‚lieber lachen ald denken, und meinen, eine 


— 


— 446 — 
Jächerlich gemachte Sache fey darum auch eirie 
fchledhte, auf feiner Seite hatte. — Das litera- 
rifhe Wochenblatt hat während der kurzen Zeit, 
(daß v. 8. in ihm feine Stimme abgab,) viel: 
leicht einige taufend Schriften angezeigt und beur⸗ 
theilt — alles in der oben angezeigten: Manier, 
die offenbar, naͤchſt der. langweiligen, Die fchlech: 
tefte von allen if. Denn fie belehrt nicht, ſon⸗ 
dern fie blendet; fie bildet nicht, fondern verbil: 
det; fie leitet nicht, fondern verleitet — nämlich 
zur Geichtheit, zur Halbwifferei, zur Spötterei 
felbft iiber das Trefflichſte — mit einem Worte: 
fie verdirbt den Geift von Grund aus. Daher 
kam auch jene Inkonſequenz, mit welcher v. K. in 
ſeinem Wochenblatte die liberalen Ideen bald ver⸗ 
theidigte, bald bekaͤmpfte, dem Zeitgeiſte bald 
huldigte, bald widerſtrebte, wie es augenblickliche 
Luſt und Laune eben mit ſich brachte. Zu pruͤ⸗ 
fen, bedachtſam und gruͤndlich zu pruͤfen, was 
es mit jenen Ideen eigentlich fuͤr eine Bewand⸗ 
niß habe, woher ſie ſtammen, wie weit ſie auf 
den gegebenen Zuſtand der Welt anwendbar ſeyn, 
ob und in wiefern der Zeitgeiſt gut oder boͤſe ſey, 


— 47 — 


wie man es anzufangen habe, das Gute, wonach 
er firebt, zu verwirklichen, ohne zugleich das Boͤſe, 
wonad er vielleicht auch firebt, mit zu verwirk- 
lihen, wie man. alfo, ohne dem Guten zu wis 
berfiehen, has Boͤſe bekämpfen, und ohne das 
Boͤſe zu unterflügen, das Gute zu. befürbern 
babe, — das zu unterfuchen, war feine Sache 
nicht, weil ed zu mühfam war, weil «3 fo lan⸗ 
ges, angeflvengtes Nachdenken forderte, weil er 
dann in derfelben Zeit, wo er hundert Bücher, 
gute und ſchlechte, flüchtig durchblätterte und 
eben fo flüchtig anzeigte, um aus jedem: etwas 
heraußzuheben, ‚womit er ben Gaumen -einer: vere 
woͤhnten Lefewelt Figeln, oder wobei -er feinen 
Witz fpielen laflen Eonnte, kaum eines hätte leſen 
and beurtheilen koͤnnen.“ — 

Dieſer Mittheilung verdient zur . Seite geſtelt 
zu werden, was ein Freund Kotzebue's im 
Anfange des vierten Bandes des literari— 
ſchen Wochenblattes, mit beſonderer Bezie⸗ 
hung auf daſſelbe und auf ſeinen politiſchen Ob⸗ 
ſtſurantismus, ſagt: „Kotzebue befand ſich bei der 
jetzigen Ordnung der Dinge im Ganzen wohl, 


und fühlte babei, daß die Form allein wenig bef- 
fere und daß auch das Befte gemißbraucht werben 
koͤnne; darum fiel er fiber die wirklichen und ver⸗ 
meinten Störer der Ruhe (— fie waren ja ohnes 
bin auch feine perfönlichen Fiterarffchen Gegner —) 
ber. Hierbei beging er zwei: Fehler; einmal, 
wenn er ben nichtöfagenden Sag von Lode zum 
Grunde legte: daß diejenige Verfaffung die befte 
Tey, die am beften verwaltet wird. Er überfah, 
daß eine Zorm vor. ber andern viel geeigneter 
fey, auf die beffere Verwaltung hinzutreiben, und 
dem fo leichten Mißbrauche der Verwaltung kraͤf⸗ 
tiger entgegen zu wirken. : Zum .anbern ver⸗ 
mengte-er mit Hobbes die gefesgebenbde und 
vollziehende Gewalt. Nicht alle Pflichten, die 
jedermann der erflen fchuldig ift, paffen auf .-bie 
zweite. Wenn K. fogar ald Verfechter der Monos 
kratie aufgetreten tft, fo war-wohl jene Begriffes 
vermengung daran Schuld, daß er dem menſch⸗ 
lien Gefhlehte und feinem ebdelften 
Dafeyn, ohne es zu wollen unb zu ahnen, 
ben Krieg. erklaͤrte. Diefe Behauptung war 
jenem -papiftifchen. Sage ähnlich, daß diejenige 


— 449 — 


Verwaltung die beſte ſey, die ber Regierungsart 
im Himmel am naͤchſten komme, wo auch nur 
Ein Monarch herrſchte. Wer ſieht aber nicht, 
daß gerade dieſer Satz die beſte Empfehlung fuͤr 
gemaͤßigte und aͤcht repraͤſentative Verfaſſung feyt . 
denn eben die Gruͤnde, welche fuͤr die heilbrin⸗ 
gende Nothwendigkeit der goͤttlichen Gewalt bes 
weifen, müflen jedem &terblichen bie unums 
fchränkte Gewalt aus der Hand winden. — K. 
uͤberſah, daß es nicht darauf anlomme, ob die 
Verwaltung bei Einem oder bei Vielen ſtehe; 
föndern darauf, dag nicht Einer oder Viele, die 
nicht das ganze Volk vorftellen, fi jener hoͤch⸗ 
ften Gewalt bemädhtigen, ber es obliegt, Sichere 
heit, Freiheit und Eigenthum der Gefehgebung zu 
bewahren. — Gr überfah ferner, daß, wenn wie 
und um: Manches fchon jest beffer, als fonft ber 
finden, felbft bei mangelhafter Verfaſſung, «8 
hauptfächlih der Öffentlihen Meinung zus 
zufchreiben, welche als Surrogat eines ſtaats⸗ 
rechtlichen Verfaffung, fih dberall einen acht⸗ 
baren Rang erobert hat, bie aber mander' 
Regierung das Verdienſt der Freiwilligkeit be⸗ 
29 | 


— « — 


ohne vor allen Dingen zu beweiſen, daß fie auch 
richtig find; jene brauchen das nicht mehr zu bes 
weifen, fonbern: beuten blos auf die Erfahrung, 
bie laut für fie fpriht, Das Menfhenge- 
fhleht bleibt immer daffelbe; fein fo- 
genanntes Fortſchreiten (im.Moralifchen) 
ift eine Chimäres iſt fogar wine gottlofe 
Einbilbung, denn der Menſch if nicht 
auf der Belt, um hier fhon vollfommen 
zu werben*. Die Menfchennatut bleibt: im⸗ 
‚mer diefelbe. Was wor 50 und 500 Jahren bie 
Menſchen beglüdte, Tann und wird fie. auch jest 
begtäden:: Liebe und Bereqhtigkeit. Dieje⸗ 





V Diefes Argument iſt ein recht auffallendes Zeugniß, 
. wie wenig Kogebue bei feinen wichtigſten Aus⸗ 
ſpruͤchen im Stande war, eine nur irgend haltbare 
Schlußfolge anzugeben: denn, ift moralifche Voll⸗ 
Lommenheit nicht, wie alles Keingeiftige, in fi un: 
begraͤnzt? — Sind die mit geifliger Freiheit begab⸗ 
ten Erbenbewohner dem Ziele der hoͤchſten Vollendung 
ſchon fo nahe, daß es eine Gottloſigkeit At, 
- fienoh einen Schritt weiter der Vervollkommnung 
..., entgegen zu führen? — Wer kann dem menfdligen 
Geſchlechte den ſchoͤnen Beruf vauben , der moralifdyen 
Vervollkommnung entgegen zu Areben? - — — 


— 53 — 
nige Regierung, bie ihren Unterthanen Liebe und 
Gerechtigkeit beweif’t, verbreitet auch. ficher das 
Süd, die Form fen welche fie wolle, und fo . 
alt fie. wolle. — Ep! wer find denn die. Großs 
fiegelbewahrer der Ideen der Zeit? Suchen 
wir fie im Wehrftande? der gehorcht ‚nur feis 
nem Fürften und thut ed gern. Site die Geiſt⸗ 
lichkeit? die trachtet jekt.nur nach einer Kon⸗ 
flitution für ſich. Iſt es der Kaufmannsſtand? 
der begehrt nur Schuß und Freiheit des. Handels, 
gleichviel unter welcher. Form. Sind es bie 
Handwerker und die Bauern? die verfichen 
nicht einmal, was die Ideen der Zeit eigentlich 
wollen, und — wenn fie nur Liebe und. Gere: 
tigkeit nicht vermiffen — fo kuͤmmern fie fi auch, 
weiter nicht Darum. Wer ift denn num noch übrig? 
ber Stand der Gelehrten, der. Schriftfieller. 
Diefer Stand theilt fich jedoch in zwei fehr un⸗ 
gleiche Hälften. Die bei weiten größere. «Hälfte 
befteht aus Staatsbeamten, die, Längft durch Er: 
fahrung belehrt, dad erprobte Alte auch nicht 
verwerfen. Folglich müffen wir endlich bei der 
kleinen Zahl derjenigen. Schriftfleller ſtehen bleiben, 


— 454 — 

die man die Kometen in der Staatsordnung 
nennen koͤnnte; die alle Planetenbahnen durchkreu⸗ 
zen und bie Sonne nicht fonderlich zu reſpektiren 
ſcheinen; die meiſtens einen verzweifelt kleinen 
Kern haben, aber einen gewaltigen loderen 
Schweif, durch den fie Abergläubige in Schrer 
den ſetzen; deren Bahn endlich eben fo ſchwer 
zu berechnen ift, als die Kometenbahnen, weil 
fie immer ercentrifch umherſchweifen. Gefest nun, : 
daß fo ein Komet fprähe zu der Sonne: Ihre 
Majeftätihaben lange genug autofratifch. regiert. 
Ich bringe Ihnen die Ideen der Zeit, Sie: 
müffen Ihre Planeten nicht mehr fo regelmäßig 
am fi herum laufen laſſen. Das iſt zwar bis 
jeßt reiht gut gegangen, aber mım iſt es alt, und 
die Ideen der Zeit. verlangen etwas Neues. — 
Ein fader Scherz! werben unfere Gegner ausrufen; 
aber ed Liegt wahrlich viel Wahrheit in dem 
Scherze. Wir koͤnnen ein halbes ober ganzes 
Dutzend Schriftfteler durchaus nicht für bie alleis 
nigen Inhaber ber Ideen der Zeit gelten lafjen. 
Es find ihre Ideen und nichts weiter. — Wenn 
nur die Regierungen, wie bisher, fich gar nicht 


— 45. — 


um das Geſchrei bekuͤmmern. Dieſes Geſchrei .. 
wir prophezeihen es mit voͤlliger Gewißheit — 
wird erſt dann recht angehn, wenn die Konſtitu⸗ 
tionen in Deutſchland gegeben ſeyn werden; denn 
dann wird ed wieder heißen: . fie taugen nichts! 
fie hätten fo, oder fo feyn follen. Wäre es mög: 

lich eine Konftitution zu erfinden, die alle bie 
fogenannten Ideen der Seit realifixte, fo wäre 
das ein Donnerfchlag für die Herren Kometen; 
denn wenn fie fchweigen müßten, wovon ſoll⸗ 
ten fie leben? — Wenn es erlaubt ift, Großes. 
mit Kleinem zu vergleichen, fo möchten wir in. 
diefer Zeit fämmtliche Regierungen, ben Theaters 
direftionen ähnlich finden, die es auch niemanden 
recht machen koͤnnen. Sie mögen die Rollen 
vertheilen, wie fie wollen, immer werden die, 
meiften Schaufpieler unzufrieden feyn, und jeder, 
wird glauben, ihm gebühre eine befiere Rolle, 
und ein paar Recenfenten werben fortfchreien: 
das iſt nicht recht, und jenes iſt nicht recht! 
hört auf und! wir find die Stimme des Publis 
kums! — das eigentliche Publitum aber wird 
ganz ſtill figen und ftiN genießen, und wenn ihm 


wuch Hier und ba etwas nicht. behagt, fo wird es 
fich befcheiden, baß nichts auf ner Welt vollkom⸗ 
men ift, und wird dem Direftor Dank willen; 
fir: das, was nach Kräften geleiftet. wird. So 
muß denn auch jeber wadere Fürft und Minifter, 
gleich einem folcyen Direktor, ohne -Anfehn dee 
.Yerſon die- Staatsrolen vertheiten, ſo viel: im 
feinen Kräften ſteht, dafuͤr forgen, daß ſie gut 
gefpielt werden, auf dad Geſchrei der Recenſenten 
gefaßt feyn und an dem. flillen Beifalle des bei 
weitem größern Publikums, vorzüglich. aber am 
feinem Bewußtfeyn ſich guügen laſſen.“ — (Liter, 
Wochenblatt Band 4. Seite 212 und 243.) 

Wbvollte man fich- die Mühe nehmen, den In- 
halt diefer- Zeilen ausführlich zu analificen, ‚um 
alle fophiftifche Verdrehungen, Unrichtigkeiten, den 
wahren Standpunkt ber Nationalforderungen mit: 
gefliſſentlichem Muthwillen verrüdende Taſchen⸗ 
ſpielerkuͤnſte, um alle boshafte Anſpielungen, alle 
Bravokuͤnſte blendenden Witzes in ein langes Suͤn⸗ 
denregiſter neben einander zu ſtellen, der Leſer 
würde daran fruͤher genug haben, che man damit 
zu Ende waͤre. Das meiſte hierher gehoͤrige iſt 


Ur Pe 


ſo klar In bie Augen fpringend, daß !es "fick: jr⸗ 
bem, die angeführten Worte mit einiger Aufmerk⸗ 
famfeit Ermägenden ohne große Muͤhwaltung 
son felbft darbietet. Auch bürfte die eine Probe 
der Kotzebueſchen Staatstunft und Würdigung 
des Beitalterd fo vollkommen genügend ſeyn, daß 
in biefer Hinſicht zur Charakterifirmg feines Stres. 
bens nichts weiter beigebracht zu werben. braucht 
wie denn auch eine Kritik feiner Kritilen‘ gewiß 
gern gefchentt wird, da der Neugierige ben Bei 
weiſen ded Kreugfchen Urtheils in jedem Stud 
bed. literariſchen Wochenblattes, fo lange feine 
Feder darin Wind machte, ungefucht begegnet. - - 

Zwei ragen bürfen dagegen in der vebens⸗ 
geſchichte Kotzebue's nicht afaer werben: mit 
unbeantwortet bleiben: - Ä 

4 Wodurch iſt bie tedte deechheit zu ertlaren, 

mit der v. Kotz ebue die heiligſten, durch unend⸗ 
liche Opfer erkauften Wuͤnſche und Hoffnungen 
ber: dentſchen Völker hoͤhnt? Steht dieſer Frevel 
nicht in offenbarem Widerſpruche mit der vorhin 
gegebenen Behauptung: v. K. habe feine Meinun⸗ 
gen. nur: dann ausgeſprochen, wenn er nichts 





zu-beforgen, wenn für ihn keine ſchaͤdlichen Fol⸗ 
gen davon zu fürchten flanden? — Sn der That- 
kannte v. K. den Gegner gar nicht, den er den: 
Fehdehandſchuh zumarf und wollte ihn nicht ken⸗ 
am lernen. Daß eine heilige: Sehnfucht nach 

einem verbefferten bürgerlichen Zuſtande unter den: 
Deutfchen erwacht fey, daß der Eräftige Wille: 
nad) einer .Verbeiferung des Staatsregiments in 
Haupt und Gliedern nicht mehr fich befehwichtigen: 
laſſe, durch.veriährte Autoritäten, daß die Schrift 
Beller, denen er alles Böfe des Zeitgeiftes anfchuls 
digt, ohne das. Herrliche defjelben, und auch ihr‘ 
Verdienſt anzuerkennen; daß dieſe nicht die egoi⸗ 
ſtiſchen Urheber jenes Staats⸗Reformations⸗-Ver⸗ 

langens, ſondern die redlichen Sachwalter deſſel⸗ 
ben — hiergegen verſchloß er gefliſſentlich die 
Augen. Alle Ereigniſſe des Zeitgeiſtes, die ge⸗ 
rade jetzt bei den Deutſchen dadurch eine hoͤhere 

Gediegenheit bekommen, daß ſie die Fruͤchte ſind 
einer tugendlichen Vaterlandsliebe, waren ihm ein 
Graͤuel, befien Stammwurzel er alfo bezeichnet: - 
‚Der deutſche Patriotismus ifl ein armer Wicht, 
der fi) gar zu gern Sreibillet3” ausbittet, wenn. 


— 40 — 


er ins Schauſpiel gehen will; ein fleißiger Leſer, 
der ſich aber nur fuͤr Leſebibliotheken abonnirt, 
und nie ſelbſt Buͤcher kauft; er gleicht jenem drol⸗ 
ligen Menfchen, der auf eine Sache, die er bes: 
hauptete, wohl fehwören, aber nicht wetten wolls. 
— Bill man dem Öffentlichen Gerüchte trauen? . 
es ift eine Wolfe, die freilich jedermann. ſieht, 
die aber alle Augenblide ihre. Geſtalt verändert, 
und aus der man unmöglich errathen Tann, ob. 
die Spike des Berges, ben fie verhült, Zedern 
trägt, oder in Schnee vergraben iſt!“ ——. 
Je weniger er nun hiernach den Zeitgeifl. ers- 
fennen wollte, um fo weniger konnte ex fich es 
auch geftehn, daß er gar arge Schuld. auf ſich 
lade und ſich im fchlechten Gewerbe nuglos noths 
wendiger Gefahr ausſetze. Dagegen war es ihm 
fehr einleuchtend und ar, wo ber böfe Geift, 
dem er fich verfchrieben, feine irdifche Heimath 
aufgefchlagen, von woher feine Autorfchaft Rüdz, 
halt zu erwarten habe, und flilen Beifall, ber. 
ihm im Sreudentaumel fo. verführerifch ſchmeichel⸗ 
te, dag er forthin den Wald uͤberſah vor. lautes: 
| Bäumen. | | Er 


— 4600 — 


2. War denn aber wirklich der Beifall fo ent⸗ 
ſchieden, der Schaden, welchen feine politiſchen 
Tafchenfpielerfünfte anrichteten, fo groß, daß da= 
durch der Kotzebue treffende Nationalhaß gerecht= 
fertigt wird? — Wenn man nad dem Erfolge 
feiner Handlungsweife die Strafbarkeit beflimmen . 
wollte, fo laſtet auf: ihn unbezweifelt eine fchwere 
Berantwortlichkeit. Wie unlauter auch Seine Zwecke 
feyn mochten, man Tann immer die Behauptung: 
feiner Freunde gelten laſſen, daß er ben Erfolg 
feines verderblichen Schriftftellerbetriebes. zu uͤber⸗ 
fehen nicht fähig war; aber der Schaben, ben er 
anridjtete in unferm lieben beutfchen Baterlande, . 
darf nicht Überfehen werben. — Kogebue hatte 
. das entfchiedene Talent der unterhaltenden Dar: 
ftellung; er hatte durch eine gar thätige Autors 
fchaft dafür geforgt, fein Publikum feſtzuhalten 
und zu vergrößern. Der Theil der Lefewelt, 
er ift immer der auögebreitetfie, der nur unters’ 
halten feyn will, ohne mit der Mühmwaltung bes 
Denkens beläftigt, ber einige Notiken von ben 
neueften Früchten ber Literatur, von den eben: 
gangbaren Ideen bes Zeitgeiftes verlangt, ohne 


durch wiffenfchaftliches Eindringen in beide ermuͤ⸗ 
bet zu. werben, fand feine Rechnung being literas 
rischen Wochenblatte. An diefer Duelle verfam- 
melten ſich beſonders Lefer aus den höheren Stän- 
ben, und fanden an Kogebue’3 Anfichten fchon 
deshalb großen Gefallen, da bie ihnen fo werthen 
Vorurtheile in Schug genommen wurden. Waren 
fie auch zuweilen geihent genug, das Unhaltbare 
is dem Kobebue’fchen Anftreben gegen den Zeitgeift 
nicht zu verkennen, fo war ihnen boch feine Lüge 
lieber, als die bittere Wahrheit anderer Schrift: 
Heller; ja legtere uͤberſah man, um ſich den Aer⸗ 
ger wiberwärtiger Zeugniffe zu erfparen und: bes 
gnuͤgte ſich an ben Relationen des literariſchen 
Wochenblattes. — So kam es, daß Kotzebue 
eine der edelſten Bemuͤhungen der mit weiſer 
Ueberlegung ſich dem Vaterlande widmenden po⸗ 
litiſchen Schriftſteller hemmte; naͤmlich die: als 
Organ der Nationalſtimmung und des 
Zeitgeiſtes ein unmittelbares Band zwi⸗ 
ſichen dem Volke ſelbſt und deren Regenz: 
ten, die durch die Klauſur ber Miniſte— 
sien und bes Dfficiantenbeeres, jenem. 


— 42 — 


entfremdet find, wieder herzuftellen, und 
fo den.allgemeinen Bunfch der Volksre⸗ 
präfentation zu vermitteln, einzuleiten 
und zu befriedigen auf die trefflidfle 
Meife Ale Vorurtheile, alle Mißbräuche ver 
Verfaſſung, durch welche Pinifter und Berwals 
tungsbehörben fo großen Spielraum, foger Un⸗ 
verantwortlichkeit erlangen, die tröftliche. Verſiche⸗ 
rung, daß ed mit dem Volkswillen nichts und 
mit der Schriftflellerfliimme eine Thorheit fey, 
der willfommene Rath, daß man nur recht feſt 
‚bei dem alten Unwefen beharren müfle, um den 
Sieg über ben Zeitgeift davon zu tragen, alle 
Sehlgriffe der Kegenten und der von ihnen bes 
ftellten Machthaber fanden ihre Vertheibigung in 
der jämmerlichen Sophiftit Kogebue’s, fo wie 
jede freimüthige Idee aus der Nation, über ben 
Staat und feine Gewaltigen dort feinen Ber: 
laͤumder, feltener feinen Anklaͤger. So wurde 
die unglüdlihe Taͤuſchung, wie es jener 
Freund Kotzebue's warnend in den angezogenen 
. Worten nennt, daß der allgemeine, dringende 
National = Wunſch zur Staatöreform an Haupt 


7145 — 

und Gliedern nicht, wie eine Sonne die Welt 
erleuchtet, fondern wie. ein Irrlicht einige Wenige 
in das Verderben lot, ein auf Kotzebue's Autes 
ritaͤt von vielen Regierungen angenommenes Prin: 
. zip, deſſen unglüdliche Folgen der Strafe der 
rächenden Nemefis nicht. entgehen werden. —.: ' 
Wie nun ein Schriftfteller, der auf Kotzebueis 
Weiſe, zu ſo ſchlechten Umtrieben ſeine Feder 
darbietet, gegen Gedanken⸗ und Preßfreiheit, ge⸗ 
gen bie Begruͤndung des ‚währen bürgerlichen 
Gluͤckes, und des fchönften Fürftenruhmes, zum . 

SFluche feines Zeitalterd, um fo mehr Gefallen. 
findet bei ſchlechten Regenten und -elenden Minis 
flern, je mehr Spektakel und Gewirre er verurs 
facht, jemehr Lefer, Widerleger oder Nachbeter et 
findet; um fo verächtlicher und verhaßter muß 
ein folcher Schriftfteller einem in liberalen ‚Ideen 
ſein großes Tagewerk leitenden Regenten, einem 
wahrhaft erleuchteten Minifterio ſeyn. Daher 
kam es denn, daß v. K. bei dem ‚Hofe zu Wei⸗ 
mar, wo er gern fich zeigen mochte, ‘fo wenig 
wohlgelitten feyn konnte, ald er es bort in aye 
Ren Zirkeln war, Da er bie geachtetſten Lehren 





— 44 — 


der Akademie zu Jena, die beſten Koͤpfe zu Wei⸗ 
mar, mit beſtaͤndigem Hohngelaͤchter ſo neckte, 
angriff, ſchmaͤhte, wie er den Stolz jener Stadt 
und jenes Hofes, den Ruhm Deutſchlands und 
ſeines Zeitalters, wie er Goͤthe ſein ganzes Le⸗ 
ben hindurch mit Gaſſenbuben⸗Muthwillen ver» 
fölgte, — da fich fo immer eine ‚ärgerliche Ge⸗ 
ſchichte an die andere reihte, ſo entſtanden hieraus 
felbft für den, von Eigenduͤnkel verblendeten 
v. K. Mißverhältniffe, denen ex durch eine Ent⸗ 
fernung aus Weimar aus dem Wege zu geben 
beſchloß. Er bereif’te im Sommer 1818 dab 
nördliche Deutſchland (Halberftabt, Braunfchweig, 
Hannover, Bremen u. ſ. f.), vorzüglich um ſich zu 
zerfireuen und zu erholen, denn die unaufhoͤrlichen 
Zänkereien blieben fuͤr ihn nicht ohne Aerger, dee _ 
Aerger nicht ohne nachipeiligen Einfluß auf feine 
Gefundpeit. — 

Kotzebue ſelbſt hatte fich das reigende Kot, 
weldjes er recht forglich ſich Hätte bewahren fols 
fen, verleidet; der unheimliche Geift, welcher ihn 
immer unftät umbertrieb, erlaubte ihm nicht MAn⸗ 
ger in Weimar zu. verweilen. Er ſuchteam eine 


— 46 — 


Stelle zu Reval, dann wieder um die eines 
General⸗Konſuls zu Leipzig (2) nach; er erhielt 
keine von beiben, wohl aber Die Erlaubniß, unter 
Belaſſung feines. ſehr bedeutenden Gehaltes nach 
Eſthland zutuckzukehren, um dort in Muße ſei⸗ 
nen literariſchen Arbeiten zu. leben, indem ihm 
gzugleich für. hie Verſorgung feiner Kinder kaiſer⸗ 
Hiche Zuſicherungen gemacht, warden. Diefe neue 
wusgezeichnete. Verguͤnſtigung des Schidfals, durch 
die er mit einem Male. aus ejner fich felbft ges 
ächaffenen, unangenehmen Lage gezogen: wurbe, 
wußten ihm. indeß. feine Feinde zu verleiden, ine 
dem fie. unwahr .. verbreiteten, daß er als Folge 
feines. ſchlechten literariſchen Umtriebes nach Ruß⸗ 
land zuruͤckzukehren, den Befehl erhalten habe. 
Man motivirte dieſes aus dem Umſtande, daß 
v. K. die beruͤchtigte Schrift Stourdza's, bie 
das rechte Waſſer auf feine Mühle gab, als of⸗ 
ficiell, unter Autorität bed Ruffifchen-Kaifers vers 
fertigt, dezeichnet hatte, was fie bush nicht ſeyn 
follte und welche. voreilige Behauptung im Rufe 
n Kabinettex allerdings Unzuſtiebenheit vers 
enlafien konnte. Da bie Zuruͤckberufung felbft 


IE E 2 Faser . 





unter fo guͤnſtigen Verheißungen erfolgte, - mag 
es auch dahin geſtellt bleiben, ob das: Gefuc uns 
diefelbe, au8 eigener Bewegung, oder im Berfolg 
erhaltener Winke, von Kogebuie; eingereicht 
wurde; entfchieden iſt, daß. er. ben. Worſatz faßte, 
erft im Jahre 1820.nad Rußland zurädzugehn, 
„um ſich vorher (nach, den Worten feines. oft 

erwaͤhnten Freundes, im Anfange: des : vierten 
Bandes des Lit. Wochenblattes,) . zur beſſeren 
Beförderung feiner Literarifchen Arbeiten, die Be⸗ 
freiung von der Bifitation ber eingehenden Schrifz 
ten audzuwirken, durch welche ihr Empfang ge= 
wöhnlich lange aufgehalten wird.” — Wenn man 
der UnwahrfcheinlichPeit ohngeachtet. diefe in. der 
That fonderbare Angabe als wahr ‚gelten laͤßt, 
(denn eine ſolche Befreiung Tonnte. er unbezwei⸗ 
felt, wenn er ſich in Rußland aufhielt, Leichter 
und beffer betreiben, aldö wenn er von dem Orte 
der Entfcheidung feiner Bitte mehrere hundert 
Meilen entfernt war,) fo dient fie nicht zu fons 
derlicher Empfehlung der. von Kogebue immer 
hocherhobenen Freiſinnigkeit der Ruſſiſchen Staats⸗ 
behoͤrden, indem die durch beſchwerliche und zeit⸗ 
raubende Vifitationen erwachſende Schwierigkeit 


— 467 — 


aus dem Auslande Buͤcher zu beziehen, wohl in 
keinem europaͤiſchen Reiche ſo ſchmerzlich von 
den Literaturfreunden empfunden werden muß, 
als in dem, in welchen v. Kogebue hiernaͤchſt 
wieder feine Tage zu verleben gedachte. — 

Vor dem Sahresfchluffe 1818 ging er über 
Frankfurt nah Mannheim, wo er an der Seite 
feiner Gattin, umgeben von feinen Kindern, (mit 
Ausſchluß der erwachfenen Söhne; dreizehn Kin- 
ber überlebten ihn) ſich haͤuslich nieberließ; im 
gewohnter Gefchäftigkeit fchien .er feine Tage heis 
ter. und zufrieden: zu verleben, wie diefes immer 
dann der Fall war, wenn er einen neuen Wohn⸗ 
ort fich gewählt und in feinen Umgebungen noch 
feine unangenehmen Berührungen auf fich gezogen 
hatte. Bon hieraus leitete er fortwährend. fein. 
fiternrifches Wochenblatt, in welchem er ſchon 
mit dem Beginn des zweiten Bandes nicht mehr 
allein die Stimme führte, gern einlenfenden und 
vermittelnden Auffägen eine Stelle gab, und ſich 
ferbft mehr mit den Erfcheinungen ‚der. Literatur, 
als mit politifchen Gegenftänben befchäftigte. Im 
ber genauen Beobachtung ber auf. forgfältigem:. 


. 


— 46 — 
Haushalt mit der Zeit berechneten Lebensweiſe, 
in ſeiner ununterbrochenen Thaͤtigkeit am Schreib⸗ 
tiſche, von fruͤh Morgens bis zu den Mittags⸗ 
ſtunden, in der ungeſchwaͤchten Kraft ſeines Ge= 
daͤchtniſſes und Witzes, in der regen Empfaͤng⸗ 
lichkeit fuͤr alle Freuden des geſelligen Lebens zeig⸗ 
ten ſich bei ihm eine treffliche koͤrperliche Orga⸗ 
niſation, bie, ohngeachtet voruͤbergehender Unpaͤß⸗ 
lichkeiten, noch keine bleibende Hinweiſungen auf 
das nahe Greiſenalter dem ruͤſtigen Manne vor 
die Augen ſtellten. Zwar klagte er neuerlich ge⸗ 
gen Vertraute zuweilen, daß die Abnahme der 
Imagination ihm dankbaren Stoff zu bramatifchen 
Arbeiten zu verfagen anfange; doch lag hierin 
ver Grund vielleicht mehr in. der Art, wie er 
eine Reihe von Jahren hindurch ſeine Talente 
fuͤr die dramatiſche Dichtkunſt verſchwendet hatte, 
als in der Verminderung ſeiner geiſtigen Regſam⸗ 
keit. — Naͤhere Beobachter wollen an ihm gegen 
das Ende des Maͤrzes hin zuweilen eine wehmuͤ⸗ 
thige Stimmung bemerkt haben, wie man auch 
erzaͤhlt, daß er um dieſe Zeit, bei Erblickung ſei⸗ 
nes jüuͤngſten, kaum die erſten Laute lallenden 
Sohnes ſich 'ſoll erinnert haben, wie ex ſelbſt 


nicht älter war, als ihm der Tod feinen Vater 
hinwegnahm. — . 

So erfhien der verhängnißvolle Tag, ber 
2Bſte März des Jahres 1849, wo eine wunder: 
bare Geftait ihm gegenübertrat. — | 

Karl Friedrich Sand, 24 Jahre alt, der 
Sohn trefflicher Aeltern (fein Vater ift geheimer 
Suftizeath zu Wunfiedel.bei Bayreuth, im Obers 
Main = Kreife) der Bruder hoffnungsvoller. Ge: 
ſchwiſter; er, einer der erſten, welche ben Fahnen 
der Freiwilligen im Sreiheitöfriege zueilten, und 
da Achtung und Liebe ſich erworben; bei feiner 
Heimkehr mit gleichem Eifer fich der gelehrten 
Ausbildung widmenb, und das mit feltener Treue, 
Liebe und ausgezeichnetem Erfolge, ein Muſter 
der Sittlichkeit und Sittenreinheit, ein frommer 
Sohn, herzlicher Bruder umd.. treuer Freund, 
durchdrungen von einer heiligen Liebe zum Va⸗ 
terlande; babei reich begabt von der Natur mit 
der einnehmendſten, befcheidenen, aber Eräftigen 
Geſtalt, fo gefchäst von feinen Lehrern, wie von 
Allen, die ihn kennen. — 

Sand war ausgezogen mit eines hoben Be 
geifterung für Religion. und Vaterland, fuͤr Ehre 


— AO — 


and Tugend in den. Krieg (1815); dann gen Er⸗ 
langen und fpäter nach Jena, ‘um auf beiden 
Univerfitäten feine wiffenfchaftliche Bildung für 
Den geiftlichen Stand fortzufeßen. Ihn traf 1817. 
ein Schlag, deffen heftige Erſchuͤtterung fein gan« 
zes Dafeym zu vernichten drohte: fein Stubens 
genoſſe ertrank vor feinen Augen beim ‚Baden, 
ohne daß er ihn retten, oder mit ihm fterben 
tonnte. - Die Feier des Wartburgsfeſtes, dag 
fchöne, freie Leben der Studenten auf bem ge 
weihten Mufenfige‘ zu Jena und der Ernft wifs 
fenfchaftlicher Anftrengungen . richteten ihn wieder 
auf. Er zeichnete fich aus durch Fleiß, Genüg- 
famfeit, Sittlichkeit, durch raftlofe Thaͤtigkeit 
und ein fich felbft völlig verleugnendes Hingeben, 
wenn es darauf ankam Edles zu wirken. Vor⸗ 
züglich war fein Geift befchäftigt mit der Vers 
herrlihung der deutfchen Nation, die.er auf mos 
raliſche Befferung begründet wiſſen wollte. 
Mie viel bei dicfem Ziele der. beutfchen Jugend, 
als der Pflangfchule Fünftiger Kraft, Würde und 
Größe — oblag, konnte ihm nicht entgehen; hieran 
Intpfte er feine Plane. für das deutſche Bur⸗— 
ſchenweſen, welches ſeine ganze Seele erfüllte... 


Die deutfchen Hochſchulen ſollten, nach ſeinem 
Sinne, die Pflegemütter deutfcher Männlichkeit 
und Zreue werden; von ihnen. die Tugend aus⸗ 
gehn, um ſich über die Nation zu verbreiten. 
Der Geiſt der Einzelnheit follte vertilgt werben 
und an beffen Stelle ein Gefammtverein treten, 
zu fittliher und wiffenfchaftlicher Ausbildung, zur. 
Treue für das Vaterland, Tapferkeit, Fleiß, Mär 
Bigung und Keufchheit. — Bei foldiem hoben 
Streben trat der Glaube an eine überfinnliche 
Welt, und das lebendigfte religiöfe Gefühl im⸗ 
mer auf die rührendfle: Weife bei ihm hervor und’ 
zeigte ein Gemüth, welches das. Ehriftenthum, 
ahne refleftirende Berflanpbemühungen, als eine 
unmittelbare. göttliche Offenbarung in fich aufges 
nommen bat, ohne Schwaͤrmerei oder froͤmmeln⸗ 
ven. Stolz; ‘er zeigte in allen: Verhaͤltniſſen ein: 
frommes, reines, nüchternes, tugendliches Herz. 

Im Sahre 1818 reifte Sand von Jena aus 
viel umher in dem lieben deutfchen Vaterlande, 
(auch in Berlin war er ganzer vier Wochen bins 
durch; er warb dort gaflfrei aufgenommen von: 
einem Kriegögefährten, der als wirklicher Haupt: 
mann’ bei ber Königlichen Garde fiehmd; bald 


nach Kotzebue's Tode als. aggteirter Haupt⸗ 
mann, -außerhalb Deutfchlanb:, nath Poſen vers 
fest wurde —) um defien Einwohner Eennen zu 
Iernen, : mit Enmpfehlungäbriefen von feinen. alas 
demifchen Lehrern an bie ebelften Männer und 
Gelehrten Deutfchlands. Wo er hinkam, trug er 
die beften Empfehlungen im feiner Perfon mit ſich, 
uͤberall fuchte er in Kunſt und. Wiffenfchaft den 
Geift zu ſtaͤrken, aber er traf mehr auf jammernbe 
Zeugen des gefahrvollen Kampfes zwiſchen Licht 
and Finſterniß, zwifchen Tugend und Lafter, Frei⸗ 
heit und Sklavenfeſſel, als: auf muthvoll rebliche 
Arbeiter ins’ Weingarten‘ des Herrn; und wenn 
er — edle Herzen willen fich fo Leicht zu finden, 
lernen ſich fo bald verfiehen, — wenn er mit 
den einfichtsvofften Männern über die großen: 
Angelegenheiten ünferer Zage, über Volksgluͤck 
Nationalehre, Geiſtesfreiheit, Religionswärbe, 
Fürftenheil u. f. f. vertraut fprach, fo hörte er 
an allen Orten und in allen Gegenden, immer- 
nur einen Namen wieberholen, :: deffen Autorität, 
der Schild und die Waffe der Schlachten, wie. 
eine Zauberformel des Wäfen ausgeſprochen wurs 
De — es wo ber Name: Kotzebuch Alſo kehrte 


er beirhbt zuruͤck zu feinem .Iteben Jenn, zu dem 
Hörfälen feiner Lehrer und zu den im heiligen 
Gebiete der Biffenfchaft, noch von feinem Zwange 
beftimmter Lebensverhaͤltniſſe gefefleiten, in kei⸗ 
nem Aufficeben bes Geiſtes gehemmten, jugend» 
froben Freunden. Gegen diefe wurbe er immer 
inniger, zarter, Timblicher, im Aeußeren erfchien 
ex den ferner Stehenden faſt ſchwermuͤthig und 
verfchloffen. — Er verläßt den Item März gang 
im. Stillen feinen akademiſchen Wohnort: Er 
wandert-über Würzburg nach Mannheim. - Hier 
tritt er frobed Anfehns in einem Gaſthofe ab, 
wo er fih nah von Kobebues Wohnung und 
nad) der eines ihm von Erlangen aus bekannten 
Prediger erkundigt. Zweimal "meldet er ſich in 
erfierer den 23ften Vormittags; er wurde beibe 
Mole abgewiefen, weil.v. K. des Morgens fi 
in feinen Arbeiten ‚nicht: unterbrechen ließ, und 
gegen 12 Uhr Mittags ausgegangen war. Der 
junge Dann. tehrt zur Wirthstafel zurüd, wo. 
er unbefangen unb lebenbig an der Unterhaltung 
ber Zifchgefellfchaft Theil nimmt; auch von Kos 
hebue wird geredet, manches Nachtheilige über 
ihn gejagt, hierzu ſchweigt er; von einem: ihm 


N) 


nach der Lanbesfitte hingeſtellten Schoppen Wein 
genicht er nur wenig; doch den Gemuß der Speife 
verſchmaͤht er nicht; mit einem dort getroffenen 
Landgeiſtlichen ſpricht er vieles, bis die Zeit her⸗ 
anruͤckt, auf welche er von dem Bedienten, um 
Kotebue zu ſprechen, beſchieden iſt. — 

Kotzebue hatte den Tag auf gewoͤhnliche 
Reife verlebt. Nachmittags um 5 Uhr, als feine 
Zamilie fo eben Beſuch von einer Dame erhielt, 


‘warb er. abgerufen. ein junger Fremdling wintfehte 


ihn zu ſprechen. Er geht: in das Zimmer, wo 
ihn dieſer erwarte. Nach wenigen Augenblitken 
durchdringt ein Gefchrei dad Haus, man ſtuͤrzt 
berbei, die Bedienten finden ihren Herrn auf 
dem Boden im .Blute liegend. - Noch ringt- er 
mit dem Sremblinge, welcher mit dem in fefler 
Hand haltenden blutigen Dolche ihm Herz und 
Lunge, durchbohrt hat. Umgeben von feiner jam⸗ 
mernden. Familie fchließt von Kobebue nach: we= 
nigen, Minuten für immer die Augen. Indeß der 
Ruf nad einem Wundarzte fchon ben Worüber: 
gehenden von. ber fchredlihen That Kunde giebt; 
rafft ſich der Juͤngling, der. fie vollfuͤhrte, auf, 


bie Treppe hinab, erreicht die Straße, ſinkt auf 


feine Knie, ruft mit lauter volltönenber Stimme: 
„Der Berraͤther ift gefallen, das Vaterland ges 
rettet! — Sch bin der Mörder; aber fo muͤſſen 
alle Verräther fterben. — Dir, himmlifcher Va⸗ 
ter Dante ih, daß Du mirbie That haft vollbrin⸗ 
gen laſſen!“ — 

»Dann reißt er bie Kleider auf, wenbet den 
Dolch gegen bie eigene Bruſt und verwundet fich 
tiefe. Don ber herbeiftrömenden Menge wird ev 
halbentfeelt in dad Bürgerhofpital gebracht, wo 
er unter Ärztlicher Pflege und gerichtlicher. Un: 
terfuchung den Ausfpruch feiner irbifchen- Ser 
erwartef, mit feinem Leben für ſich im Denen — 
ohne alle Reue der That! — 

Sand ift dieſer Juͤngling, ber die free: 
lihe Schuld des Meuchelmordes auf fih lud und 
auf das geliebte Vaterland. Welch eine uner⸗ 
gründliche Verkettung des Menſchen umd der’ 
Zhat! — Welch ein fchwerer Beruf hier richten 
zu müffen, als berufene Richter! — Aber bie‘ 
unberufenen mögen ſchweigen; ſchweigen auch die 
unberufenen Vertheidiger. Es iſt gleich verbres 
herifh, Sand anzuklagen, ihn-entfchuldigen zu 
wollen; jenes thut die begangene That hare 


genug; “ <hiefes‘ am laser ſen reines te 
ben. 

Kotzebu es Leiche ward aus dem Zreuerhauſe 
zu welchem das Mannheimer Theater gemacht war, 
den 25ſten März, Morgens 6 Uhr, um Fein Aufs 
fehn zu erregen, in aller Stille, nur von wenigen 
Zreunden ber Familie begleitet. beigeſetzt. Dort 
ruht nun in-enger, duͤſterer Wohnung bie Afche 
bed Mannes, der hienieden ſo raſtlos fich umher⸗ 
trieb und bie Fahrt durch ein ſtuͤrmiſches Lebens⸗ 
meer, von manchen Strgeftalten verlodt, mit eis 


‚ „em Schiffbrude endete. Wenn die Stimme ber 


Wahrheit über. fein öffentliches Leben ein hartes 
Zobtenurtheil ausfpricht, fo. mag ed ben Schatz 
ten verföhnen, bag Mutter, Battin, Kinder und 
Freunde die Thränen ber Liebe ſeinem Andenken 
widmen. - 

Nach ben ewigen Geſetzen der moraliſchen Welt 
ſteht kein Leben und keine Handlung iſolirt da; 
fondern jede iſt das Glied einer unabſehbaren 
Kette, der Keim fi) ewig fortpflanzender Bege⸗ 
benheiten. Was mit. edlem Sinne 'gefäet. ward, 
bringt früh aber fpdt fchöne Früchte; aber das 
Unkraut wuchert fort zu neuem Schaden. — So 


wollte ed das Berhängniß, wider den Willen bes, 
der gegen Kobebue den Dolch züdte, daß fein 
Tod zunächfk bee deutfchen: Nation: nicht gebeihs 
lich wurde, fondern er warb für den’ Augenbli® 
faft noch ſchaͤdlicher, als fein Leben geweſen war.— 
Wie Kogebue bei-feinen Umtrieben gerade in dem 
Lande feiner Geburt, an ber Stelle, wo feine 
Wiege ſtand, in den Hallen,. wo er Weisheit 
fernen follte, oft Unfrieden geftiftet,. oft wider⸗ 
wärtige Störung wedte, fo geſchah dieſes nad) 
nad) feinem Tode, in -verboppeltem Grabe, ins 
dem fogar die Hochſchule, deren Mitbürger. er 
einft wor, feines Schickſals halber verantwortlich 
gemacht, von auswaͤrtigen Minifterien verun⸗ 
glimpft, ohne Klage und Gericht verdammt wurde. 
Es follte dort durchaus eine "ganze Motte von 
Meuchelmördern und Meudyelmord Predigenden 
entdeckt werben, bie unvernünftigfien Gerüchte von 
einer Burſchenſchaft, in der Sand durchs 2008 
beitimmt fey, Kogebue’n bei Seite zu fchaffen, 
von: einem fchriftlich ausgefertigten Todesurtheile, 
welches Sand, wie ein Beglaubigungsbofument 
ober wie einen Komebienzettel, in der Zafche bei 
ſich geführt Habe,.. wurden durch bie Zeitungen 


— 478 — 


verbreitet; doch das Unfinnige kann nie bewiefer, 
die Lüge konnte nicht‘ einmal wahrfcheinlich 'gei 
macht werben: Man fuchte fih durch Gewalt⸗ 
ftreiche, die Der deutfchen Namen eben fo entchz 
ven, wie. der Meuchelmord, aus der Verlegenheif 
zu zichen, man glaubt ſich der-Verpflihtung zu 
einem foͤrmlichen Urtheil, mit dem die Unterſu⸗ 
chungen hätten geſchloſſen werben follen,. entbuns 
ben, ‚weil der Burfchenfchaft die Ehre gefchehen, 
ihr den Ausſpruch des Zodesurtheild- über Kotze⸗ 
bue anzubichten. — Und wäre .felbft Sands Uns 
that hervorgegangen aus einem, göttliche und 
menfchliche Geſetze mit Fuͤßen tretenden Stuben 
tenbunde, fo waren ja diefe Verbrecher und Mits 
fehuldige nicht die. Univerfität, an der. man 
Rache nahm, ohme,. wie es rechtlichen Männer 
| geziemte, das entdeckte Verbrechen zu firenger 
Beftrafung. bem weifen Landesvater anzuzeigen. — 
Welchen Anſpruch Tann der darauf machen, im 
Dienfte der Zugend, am. Altare des, Vaterlandes 
zu flehn, der nicht Des Rechtes erſte Forderung, 
ber Menfchen = und Chriftenpflicht beitigfie 8 
Gebot füllt? — 

Als ob man gefliſſentlich Mittel geſacht hatte, . 


um freifinnige, ‚aber im Feuer der Tugend leicht 
das Maas Überfchreitende Ihnglinge zu Verbre⸗ 
chen anzureizen,- brachte man bie Todten⸗ 
feier Kotzebue's eiligſt auf die Bühnen, fein 
Lob, recht nach den Worten, mit: welchen dieſe 
Lebenöbefchreibung (Seite 3) beginnt, in alle 
Zagesblätter. Ja man triumphirte laut, wenn 
hier Unvorfichtige eingefangen, dort, unter Obhut 
der. Polizeifchaaren das audgefonnene Stůdehen 
wohl von Statten gegangen war. — 


Von Kotzebue ſchrieb: 
„D ſelig, wer — 
— Jedem Lichtſtrahl bee Sernunft 
Den Zugang feſt verrammelt, — 
„„Ein guter Menſch,““ Tpricht Sedermann, 
Das heißt: er ift zum Schoͤpe gebovn, 
Zieht eine Loͤwenhaut ihn an, 
Doch feht ihr wadeln lange Ohren. 
‚Ein guter Menſch, ein ehrlich Blut, 
Der nichts des Hängens würdig that, — — 
—. Spricht ber Kluge nur ein Wort: 
Er ift gefährlich 1. fchafft ihn fort! — 
erfolgter ift der Dumme nie, 
Berfolger ift er wohl zuweilen; .. 
Ihn nedet Feine Polizei 
Mit Sakobiner : Riederei. — — 
Gleich Froͤſchen wird er aufgebläpt 
won geofer Heicen ginfgei Biden, 


- 


Weil er Despoten: Räder dreht, . | 

Wie blinde Pferde die. Sahriten. — 

Stirbt er — — 

An feiner Urne’ ſchallt 8 dann: 

‚Gr war ein guter, licher Manni — 

Es iſt nicht zu verkennen, wie hier (im dritten 

Theile der juͤngſten Kinder meiner Laune. 
1795) Kotzebue dee Dummheit ein ironiſches 


Lob ſpendet, welches wohl treffender der bo 


haften Halbheit ſelbſtſuchtiger Thoren 
beigemeſſen werden muß. — 


Er ſelbſt ſetzte ſich am Schluſſe der chen ge⸗ 
nannten Sammlung folgende Grabfchrift: Ä 
„Die Welt verfolge ihn ohn’ Erbarmen, 
Verläumbüng war fein trübes Loos; 
Gluͤck fand er nur. in feines Weibes Armen, 
‚Und, Ruhe in ‚der Erbe Schoog. 
Der Neid war immer wach, ihm Dornen hinzufiveuen, 
Die Liche ließ ihm Roſen bluͤhn; — 
Ihm wolle Gott und Welt verzeihen! 
‚Er. hat dee Welt verziehn.“ — 


Se nachdem nun Jeder Kotzebue's Leben 


aus ſeinem Geſichtspunkte anſieht, mag er auch 


dieſe Grabſchrift billigen, abaͤndern, verbeſſern, 
oder verwerfen, je nachdem es ihm recht und. 
billig duͤnkt vor Gott und Menſchen. 

Was aber alle die wunderlichen Erſcheinungen 


— 42 — 


betrifft, die in unſeren Tagen die Koͤpfe in Ver⸗ 
wirrung, die Federn in Bewegung ſetzen; Erſchei⸗ 
nungen, welche mit Kotzebues Leben und Wirken 
in näherer ober : ehtfernterer Verbindung flehn, 
bei denen fein Name bald’ preifend, bald mißbils 
Kgend genaniit wird, fo wollen wir unverzagt 
darauf hoffen, daß fie, mit Goftes Huͤlfe bei red⸗ 
licher That, einen guten Ausgang gewinnen. — 

Diefe Darftelung aber fey mit den Worten 
gefhloffen, welche Hieronymus Mencelius 
ausfpricht, ‚in. der Vorrede zu dem Werke des 
alten, frommen Magiſters, Eyriafus Spans 
genberg, wider die böfen Sieben in des 
Teufels Karndffelfpiel, und alfo lauten: 

— „Nun fehreitet aber der Teufel noch weiter, 
und erwedet feine läfterlichen Werkzeuge, die ibm 
barzu dienen, daß fie.erhobene Spaltungen, fammt 
dem unorbentlihen Weſen der Leut, nur ſtatlich 
sufmugen, und in aller Welt auöfchreien; nicht 
daß es ihrem Abgott und ihnen, -wenn es alſo 
zugehet, entgegen und leid ift, fondern baß fie 
mit folchem feindfeligen Geſchrei, die Unwahrbeit 
zu Iäftern, die Ginfältigen zu betruͤben und ir 

. 38 * | 


— 482 — 

zu machen, und vom rechten Wege abzuſchrecken 
vermeinen. — Aber, wie der liebe Gott wider 
ſolche Teufelsmaͤuler und Laͤſterer allzeit etliche 
aus den Seinen zu ſtandhaftigen Hirten geſendet, 
und mit feinem Geifte geſtaͤrkt hat, daß fie folche 
Kalumnien, Laͤſtergeſchrei, Lügen und Blasphe⸗ 
mien wiberfprechen, und Gutherzige dafür vers 
waret und gewarnet, auch barneben zur Beſtaͤn⸗ 
digkeit an. der Wahrheit wider fol Aergernig 
feft zuhalten, ermahnt haben; alfo hat er auch 
von je und je Gnade gegeben, daß immerbar 
ein Fleined Häuflein auf rechter Bahn geblieben 
iſt, daß ſich ſolch Geſchrei nit. hat anfechten, 
noch irr machen laſſen; das auch die Knie fuͤr 
Baal nit gebeugt hat. — — — Der barmher⸗ 
zige Gott wolle ja ſeine liebe Kirche von ſolchen 
Unflaͤtern vollends reinigen, und uns in derſelben 
gnädiglich mit feinem Geifte fhügen und was er 
‚ angefangen, auch zu feinen Ehren vollführen. 
Amen!’ — 


In 

n 5 

a 

n 
g. 


31* 





L 
Voltaire und Rogebun, | 
( Fragmente.) 


In dem beliebten Converſations⸗Lexicon, 
deſſen wiflenfchaftlicher Werth fchon dadurch be⸗ 
kundet wird, daß ed, ohne Anmaßung, in ber 
neueſten Auflage den Namen einer Real⸗Ency⸗ 
klopaͤdie annehmen Tonnte, leſen wir unter dem 
Artifel, Kotzebue, folgende Stelle (Band 5. 
Seite 495.): 

— Man fieht, dag K. in gleichem Maaße 
ein Mann von ungemeinem Talente und ein. 
Schooßkind des Glüdes iſt. Beinahe möchte man 
ihn in mander Hinficht den dentfchen Bol 
taire nennen, denn beide haben fich in denfelben 
Fächern verfucht, als! Dichter, als Philofophen, 


— — 486 — 

als Hiſtoriker, als Kritiker, beide haben verwandte 
Leichtigkeit und Fruchtbarkeit, ſich aͤhnelnden Geiſt, 
Witz und Ton, ſich gleichende Leichtigkeit und 
Ungenirtheit, ſo wie denſelben Mangel an Tiefe 
und Vollendung in der Anlage und Ausfuͤhrung 
‚mit einander gemein. Beide haben als Schriftz 
fieller einen glänzenden Beifall erlangt, nur an 
Korrektheit, Eleganz und Univerfalität wird Ko- 
gebue von Voltaire unendlich. übertroffen. Vol⸗ 
taire's Schriften werben fortdauern, fo lange es 
eine franzöfifche Sprache giebt; die Kotzebueſchen 
Schriften ſind ſchon jetzt groͤßtentheils vergeſſen. 
Voltaire war dabei bis zu feinem letzten Athem= 
zuge ein Verfechter aller liberalen Ideen. Kotze⸗ 
hue dagegen kennt Fein Heil für die Völker, als 
in der Willkuͤhr der Fürften, und der Zuſtand 
Europens vor der franzöfifchen Revolution iſt 
ihm ber Typus des höchiten Volksgluͤckes.“ — 

‚Auf diefe Autorität hin, bei der der Nachſatz 
wenig berüdfichtigt wurde, iſt in den neueften 
Sagen, wo man nad Kotzebue's Ermordung fo 
piel Erbauliches von dem Verfchiebenen zu Markte 
brachte, oft wiederholt: daß m. K. der beutfche 


— 487 — 


Boltaire fey. Die Ausführung eines Parallel 
zwifchen dem unfterblichen Marquis und dem Ruf: 
fifchen Etatsrath ift ein zu intereffantes Thema, 
als dag nicht einige hierher gehörige Bruchflüde 
eine Stelle verdienen follten: 


Bon Kogebue fagt von Boltaire: 


„Seine Gelehrfamkeit war oberflählih! — 
das heißt: fie war nicht pedantifch, fie prangte 
nicht mit Eitaten, fie war leöbar. Ein einziger 
Bogen von ihm gefchrieben, hat mehr Kennts 
niffe verbreitet und mehr Gedanken erzeugt, 
ald mancher Foliant feiner Zeitgenoffen. — ©. 
die Biene, zweites Heft, Jahrg. 1808. S. 200. 


Auch Kotzebue's Gelehrfamkeit, oder beffer 
fein Wiffen ift mit Recht: oberflächlich genannt; 
auch er mag nicht ded Pedantismus angeklagt 
werben, auch feine Schriften prangen nicht mit 
Eitaten und find lesbar; aber welche Kenntniffe 
oder welche Gedanken haben fie erzeugt? — — 


. Nah einem franzöfifchen. Originale zeichnet 
Kotzebue Voltaire's Portrait, in ber eben 
genannten Zeitichrift, alfo: | 
. „Voltaire ift etwas mehr ald mittlerer Größe, 
ein Wuchs, der auögezeichneten Männern eigen . 
au feyn fcheint. Er ift mager, vertrocknet, hat 
eine verbrannte Galle, ein entfleiſchtes Geſicht, 

geiſtreiche, höhnifche Züge, ein funkelndes, bos⸗ 
haftes Auge. Alles Feuer feiner Schriften, be: 
lebt auch. feinen Körper. Er ift lebhaft, queck⸗ 
ſilbrig, koͤmmt und. geht, rennt hin und her; 
man wird verbugt, wenn man ihm lange zuficht. 
Natürlich muß ein folcher Menfch Eränklich feyn. 
Er ift fröhlich aus Temperament, ernſt um der 
Diät willen, offen ohne Zutraulichkeit, politifch 
ohne Feinheit, gefellig ohne Zreunde; er kennt 
die Welt und vergißt ihrer. Des Morgens fpielt 
er den Ariftipp, Abends den Diogenes. Er liebt 
bas Vornehme und verachtet den Vornehmen, 
geht ungezwungen mit ihnen um, ft aber verles 
gen unter feines Gleichen, anfangs höflih, dann 
alt, am Ende unerträglih. Er liebt den Hof 
und hat Langeweile bei Hofe. Empfindfam ohne 


[4 


— 488 — 


Anhaͤnglichkeit, wolluͤſtig ohne Leidenſchaft, bindet 
ſeine Wahl ſich an nichts, ſeine Unbeſtaͤndigkeit 
an alles. Da er ‚vernünftig iſt ohne Grundſaͤtze, 
. fo fchweift feine Vernunft fo oft aus, als ande⸗ 
rer Thorheit. Mit einem ungeregelten Geifte, ei: 
nem ungerechten Herzen, durchdringt ‘er Alles 
and macht fich über Alles luſtig. Er verfteht 
auch :zu moralifiren ohne eigene Moral. "Seine 
Eitelkeit wird nur von feinen. Eigennuge "über: : 
troffen. Er fchreibt weniger fuͤr den Ruhm als 
für Geld. Nah Geld hungert und burftet er. 
Fuͤr den Genuß -fcheint er gefchaffen, und doch 
wil er fammeln, Schäge’häufen. Zum: Dichter 
geboren, werden die Verſe ihm allzuleicht. Er 
mißbraucht dieſe Leithtigkeit, daher er faft nichts - 
Bollendetes Liefert. Die Gefchichte würde nach 
ber Dichtkunſt, fein Fach feyn, wenn er weniger 
Betrachtungen einwebte und nie Parallelen zoͤge, 

ob fie ihm gleich bisweilen gelingen. — Man 
fagt, ein großer Schriftfleiler müffe weder Reli: 
gion noch Vaterland befigen; Voltaire thut alles 
mögliche, um diefe Vollkommenheit zu erreichen. 
Seiner Nation iſt er eben nice fehr zugethan; 


— 40 — 


Er lobt gern die Vergangenheit und ſchmollt mit 
der Gegenwart; iſt ſtets unzufrieden mit ſeinem 
Aufenthalte, und ruͤhmt hingegen ein Land, das 
tauſend Meilen weit von ihm liegt. Er beſitzt 
viel Belefenheit in franzöfifchen und ausländifchen 
Werken, und jene oberflächliche Gelehrfamteit, die 
jest Mode iſt. Politiker, Phyſiker, Geometer, 
er ift alles, was man will, doch Feines gründlich. 
Indeſſen gehört allerdings .ein ſehr umfaflender 
Geiſt dazu, um gleich. ihm, von Allem dad Pi⸗ 
ante abzufchöpfen. Sein Geſchmack ift fein, aber 
unfiher. Er ift ein wißiger Satyriker, aber ein 
ſchlechter Kritikus. Nie hält.er die Mittelftraßes 
bald liebt, bald fchmäht er die ganze Welt. Kurz, - 
er will um jeden Preis ein ‚ außerorbentlicher Mann 
feinen. “ 
Diefe Skizze parobirt, möchte folgendes Bild⸗ 
niß Kotzebue's fi dem Beobachter darbieten: - 
Von Kotzebue war mittlere Größe; fein 
Wuchs und Geſtalt verriethen nichts ausgezeich⸗ 
neted. Er war mehr mager, als wohlgenährt; 
jedoch hatte er ein marfirtes Geficht, ein leben⸗ 
diged, blaues Auge, welches. mehr Schlauheit 


u " | 


— 491 — 
als Scharffinn und abwechſelnd, Spott und Gut: 


müthigfeit ausſprach. Cine Neigung zum beque⸗ 


men Genufje gab feinen Bewegungen etwas Ab» 
gemeffenes; fein oft bleiches Geficht trug bie 


Spuren vom reihen Genuſſe des Lebens. Er: 


war gern fröhlich unter den Fröhlichen, galfüchs 


tig nur aus Eitelkeit, offen ohne Vorficht, ſchlau | 
ohne Ueberlegung, gefellig aus Lebensluft; er. 


kannte die Welt nur aus theatralifchen Repräfens 


tationen. . Er liebte dad Vornehme und buhlte 


um bie Gunft der Vornehmen; ihren Umgang 


fuchte er, noch mehr ihren Beifall; aber er bes 


gnügte fi) auch mit. dem Beifall der Menge, 


wenn es zuweilen ihm nicht gelingen wollte, ven 
der VBornehmen zu. erlangen. Da es ihm an allen 


Grundfägen fehlte,. fo ſchwankte er in feinen Bes - 
hauptungen zwifchen Wahrheit und Irrthum. Da. 


- fein Wiffen immer hoͤchſt mangelhaft blieb, fo 


mußte er fi) oft begnügen, über Dinge zu ſpot⸗ 


ten, von denen er zu wenig wußte, um vernünfz 
tig darüber reben zu .Eönnen. Ex moralijitte im 


Leben und in Schriften immer fo, als ob zwiz. 
ſchen Tugend und Lafter Feine Gränge Statt faͤndez 


— 49 — 


die Luͤſte und der Kitzel des Witzes galten ihm 
mehr, denn ale Moral. Die Fähigkeiten ſeines 
Geiſtes waren entſchieden, feine Gemuͤthskraft 
aber voͤllig verwahrloſt. Seine Eitelkeit war un⸗ 
begraͤnzt, ſelbſt wenn ſie ſich unter beſcheidene 
Worte verhuͤllte; vom Eigennutze war er frei; 
ſparſam war er nur mit der Zeit. Er ſchrieb 
fuͤr den Ruhm; er ſchaͤtzte das Geld nur als 
Mittel zum Genuſſe. Die Verſe und Dichtungen, 
zumal die dramatiſchen, wurden ihm ſo leicht, daß 
ſie feinen Dichterberuf zweifelhaft machen. Man 
kann behaupten, daß die durch Uebung erworbene 
Fertigkeit in der Schriftſtellerei ihn in den Dich⸗ 
terruf gebracht habe. Vor allem mangelte ihm, 
mit der Charakterwahrheit, der hiſtoriſche Geiſt, 
daher das Feld der Geſchichte ſeine groͤßten lite⸗ 
rariſchen Sünden aufbewahrt. — Wenn ein gro= 
Ber Schriftfteler weder Vaterland noch Religion 
haben fol, fo Tann man dieſe Eigenfchaft eines 
großen Schriftftelers Koßebue’n nicht abfpre- 
hen. Be böber er und fein Gehalt in Rußland 
fliegen, um fo mehr pries er die Ruffen auf Kos 
ſten der Deutfchen; außerdem war ihm gewöhn: 


— 493 — 


lich die Meinung die liebfte, von ber er den vors 
nehmften Beifall zu dendten hoffte Er wußte 
wenig und alles oberflächlich; er las Vieles und 
mochte ſich gern als gelehrter Stimmführer gels 
tend machen; Dies mißlang oft, felten aber das. 
vom. Wise ‚unterflüßte Talent, von Allem das 
Pikante abzuſchoͤpfen. Er wollte ein außerordent⸗ 
Jiher Mann werben, und Eonnte es nirgends über 
dad Mittelmäßige. bringen; aber der in biefem 
Sumpfe watenden Brut war er ein großer 
Mann! — Ä 





In der Zierlichkeit, Vielfeitigkeit, Grazie, Ans 
muth und in der Reinheit der Behandlung ber 
franzöfifchen Sprache, er mag fie in gebundener 
oder ungebundener Rebeform gebrauchen, ſteht V. 
als ein bleibendes Muſter da. So große Talente 
in der Leichtigkeit der Mittheilung auch v. K. 
hat, ſo kann keine jener lobenswerthen Eigen⸗ 
ſchaften, fo wenig, als Korrektheit in irgend ei- 
ner Hinficht,- ihm beigemeflen werben. Zuweilen 
fieht man ihm einen Anlauf nehmen, ald wäre 


es ihm mit der Behandlung des Efementes Teiner 
Mittheilungen ein Ernft, aber dann fubelt und 
fprüdelt er gleich wieder fo cyniſch mit den Bor: 
ten um fi ber, daß man widerwillig das Ges 
fehreibfek bei Seite wirft. — V. hat Großes 
- vollbracht, für die Vollendung feiner Sprache 
und der barauf ruhenden Nationalehre; K. nicht s, 
denn er nahm ſich nie die Zeit, vor aller Vielſchrei⸗ 
berei an die Sprache zu denken. — Bon der ſuͤ⸗ 
fen. Zauberei der Verskunſt, der V. fo mächtig, 
wußte er nichtö; er behandelte fie wie ein: ver⸗ 
ächtliches Freudenmaͤdchen, deſſen Umgang er fich 
hätte ſchaͤmen müffen, wenn er Schaam gekannt 
| hätte _ | .. 





Fluͤchtig im Lefen waren: beide; Jeder las oft 
nur, was er zu lefen wuͤnſchte, verdrehete den 
Sinn, vergrößerte ımd verfälfähte feine Mittheie 
Yungen, und hob dann ein ſelbſtgefauiges Gelach⸗ 
ter an. | 





— A055 — 


J Friedrich SeoHlegel, fagt von Kotzebue in. 
feinen Vorlefungen: „Wodurch anders ift der uns 
entbehrlichfie und fruchtbarſte aller Schriftfteller 
des Zeitalter dieſem fo zum Bebürfniffe gewor⸗ 
den, wie ber angewoͤhnte Gebrauch eines den 
Augenblick verfürzenden Reiz mittelt, als dadurch, 
daß er die ſchwache und-mitleidige Seite des Zeit- 
alterd zu faſſen amd fich derfelben zu bemeiſtern 
wußte? — Ein Schriftſteller, der in den folge 
ven 3eiten vielleicht merkwürdig erfcheinen wird, 
als Beleg von dem Verfall der Sitten und- de 
| Geſchmadi in dem wjetigen. eu 


Jener franzöfifche und unfer deutſche Vielfchrei: 
ber lebten in unaufhörlichem Streite, welchen zu 
erneuern, beiden jede Mißbilligung einer Seite 
ihrer Schriftftellerei erwuͤnſchte Veranlaſſung dar⸗ 
bot. In der Verfolgung ſolches Zweckes zeigt 
Voltaire unendlich mehr vielſeitige Gewandheit, 
als Kotzebue, in deſſen Polemik man oft nichts, 
als den boͤſen Willen, ſeinen Gegnern recht wehe 
gu thun, erblickt, Häufig muß er ſich begnügen, 


— 496 — 


den ihn gemachten Tadel, dem Tadler zuruͤckzu· 


geben, eine Streitmarime, deren Wiederholung. 
Geiftesarmuth verräth. Wurde ihm gefagt: Dr: 
Tendenz feiner Schaufpiele fey unfittlich, fo ers 
widerte er: N: N. ſtellt Perfonen auf, die mif 
meinen Zheaterhelden die und die Eigenfchaft ges 
mein haben; N. N, wird für Beinen unfittlichen 
Schriftfteler gehalten, alfo bin ich es auch nicht. — 


- Wurde ihm gefagt: er fchreibe inkorrekt, fo ent⸗ 


— 


gegnete er: N. N. iſt von Recenſenten geprieſen, 
als ein großer Schriftſteller und Dichter; ich habe 
bei N. N. dieſen Sprachfehler ausgewittert, ich 
habe alſo, ohngeachtet der mir uͤberwieſenen Maͤn⸗ 
gel, Recht und Anſpruch, auf den Namen eines 
großen Schriftſtellers und Dichters. — Daß ein 
Kritiker verpflichtet ſeyn kann, an einer Schrift 
Fehler ſtrafend zu ruͤgen, die er ſelbſt nicht im⸗ 
mer zu vermeiden im Stande iſt, wollte v. Ko⸗ 
vehue nicht einſehen. — 


— 


Von dem Augenblicke an, wo Voltaire, vers 
anlaßt durch den Ealasſchen Prozeß, für bie pro⸗ 


— 497 — 


teftantifche Kirche :im Gegenſatz der Katholifchen 
Hierarchie auftrat, und Duldung und Glaubens⸗ 
freiheit ald ein nothwendiges Erforderniß des 
Chriſtenthumes darftellte, blieb er immer dem Bes 
zufe treu, die Proteflanten zu vertheidigen und 
‚ihnen bie in Frankreich damals verfagten. vollen 
Buͤrgerrechte zu vindiciren. Aber ohne es zu wol⸗ 
len, fuͤgte er ihnen auf der andern Seite großen 
Rachtheil zu, weil er bei der Bekaͤmpfung der 
zömifchen Hierarchie oft fo gehäffige Seitenblide 
that, auf dad Chriſtenthum im Allgemeinen. und 
heſonders auf die erfien Stifter und. Verbseiter 
befjelben; dieſe Seitenblide, dieſes . irveliginfe, 
unmoralifche Hohnfprechen der pofitiven Religion 
wurde, nach den Aeußerungen ihres Sachwalters 
nun den Proteflanten beigemeffen, um fie dem 
katholiſchen Könige und jedem rechtgläubigen Chris 
fien verdächtig zu machen, bie zufällige, ober 
fheinbare Verwandtſchaft zwiſchen denen, . die 
Duldung predigten und denen, die das Ghriftena 
thum zu untergraben fuchten, verhinderte, daß 
die Regierung in Abficht der Proteftanten ben 
gerechten und heilſamen Rathſchlaͤgen, welche. fie 
j | 32 


mn 3 — 


wirklich billigte, entſchieden und thaͤtig Folge 
leiftete. — Ä 

Kotzebue bat immer das Chriſtenthum ſchlecht 
geachtet, ſeinen Werth nie geahnet, aber eine po⸗ 
ſitive Religion, gleichviel welche, für brauchbar 
gehalten, als politifchen Kappzaum für dad Volk, 
unter welchem er fi einen Haufen, in einem 
Staate eingeferchter Sklaven dachte. — 





Voltaire kannte den Zeitgeiſt; in gewiſ⸗ 
ſer Hinſicht beherrſchte er ihn ſogarz Kogebue 
lernte ihn nie verſtehn, feine Theaterpraktik ſchei⸗ 
terte völlig, als er ſich umvorfichtig in das poli⸗ 
tiſche Leben den Feſſeln verjaͤhrter Autoritaͤt ent‘ 
wachſener Zeitgenoſſen miſchte. — 


ı » 


Boltaire hielt die Hinrichtung der Chriften 
unter den früheren Römifchen Cäfaren für Recht, 
weil jene ben Volksglauben gefhmähet und bie 
uralten Götter des Reichs in der hergebrachten 
Autorität gefährdet hatten; und er felbft verums 


— 49 — 


glimpfke auf alle Weiſe den Glauben und Tem⸗ 
peldienft feine? Mitbuͤrger. Mit gleichem Unvers 
ftande vertheibigte und klagte von Kotzebue den 
politiſchen Fanatismus an, vor welchem gegen⸗ 
waͤrtig die Fuͤrſten ihr Knie beugen, wie ehemals 
vor dem kirchlichen. — 


War Kotzebue chrſuͤchtig, ſo waren ſeine Geg⸗ 
ner ruhmbegierig und uͤber beides, machten ſich 
beide harte Vorwuͤrfe. Je mehr er ſich gefiel, in 


der Hinweiſung auf eine weit verbreitete Celebri⸗ 


taͤt und auf den Beifall, welchen ſeine politiſchen 
Anſichten bei vornehmen Perſonen fanden, um fü 
weniger überzeugte er fi ich von der großen ‚überall 


fihtbar werdenden Thatfache: daß fich in ber deut⸗ 


ſchen Nation, deren Stimmführer er fo unwuͤrdig 
verläumbete, eine mächtige Sehnfucht regt zur 
fittlihen Wiedergeburt durch Verbeffe: 
zung des bürgerlichen Zuſtandes. — Wie 
Kotzebue gegen die deutfche Nation, ftand, nach 
diefem Fingerzeige, Voltaire gegen Rouffeau.— 





32* 


* 
- 





Indeß Rouffeau fi abquälte,...ein Blut⸗ 
zeuge menfchenbeglüdender Weltreformen zu wer- 
den, gefiel fih Voltaire gar wohl in den Sits 
ten des Zeitalters und in deſſen Anfrebungen, 
welche er aͤmſig beförberte. . 





Mer wider die Theaterfircht, mit welcher Bol: 
taire die Genfer Bürger angeftedt hatte, ſprach, 
war fein Todfeind, wie jeder, der gleih Rouſ⸗ 
feau, bei feinen vielgelefenen Werken auf ihre 
unfittliche Selten hindeutete und. bewies, daß wer 
auf der Bahn der Künfte, von dem Wege ber 
Sittlichkeit abweicht, ſich auch vom Urquell des 
Schönen entfernt. — Solchen Gegnern alle 
Schmach anzuthun, ſie mit allen Fechterſtreichen 
des Witzes zu verfolgen und, um des Sieges ge⸗ 
wiß zu ſeyn, fie fir wahnfinnig auszugeben, war 
Voltaire's Charakter eigen; v. K. fcheint hierin 
von ihm gelernt zu haben. — 


Ein. großer deutfcher Mann, von freiem Sinn 
und edlen Willen, den man in feiner bezauberns 


— 501 — 


den Perfoͤnlichkeit näher gekannt haben muß, um 
mit dem Gefuͤhle der innigften-Verehrung feiner 
zu gebenfen, ein Mann deſſen großes Schriftftel: 
Terverdienft vielleicht von’ einer dankbaren Nach: 
welt ganz gewürdigt wird, — Henke fagt fo 
wahr und bezeichnend von Voltaire: 

„Wie viel Mittelmäßiged. und Schlechtes in 
den hundert Bänden feiner Werke zu finden feyn, 
wie ungleich ſich felbft er oft in denfelben erſchei⸗ 
nen, wie häufig er fih wiederholen und abſchrei⸗ 
ben mag, immer iſt nur eine Stimme daruͤber, 
daß ein Zehntel derſelben aus Meiſterſtuͤcken, und 
wohl die Haͤlfte der uͤbrigen aus vortrefflichen 
Auffaͤtzen jeder Art beſtehe; auch, daß kein Schrift: 
ſteller leicht eine ſo unverſiegbare Ader des Witzes 
gehabt, keiner ſo ſehr die Kunſt verſtanden, ſich 
dem Geiſte und den Launen ſeines Zeitalters an⸗ 
zufuͤgen, aber ſie auch wieder nach ſeinem Sinne 
zu lenken, keiner ſo ausgelernt habe, beredt ohne 
weitſchweifig, zierlich ohne gekuͤnſtelt, ungezwun⸗ 
gen ohne nachlaͤſſig zu ſchreiben, und vornehmlich 
jeden Gedanken und jede Empfindung alſo in 
Worten zu faffen, daß fie. ohne Mühe und voll⸗ 


m 
x 


“ 


— 01 — 


kommen begriffen, ihm fofort Flar nachgedacht und 


‚mitempfunden werben mußten. Ohne Zweifel 
‚wurden durch eben. diefe_ Lebhaftigkeit des Vor⸗ 


trages, verbunden mit der einnehmendften Anmuth 
deffelben, und mit der feinften, treffendften Spott: 
fuht, fo wie durch die Kühnbeit feiner Abſpre⸗ 
«hungen, bei dem. Gewichte feines Namens, viele 
feichte, falſche Begriffe verbreitet; aber eben. fo 
gewiß auch viele geſunde Lehren und heilfame 
Wahrheiten allgemeiner. gemadt. Unverfeuns 
bar ift befonders fein Verdienſt um bie 
Erweiterung und Aufklärung der Ge 
ſchichte der Menfchheit. Ohne eben tief eins 
zudringen, gab er. mit feiner fchlichten Vernunft 
und einfachen Darfteliung fowohl vielen wichtigen 
Erkenntniffen eine größere Verftändlichfeit und 
Semeinnüglicykeit, als auch den Denkern und 
Gelehrten zu gründlichern Prüfungen und fehärs 


. fern Beweifen angenommener Meinungen vielfa- 


hen Anlaß. Die Lefung vieler von feinen Schrif: 
ten vergifteten viele junge flatterhafte Gemüther, 
und flärfte andre. ſchon verderbte im dreiften, 


leichtfertigen Vorwige, in ber Schlaffheit und 


Lockerheit fittlicher Grundſaͤtze im frechen Unglau⸗ 
ben; dagegen waren für Herz und Sitten unzaͤh⸗ 
liger Menſchen, wo nicht die ‚meiften, doch die 
befannteften feiner Werke, vorzüglich feine Trauer- 
fpiele, von kraftvoller Wirkſamkeit. Es gab nicht 
leicht einen nachdruͤklichern und rührendern Pre⸗ 
diger der Menfchlichfeit, ber Duldung, der Milde 
und Großmuth. Bon ihm lernten vornehme 
lich die Regenten die Stimme der Vers 
nunft, der GerehtigPeit und. der Volks⸗ 
meinung ehren und fürdhten (Was lernten 
Die Regenten von Koßebue???); aber fie verdank⸗ 
ten ihm auch) den Vortheil der freieren Ausübung 
. Ihrer Pflichten und Rechte, die immer noch) in 
der- Priefterherrfchfucht eine mächtige Störung 
guter Abfihten fand. Schon ein großes Ber: 
dienft, daß er die Fürften feiner Kirche den Uns 
terſchied zwifchen einem (kirchlichen oder politi: 
fhen) Keger und einem Giftmifcher oder Mord: 
brenner einfehen lehrte, welchen man ihren Vor: 
fahren mit Feiner Mühe hatte beibringen koͤnnen. 
Er wirkte beträhtlih zur Berbefferung 
der Gefege und der Gerichtöpflege,. befonderd 


Indeß Rouffeau fi abquaͤlte, ein Blut⸗ 
zeuge menſchenbegluͤckender Weltreſormen zu. wer⸗ 
den, gefiel ſich Voltaire gar wohl in den Sit: 
ten des Zeitalterd und in deſſen Anfrebungen, 
welche er Amfig beförberte. 


— — 


Wer wider die Theaterſucht, mit welcher Vol⸗ 
taire die Genfer Bürger angeſteckt hatte, ſprach, 
war fein Vodfeind, wie jeder, der gleich Rouf: 
feau, bei feinen vielgelefenen Werken auf ihre 
unfittliche Seiten hindeutete und: bewies, daß wer 
auf der Bahn der Künfte, von dem Wege ber 
Sittlichkeit abweicht, ſich auch vom Urquell des 
Schoͤnen entfernt. — Solchen Gegnern alle 
Schmach anzuthun, ſie mit allen Fechterſtreichen 
des Witzes zu verfolgen und, um des Sieges ge⸗ 
wiß zu ſeyn, ſie fuͤr wahnſinnig auszugeben, war 
Voltaire's Charakter eigen; v. K. ſcheint hierin 
von ihm gelernt zu haben. — 


Ein großer deutſcher Mann, von freiem Sinn 
und edlen Willen, den man in ſeiner bezaubern⸗ 


— 501 — 


ven Perfönlichkeit näher gekannt haben muß, um 
mit dem Gefuͤhle der innigften-Verehrung feiner 
zu gedenken, ein Mann beffen großes Schriftftel: 
lerverdienſt vielleicht von’ einer dankbaren Nady- 
welt ganz gewürdigt wird, — Henke fagt fo 
wahr und bezeichnend von Boltaire: 

„Wie viel Mittelmäßiged. und Schlechtes in 
den hundert Bänden feiner Werke zu finden ſeyn, 
wie ungleich ſich felbft er oft in denfelben erſchei⸗ 
nen, wie häufig er fi wiederholen und abſchrei⸗ 
ben mag, immer iſt nur eine Stimme daruͤber, 
daß ein Zehntel derſelben aus Meifterftüden, und 
wohl die Hälfte der übrigen aus vortrefflichen 
Auffäsen jeder Art beſtehe; auch, daß kein Schrift: 
. fteller leicht eine fo unverfiegbare Ader des Witzes 
gehabt, Teiner fo fehr die Kunft verftanden, fich 
dem Geifte und den Launen feines Zeitälterd ans 
‚zufügen, aber fie auch wieder nad) feinem Sinne 
zu lenken, Feiner fo auögelernt habe, beredt ohne 
weitfchweifig, zierlich ohne gefünftelt, ungezwun- 
gen ohne nachläffig zu fchreiben, und vornehmlich 
jeven Gedanken und jede Empfindung alfo in 
Worten zu faffen, daß fie. ohne Mühe und voll⸗ 


Bi 


“ 


— 01 — 


kommen begriffen, ihm fofort Elar nachgedacht und 


‚mitempfunden werben. mußten. Ohne Zweifel 
‚wurden durch eben dieſe Lebhaftigkeit des Vor: 


trages, verbunden mit der einnehmendſten Anmuth 
deſſelben, und mit der feinſten, treffendſten Spott⸗ 
ſucht, ſo wie durch die Kuͤhnheit ſeiner Abſpre⸗ 
chungen, bei dem Gewichte ſeines Namens, viele 
ſeichte, falſche Begriffe verbreitet; aber eben ſo 
gewiß auch viele geſunde Lehren und heilſame 
Wahrheiten allgemeiner: gemadt. Unverfenns 
bar ift befonders fein Verdienſt um die 
Erweiterung und Aufftlärung ber Ge 
ſchichte der Menfhheit. Ohne eben tief eins 
zudringen, gab er. mit feiner fchlichten Vernunft 
und einfachen Darfteliung fowohl vielen wichtigen 
Erkenntniffen eine größere Verftänblichfeit und 
Semeinnüglicykeit, ald auch den Denkern und 
Gelehrten zu gründlichern Prüfungen und fchär- 
fern Beweifen angenommener Meinungen vielfa- 
chen Anlaß. Die Lefung vieler von feinen Schrif: 
ten vergifteten viele junge flatterhafte Gemüther, 
und flärkte andre. fhon verderbte im dreiſten, 


leichtfertigen Vorwitze, in ber Schlaffheit und 


Loderheit fittlicher Grundſaͤtze, im frechen Unglaus 
ben; dagegen waren für Herz und Sitten unzaͤh⸗ 
liger Menſchen, wo nicht die meiſten, doch die 
befannteften feiner Werke, vorzüglich feine Trauer- 
fpiele, von kraftvoller Wirkſamkeit. Es gab nicht 
leicht einen nachdruͤcklichern und rührendern Pre⸗ 
diger der Menfchlichfeit, der Duldung, der Milde 
und Großmuth. Bon ihm lernten vornehme 
lich die Regenten die Stimme der Ber 
nunft, der Gerechtigkeit und der. Volks—⸗ 
meinung ehren und fürdten (Was lernten 
die Regenten von Koßebue???); aber fie verdank⸗ 
ten ihm auch den Vortheil der freieren Ausübung 
‚ ihrer Pflichten und Rechte, die immer noch in 
der- Priefterherrfchfucht eine mächtige Störung 
guter Abfihten fand. Schon ein großes Ber: 
dienft, daß er die Fürften feiner Kirche den Uns 
terfchied zwifchen einem (Firchlichen oder politi⸗ 
fhen) Keger und einem Siftmifcher oder Mord⸗ 
brenner einfehen lehrte, welchen man ihren Vor: 
fahren mit Feiner Mühe hatte beibringen koͤnnen. 
Er wirkte beträhtlih zur Berbefferung 
der Gefege und der Gerichtöpflege, beſonders 


\ 


— 504 — 


zur Abſchaffung oder doch Beſchraͤnkung des Ge⸗ 
brauchs der Folter. Er brachte die Graͤuel der 
Schwaͤrmerei und Heuchelei, des Aberglaubens, 
Gewiſſenzwanges und Ketzerhaſſes, die Gleichguͤl⸗ 
tigkeit und Laͤcherlichkeit jener Lehrgezaͤnke und 
Parteihaͤndel, welche ſo viele Gewaltthaten und 
Verfolgungen verurſachten, zum hellſten Anſchauen 
und in faſt allgemeine Verachtung. Durch die 
Kunſt, dieſelben Gedanken in den vielfachſten, und 
immer neuen Darſtellungen zum Umlaufe zu brin⸗ 
gen, vernichtete und ſchwaͤchte er lachend viele 
thörige und fehäbliche Vorurtheile der: katholiſchen 
Kirche, Eräftiger, als die proteftantifchen und die 
heller und freier denkenden Eatholifchen Gottesge⸗ 
lehrten mit allem Ernſte vermocht hatten. — 
Man halte Kobebued Literarifche Wirkſamkeit 
gegen dieſes unparteifch = wahre Gemälde. — 


Voltaire und. Koßebue wollten beide ihr Zeitz 
alter nicht verderben, fondern vergnügen, bes 
lehren, beſſern; und mit legterm war es befonz. 
ders Boltaire'n ein fo heiliger Ernft, daß feine. 


fiebzig Iahre hindurch ausgearbeiteten: zahllofen 
Schriften uͤber die verfchiedenften Gegenftände, der 
Hauptfache nach, aus einem vorbebachten, feften 
Plane hervorgegangen zu ſeyn fcheinen; darum 
verbarb er unendlich mehr, als v. K. mit feiner 
infonfequenten Seichtheit. Jenem war es nicht 
allein um Beifall zu thun; er hatte fi ein hoͤ⸗ 
heres Ziel gefledt: er wollte Bewunderung, un: 
umfchräntte gebietende Gewalt über Meinung, 
Sitten und Geſchmack der Mitwelt erwerben; er 
erwarb fie auch wirklich in dem, den ‚bedingten 
Kräften eines fo reich auögeftatteten Geiſtes, möge 
lihem Grade. — Der deutfhe Autor war bes 
ſcheidener; in ambefcheidener Eitelkeit begnügte er 
fi) mit dem ſchnell voräberraufcpenben Seifalle 
des Augenblicks. — | 





Voltaire's Ruhmſucht war groß, doch noch 
groͤßer ſeine Habſucht, ſeine Geldgier, die ſich 
mit dem. wachſenden Reichthume vermehrte. Um 
für. feine Schriften Gelb, immer mehr Geld zu 
gewinnen, verfihmähte er fogar ben niedrigen Bes 


— 506 — 


‚trug nicht, den Verlag derfelben Handfchrift verz 


ſchiedenen Buchhändlern zu gleicher Zeit zu ver; 
trödeln. ‚Hierin. handelte v. K. rechtlicher: er war 
nie reich, hoͤchſtens wohlhabend, er zog gem aus 
feinen Geifteserzeugniffen jeben .erlaubten irdifchen 
Vortheil; doc hätte er diefen gern aufgeopfert, 


um eine befto reichere Beute des zRuhmes aͤrndten 
u koͤnnen. 


N 


Weder B. noch K. können Gotteöleugner ges 
nannt werden; Doc beide lebten in einer leicht; 
finnigen Genügfamkeit über den Werth und das 
Schickſal des Glaubens an Gott und Offenbarung; 
beide ließen jenes Autorität gern ſtehen, wenn 
man ihnen nur diefe Preis gab,.. damit fie ihre 
Iuftigen Einfälle darüber auskramen durften. 

Ueber Religion hatten beide Feine beftimmte 
Meinung; fie gebrauchten gern ihre Ausfprüche, 
um die Charaktere ihrer Schaufpiele damit zu 
vermannichfaltigen und auszufchmüden; wahrhaf: 
ter Ernft war es, Hinfichtlich der Dloral, nur 
dem franzöfifchen Dichter, nicht dem deutfchen. 


Voltaire zeigt in den fchönften Stellen feiner 
Zrauerfpiele. eine Hoheit der Gefinnung, eine ‘ 
Liebe für Geiftesveredlung, eine Reinheit der Tu⸗ 
gend, der Kotzebue's ſchoͤnſte Ziraden ſchon 
deshalb nicht gegenüber geftellt werben dürfen, 
weil er: von der geifligen und fittlihen Würde 
des Menſchen gar fchlechte Vorftelungen hegt, in 
der Entfchuldigung der Sinnlichkeit, mit allen 
ihren Abwegen fein Verdienft fucht und eine Luͤ⸗ 
fternheit nach dem Genuffe nie verleugnete. — — 

Beide hatten die Religion der Ehriften, ihrem 
Weſen nach, nie fennen gelernt; Voltaire nicht, 
weil fein Iugendunterricht flupiden Mönchen an= 
heimfiel, die des früh emporftrebenden Geiftes 
Aufflug zum Gebrauche der Vernunft, gewaltſam 
hemmen wollten; Kotzebue nicht, weil er fich 
überall mit Nichts ernftlich befaffen mochte. Beide 
wollten eigentlid nur Unvernunft und Aberglaus 
ben befämpfen, das Chriſtenthum hiervon reinis 
gen und dann als ein Inſtitut ftehn Taffen, welz 
ches für den großen Haufen feine wohlthätigen 
Wirkungen haben kann. V. wollte den Aberglaus- 
ben zerftören, um ſich die freie Geiftesthätigkeit 


— 5068 — 


zu retten, K. wollte den Aberglauben zerſtoͤren, 
und dann eine ſo gelaͤuterte Religion zum politi⸗ 
ſchen Gaͤngelbande gebrauchen. — V. wollte nichts 
feſtgeſtellt und ausgemacht wiſſen, denn bie Räth: 
ſel der Vernunft waren ihm lieber, als ihre Auf: 
loͤſung; er firebte, mehr zu zerftören, als zu bauen, 
vor allen Dingen aber fich und feine Leſer zu be: . 
luſtigen; auf letzteres fann auch K.; aber er hätte 
gern ein großes Syſtem der moralifch‘ religiofen 
Welt aufgeftelt, wenn er nur, bei feiner feichten 
Oberflächlichkeit, in einigen Augenblicken damit 
hätte fertig werden koͤnnen. | 

Beide waren ſchwankend; V. fuchte ie ch oft 
daflır zu verwahren, für einen Feind: ber Religion 
gehalten zu werben, oft fchien er es zu wünfchen ; 
letzteres wagte 8. nie, aber er deutet darauf hin; 
indem er den Unterfchied zwifchen Tugend und 
Lafter aufzuheben fich bemüht, und die Lehren 
der Kirche als ylatten Unf inn, als ben Fluch der 
| Menſchheit bezeichnet. 





— 509 — 


Naͤchſt dem Haſſe gegen die Pfaffendespotie 
der roͤmiſchen Kirche, ſcheint Voltaire's Ab: 
neigung gegen das Chriſtenthum, beſonders durch 
ſeinen leidenſchaftlichen Widerwillen gegen die Ju⸗ 
den, aus deren Volke der große Weisheitslehrer 
ausging, entſtanden zu ſeyn. Von den National⸗ 
übermuthe der Schmaroerpflanze Europäifcer 
Staaten empört, erfchienen ihm die. Juden, .als 
dad ſchmutzigſte veraͤchtlichſte Troͤdelvolk aller 
Zeitalter. Er predigte gern die Vortrefflichkeit 
der mahumedaniſchen Religion oder das Lob der 
ſtarrſuͤchtigen Feſtigkeit der Chineſen, um nur 
ſeinem Judenhaſſe neue Grundlagen zu geben. 
Die Widerſpruͤche, worin er ſich dadurch verwi⸗ 
delte, ſuchte er durch wigige Seitenfprünge zu 
perfchleiern. — Auch v. K. rühmte gern die Weis: 
heit der Voͤlker, von welchen er. am wenigſten 
wußte; er beachtete aber die Juden, dieſe hilto- 
riſch politifch wichtige Erfcheinung, nicht näher; 
und durfte e8 auch nicht zu arg mit ihnen ma⸗ 
chen, da fie in Rußland und den beutfchen Mi⸗ 
nifterien, bei bem allgemeinen Finanzelende, fo 
unentbehrlich find. — 





— 50 0 — 

Wenn zwiſchen Voltaire und Kotzebue 
weiter keine Aehnlichkeitspunkte aufgefunden wer⸗ 
den koͤnnten, als der, daß beide vielgelefene 
Schriftfteller find: fo wäre dies ſchon genügend, 
um bei der Erinnerung daran, daß Voltaire. 
nad) feinem Tode ald ein Haupthebel der fran- 
zöfifhen Revolution betrachtet wurde, es intereſ⸗ 
fant zu finden, wie von’ Kogebue bei feinem 
Leben über bie franzöfifche Revolution, deren Au⸗ 
genzeuge er war, redet. Die Art und Weiſe, 
wie er dies thut, der Standpunkt freifinniger Un⸗ 
terſuchung, aus welchem er die thoͤrige Furcht 
der politiſchen Zionswaͤchter vor den Folgen der 
franzoͤſiſchen Revolution darſtellt, aber die noth⸗ 
wendigen Folgen der großen Ereigniſſe andeutet, 
die Trefflichkeit ſeiner damals ausgeſprochenen 
Meinungen, der daraus fuͤr ſeinen ſpaͤteren Ob⸗ 
ſkurantismus ſich bildende Widerſpruch, und vor 
allen, die fuͤr unſere gegenwaͤrttgen Tage aus je⸗ 
nen fruͤheren Bekenntniſſen ſich ergebende heilſame, 
aber laͤngſt vergeſſene Lehren, machen jene Schrift 
zu einer der merkwuͤrdigſten, die je aus Kotz e⸗ 
bue's Feder floß. Mit Recht muß der Verfaſſer 


Be 


— 511 — 


der vorliegenden biographifhen Darftellung bekla⸗ 
gen, dag er, angewandter Bemühungen ohngeachs 
tat, erſt fehr fpdt zum Beſitz derfelben gelangtes 
er hätte bei ‚mehreren Stellen des Kogebuefchen 
Lebens gern’ daraus Bruchſtücke mitgetheiltz er 
beeilt fich aber dieſen Mangel hier nachzuholen, 
da jenes Schriftchen aus dem Buchhandel: und 
noch mehr aus dem Gedächtniß der Leſewelt ver⸗ 
ſchwunden iſt; fie führt den Titel: *. 

„Unpartheiiſche Unterſuchung über 
bie Folgen ber franzöfifhen: Revolution 
auf das übrige Europa Bon A. v. K. 
Thorn, bei der Verlagsgeſellſchaft. “ 
(1794. 8. 104 Seiten.) 
und das Motto: 

„Sander Blige furchtbar ih 
Kuͤhlt die Luft — und zündet nicht.“ 

Wenn nur die Anfangs Buchflaben A. v. K. 
auf den Berfaffer hindeuten, fo wird diefe Ver: 
muthung zur Gewißheit dadurch, daß Kotzebue 
bei feinem Leben häufig, 3. B. in Joͤrdens Les 
rikon deutſcher Dichter und Proſaiſten, 
dritter Band, Seite 85 als Verfaſſer genannt iſt, 


— 500 — 


Menn zwiſchen Voltaire und Kotzebue 
weiter keine Aehnlichkeitspunkte aufgefunden wer⸗ 
den koͤnnten, als der, daß beide vielgeleſene 
Schriftſteller find: fo wäre dies ſchon genügend, 
um bei der Erinnerung daran, daß Voltaire. 
nad) feinem Tode als ein Haupthebel ber fran- 
‚zöfifchen Revolution betrachtet wurde, es intereſ⸗ 
fant zu finden, wie von’ Koßebue bei feinem 
Leben über die franzöfifche Revolution, deren Au? 
genzeuge er war, redet. Die Art und Weiſe, 
wie er dies thut, der Standpunkt freifinniger Un: 
ferfuchung, aus welchem er bie thörige Furcht 
der politifchen Zionswächter vor. den Folgen ver 
franzöfifchen Revolution darftellt, aber die noth: 
wendigen Folgen der großen Ereigniſſe andeutet, 
die Trefflichkeit ſeiner damals ausgeſprochenen 
Meinungen, der daraus fuͤr ſeinen ſpaͤteren Ob⸗ 
ſkurantismus ſich bildende Widerſpruch, und vor 
allen, bie für unfere gegenwärtigen Tage aus je⸗ 
nen früheren Befenntniffen ſich ergebende heilfame, 
aber Längft vergeffene Lehren, machen jene Schrift 
zu einer der merkwuͤrdigſten, bie je aus Koße: 
bue’s Feder flog, - Mit Recht muß der Verfaſſer 


— 511 — 


der vorliegenden biographiſchen Darſtellung bekla⸗ 
gen, daß er, angewandter Bemuͤhungen ohngeach⸗ 
tat, erſt ſehr ſpaͤt zum Beſitz derſelben gelangtes 
er haͤtte bei mehreren Stellen des Kotzebueſchen 
Lebens gern daraus Bruchſtücke mitgetheilt; er 
beeilt ſich aber dieſen Mangel hier nachzuholen, 
da jenes Schriftchen aus dem Buchhandel: und 
noch mehr aus dem Geddchtniß der Kefewelt ver⸗ 
ſchwunden iſt; fie führt den Titel: 

„Unpartheiiſche Unterſuchung über 
die Folgen der franzöfifhen Revolution 
auf das übrige Europa, Von A. v. K.. 
Thorn, bei der Verlagegeſellſchaft. 
(1794. 8. 104 Seiten.) 
und das Motto: 

„Sander Blitze furchtbar eicht 
Kuͤhlt die Luft — und zuͤndet nicht.“ 

Wenn nur die Anfangs Buchſtaben A. v. K. 
auf den Verfaſſer hindeuten, ſo wird dieſe Ver⸗ 
muthung zur Gewißheit dadurch, dag Kotzebue 
bei feinem Leben haufig, z. B. in Joͤrdens Le— 
rikon deutſcher Dichter und Proſaiſten, 
dritter Band, Seite 85 als Verfaſſer genannt iſt, 


— Sl — 


und nie, wie er fonft fo forgfältig that, dieſem 
widerfprochen hat; daß er ferner in Gefellfchaften 
- Aber diefes Bitchlein.fprach, ohne die Autosfchaft 
abzulehnen, und daß endlich der Inhalt ſelbſt, 
ob er gleich gegenwaͤrtig, nach den neueren poli⸗ 
tiſchen Geiſtesverirrungen Kotzebue's, für feine 
Feder viel zw vernuͤnftig erſcheint, unverfenubare 
: Spuren feiner Redeform, feiner Schlußfolge und 

. feiner, ihm fo eigenthimlichen Abfchweifungen 
enthält. So konnte er, gerade in bem Zeitpunfte, 
wo er biefe Abhandlung fchrieb, keine Schrift 
von Stapel laufen laſſen, ohne den Recenfenten 
‚einige Broden hinzuwerfen und bes Rauhgefins 
dels Aſiens, der Affaffinen, (Seite 228 dieſes 
Lebens) zu erwähnen. Beide Merkmale finden 
ſich auch hier. Wenn. übrigens für unfese Tage 
eine Schrift Kogebue’s eine neue Auflage, viele 
:Zefer und aufmerkfame Beherzigung verdiente, fo 
iſt es undezweifelt diefe,.die völlig vergeffes 
ne Mehrere von den folgenden Auszügen möch> 


tem ſich trefflich eignen zu Denkfprüden 
amd Stammbuhsinfhriften für die zahlrei= 


. hen Freunde und vornehmen Gönner Kogebue’s, 


— 65613 — 
die nur an ſeinen ſpaͤteren Belenntniſſen Erbauung 
finden. — 

Man lefe: 

— „Niemand wirb feine Wünfche bei der jes 
gigen Bildung der Menfchen fo weit ausdehnen, 
in einen Zuſtand natürlicher Freiheit zurückehren 
zu wollen, der alle bürgeflichen Verhaͤltniſſe zer⸗ 
ſtoͤrt; aber doch werden die mehrſten Menſchen 
eine Freiheit, bei ber die allgemeine Sicherheit” 
beftehen könne, wünfchen. Daß ein folcher Wunſch 
dem ganzen Menſchengeſchlechte allgemein ſey, und 
nut. eine gewiſſe Abgeſtumpftheit davon eine Aus: 
nahme mache, beweif’t unſere Anhänglichfeit für 
die Sefchichte der alten Griechen und Römer, und 
vielleicht wuͤrde Die Liebe zur Elaffifchen Literatur 
wie fo groß, nie durch. eine Neihe von Jahrhun⸗ 
derten fo anhaltend geworben feyn, wenn nick. 
aus allen Klaffikern jener Freiheitsfinn athmete, 
der und — man vernünftle auch‘ dagegen, was 
man will — fo gütlich thut. Daß bei dieſem 
Wunſche der natürlichen Freiheit, in: fofern ſte 
‚ ohne Verlegung des gefelfchaftlihen Kontrakts 

und der. bürgerlichen Verhaͤltniſſe beftehen könne, 


— 5 — 


kein Gedanke an Empörung gegen. gute Zürften,. — 
nothwendig fey, hat die Erfahrung bewieſen. — 
(Seite 10 und 11.) 

— „Diejenigen Herren, bei welchen die Phan⸗ | 
tafie ſich über ihre Denkkraft erhebt, die.nicht im 
dem Hange der Menfchen zur natürlichen Frei⸗ 
heit und größern Volfommenheit, ſondern ber 
Grund der Theilnahme; in gewiflen außer uns 
“liegenden Urfachen fuchen: diefe fehen nun — 
gleich dem alten Mütterchen, das, voll der Furcht 
auf einem Kirchhofe Geifter zu fehen, auch Ge⸗ 
fpenfter erblickt — überall Schredbilder; die nicht 
in der Wirklichkeit, fondern blos in der Phanta⸗ 
fie. diefer Herren ihren Grund haben. Gerabe 
diefer Gattung von Menfchen, die ſich nicht durch 
Anftrengung. peinigen will, iſt es am liebflen, 
von einer ihnen unbelannten Wirkung, den Grund 
fo nahe als möglich. aufzufinden: dabei kommt 
denn oft eine dunkle Idee ind Spiel, täufcht fie 
gegen ihr Wiffen und Willen; fie, glauben eine. 
neue Sache entdeckt zu haben, freuen fih, daß. 
diefe - Entdedung ihnen fo wenig Mühe Toflete, 
fuchen Gründe zur. Betätigung diefer Meinung, 


— 55 — 


fie paſſen ſolche ihrem Syſteme an, bürden eB 
demjenigen auf, ber noch weniger zu denken Luft 
hat, und der doch gern bei einem Mobegefpräche 
‚nicht die ſtumme Perfon machen will. Auf diefe 
Weiſe geht ed mit mancher Meinung, wie mit 
einer Stadtneuigkeit: man trägt ſich damit herum, 
verſchoͤnert und verändert fie, und fie erhält fi, 
je nachdem fie intereffirt.” (Seite 12 und 43.) 

— „Das Gefchrei’vom heimlichen Katholiciss 
mus und geheimen Gefelfchaften (und von Franz 
zufenriecheret) hatte aufgehört; aber wie derjenige; 
der Lange läuten ober frommeln gehört hat, noch 
immer dieſen Ton zu hoͤren glaubt, wenn er laͤngſt 
voruͤber iſt, ſo blieb auch in denjenigen Koͤpfen, 
welche ſich fuͤr die Sache intereſſirt hatten, ein 
gewiſſer dumpfer Nachhall, eine dunkele Idee zu⸗ 
ruͤck, die zu einem Beſtreben ausartete: jedes 
wichtige Ereigniß; deſſen Grund ſie nicht ſogleich 
einzuſehen im Stande waren, auf Rechnung ei⸗ 
ner geheimen Geſellſchaft und ihrer geheimen Ma⸗ 
chinationen (und des erſonnenen Staatsverrathes 
und der erlogencn Verſchwoͤrung) zu ſchreiben. “ 
Seite 18.):. 30 ou, 

. 33* 


— HE — 


— „Die Zeit des Unglaubens iſt jetzt nicht 
mehr bei und, und wenn wir gleich hin und wies 
der, in Anfehung des dogmatifchen Glaubens zu: 
. weilen etwas bedenklich find, fo feheinen wir doch, 
im Betreff des hiftorifchen (und politifchen) Glau⸗ 
Bens unfere Vernunft fehr gefangen genommen 
zu haben." (Seite 22.) 

— „Es wäre in der That zu wünfchen, daß 
die Fiskaͤle bevollmachtigt wurden, jeden, der eis 
nen feiner Nebenmenfchen für einen — — — 
ausgiebt, zur Führung des Beweifed anzuhalten, 
und wenn er diefen nicht führen. Eönnte, gleich 
jedem andern Verläumbder zu beftrafen; nur müßte; 
was Ausbreitung der — Revolution fey? zuvoͤr⸗ 
derſt genau beſtimmt werden.‘ (Seite 29.) 

— „So geht ed immer, wenn man blos auf 
die Worte, nicht auf den Sinn einer Aeußerung, 
richt auf den Bufammenhang und die Zeitums 
ftände Rüdficht nimmt. So gings unfern Vor⸗. 
fahren mit dem Verketzern; fo machte es vor eis 
nigen Jahren bie Berliner Monatſchrift, indem 
fie ohne Ruͤckſicht auf Ehre, Gluͤck "und Zufrie⸗ 
denheit ihres Naͤchſten, nach jedem Grunde zur 


— —⸗ 517 undinm 


Bertheidigung einer Hypothefe griff, -.die um ih⸗ 
rer Sonderbarkeit und Neuheit willen. dem Her⸗ 
ausgeber und Verleger, fonft aber, niemanden zum 
Nugen war. Auf-ähnliche Weile dürfte es nie 
manden fchwer: fallen‘, der Darauf. ausgeht, heim 
liche Jakobiner zu fuchen, auch ‘welche zu finden. 
Keine Aeußerung ift fo-unfchuldig, dag man fle 
nicht verbächtig machen koͤnnte.“ — (Seite 3 
‚und 37.) 

— „Ueberhaupt ſcheint bie 1 ahte Zoleranm d ei⸗ 
nen ſehr hohen Grad von Kultur vorauszuſetzen, 
der unſerm Zeitalter leider noch mangelt. — 
Freilich rauchen unter uns (fuͤr jetzo noch) keine | 
Scheiterhaufen, . Feine Caſa Santa verſchließt 
die unglüdlihen Schlachtopfer der Intoleranz 
(1794). — Ob man den (politifch) anders 
Denkenden im Gefängniffe martert, oder ob’ man 
aus bloßer Liebe zur Intoleranz ben Intoleran- 
. ten baßt, kraͤnkt und verfolgt: davon liegt der 
Grund nicht in der Denkungsart der verfchieden 
Handelnden, fondern in ber Einrichtung des | 
Staats und der Denkungdart des Zeitalters. Hm 
(Seite 4.), Ä 





— — [ee EEE 


x 


— 518 — 


„Wie bei Intoleranz der Theologen, ſo geht 
es auch bei politifher Intoleranz. Jeder 
fucht dem, welcher anders denkt, auf feine Weife 
zu ſchaden.“ Die Anhänger der franzöfifchen 
Revolution find größtentheild junge feurige Leute, 
die durch ihr feuriged Temperament hingeriffen 
wurden, und ſich bei Tälterem Blute und mehres- 
zen Jahren gewiß. eines Befferen befinnen. . Ger 
abe, daß man fie ungehindert ſchwatzen Jäßt, iſt 
der ſchnellſte Weg zu ihrer Belehrung: denn fie _ 
erfahren dadurch manchen Wiberfpruch und ihre 
Ideen werden durch Widerlegung manches Schein⸗ 
grundes berichtigt, welches, wenn der Staat ihre 
Aeußerung mit Strenge beſtraft, nicht geſchehen 
wuͤrde. — — Derjenige Mann, der in irgend 
einem Amte iſt, deſſen Urtheile und Aeußerungen 
verdreht und nachtheilig ausgelegt werden, dieſer 
iſt weit uͤbler daran. Die Liebe feiner Obern, 
das Zutrauen der ihm Untergeordneten wird ge⸗ 

ſchwaͤcht, ja ihm vielleicht ganz entzogen und fo 
fann der treuefle Diener des Staates durch Ver: 
laͤumdung und Geklätfche in feiner Thaͤtigkeit ge- 
hemmt und in bie unangenehmften Verhaͤltniſſe 


— 5 — 


geſetzt werden. Dieſe politiſche Intole— 
ranz, dieſe iſt es allein, welche in un⸗ 
fern Zeiten gefährlich bleibt." — Ä 


„Derjenige Staat, deffen weifer Re 
gent diefe Intoleranz zu vermeiden 
weiß, deffen einſichtsvolle Richter nie 
von Gedanken und Xeußerungen Notiz 
nehmen, ben Denuncianten, weldher ih- 
nen Dinge dieſer Art zuträßt,. mit gen 
N bührender Verachtung von ſich weifen: 
ein folder Staat wird gewiß nur hoͤchſt 
felten ober niemals einen Unterthanen 
„gu firafen haben; der eine ber Ruhe gen. 
fährlihe Abſicht oͤffentlich äußert." — 


— „Der Sultan, der im Serail lebt, wird 
erdroſſelt oder abgeſetzt, und dem Volke iſt's gleich⸗ 
guͤltig, wer es beherrſcht. Nicht fo dem Volke, 

bad feine Monarchen ſieht, ſich in feinen hoͤchſten 

Nöthen immer auf: ihren Schuß verläßt, den: 
König als den erfien- Feldherrn / den erften Vers 
theidiger bes Landes betrachtet: : Ein: folder Mo⸗ 
narch bat von ſänem Volke nichts‘ gar fürdtens 


—— — —— — ———— — 


kenn fein Intereſſe iſt zugleich das Suter 
effe feiner. Völker geworben: — 

„Als Maceponiens Aleranber aus ber Witte 
ber. Empdrer ihren Wortführer ergriff und ihn 
ber Strafe überantwortete, ald Peter der Große 
unter den empörten Streligen fland und fie bei 
feinem Anblide zitterten — o da war flr Aleran⸗ 
bern und Petern gewiß ein bebenklicherer Zeitpunkt, 
als es. jebt für irgend einen Monarchen Europa’s 
il. Der Untertban, ber feinen Monarchen fo 
handeln fieht, als ob er Leine Gefahr feiner Pers 
fon, Feine Gefahr für feinen Staat möglich halte, 
wirb von einem gewiffen ebrfurchtövollen Schauer 
Hingeriffen; er fühlt, daß er diefe Kräfte,. dieſen 
Grad von Seelengröße nicht befist, und huldigt 
biefem erhabenen Verdienſte durch Gehorfam und 
Unterwerfung. Jede Furcht bleibt immer 
zugleih Beweis von. Schwaͤche!“ — (S. 
42 bis 45.) | 
»— „Den Fürften, der nur gefürkhtet, 
nicht gebiebt feyn will, ben wird auch 
Tsin Axiegsheer [hügen!” (©. 49.) 

5 rip Gute, gerechte, weiſe Bürften!:.ibr habt 


— 521 — 


die Mittel in Haͤnden, den Saamen des Aufruhrs 
fo wie alle Entwürfe, der. hoͤlliſchen woutie zu⸗ er 
ſticken!“ — (S. .51.)' or . 

FE „Weislich handelt der Monarch, wenn er 
nicht einen Stand auf Koſten des andern begim 
ſtigt.“ (S. 66.) 

— „Man wird ſagen, eine genilberte Monar⸗ 
chie nach dem Beiſpiele Englands, dieſe iſts viel⸗ 
leicht, welche Adel und Buͤrgerſtand gleich ſehn⸗ 
lich wuͤnſchen. — Der Wunſch kann nicht ver⸗ 
neint werden; aber ob einige Wahrſcheinlichkeit 
der Erfüllung deſſelben ſey? — — — Eine Och⸗ 


lokratie oder Regierung der Sanscuͤlots — davon 


koͤnnen nur ſolche Leute traͤumen, denen dickes 
Blut, oder emporſteigende Dünfte "Shredbiber 
vorſpiegeln.“ (S. 69 und 70.) - Ar BE 
ee „Vielleicht kann in dem Staate, wo kin 

weiſer Regent. bie Zügel ber Regierung lenkt, de 
Adel manches zu fürchten haben: denn in bemje 
nigen Staate, worin einzig Minifter herw 
Na, werben biefe jederzeit das Korps begüms 
gen, zu dem ſie ſelbſt gehören, und jede Bes 
günftigung bes. Adels auf Koſten des 


— 522 — 


Bürgerſtandes wird den Adel ſeiner 
Auflöfung näher bringen, weil ber Geift 
bes Zeitalters es jetzt nicht mehr geftats 
tet, bag erneuerter Drud bie renfnen 
abſtumpfe.“ (S. 87.) 

— „Liebe für gute Könige, fiir weife getreu⸗ 
Staatsmaͤnner, große, aber auch menſchliche Feld⸗ 
herren, gelehrte und wahrhaft chriſtliche Prediger, 
gerechte und nicht nach todten Buchſtaben ſpre⸗ 
chende Richter, wird daher beſtaͤndig bei jedem 
unverletzt bleiben, dem Tugend heilig iſt. Und 
daß dieſe jedem ewig heilig bleibe: dieß ſey Haupt⸗ 
augenmerk des Staats; dam bedarf er zu feinem 
Schutze weder religioſe noch politiſche Intoleranz; 

tauſende freier — ſelbſt aufruͤhreriſche Schriften 
werben in dem Staate nicht wirken, worin ber 
Hausvater ruhig und zufrieven lebt, und keinem 
Unterthan duch Mangel des Erwerbs die Hoff: 
nung: benommen ift, bad Gluͤck des Gatten 
und Vaters zu genießen.” — (5. 91.) „Vers 
mehrt die Erwerböquellen, fchrankt ben Lurus 
ein, erleichtert dad Heirathen; ſchaͤtzt, lohnt und 
erhebt das Verdienſt; — haltet ſtrenge auf bie 


— 513 — 


Ausübung der Geſetze; fichert Perfon und Eigene 
thum für jede Bebrudung und jeden Eingriffz 
erlaubt keinem privilegirten Stande fich für eine 
beffere Menfchengattung zu halten und feinem. 
Wohlſtande das Gluͤck der arbeitenden Volksklaſſe 
nachzuſetzen; herrſcht nicht uͤber Meinungen, ſon⸗ 
dern ſeyd zufrieden, wenn Handlungen der Un⸗ 
terthanen euren Geſetzen gemaͤß ſind, verknuͤpft 
Achtung nur mit dem Verdienſte, Ehre und Be⸗ 
lohnung nur mit der Erfuͤllung der Pflicht! der 
Mann, der dieſe erfüllt — gelte nie in Ruͤckſicht 
ſeines Standes, ſondern nur ſeiner Verdienſte; 
ſchafft auch dem Niedrigſten ſchnelle Gerechtigkeit 
und Genugthuung, wenn ihn der Erſte eures 
Staats druͤckt, und laßt ſodann die Gaͤnſe 
ruhig ſchnattern, die euch weiß machen 
wollen, daß nur ihre Wachſamkeit das 
Capitol erhalten koͤnne; weiſet jeden, 
der euch politiſche Intoleranz anpreiſt, 
mit der Verachtung zuruͤck, bie ein 
Mann verdient, der ſeinem Fuͤrſten das 
Vertrauen auf die, Liebe feiner Unter. 
thanen rauben will: kurz feyd. Väter eures. 


— — 3824 — 


Bolkes, und jeder wird wetteifern, euch Beweife 
Ber Liebe und Ehrfurcht zu geben; denn jeder, 
Der fich unter eurer Herrfehaft gluͤcklich fühlt, 
wird das SIntereffe des Hürften, dem er dieſe 
glüdliche Verfaffung verdankt, zugleich für. bie 
feinige halten, und zur Vertheidigung deſſelben 

Feine Gefahr ſcheuen.“ (S. 92 und 93.) | 


" Wenn man au bei einzelnen Stellen biefer 
benkwuͤrdigen Kotzebueſchen Schrift auf Zeugniffe 
trifft, daß des Verfaffers Ideen noch Feine zur 
inneren Ausbildung erforberliche Reife erlangt has 
ben: fo findet man doch freudig eine lautere 
Wuͤrdigung bed Zeitgeiftes, ein Iobenswerthes 
Anfteeben, die heiligflen Forderungen bes Men— 
fchen im Staate ins Licht zu feßen und in ‚einer 
Ahnung des Nationalwillens die Pflichten zu ent⸗ 
wideln, welche der Beitgeift den Inhabern ver 
Zhronen auferlegt. Wäre Kotzebue dem hier bes 
fretenen Pfade getreu geblieben, fo wirbe bie 
Nachwelt huldigend feinen Namen nennen, indeß 
gegenwärtig nur die  verabfcheuungswürdigen 
Handlanger der politifhen- Intoleranz mit wohl⸗ 


— 25 — 


gefälligem Lächeln hinter feiner ſchlechten Autori⸗ 
taͤt ihr unheimliches Weſen betreiben. — 
Ihr Verehrer der Anſichten, die Kotzebue in 
den letzten Jahren zum Hohne des lieben deut⸗ 
ſchen Vaterlandes, ſeiner herrlichen Juͤnglinge, 
ſeiner lauteren Wuͤnſche und Hoffnungen ausſprach, 
greift zu den „unpartheiifchen Unterſuchun—⸗ 
gen über die Folgen der franzöfifchen 
Revolution auf das übrige Europa,” 
Ieft und lernt von dem Dahingefchiedenen, was 
ihr aus dem Munde der Lebenden nicht begreifen 
wollt! — — un 


Goͤthe fagte von Voltaire: „Wenn Fami⸗ 
lien fich lange erhalten, fo kann man bemerten, 
dag die Natur endlich ein Individuum heroorbringt, 
das die Eigenfchaften feiner fämmtlichen Ahnherrn 
in fich begreift, und alle bisher vereinzelten und 
angebeuteten Anlagen vereinigt und volllommen. 
ausfpricht. Eben fo geht ed mit Nationen, deren 
fämmtliche Verdienfte ſich wohl einmal, wenn es 
glädt, in. Einem Individuum ausfprechen. So 
entſtand in Ludwig XIV., ein franzöfiicher Koͤnig 


—8 


— 66 — 


im hoͤchſten Sinne, und eben fo in Voltairen ber 
höchfte unter den Franzofen denkbare, ber Nation 
gemäßefte Schriftſteller.“ 

„Die Eigenſchaften find mannigfaltig, die man 

von einem geiftvollen Mahne fordert, die man ar 
ibm bewundert, und die Forderungen der Zrans 
zofen find hierin, wo nicht größer, doch mannig⸗ 
faltiger, als die anderer Nationen.’ 
„Wir ſetzen den "bezeichneten Maaßſtab, viels 
leicht nicht ganz vollfiändig und freilich nicht mes 
thobifch genug gereihet, und in heiterer Weberfi cht 
hierher:“ 

„Tiefe, Genie, Anſchauung, Erhabenheit, Nas 
turell, Talent, Verdienſt, Adel, Geift, Schöner 
Geiſt, Sefühl, Senfibifität, Gefchmad, guter Ge⸗ 
fhmad, Verſtand, Richtigkeit, Schilliches, Ton, 
guter Ton, Hofton, Mannigfaltigkeit, Fülle, Reichs 
thum, Fruchtbarkeit, Wärme, Magie, Anmuth, 
Grazien, Gefälligkeit, Leichtigkeit, Lebhaftigkeit, 
Feinheit, Brillantes, Saillanted, Pikantes, Delis 
kates, Ingeniofes, Styl, Verfififation, Harmonie, 
Reinheit, Korreftion, Eleganz, Vollendung." — 
- „on allen dieſen Eigenfchaften und Geiſtes⸗ 


Aeußerungen Tann man vielleicht Doltairen nur 
die. erfte und bie. lebte, die Ziefe in der Anlage 
und die Vollendung in der Ausführung flreitig: 
machen. Alles was übrigens von Fähigkeiten und 
Fertigkeiten auf eine: glänzende Weiſe die Breite 
der Welt ausfällt, hat er befelien und dadurch 
feinen Ruhm über die Erde ausgedehnt." — 
Daft zu freigiebig möchte hiernach der Kranz 
großer Schriftftellereigenfchaften für Voltaire ges 
flohten feyn, indem ihm bei. näherer Prüfung 
außer der Tiefe und Vollendung noch manche Tu⸗ 
gend gebricht; befonders haben wir Deutfche ihm 
nie dad Lob der Wahrheit zuerkannt: denn diefe, 
fowohl die hiſtoriſche, als die poetifhe, iſt bei 
ihm oft der Herrfchaft anderer Zwede unterthan. 
Zrägt man den Maapflab jener Eigenfchaften 
auf Kotzebue's Schriftftellerleben über, fo wird 
die Gerechtigkeit fordern, ihm manches Lob zu 
verfagen, das alle Welt ohne Widerfpruch dem 
Sänger der Henriade zuerkennt. So arg aber. 
wird deutfche Art und Kunft niemand fchmähen, 
baß er es wagte, was fich die Sranzofen in Be, . 
treff Voltaire's gar wohl gefallen laſſen koͤn⸗ 


nen, im Verfolg der vielbefprochenen Parallel; 
von Kogebue behaupten zu wollen, daß er ſei⸗ 
nes Vaterlandes ‚vereinzelte Anlagen vereinigt und 
solllommen ausfpreche, daß er ber höchfte, unter 
den Deutſchen denkbare, der Nation gemäßefte 
Schriftſteller ſey. — Doc darf in unfern Tagen 
niemand erflaunen, wenn Behufes der Verherrlis 
chung einer herzbrechenden Todeöfeier, zu Koge: 
bue’3 Gedaͤchtniß, ahnlicher Hohn unter boligei> 
ne Sicherheit geflellt wird. — 


I. 
Nachtraͤge und Berichtigungen. 


Seite 6. — Kottzebue' s Oheim und Baſen mütterli: 

cher Seite waren: 

1. der verftorbene Konfi ftorlalrath und Amtmann Kruͤ⸗ 
ger zu Jena; 

2. die noch lebende Witwe des Profeſſor Muſaus zu 
Weimar; 

3. die verſtorbene zweite Gattin des Rath Jage⸗ 
manns, des als verdienſtvollen Schriftſtellers be⸗ 
kannten Bibliothekars der Herzogin Amalia. 

Seite 7. — RK 8 noch lebende Geſchwiſter find beide 

‚älter, als er; fein Bruder Karl Kogebue ift 1757, 
feine Schwefter die verwitwete Frau Amalia Gildes 
wieifter 1759 geboren. 

Beile 4 lies Bremen, anftatt eben 

Seite 109 zur Anmerkung: Unter ben Schriftftellern 

bes fiebzehnten Jahrhunderts findet man mehrere, bie ben 
Kamen Kogebue führten, Schulmänner ober Prediger 
waren, und bei theologifchen Streitigkeiten als Mitfechter 
auftraten. Jener in der Anmerkung fo derb abgefertigte 
Kogchbue war ein rüftiger polemifcher Streiter, ber fich 
als Rektor des berühmten Gymnaſii zu Quedlinburg, ber 
fogenannten ſynkretiſtiſchen Händel wegen, genöthigt fah, 
| 34 


— 530 — 


1622 den Abſchied zu nehmen; 1629 findet man ihn wie⸗ 
der als Licenciat der Gottesgelahrtheit und Paſtor zu 
St. Jakob zu Magdeburg, wo er gleich muthig mit den 
proteſtantiſchen Ketzern und mit den verſchmitzten Jeſuiten 
anbindet. — 





Folgende Fehler wird der Leſer gebeten zu berichtigen: 
Seite 7. Zeile 10: uͤberſchriebenem, anſtatt uͤber⸗ 


971. — 2: Großherzogs, anſtatt Großherzog. 
109, — 3 der Anm. find nach und, die Worte: 
"in den einzufdalten. 


fhriebenen. 

— 11. — 2 von wnten: bräuenden, anfatt 
drauenden. 

— 38. — 3: verweist, anftatt verweißt. 

— 41. — 1: ihm, anſtatt ihn, 

— 45. — 13: ſich, anſtatt ich. 

— 75. — 7: aus, anſtatt zu. 

— — — 14: teufliſche, anflatt teufelſche. 

— 87. — 6: Verwandter, anſtatt Verwandte. 


— 111. — 13: mehr beguͤnſtigt, anſtatt beguͤn⸗ 
ſtigt mehr. 

— — — 14: Mißbraͤuche, anſtatt Miebraͤuche. 

— 118. — 13: führt, anſtatt führen. 

— 15 find bie Worte: des Gefühle, wegs 

zuftreichen. 

— 119 — II: durch Religtofität, anftatt ber 
Religiofität. 


— 126, — 20 find bie Worte: des Verluſtes wes 
zuſtreichen. 


111114 


14 


11111 | 


1141411 





531 —— 


. Beile 4: ber kleinen, lieben, unſchrl⸗ 


digen, anſtatt die kleine, liebe, 
unſchuldige. 

— s8 iſt nad dem Worte Zweck der Artikel 
des einzufchalten. 

— 17: fittlidhe, anftatt fittlichen. 

— 2: verwidelt, anftatt gewidelt. 

— 20: nahe, anftatt ganz. 

— 6: Verbrechers, anftatt Verbrechens. 

— 8: widtiger, anflatt richtiger. | 

— 14: Selbſtherrſcherin, anftatt Helbſt⸗ 
berrfcherin. 


. — 3: bie, anftatt ba. 


ı ber Anmerlung, vergeblides, ans 
ftatt vorgebliches. 
— 10 ber Anmerkung, ihm, anftatt er. 
— 13 bafelbft, zu häufen, anftatt häufte. 
— 2 der Anmerk. chetorifhes, anſtatt 
vhetoriſches. 
11: Lo kal⸗, anſtatt Cabal⸗. 
14: mit ſich, anſtatt in ſich. 
4: widerrieth, anſtatt wiederrieth. 
14: bereit, anſtatt bereitet. 
5: der mitgeführten, anſtatt ber 
bei ſich geführten. 
— 2. von unten: bie, anftatt ber. 
— ı1: babende, anflatt führende. 
— 11: Driefen, anftatt Driafen. 


11411 


. — 4v. unt.: Okt avia, anſtatt Oktovia 


— 20: ungluͤcklich en, anſtatt Unglüdliche. 
— 23: Subow, anſtatt Subew. 
34* 


— 532 — 


Seite 327. Zeile 8: fragen wir, anſtatt fragt man. 


r IN 


111411 


330. 


336. 
340. 
341. 


358. 


381. 


385. 


399. 


401. 
406. 
410. 
418. 
422. 


438. 


441: 
468. 
469. 
472. 
482. 
495. 


7 4:10, anftat dann. 
— 16: Jahres, anſtatt Jahre. 


— 15: Vorlefungen, anftatt Borlefung. 


— 2: deffen, anftatt feinen. 
— 1530 rſelinerinnen, anftatt Urſeli⸗ 
norinsen. 


373. dette Zeile: Einen, anflatt einen. 
. 378» 


— 3: Spiele jährlid, Ein, anflatt 
Spiele, jährlich ein. 

— 3: ehrenvollem Gebädtniffe, 
anftatt ehrenvolles Gebächtniß. 

— 22 ift nad wohl aber einzufchalten: vers 
ſteht. FW 

— 12: bie, anſtatt ber. 

— 19: einem, anſtatt einen. 

— 8: dem, anftatt den. 

— 19: ihm, anftatt ihr, 

— ı1: erfdeint, anſtatt erfchien. 

— 17: iſt nad. accrebitirten, einzufchalten: 

Ruffifden. | 
7: Inſinuationen, anſtatt Iſinua⸗ 
tionen. 

— 18: jedem, anſtatt jeden. 

— 14: hiervon, anftatt hierin. 

— 12: erwärben, anftatt erworben. 

— 22: Schlechten, anflatt Schlachten. 

— 13: das, anftatt daß. 

— 6: Reigmittels, anflatt Reiz mittelt. 












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